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Geburtsstunde einer Supermacht

Anne-Roehrkohl-dokumentARfilm GmbH: "Die Geschichte der USA I "We the people" - Die USA auf dem Weg zur Weltmacht 1607-1900" aus der Reihe "Geschichte interaktiv", erhältlich auf dokumentarfilm.com

Die Kurzfassung dieser Rezension finden Sie hier

Die Reihe „Geschichte interaktiv“ der Anne Roerkohl dokumentARfilm GmbH hat sich in den letzten fünf Jahren zu einem „must have“ für Geschichtslehrer entwickelt. Im Mittelpunkt dieser Reihe stand bislang hauptsächlich die Deutsche Vergangenheit. Nachdem die Folgen zum Thema „Die Deutsche Frage“ (mit Ausnahme der vierten Folge, die im April 2009 erscheint) abgeschlossen worden sind, erschien pünktlich zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Barack Obama im Januar 2009 eine neue Folge der Anne Roerkohl dokumentARfilm GmbH auf dem Markt. Die Amtseinführung dieses Hoffnung erweckenden und prägnanten Mannes ist ein glänzender Zeitpunkt, um auf die Historie der letzten verbliebenen Supermacht zu blicken. Der erste Teil der zweiteiligen Dokumentation „Die Geschichte der USA“ zeigt den frühen Aufstieg der ehemals englischen Kolonien zur Weltmacht. Mit gehöriger Aufbruchstimmung und neuen Werten, festgehalten u. a. in der US-amerikanischen Verfassung und begleitet von Krieg und Unterdrückung sind die Vereinigten Staaten von Amerika entstanden. Wie bereits die erste Folge („Die Industrielle Revolution in Großbritannien 1750-1850“) ist auch die elfte wieder zweisprachig aufgebaut. So ist die DVD auch im Englischunterricht und im bilingualen Geschichtsunterricht einsetzbar. Die DVD-ROM besteht aus einem Hauptfilm (hier 24 Minuten lang) und insgesamt sechs Modulen, von jeweils 9-15 Minuten, die den unterrichtsrelevanten Inhalt ergänzen und vertiefen. Diese Module sind einzeln vorführbar und in sich abgeschlossen. Erweitert wird die DVD, wie es in dieser Dokumentationsreihe bereits Tradition ist, durch einen ROM-Teil mit didaktisch-methodischem Begleitmaterial. Die USA sind eine Nation mit einer noch jungen Geschichte, die erst in der Neuzeit begann. Heute sind die Staaten tonangebend, wodurch sie mehr denn je polarisieren. Mit der Beendigung des 2. Weltkrieges zur Weltmacht aufgestiegen, gelten die USA nun nach dem Kalten Krieg als vermeintlich unbezwingbare „Weltpolizei“. Doch wie entstand diese große Nation und ist diese ohne eigene Kultur oder sind die USA als Nation zu verstehen, deren Kultur ein Potpourri aus mehreren Kulturen darstellt?

Der Hauptfilm über den Zusammenprall dreier Kulturen will verdeutlichen, dass die USA durch Migrationswellen aus anderen Teilen der Erde, durch Kolonisierung von Ost nach West, verbunden mit Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen, entstanden sind. Zahlreiche Kulturen, die sich im Laufe der Jahrhunderte vermischten, haben somit zur kulturellen Vielfalt der USA beigetragen, auch unfreiwillig. Seit ca. 20.000 Jahren ist Nordamerika besiedelt. Von Asien her kommend besiedelten die Vorfahren der Indianerstämme den Kontinent. Als die Kolonisierung der Gebiete durch Europäer ab dem 16. Jahrhundert begann, halfen diese Ureinwohner den Siedlern über die ersten schweren Jahre. Ohne Indianer wäre die Besiedelung gescheitert. Und ohne Europäer gäbe es die USA in der heutigen Form sicher nicht. Zu den Ureinwohnern und den Europäern sind unfreiwillig afrikanische Sklaven gekommen, die um 1700 bereits 20% der Bevölkerung ausmachten. Sie verhalfen ebenfalls der europäischen, weißen Bevölkerung, bis in das 20. Jahrhundert hinein, aus der Steppe eine der mächtigsten Industrienationen zu erschaffen. Ureinwohner, Afrikaner und die dominierenden Europäer (vornehmlich Briten) sind die drei Kulturen, die hier aufeinander prallten. Dieser „clash“ ist noch immer wahrnehmbar.

Sehr gut gibt der Hauptfilm damit wieder, wie der nordamerikanische Kontinent bevölkert, die Ureinwohner in Reservate verdrängt und um ihr Land betrogen worden sind. Durch eine Animation wird sehr gut aufgezeigt, wie die traditionelle Landaufteilung unter den Stämmen aufgehoben wurde und welches Gebiet den Indianern verblieb, nachdem sie in Reservate eingesperrt wurden. Ebenso gut herausgehoben sind die Abschaffung der Sklaverei und die frühen Schritte zur Begrenzung der Diskriminierung der schwarzen Minderheit. Die Geschichte des Bürgerkrieges und die Rolle Abraham Lincolns wurden dabei angemessen berücksichtigt. Der Hauptfilm endet mit jener Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts, in der den USA der Schritt in die Industrielle Revolution gelang. 1869 verfügten die Staaten bereits über eine transkontinentale Eisenbahnverbindung. 30 Jahre später hatten sie ein umfangreicheres Schienennetz als Europa. Die gesamte Industrie war auf dem Vormarsch. Sollte der Fortschritt weiter laufen, waren Arbeitskräfte notwendig. Darüber brauchten sich die USA allerdings nie zu sorgen: Einwanderer aus Europa arbeiteten lange, hart und für einen Niedriglohn. Allein zwischen 1892 und 1954 wurden etwa 12 Millionen Einwanderer über Ellis Island abgefertigt.

In Einzelheiten werden neben dem „Zusammenprall dreier Kulturen“ auch historische Zusammenhänge der frühen US-amerikanischen Geschichte aufgezeigt. Doch erschöpfend ist dies natürlich in einem 24-minütigen Film nicht. Nach dem Hauptfilm fragt man sich: Wie entstand die Nation? Wie kam es zu der US-Verfassung die sich zum Vorbild zahlreicher demokratischer Verfassungen in Europa gemausert hat? Wie entstand der Bürgerkrieg bzw. Sezessionskrieg? Und wie gelang es den USA so schnell zu einer Wirtschaftsmacht zu werden?

Diese Fragen werden in den sechs Modulen näher beantwortet, die quasi als Ergänzung und Vertiefung gelten. Sie greifen, mit Ausnahme der Medienanalyse und des Interviews (Module 5 und 6), verschiedene Zeitabschnitte der frühen Geschichte der USA, von der ersten britischen Siedlung 1607 um Jamestown bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, auf. Das erste Modul widmet sich weitergehend der Besiedelung des nordamerikanischen Kontinents, hier schwerpunktmäßig durch die Europäer. Zahlreiche Puritaner, verfolgte Protestanten aus dem Vereinigten Königreich, suchten in der Neuen Welt nach freier Ausübung ihrer Religion. Es entstanden zahlreiche Siedlungen, die sich ausweiteten. Dadurch wurden die Ureinwohner oftmals gewaltsam verdrängt. Parallel wurden durch europäische Händler Sklaven aus Afrika importiert, um den enormen Bedarf an Arbeitskräften günstig zu decken. Ausnutzung, ohne eine Möglichkeit der Gegenwehr. William Penn, der Begründer der Kolonie Pennsylvania ging einen Sonderweg und verbot die gewaltsame Enteignung von Indianergebieten und wollte Verständigung statt Vertreibung: Eine Ausnahme in der von Unterdrückung gezeichneten Siedlungsgeschichte.

Die Staatsgründung nach der „Amerikanischen Revolution“ ist Gegenstand des zweiten Moduls. Es erklärt, wer die Gründerväter waren, wie es zum Aufstand gegen die „Schutzmacht“ Großbritannien kam, der letztlich in einen Unabhängigkeitskrieg mündete, den die Kolonisten für sich behaupten konnten. Dieses Modul erklärt zudem sehr anschaulich die Verfassungsstrukturen der USA und die Entstehung jener Verfassung, die auch für moderne europäische Verfassungen zum Vorbild geworden ist.

Die Unabhängigkeit wurde erreicht. Doch die Sklaverei spaltete den Süden vom Norden des Landes, der keine Sklaven benötigte. Der Konflikt zwischen den Nordstaaten und Südstaaten (Konföderierte) eskalierte mit der Wahl Lincolns zum US-Präsidenten, der als Hoffnung für die Afroamerikaner galt. Der Bürgerkrieg brach aus, der von Prof. Dr. Michael Wala sogar zu Recht als „erster totaler Krieg“ bezeichnet wird. Parallel nahm der gewaltige Einwanderungsstrom aus Europa den Ureinwohnern ihr Gebiet. Die Indianer wurden nach und nach verdrängt und das auch gewaltsam. Man kann von einer Diaspora der Indianer und gar von Völkermord sprechen. Hiervon handelt das dritte Modul. Die Industrielle Revolution, die bald nach dem Wiederaufbau infolge des Bürgerkrieges auch in den USA Einzug hielt, wird im vierten Modul angesprochen. Der industrielle Fortschritt hatte gleichermaßen zur Folge, dass eine sich wehrende Arbeiterklasse entstand, die sich gegen Lohnkürzungen und für die Tolerierung von Gewerkschaften einsetzte; wenn es sein musste auch mit Waffengewalt. Hier werden sehr gut verständlich entstehende soziale Konflikte erklärt. Das Modul zeigt den US-amerikanischen Erfindungsreichtum und die stetig steigende Industrieproduktion.

Die Medienanalyse ist bereits fester Bestandteil der Reihe „Geschichte interaktiv“. Gut so. Denn die Medienanalyse bietet die Gelegenheit zur Diskussion im Rahmen des Unterrichtes. Und wer auch immer die Auswahl des Filmdokumentes „Scenes from American History“ vorgenommen hat, hat es gut gemacht. Der Hauptfilm und die Module zeigen die historische Realität der Besiedelung und Verdrängung der Indianer. Das Filmdokument von 1953 zeigt die Geschichte in einem anderen Licht. In diesem „objektiven“ Dokument werden die Indianer als die unzivilisierten Aggressoren bezeichnet. Und während man zeigt, wie Siedler mit Kanonen auf eine Horde von Indianern schießen, die sich mit Pfeil und Bogen wehren, spricht man weiterhin von Verteidigung. Die zahlreichen Gegensätze zwischen Filmdokument und Realität sind so absurd, dass man sie auch ohne Vorwissen erkennen muss. Sehr gut.

Ein Interview mit Prof. Dr. Zinn von der Boston University bildet den Abschluss (Modul 6). Zinn stellt fest, dass es sich bei der Erschließung des nordamerikanischen Kontinentes nicht um eine Entdeckung handelte, sondern eher um eine Invasion als erste imperiale Expansion der Europäer. Sehr interessant sind seine Aussagen zur US-Verfassung, deren Entstehung (1787) im Zusammenhang mit einer Bauernrevolution von 1786 zu betrachten ist. Die Gründerväter ließen sich von der Revolte einschüchtern. Nun sollte es eine Verfassung geben, die genug Möglichkeiten bot, Sklaven und Bauern ruhig zu stellen. Zudem ist die Verfassung als eine Verfassung des Bürgertums zu verstehen. Zinn spricht damit aus, was in US-amerikanischen Schulen oft verschwiegen wird. Sehr interessante und plausibel begründete Thesen, die überraschen und zum Diskutieren anregen.

Die Dokumentationsreihe wäre undenkbar ohne das Begleitmaterial im DVD-ROM-Teil. Diesmal wurde das methodisch-didaktische Begleitmaterial von einer Autorengruppe erarbeitet. „Viele Köche verderben den Brei“ sagt der Volksmund. Das stimmt hier nicht. Es ist eine Zusammenstellung in bekannt bewährter Qualität und gestiegener Quantität. Die Beibehaltung des übersichtlichen Aufbaus zahlt sich aus, denn sie gewährt dem Nutzer über die gesamte Reihe hinweg eine sehr einfache Benutzerführung. Biografien, Literaturhinweise, eine Zeittafel und zahlreiche Arbeitsblätter zum Filmmaterial werden angeboten. Kern des sehr ausgereiften Begleitmaterials ist ein Einstiegs- und ein Vertiefungsteil zu Hauptfilm und den Modulen. Erwähnenswert ist hierbei, dass auch das Begleitmaterial bilingual ist: Sowohl die umfassende Sammlung an Arbeitsblättern, als auch die Interviews und O-Töne sind mit englischsprachigem Untertitel unterlegt.

Hier wird ein Rundumpaket geboten, wenn man sich mit der frühen Geschichte der USA auseinandersetzen will. Gerade für Schüler und Greenhorns eine sehr hilfreiche DVD zur Einarbeitung in die Thematik. Sehr einfach verständlich ist alles durch die Vielzahl an Übersichten und Animationen, die auch erforderlich sind, um sich beispielsweise die Koalitionen im Bürgerkrieg oder die Auswirkungen der Siedlungsbewegungen verdeutlichen zu können. Der Hauptfilm und das Interview mit Prof. Dr. Zinn überraschen. Der Hauptfilm beleuchtet den Konflikt der drei dominierenden Kulturen in den USA. Der Konflikt besteht immer noch und deren Folgen sind auch heute noch deutlich. Die Themenwahl, insbesondere mit Blick auf die Nutzung in der Schule, ist hier sehr gut gelungen. Hier wird nicht bloß Geschichte wiedergegeben, sondern ein konkretes Thema mit Wirkung auf die Gegenwart gezeigt. Das Interview lässt jedem US-Patrioten den kalten Schweiß vom Rücken rinnen, da Zinn die oft schöngeredete US-Geschichte gerade rückt. Man kann nicht lang genug zuhören. Die DVD ist formidabel geworden. Sie weckt per se Interesse an nordamerikanischer Geschichte und ist aufwendig produziert, denke man sich nur einmal die historischen Originalschauplätze, an denen gedreht wurde. Wie die erste Folge, die ebenfalls bilingual war, kostet die DVD 49,90 €. Ein günstiger Preis, bedenkt man den Aufwand, der sich wirklich gelohnt hat.

Man darf sich schon gespannt auf den zweiten Teil dieser Dokumentation „Geschichte der USA II: „We the people“ – Die Weltmacht USA im 20. Jahrhundert“ freuen, der voraussichtlich Ende März 2009 erscheint und hoffentlich einen so grandiosen Eindruck macht, wie der erste Teil.

 

Martin Knust
PSM-Data / HistoriaPRO

Nähere Informationen unter: http://www.dokumentarfilm.com/index.php?option=com_virtuemart&Itemid=204