Startseite Grundlagen Antike Mittelalter Frühe_Neuzeit 18/19Jh/International18/19Jh/Deutschland20Jh/International20Jh/Deutschland Länderverzeichnis Neue_EinträgeForum1GästebuchSuche Impressum
 
PSM empfiehlt...

Die Urkatatrophe des 20. Jahrhunderts

"Erster Weltkrieg I (1914-1918) - Ausbruch - Materialschlachten - Westfront und Ostfront", 20. Folge der Reihe "Geschichte interaktiv" der Anne Roerkohl dokumentarfilm GmbH, erhältlich auf dokumentarfilm.com


Sarajevo im Juni 1914. Zwei Schüsse fallen, die die Belle Époque zu Grabe tragen werden. Der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz-Ferdinand und seine Gemahlin Erzherzogin Sophie werden getötet. Nun kommt es wie im Fieberwahn zu einer Kettenreaktion, die in den bis dato größten Krieg der Weltgeschichte führen wird. Aufgrund der komplexen Bündnissituation wird innerhalb weniger Tage Europa in diesen Krieg gezogen. Jeder fühlt sich angegriffen und keine Macht will beim gemeinsamen Säbelrasseln sein Gesicht verlieren. Und bald verschwendet kein Mensch mehr einen Gedanken daran, dass es einst um zwei Schüsse in Serbien ging. Keine europäische Großmacht hat die Karten der Diplomatie ausgespielt, sondern sie haben aus Machtinteressen und Ängsten heraus das Massensterben in Kauf genommen. Der anfangs vermeintlich ritterliche Kampf wurde schnell industrialisiert: Neue Artilleriewaffen, Panzer, Maschinengewehre, Flammenwerfer, Giftgas, U-Boote und nicht zu vergessen die neuen Möglichkeiten des Luftkrieges machten den Ersten Weltkrieg erst zum Massensterben und zum ersten Konflikt mit Menschen, die gegen Maschinen antraten. Das heroische Voranstürmen mit gezücktem Säbel wie im 19. Jahrhundert wurde nun zum Selbstmord.

Der Beginn des Krieges jährt sich zum 100. Mal. Er ist für uns nicht nur durch ca. 10 Millionen Tote und rund 20 Millionen Verwundete ein menschliches Unglück, sondern vor allem durch die daraus resultierenden Ereignisse dramatisch. Ohne diesen Krieg kein Versailler Vertrag, keine Reparationen, keine Kriegskredite, keine Weltwirtschaftskrise. Ohne Krise kein Nährboden für Radikale, für Kommunismus und Faschismus, für Revanchismus, den Zweiten Weltkrieg, für den Kalten Krieg usw. Nicht umsonst gilt dieser Krieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, die bis zur letzten Minute vermeidbar gewesen wäre.

Dies macht den Ersten Weltkrieg zu einem Thema, dem nicht genug Aufmerksamkeit im Unterricht gewidmet werden kann. Recht so, dass die Anne Roerkohl dokumentARfilm GmbH es sich in diesem Jahr zur Aufgabe gemacht hat, diesen weltumgreifenden Konflikt in seiner Reihe "Geschichte interaktiv" in einer zweiteiligen Dokumentationsreihe unter die Lupe zu nehmen. "Erster Weltkrieg I (1914-1918) - Ausbruch - Materialschlachten - Westfront und Ostfront" ist der erste Teil der zweiteiligen Dokumentation, der im April 2014 erschien.

Dieser Band 20 bildet wie seine Vorgänger ein "modulares Medienkonzept für den Unterricht" auf einer DVD. Vorweggenommen: Ein geniales Konzept. Es ermöglicht es, einen Hauptfilm (hier 29:45 Min.) vorzuführen oder unter verschiedenen Filmmodulen, in denen einzelne Teilaspekte genauer beleuchtet werden, zu wählen. Zudem besteht für alle Filmbeiträge volle Wahlfreiheit zur Vorführung: Man kann zwischen deutscher, englischer und bilingualer Version wählen.

Der Hauptfilm "Vom europäischen Krieg zum Weltkrieg" widmet sich der Entwicklung vom friedlichen imperialistischen Europa vor dem Krieg über die Julikrise und den Kriegsausbruch bis hin zu den Materialschlachten, aus denen kein Sieger hervorging. Er schildert ein eindrucksvolles Gesamtbild des Weltkrieges und zeigt auf, wie sich der europäische Krieg durch Einbeziehung der Kolonien und anderer ausländischer Besitzungen zum Weltkrieg entwickelte.
Er erklärt die Interessen der verschiedenen Mächte in Europa, die sich wandelnden komplexen Bündnisverhältnisse von der Zeit Bismarcks bis zum Ausbruch des Krieges, die Kriegszielsetzungen. Die Pazifismusbewegung findet ebenso Beachtung wie die Rolle der Frau an der neuen "Heimatfront". Der Film zeigt auch Frontverläufe auf. Die Westfront, die bald im Grabenkrieg erstickte, die Ostfront, die Alpenfront, den "Dschihad" im arabischen Raum, sowie der Luft- und Seekrieg. Zudem bezeichnet der Hauptfilm den Ersten Weltkrieg zurecht als größte Migrationsbewegung von Menschen in Waffen, die es je gegeben hat und zeigt auf, dass der Erste dem Zweiten Weltkrieg in Brutalität in Nichts nachsteht. Deportationen und Völkermorde in der Peripherie der Front um Armenien, Galizien und Serbien werden ebenso thematisiert wie die Seeblockade, die Versorgungsengpässe und Hunger hervorrief, neue (psychische) Erkrankungen, Luftterror durch Zeppeline, Rationierungen, Anleihen und extreme Kriegsschulden oder der uneingeschränkte U-Boot-Krieg.

Man erkennt also, dass jeder Schauplatz, jeder Akteur, Ursachen und Folgen vollständig einbezogen wurden. Und das Ganze in unter 30 Minuten, ohne dass man den Eindruck haben müsste, man würde durch den Film gehetzt werden. Es ist möglich, das Thema in Gänze verständlich aufzunehmen. Am Ende des Hauptfilmes fühlt man sich bereits gut informiert.

Die Filmmodule sind nicht minder vielfältig:

Das erste beschäftigt sich mit dem "Weg in den Krieg - Imperialismus und Bündnissysteme" und erläutert den schleichenden Weg in den Krieg durch Kolonialismus und Imperialismus, dem Rennen nach Weltgeltung, der Entwicklung von der Bündnispolitik Bismarcks und der Verschärfung der deutschen Außenpolitik unter Wilhelm II. Zudem richtet das Modul einen Blick auf das Pulverfass Balkan, auf dem es in zwei Kriegen 1912 und 1913 zu brodeln begann.
"Der Krieg an Westfront und Ostfront" ist Thema des zweiten Moduls. Im Wesentlichen werden der Stellungskrieg und Materialschlachten im Westen und der Offensivkrieg in Russland, in dem starke Waffen gegen eine russische Übermacht kämpfen ausgeführt.

Die Materialschlachten, Gewaltexzesse, Massaker, Vertreibungen und Pogrome werden im dritten Modul "Entgrenzung von Gewalt - Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung" aufgezeigt. Deutsche Morde und Brandschatzung in Flandern, die das Bild des deutschen "Hunnen" in die Welt hinaustragen, Hinrichtungen durch österreichisch-ungarische Truppen in Serbien. Auch stellt dieses Modul klar, dass die Osmanen die Armenier systematisch verfolgt, beraubt und ermordet wurden. Auch hier wird zurecht darüber informiert, dass Deutschland den Genozid wissentlich in Kauf genommen hat. Sachlich und objektiv werden die Zusammenhänge dem Thema angemessen erläutert.

Die Module 4-6 widmen sich der (späteren) Darstellung des Ersten Weltkrieges in der Kunst, der Literatur und der modernen musealen Darstellung.

Im Modul 4 "Künstler im Krieg - Otto Dix" wird die Kunst des Malers Otto Dix gezeigt und erklärt. Dix war selbst Soldat im Weltkrieg, wo seine Kunst "zu fressen bekam". Anfangs glorifizierte er in seinen Werken den modernen Krieg. Er lernte die Realität des Krieges kennen. Er malte abweichend von den "offiziellen" Schlachtenmalern das anonyme Massensterben und die Verwüstung der Natur. Nach dem Krieg kritisiert er mit seiner Kunst die Profiteure des Krieges und den Umgang mit den Opfern des Krieges. Umfassend zeichnet er realistisch die "Zustände" im Krieg. Kunst, die an den eigenen Pazifismus appelliert und die Seele des Künstlers befreit hat.

Das darauffolgende Modul greift Beispiele der literarischen Aufarbeitung des Weltkrieges auf. So wird ein Bogen von anfänglicher Kriegsbegeisterung zur Ernüchterung geschlagen und auf die Heimatfront eingegangen: Werke von Erich Kästner, Adrienne Thomas, Robert Graves und natürlich Erich-Maria-Remarque mit dem Anti-Kriegs-Klassiker "Im Westen nichts Neues".

Passend zur Anne Roerkohl dokumentARfilm GmbH ist das sechste Modul, einer Führung durch das "In Flanders Fields Museum" in Ypern (Belgien). Ein interessanter (verfilmter) Museumsbesuch. Die Produktionsfirma selbst ist Spezialistin für Medien- und Ausstellungskonzepte. Durch die museale Darstellung wird das Thema erst anschaulich. Nicht nur anhand von bewegten schwarz-weiß-Bildern, sondern durch die moderne Kommentierung und Darstellung im historischen Gewand sowie die gezeigten Exponate wird der Krieg plastisch erfahrbar gemacht.

Durch entwicklungsgemäße Sprache und auch durch Grafiken, Karikaturen und Karten, die die Bündnissysteme oder Frontverläufe visualisieren, werden die Filmbeiträge aufgelockert und eingängiger gemacht. Historische Filmsequenzen veranschaulichen die Gräuel, die Zerstörungen und die Sinnlosigkeit des Krieges. Kommentiert und bewertet wird das Gezeigte von etablierten Historikern wie Jörg Baberowski oder Arne Karsten. Nicht zuletzt ist diese DVD durch die Erläuterungen des höchst angesehenen Historikers Gerd Krumeich, der in diesem Jahr das Buch "Juli 1914" veröffentlicht hat, von besonderem Wert.

Vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten in den Sekundarstufen I und II. Man kann diese DVD im deutschen oder bilingualen Geschichtsunterricht einsetzen. Englisch-Lehrer können die DVD in rein englisch-sprachiger Fassung vorführen. Aber auch ein Einsatz im Deutsch- oder Kunstunterricht ist denkbar, denkt man an die Module zu Otto Dix und zur literarischen Verarbeitung des Krieges. Da kein Filmbeitrag länger als 30 Minuten umfasst, lässt sich ein Film hervorragend in einer Unterrichtsstunde zeigen und besprechen.

Um die grandiose Einsetzbarkeit im Unterricht zu komplettieren, gibt es wie bei jedem Band der Reihe "Geschichte interaktiv" didaktisch-methodisches Begleitmaterial.

Hier hat es Veränderungen gegeben. Zunächst war das Material auf dem DVD-ROM-Datenträger zu finden, dann gab es eine gesonderte CD-ROM als Beigabe. Nun wurde das Gesamtpaket "entschlackt" und auf den zweiten Datenträger verzichtet. Aber: Das Begleitmaterial lässt sich nun als PDF-Portfolio auf dokumentARfilm.com kostenlos downloaden. Dieses unterscheidet sich durch seine Optik und Machart deutlich von den bisherigen Bänden. Schöne Spielerei ist hier, dass man direkt (über Flash) einzelne Filmsequenzen in den PDF's abspielen kann. Beim Datenträger wurde gespart, beim Material aber nicht. Im Gegenteil. Hier wurde das Repertoire erweitert. Das Begleitmaterial umfasst aber - wie bewährt - anschauliche Aufgabenblätter, Materialien, Medienverzeichnisse und Methodenkarten für den deutschsprachigen als auch für den bilingualen Einsatz. Zudem die Zugaben einer Zeitleiste, Informationen zu den Experten, Links und Literaturhinweise. Somit bildet die DVD wieder das gewohnte Rundum-Sorglos-Paket.

Wie immer eine lohnenswerte Anschaffung.

"Erster Weltkrieg I (1914-1918) - Ausbruch - Materialschlachten - Westfront und Ostfront" ist auf dokumentarfilm.com und im übrigen Handel für 49,90 € erhältlich. Dort findet man auch nähere Informationen zum zweiten Teil der Dokumentation, die voraussichtlich im Herbst 2014 erscheinen wird.

Martin Knust
PSM-Data / HistoriaPRO

Nähere Informationen unter: https://www.dokumentarfilm.com/geschichte/20ersterweltkrieg