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Primaerliteratur
Deutschland | Kaiserreich v. 1871

[P|S|M]

Aufruf des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vom 17. Januar 1905 zur Unterstützung der streikenden Bergarbeiter im Ruhrgebiet
"Arbeiter! Parteigenossen!

Der allgemeine Streik der Bergarbeiter des Ruhrreviers ist proklamiert. Die Vertretung der Unternehmer, der Verein für die Bergbaulichen Interessen, hat auf das höfliche Ersuchen der Vertreter der Bergarbeiter schroff und höhnisch ablehnend geantwortet. Die Grubenherren wollen überhaupt nicht mit den beauftragten Vertretern der Arbeiter verhandeln. Wenn ein Teil der Bergleute, des unerträglichen Drucks müde, in Verzweiflung die Hacke hingeworfen hat, deshalb, so höhnen jetzt die Unternehmer, sei keine Garantie für die >Zurückführung der Arbeiter auf den gesetzlichen Weg< vorhanden.

Auf diese hohnvolle Zurückweisung verkündeten die Arbeiterdelegierten gemäß dem von den Vertretern aller Organisationen gefaßten Essener Beschluß, den allgemeinen Streik! Unter loderndster Entrüstung nahmen sie Kenntnis von der protzigen Ablehnung, und einstimmig beschlossen sie, den Kampf aufzunehmen.

Damit beginnt ein Kampf, wie ihn Deutschlands Arbeiterschaft noch nicht auszukämpfen hatte. Hunderttausende Bergarbeiter sind aufgestanden, um dem mächtigsten Unternehmertum, den vereinigten Grubenmillionären, die Anerkennung ihres Menschenrechts abzuringen.

Nur ein wenig Licht und Luft, nur eine geringfügige Aufbesserung des armseligen Lohnes, nur die Beseitigung der dreisten Betrügerei des Wagennullens (1), nur Garantie für die Sicherheit ihres Lebens und Anerkennung des Menschen im Arbeiter, das sind die Forderungen der Bergleute. Die Unternehmer aber erklären voll Hohn, es bestehen überhaupt keine Mißstände!

Sie wollen den Kampf! Sie haben ihn!

Die Sache der Bergarbeiter ist die Sache aller Arbeiter. Die Bergarbeiter haben den Kampf aufgenommen im Bewußtsein ihres guten Rechts und in der Erwartung, daß die ganze deutsche Arbeiterschaft hinter ihnen steht. Und sie steht hinter ihnen!

Die deutschen Arbeiter dürfen nicht tatenlos zusehen, wie ihre Brüder im Ruhrrevier um ihr gutes Recht, ein wenig mehr Anteil an den Gütern, kämpfen, die sie unter steter Einsetzung ihres Lebens schaffen.

Es gilt, den übermütigen Großkapitalisten zu zeigen, daß die deutscher Arbeiterklasse willens ist, den geknechteten Grubensklaven beizustehen. Nicht soll der Hunger die Bergleute zwingen, wieder in das Joch zurückzukehren, solange die klassenbewußten Arbeiter das verhindern können."

(1) Nullen: Gemeint ist das Aussortieren von Förderwagen (Hunten), die angeblich zuviel taubes Gestein enthielten. Sie wurden mit einer Null versehen und dem Bergarbeiter nicht bezahlt.



Dokumente und Materialien zur deutschen Arbeiterbewegung Reihe I, Bd. 4 1889-1914, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED Berlin (DDR) 1967, S. 133f; zit. nach: Gudrun Dormann und Alexander Decker, Die deutsche Sozialdemokratie, in: Materialien zum historisch-politischen Unterricht 1, hrsg. von H. Hoffacker. Stuttgart 1975/79, S. 32; mit frdl. Genehmigung für psm-data
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