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Deutschland | Emigration

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Die Illustrirte Zeitung am 11. Januar 1851 über die deutsche Auswanderung
Originale

Deutsche Auswanderung - Leipziger Illustrirte Zeitung (11. Januar 1851)

Seit 20 Jahren ergießt sich der Strom deutscher Auswanderer in fast jährlich zunehmender Stärke über die Grenze unseres Vaterlandes; keine Schwierigkeit, keine Regierungsmaßregel, keine Erschwerung hat dieselbe aufhalten oder verringern können. Der Grund ist vielmehr darin zu suchen, daß die Bewohner Deutschlands nicht mehr ihr Bestehen finden könnten, obgleich die Schwierigkeit des Erwerbes und hin und wieder Misvergnügen mit den bestehenden politischen Verhältnissen Ursache gewesen sein mögen und Beides jedenfalls die Zahl der Auswanderungslustigen vermehrt hat. Er liegt vielmehr weit tiefer und dürfte in der welthistorischen Bestimmung unseres Volkes zu finden sein, durch seine kräftigen, arbeitsamen Elemente die Entwickelung anderer Länder zu fördern, durch das germanische Element auf die in milderen Zonen verweichlichten menschlichen Stämme einen belebenden Einfluß zu üben und sie zu den Anstrengungen zu befähigen, welche der Kampf mit einer wilden Natur fordert. Nur durch Ausdauer in diesem Kampfe können ihre Schätze nutzbar gemacht werden, und kein Zweig des großen Menschengeschlechts besitzt diese in dem Maße, wie die Deutschen, welche genügsam in den Genüssen des Augenblicks, unter den Entbehrungen der Gegenwart, das Ziel, sich eine bessere Zukunft zu schaffen, nicht aus den Augen verlieren. Viel trägt dazu die engbegrenzte Entwickelung seiner Kräfte bei, welche der Deutsche sich im Vaterlande aneignen muß, in welche ihn die in viele Staaten zerrissene Gestalt seiner Heimat verlegt. Hier muß die Ausführung seiner oft kräftigen Entschlüsse, die Verwirklichung seiner Ideen gar oft an den grenzen seines Stamms, an den vielfachen Hemmungen scheitern, welche alte Einrichtung und Privilegien vor ihr aufthürmen. Diese lang zurückgedrängte Energie macht sich aber in fremden Ländern mit Macht geltend, und so finden wir denn den deutschen Landmann nicht allein in fremden Zonen, wenn er vernünftig genug ist, eine seiner Heimat im Klima ähnliche zu wählen, glücklich und in jährlich zunehmenden Wohlstande, sondern wir erblicken auch unter den Kaufleuten und Handwerkern anderer, selbst uns sehr nahe gelegener Länder eine große Zahl Landsleute, welche sich in der neuen Heimat eine ehrenvoll, selbst hervorragende Stellung zu sichern gewußt haben, sodaß auf sie das Vaterland mit Recht stolz sein kann. - Wie ganz verschieden ist der Lebensweg der Söhne anderer Länder, welche ihr Glück auswärts gesucht haben; wie wenige Franzosen, Italiener, Spanier treffen wir in fremden Ländern, im Vergleich zu dem deutschen Elemente, und namentlich wie selten gelingt es den Angehörigen dieser Stämme, eine solche Stellung einzunehmen, wie die deutschen Kinder mit ihren so nah verwandten englischen Abkömmlingen. -

Noch in der neuesten Zeit liefert Californien ein schlagendes Beispiel, einen wie verschiedenartigen Gebrauch die einzelnen Nationen von den ihnen von der Vorsehung verliehenen Gaben machen. Jahrhunderte hatten die Gold- und Naturschätze dieses reichen Landes unter der Herrschaft der spanischen Race unbefruchtet gelegen; kaum betritt das sächsische Element den gesegneten Boden und wie mit Einem Zauberschlage steht ein Staat da, der in wenigen Jahren an Bevölkerung und Reichthum manches deutsche Königreich übertrifft. Bei mancher Aehnlichkeit zwischen dem englischen und deutschen Charakter, welcher sie zum Befruchten anderer Stämme der menschlichen Gesellschaft vorzugsweise befähigt, sind aber doch große Verschiedenheit wieder vorhanden und wird ihnen durch diese ein verschiedener Beruf angewiesen. Der Engländer, practisch, an freie Entwickelung seiner Kräfte gewöhnt, politisch weiter, und von Achtung und Verehrung vor den Gesetzen durchdrungen, ist zur Colonisirung wie geschaffen. Die staatliche Ordnung macht sich fast von selbst, weil der Engländer sich auch dem ihm höchst unangenehmen Gesetze, ja selbst, wenn er es als verderblich ansieht, ohne Weiteres unterordnet, so lange es Gesetz ist.

Er läßt es seine Sorge sein, die Ordnung herzustellen und sucht sie dann später zu verbessern. Ganz anders der Deutsche, welcher lieber gar Nichts will, wenn er nicht das Beste gleich erhalten kann, der sich keinem Gesetze unterwerfen will, wenn er es nicht billigt und der vor lauter Bedenken, ob ein plattes oberspitzes Dach von seiner Hütte die Kälte am Besten abhalte, gar nicht dazu kommt, vor Winter den Bau zu vollenden. Der englische Ansiedler hat seine Stadt gebaut, ehe die Deutschen sich nur über die Richtung der Straßen haben einigen können, und so sehen wir denn bis jetzt jeden Versuch deutscher Colonien kläglich scheitern, während England durch die seinigen sich die halb Welt botmäßig gemacht hat. Beneiden wir es aber darum nicht, Gott hat weder allen Nationen, noch den einzelnen Gliedern derselben den gleichen Beruf gegeben, und lassen wir uns an den Wirkungsstreifen genügen, welche die Vorsehung für die Gesetzesrichtung unseres Stammes vorgezeichnet zu haben scheint. - Nur in täglicher Beziehung mit Nationen, welche Das practisch anwenden, was der Deutsche ausdenkt, kann das Wohlergehen unserer Landsleute gesichert und dies für unser Vaterland auch in der Ferne segenbringend gemacht werden. Wie haben sich die Verbindungen mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika vermehrt, seit dort Tausende von Deutschen, deutsche Ausdauer anwendend, das practische von den Amerikanern lernend, zu Wohlstand gelangten. Welche ausgedehnter Handel hat sich gebildet und welchen Aufschwung hat unsere Industrie genommen, seit sich unsere ausgewanderten Landsleute in der Lage befinden, als unsere Kunden aufzutreten und Das zu bezahlen, was zu verauchen sie in der Heimat gewohnt gewesen. Und nicht sie allein bleiben diese Abnehmer; ihre Nachkommen, von Jugend auf an deutsche Artikel gewöhnt, können die Erzeugnisse unserer Industrie nicht mehr entbehren und selbst ihre amerikanischen Nachbarn, welche entdecken, daß sie sich mehr Annehmlichkeiten damit schaffen, werden unsere Kunden.

Der Gedanke, daß in einer deutschen Colonie dies Ziel in noch größerem Umfange erreicht werden könne, liegt nahe. Allein, wie gesagt, der deutsche Charakter eignet sich nicht dazu; er muß erst von Anderen lernen, die Schwierigkeiten practisch zu besiegen, mit denen er allerdings in der Theorie leicht fertig wird. - Der Nachweis dieser Behauptung wäre aus den verunglückten Colonisationsversuchen, die von Deutschland aus gemacht worden, leicht zu führen, noch leichter wird es aber, sie an der Auswanderung selbst zu beweisen.

Es erscheint so natürlich, daß der Deutsche sich mit mehr Vertrauen seinem Landsmann anvertrauen, daher vorzugsweise deutsche Häfen und deutsche Schiffe zur Ueberfahrt wählen würde, selbst wenn fremde Häfen ihnen ganz gleiche Vortheile gewährten. Schon die Unmöglichkeit, sich in seiner Muttersprache verständlich zu machen, erscheint als durchschlagender Grund. Allein das Resultat ist dieser Voraussetzung nicht entsprechend; wir sehen Tausende, durch lockende Anpreisungen oder kleine pecuniäre Vortheile gelockt, belgischen, französischen und englischen Häfen zuströmen um die neue Heimat ihrer Wahl zu erreichen.

Betrachtet man nun aber gar, was die verschiedenen Häfen an Vortheilen bieten, so wird jeder Unbefangene gewiß sagen, daß nur eine so unpractische Natur, wie die deutsche, nach fast 20jähriger Erfahrung, noch nicht zu der Ueberzeugung gelangen mußte, wie ein großer Theil ihrer auswandernden Genossen scheinbare Vortheile den wirklichen vorgezogen hat.

Die deutschen Häfen, welche von Auswanderern benutzt werden, sind Hamburg und Bremen. Letzter Platz hat schon früh die Wichtigkeit dieses Geschäftszweiges erkannt, und als man in anderen Häfen noch so wenig Werth darauf legte, daß man sich den Strom der Auswanderung durch Gesetze fast abzuhalten suchte, Alles aufgeboten, durch zweckmäßige Anordnungen diesen Verkehr zu regeln und zu sichern.

Hamburg, zu der Ueberzeugung gelangt, daß es früher seine Interessen verkannt, ist später darin gefolgt und hat sich die meisten bremischen Vorschriften angeeignet. Die größere Entwickelung des Geschäfts findet sich aber an der Weser und man liefert ein getreues Bild, wenn man die bremischen Zustände schildert, welche meistens auch auf Hamburg ihre Anwendung finden. Nur in der Ausdehnung der Rhederei ist Hamburg noch bei Weitem zurückgeblieben und während die bremische Flotte sich auf ungefähr 250 Schiffe mit einem Lastengehalte von ungefähr 46,000 Last beläuftm wovon bei Weitem der größte Theil groß und zur Passagierfahrt geeignet, besitzt Hambur 260 Schiffe mit einem Gehalte von ungefähr 36,000 Last, wovon nur der kleinere Theil die für Passagiere wünschenswerthe Größte hat.

Was sodann die sonstigen Einrichtungen anbetrifft, so bestehen in Bremen sehr strenge gesetzliche Vorschriften, welche den Auswanderer in jeder Weise zu schützen und ihm namentlich eine möglichst gute Ueberfahrt zu sichern geeignet sind. Jeder bremische Unterthan, welcher sich mit der Beförderung von Passagieren beschäftigt, oder seine Schiffe dazu benutzt, hat eine bedeutende Caution zu stellen, mit welcher er dafür haftet, daß er den gesetzlichen Vorschriften nachkommt. Diese bestehen:

1) In der genauen Untersuchung der zur Passagierfahrt verwandten Schiffe, welche durch eigens dazu angestellte Leute besichtigt werden, ehe sie Passagiere an Bord nehmen dürfen. In der bei soliden Assecurateurs auf Kosten der Expedienten zu beschaffenden Assecuranz der von den Auswanderern bezahlten Passagegelder nicht allein, sondern auch noch außerdem von [?] Thlr. 20 - pr. Kopf für jeden Auswanderer, welche Summe in solchen Fällen verwandt wird, wenn ein Schiff verunglückt oder sonst untüchtig geworden ist, um theils den Unterhalt der Passagiere während ihres Aufenthalts am Lande, sowie etwa höhere Passagegelder zu bestreiten, sodann den Verunglückten auch noch, soweit diese Summe reicht, erweißlichen Schaden zu ersetzen. Diese Vorschrift ist von ungemeiner Wichtigkeit, weil sie dem Auswanderer die Sicherheit gibt, unter allen Umständen den Ort seiner Bestimmung ohne weitere Kosten für ihn zu erreichen. 3) Genaue Untersuchung sowohl der Quantität, wie der Qualität der mitgenommenen Lebensmittel durch beeidigte Angestellte. 4) Bestimmte Vorschriften über das nöthige Quantum Lebensmittel, welches so reichlich bemessen ist, daß selbst bei den längsten Reisen noch nie ein Fall der Unzulänglichkeit vorkam. Eine später zu machende Vergleichung mit anderen Häfen wird den Nachweis führen, wie in Bremen und Hamburg für unsere scheidenden Brüder in dieser Hinsicht gesorgt ist. 5) Genaue Vorschriften, wie viel Platz den Passagieren am Bord des Schiffes eingeräumt werden muß, welche Größe den Schlafstellen zu geben und wie das Zwischendeck des Schiffs bei Nacht erleuchtet werden muß.

Außer der obrigkeitlich angeordneten Inspection über die Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften hat der Expedient zu mehrer Sicherheit noch eine eidliche Erklärung abzugeben, daß er allen Vorschriften nachgekommen.

Man sieht schon aus diesen als solche hier erwähnten Hauptpunkten, daß, was menschliche Vorsicht erreichen kann, auf legislativem Wege geschehen ist. Allein damit endet die Reihe der getroffenen Maßregeln nicht. Um dem Auswanderer bei verzögertem Abgange seines Schiffs einen angenehmen Aufenthaltsort zu schaffen, haben die Mitglieder der bremischen Börse in Bremerhaven ein großes palastähnliches Logirhaus, "das Auswandererhaus" genannt, gebaut, welches etwa 2000 Menschen mit Bequemlichkeit beherbergen und beköstigen kann und zwar zu dem höchst billigen Satze von 12 Groten oder 6 Sgr. pr. Tag, wofür die Auswanderer eine bessere Verpflegung erhalten, als sie meistens in ihren bisherigen Lebenskreisen genossen. Sie finden in dem Hause eine Capelle, in welcher regelmäßig protestantischer und abwechselnd auch katholischer Gottesdienst gehalten wird, und der sehr menschenfreundliche Unternehmer sorgt in den im Hause befindlichen Hospitaleinrichtungen für Kranke mit aufopfernder Liebe. Dieses Unternehmen ist so eigenthümlich und in seiner Art bedeutend, daß wir uns nicht versagen können, eine etwa nähere Beschreibung desselben zu geben.

Das Auswandererhaus ist auf einem etwa 32,000 Quadratfuß großen, zwischen dem Landungsplatze der Dampfschiffe und dem Hafenbassin gelegenen Platze errichtet. Der Bau begann im April des Jahres 1849, wurde von dem Architecten Müller - dessen geistvolle Schöpfungen neuerdings Bremen manche schöne Zierde brachten - entworfen und geleitet und im April 1850 beendigt. Das Haus hat 177 Fuß Fronte, 110 Fuß Tiefe und besteht aus einem Frontgebäude mit zwei durch einen 90 Fuß langen verdeckten Gang verbundenen Flügeln. Im Souterrain befindet sich die Küche mit einem Dampfapparate, um 3500 Portionen Essen zugleich zu kochen; der Küche gegenüber sind große Lagerräume, so groß und zweckmäßig eingerichtet, um alle Effecten der Passagiere gut, trocken und sicher aufzubewahren. Im Parterre sind die Bureaus, Wohnungen des Oeconomen, des Predigers und Inspectors, Lazarethstuben, Zimmer zur Speisung von Matrosen, große Restaurations- und Speisesäle. In der Mitte des Gebäudes steht die Capelle, schlicht, anspruchslos, aber zugleich ansprechend und würdig.

Ueber dieser Etage befinden sich neuen Logirsäle, jeder 60 Fuß lang, 40 Fuß breit und 12 Fuß hoch. In deren Mitte sind 7 Fuß hohe Verschläge zu Schlafstellen so abgetheilt, daß die Trennung der Familien und verschiedenen Geschlechter wesentlich erleichtert wird. Rings herum an den Seiten befinden sich bequeme Tische und Bänke. Für Heizung in der kältern Jahreszeit, sowie für Reinlichkeit dieser Säle nebst Zubehör wird stets aufs Beste gesorgt, auch sind dieselben Abends und Nachts durch an den Seiten angebrachte Lampen fortwährend erleuchtet. Vor jedem Saale ist ein Waschzimmer; das Wasser wird durch Druckpumpen in alle Theile des Hauses getrieben, die Wäsche der Kleidungsstücke aber in einem besondern Waschhause besorgt und das Trocknen derselben auf den geräumigen Böden bewirkt.

Jeder Saal hat seinen besondern Aufwärter.

Die Treppen sind sämmtlich von Sandstein, sodaß auch bei Brandfällen für die Bewohner des Hauses keine Gefahr entstehen kann, die überdies dadurch völlig beseitigt wird, daß sowohl jeder Saal, wie Vorplätze u.s.w. beim Ausbruche eines Feuers leicht unter Wasser zu setzen sind.

Die Lazarethe sind mit 35 Betten versehen, natürlich sind die Geschlechter in besonderen Sälen getrennt und für jeden je männliche oder weibliche Pfleger angestellt. Die Hausordnung ergibt das Nähere.

Aber das Auswandererhaus bietet nicht das einzige Zeugniß, in welchem Maße deutsche Häfen und insbesondere Bremens patriotische Bürger sich beflissen zeigen, ihren Landsleuten zu Hülfe zu kommen.

In Bremen ist jetzt unter specieller Leitung und Aufsicht der bremischen Handelskammer ein obrigkeitlich bestätigtes Nachweisungsbüreau für Auswanderer errichtet, dessen nicht unbeträchtliche Raten von Mitgliedern der bremer Börse freiwillig zusammengebracht sind. Dieses Büreau leitet vom März v.J. an durchaus unentgeltlich den hier in Bremen ankommenden Auswanderern folgende Dienste.

Es versieht sie bei ihrer Ankunft mit Nachweisung zur billigen Fortschaffung ihres Gepäcks, gibt ihnen Wirthshäuser an, wo sie zu billigen festen Taren Logis und Kost erhalten, schützt die Auswanderer möglichst vor Uebervortheilung bei Einkäufen, indem es die Preise, wo ihre Bedürfnisse zu haben, ihnen mittheilt, gibt ihnen eine Liste aller Schiffsexpedienten, sucht Streitigkeiten zu vermitteln oder vor der Behörde zu schlichten und ertheilt, wenn dies nicht möglich, Nachweis guter allen Bedürftigen unentgeltlcih dienender Sachverwalter. Ferner macht es den Auswanderer mit den Verhaltungsmaßregeln bekannt und gibt ihm in allen seinen Angelegenheiten durch seine eidlich verpflichteten, mit den hiesigen Auswanderungs=Angelegenheiten und Verhältnissen genau bekannten erfahrenen Beamten unentgeltlich Rath.

Man wird zugeben müssen, daß in den deutschen Häfen geschehen ist, was sowol Philanthropie, wie das eigne wohlverstandene Interesse, diesen wichtigen Geschäftszweig zu fördern, geboten, und wenn nicht die ganze deutsche Auswanderung sich über die Nordseehäfen ergießt, sondern etwa nur ein Drittel, so kann die Ursache nur in dem vorher berührten Grunde gefunden werden, daß der Deutsche, diese Angelegenheit unpractisch auffassend, durch blendende Anpreisungen oder scheinbaren Nutzen verlockt, die wahren Vortheile nicht von den scheinbaren unterscheidet. Betrachten wir nun, was die anderen Einschiffungshäfen bieten, so wird der Unterschied in die Augen springen.

Zuvörderst sehen wir auf Havre, welches beinahe gar nicht mit eignen Schiffen das Geschäft betreibt, sondern fast nur die zahlreich ankommenden Amerikaner dazu benutzt. Der Uebelstand, daß sich der Auswanderer weder dem Capitain noch der Mannschaft verständlich machen kann, ergibt sich von selbst. - Dann bestehen hier aber durchaus keine Gesetze, welche den Betrieb regeln und den Auswanderer in seinem Recht schützen, sowie ihn vor Uebervortheilungen sichern; selbst ob genügender Proviant vorhanden, wird nicht controlirt, nur der Capitain hat dafür zu sorgen, daß nicht zu wenig vorhanden. Nicht einmal die Assecuranz der bezahlten Passagegelder ist gesetzlich vorgeschrieben, und wenn auch der Capitain oder Expedient nach dem Code de Commerce im Fall eines Unglücks zu der Beförderung der Verunglückten verpflichtet ist, so ist doch keiner Fürsorge für den Fall getragen, daß dieselben etwa zahlungsunfähig wären, ein Ereigniß, dessen Eintreten die ohnehin meist ihre ganze Habe verlierenden Unglücklichen in die traurigste Lage versetzt. Haben aber die Behörden keinerlei Maßregeln zum Schutze der Auswanderer getroffen, so ist dies noch weniger von Privatleuten geschehen. Von menschenfreundlicher Fürsorge findet sich in Havre keine Spur.

Die meisten dieser Bemerkungen finden auch auf Antwerpen Anwendung, nur hat die belgische Regierung doch Einiges gethan, indem sie seit kurzem Nachweis der Seetüchtigkeit der Schiffe, sowie, so weit es die belgischen Gesetze vorschreiben, der Quantität und Qualität der Lebensmittel verlangt. In allen anderen Punkten ist der Auswanderer jedoch ganz in derselben Lage, wie in Havre, und eigentlich gesetzlich ganz ohne Schutz.

In Holland ist wieder gar Nichts geschehen; der Auswanderer mag hier sehen, wie er fertig wird. Es ist freilich von der rotterdamer Handelskammer eine Art Inspection eingesetzt, welche aber zu zwei Drittel aus Passagierexpedienten besteht, die natürlich kein Interesse haben, sich selbst scharf zu beaufsichtigen.

In England bestehen sehr strenge Gesetze und werden dieselben von Regierungscomissaren überwacht. Namentlich muß man erkennen, daß Cautionen für Erfüllung der mit Auswanderern gemachten Contracte geleistet und die Passagegelder versichert werden. Auch sind diese Beamte zu unentgeltlicher Auskunft verpflichtet und sollen dem Auswanderer zur Erhaltung seines Rechts oder etwaiger Entschädigungsansprüche behülflich sein, auch vor Abgang des Schiffes nachfragen, ob Alles in Ordnung geht. Leider wird diese Bestimmung für unsere Landsleute bei ihrer Unkenntnis der englischen Sprache aber fast stets illusorisch. Auch der Nachweis der Seetüchtigkeit des Schiffs wird verlangt. Früher war Selbstverproviantierung der Passagiere erlaubt, doch hat man die Schädlichkeit derselben eingesehen und jetzt den Expedienten die Verpflichtung auferlegt, ein gewisses Quantum zu liefern, mit welchem aber Passagiere, wie später nachgewiesen werden wird, schwerlich ausreichen können. Ein großer Uebelstand für die Auswanderung über England liegt namentlich in der Beförderung dahin, welche von Antwerpen und Rotterdam, vorzugsweise mit Dampfschiffen geschieht.

Billigkeit ist dabei natürlich die Hauptsache und müssen Auswanderer sich auf diesen vorzugsweise zum Transport des Viehes eingerichteten Dampfschiffen mit dem Raum begnügen, welcher für Ochsen hergestellt, oder sich oben auf dem Verdecke aufhalten, was bei einer oft stürmischen Ueberfahrt höchst lästig und ungesund ist.

Schließlich und ganz besonders aber ist nun noch das Quantum und die Art der Lebensmittel zu untersuchen, welche den Passagieren auf der Reise geliefert werden. Man wird in dieser Hinsicht finden, daß die allergrößten Vortheile von den deutschen Häfen geboten sind. Nichts ist wichtiger für den Auswanderer, als daß er am Bestimmungsorte in voller Kraft ankomme, um sofort schwer arbeiten zu können; daß aber reichliche Nahrung unterwegs dazu beiträgt, ihn die Beschwerden der Seereise überwinden zu lassen und mit ungeschwächter Kraft anzulangen, darf wol ohne Beweis behauptet werden. Die vorzüglichste Sorgfalt ist denn auch auf diesen Punkt von jeher in Hamburg und Bremen verwandt und geben alle Berichte der philanthropischen deutschen Gesellschaften in Nordamerika Zeugniß davon, daß dieser Zweck erreicht, daß die aus deutschen Häfen anlangenden Einwanderer kräftig und gesund abgeliefert werden, während namentlich auf Schiffen von Liverpool oft eine schaudererregende Sterblichkeit geherrscht hat. Wir finden den Grund hauptsächlich in der Lebensweise am Bord, und deshalb besonders ist die Vergleichung des mitzunehmenden Proviants auch wichtig.

Gesetzlich sind nämlich für 100 Passagiere folgende Quantitäten Lebensmittel vorzulegen nach den Vereinigten Staaten:

  Bremen und Hamburg England Havre Antwerpen Holland
  Pfd. Pfd. Pfd. Pfd. Pfd.
Brot 6500 2500 4000 4500 1500
Mehl, Reis und Hülsenfrüchte 3500 8000 500 4000 4000
Kartoffeln 4000 - 20,000 10,000 3500
Fleisch und Speck 4550 - 1400 750 1000
Butter 4875 - 400 600 -
Syrup 150 500 - - -
Kaffee 150 - - - -
Thee 20 125 - - -

Ferner werden in Bremen alle Seelen über ein Jahr an Bord in Betreff des Proviants für voll gerechnet, in England zwei Kinder von 1 bis 14 Jahren für einen Kopf, Säuglinge gar nicht, in Havre berücksichtigt man nur Personen über 5 Jahr; für die unter 5 Jahren wird Nichts eingelegt; in Antwerpen wird für Kinder von 8 bis 12 Jahren nur 3/4 von 1 bis 8 Jahren nur 1/2 der gewöhnlichen Ration eingelegt.

Wie sehr durch diese Ausnahmen das Totalquantum der Lebensmittel verringert wird, leuchtet ein, besonders wenn man bedenkt, daß die Säuglinge der Auswanderer meist auch mit derberer Kost als der Mutterbrust vorlieb nehmen und ganz gewiß Kinder von 8 bis 14 Jahren oft ebenso viel bedürfen wie Erwachsene. Noch mehr aber erregt die Verschiedenartigkeit der Lebensmittel die Aufmerksamkeit; es zeigt sich, daß, während man von nichtdeutschen Häfen vorzugsweise solche mitgibt, welche allerdings den Magen füllen, aber nicht nachhaltig kräftigen; in Hamburg und Bremen solche gewählt werden, welche die Arbeitskräfte stärken, und den Auswanderer in seiner vollen Kraft ankommen lassen. Wie wichtig Dies aber ist, muß auf den ersten Blick einleuchten. Die Auswanderung richtet sich vorzüglich nach den Vereinigten Staaten; sie besteht aus den Volksclassen, welche durch ihrer Hände Arbeit ihr Brot erwerben müssen. Dies in einem fremden Klima und in Concurrenz mit den thätigen, an energische Anstrengungen gewöhnten Amerikaner zu thun, erfordert aber Aufwendung aller geistigen und körperlichen Kräfte und es ist Pflicht, dafür zu sorgen, daß solche auf der Seereise nicht geschwächt werden.

Fragt man sich nun, welche Vortheile denn der Zug der Auswanderung nach nichtdeutschen Häfen genießt, so sind solche theils scheinbare namentlich durch große Thätigkeit der für dieselben wirkenden Agenten und prahlerische Anzeigen gepriesene, theils die wirklichen, daß von vielen Gegenden, namentlich den Ländern unseres Vaterlandes, das Erreichen der Einschiffungshäfen bequem und hin und wieder auch weniger kostspielig. Dieser oft nur sehr unbedeutende Vortheil ist nun seit Jahren Ursache gewesen, daß viele unserer Landsleute sich der ihnen den deutschen Häfen gebotenen größeren Vortheile und Garantien nicht bedient haben, mithin ist auch wol der Anspruch gerechtfertigt, daß noch viel daran fehle, ehe man den Deutschen practisch nennen kann.



Quelle: Auswanderung, in: Reihe Unterrichtsmaterialien für die Schulpraxis, Hrsg. vom Lehrerfortbildungsinstitut der Stadt Bremerhaven, 1982, Heft 29, S.32-37

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