| Primaerliteratur |
| Deutschland
| Kaiserreich v. 1871 | [P|S|M] |
Else Conrad über die Lebensführung von Arbeiterfamilien in München (um 1909)
|
"Maurer H., Ehefrau, 5,
dann 4. Kinder.
Der Mann 37 Jahre alt, von
kräftiger Gestalt, ist Maurer, war aber die ersten Monate unseres Berichtjahres
als Kohlenarbeiter beschäftigt. Die Frau, persönlich ordentlich, versteht es
nicht, ihrer Häuslichkeit ein einigermaßen wohnliches Aussehen zu geben. Die
vier Kinder von 9, 7, 4 und 2 Jahren sehen sehr blaß und ungesund, außerdem
recht schmutzig aus; ein weiteres Kind, eine fünfjährige Tochter, starb im Mai
des verfloßenen Jahres.
Die Familie
wohnt im ersten Stock eines nicht großen, älteren Hauses und teilt diesen mit
einer anderen Partei. In zwei nebeneinander gelegenen Räumen von etwa 2,70 m
Höhe muß sich das ganze Familienleben abspielen. Das Kochzimmer hat 3 x 4,35
m, das Schlafzimmer 4,20 x 4,35 m Bodenfläche, es sind also recht kleine
Räume, die mit je einem Fenster versehen in den Hof blicken. Als wir hinkamen,
gerade um die Mittagsstunde, war die Frau am Herde mit Kochen beschäftigt,
daneben stand das Waschschaff mit eingeseifter Kinderwäsche; auf der durch das
Zimmer gespannten Leine hingen schon einige gesäuberte, nasse Wäschestücke.
In einem Bett, nahe dem Herd, lag die siebenjährige Tochter mit rheumatischen
Schmerzen und mußte den (S. 41) feuchten Wäschedunst und die vom Herde
strömenden Dämpfe einatmen; die zwei noch nicht schulpflichtigen Kinder
spielten am Boden, auf einer Bank vor dem Tisch am Fenster saß der eben
arbeitslose Mann müßig. Das Ganze machte einen äußerst dürftigen,
unsauberen Eindruck. Das anstoßende Schlafzimmer fanden wir mit Möbeln
überfüllt, obwohl nur zwei Betten darin standen. Für die sechsköpfige
Familie waren überhaupt nur drei Betten und ein Sofa zum Schlafen vorhanden.
Die Einnahmen
des Mannes, welche fast die einzigen Einkünfte der Familie bilden, beliefen
sich in diesem Jahr auf 1342,50 Mk.; scheinbar waren sie zum notdürftigen
Unterhalt ausreichend, da der Jahresabschluß nur ein Defizit von 33,10 Mk.
aufweist. Ersparnisse wurden nicht gemacht, zumal noch für eine Nähmaschine
Abzahlungen zu leisten war. H. zahlte aber regelmäßig seine
Versicherungsbeiträge, ebenso seine Beiträge für den Arbeiterverein und die
Gewerkschaft. Wie die Familie sich in Bezug auf ihre Wohnung einschränkt, für
die sie 154 Mk. im Jahr zahlt, so schränkt sie sich auch in Bezug auf das Essen
ein, worauf schon die sichtlich unterernährten Kinder hinweisen. Nehmen auch
die Nahrungsmittel einen breiten Raum in den Gesamtausgaben ein, nämlich 67,3%,
so ist die wirkliche Ausgabe dafür eben doch nur 957,70 Mk. An Fleischnahrung
komm auf den Tag knapp ein halbes Pfund, das wahrscheinlich im wesentlichen vom
Vater, der in den meisten Monaten mittags nach Hause kommt, in Anspruch genommen
wird, so daß jedenfalls die Kinder wohl ganz auf Fleischnahrung verzichten
müssen. Dieser Mangel an Fleisch wird aber wenig durch andere kräftige
Nahrungsmittel ausgeglichen. Nicht nur Milch, denn die große Familie mit den
vier kleinen Kindern verbraucht nur 2 1/10 Liter am Tag; nicht durch Eier, denn
von diesen kommt nicht ein ganzes auf den Tag, und auch nicht durch Butter und
durch andere Fette, denn auch hiervon wurden nur 35 Pfd. im Jahr verbraucht.
Wovon ernährt sich also im wesentlichen die Familie? Offenbar von Brot,
Kaffee-Ersatzmitteln und sehr einfachen Mehlspeisen, da die Posten für Mehl,
Hefe und Zucker sehr häufig und gemeinsam in den Ausgabebüchern wiederkehren.
Die Ausgaben für Brot, Mühlenfabrikate, Reis, Hülsenfrüchte beliefen sich
auf 281,45 Mk., die für Zucker erreichten die verhältnismäßig sehr
beträchtliche Höhe von 40,79 Mk., die für Kaffee, meist Ersatzmittel (Feigen-
oder Frankkaffee), 31,37 Mk. im Jahr. Die Ausgaben für Kartoffeln dagegen
erheben sich nur wenig über 10 Mk. Der Alkohol spielt in dieser Familie keine
große Rolle. Der Mann pflegt die "Brotzeiten" in der Kantine seiner
Arbeitsstätte einzunehmen und da durchschnittlich 29 Pfg., oft auch 52 Pfg. am
Tag auszugeben; wie viel davon auf Bier kommt, gibt er nicht an, es scheinen
aber in den 29 Pfg. meist 24 Pfg. für Bier und 5 Pfg. für Brot enthalten zu
sein, zuweilen jedoch nur 1/2 Liter Bier und zwei Würste. Speist er mittags im
Wirtshaus, so verbraucht er auch nur 52 Pfg. dafür, da er sich mit Bier, Brot
und Wurst begnügt, allerdings auf ersteres den Schwerpunkt legt. Der Posten
"Vergnügungen" fehlt in den Ausgabebüchern dieser Familie gänzlich,
auch der Posten "Verkehrsmittel" beträgt nur 20 Pfg., so daß also
auch (S. 42) keine Ausflüge unternommen sind. Selbst das Weihnachtsfest hat nur
etwa 3,50 Mk. in Anspruch genommen. Die Ausgaben für Zeitungen und andere
Kulturbedürfnisse waren auch gering. Anerkennenswert ist es, daß das mit so
schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen kämpfende Ehepaar einem Bruder der
Frau ein möbliertes Zimmer abgibt und in Ordnung hält gegen Rückerstattung
der Mietsauslagen, statt sich durch reguläre Untervermietung noch eine kleine
Einnahme zu verschaffen.
| |
Else Conrad: Lebensführung von 22 Arbeiterfamilien Münchens. München 1909, S. 12-14; zit. nach: Gudrun Dormann und Alexander Decker, Die deutsche Sozialdemokratie, in: Materialien zum historisch-politischen Unterricht 1, hrsg. von H. Hoffacker. Stuttgart 1975/79, S. 40ff; mit frdl. Genehmigung für psm-data |
Document in English Language
GM & AG
(digitale Umsetzung und Übersetzung) für psm-data 
|