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| Frankreich | 1789-1815 | [P|S|M] |
Bericht des Augenzeugen Justus Erich Bollmann (1) vom 10. August 1792
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Um neun Uhr morgens am 10. zogen die bewaffneten Haufen,
sich gebärdend wie rasend Tolle, vorbei an meinem Fenster gegen die
Tuilerien zu, dem Aufenthalt des Königs. Ich verließ sogleich
mein Zimmer, um zu sehen, was es geben würde. Ich kam noch vor Ankunft
der Horde in den Garten der Tuilerien. Ich sah einen großen bewaffneten
Haufen von braven Schweizern und Nationalgarden sich langsam vom Schlosse
weg gegen die Nationalversammlung hinbewegen. Der König, seine Schwester,
seine Frau und seine zwei Kinder waren in ihrer Mitte. Der brave Röderer,
Generalprokurator des Departements, unfähig, zur Ruhe noch etwas zu
wirken, hatte den König gebeten, sich mit den Seinigen in die Mitte
der Nationalversammlung zu begeben; der einzige Weg, um ihr Leben zu sichern.
Ich sah den König hineingehen und war glücklich
genug, mich auch hineinzudrängen. Nie vergesse ich diesen merkwürdigen
Anblick. Der König stellte sich zur Seite des Präsidenten. Die
Frauenzimmer setzten sich gegenüber auf eine Bank an den Schranken
der Nationalversammlung. Aber der König durfte da nicht bleiben, weil
die Konstitution in seiner Gegenwart den Gliedern der Nationalversammlung
zu verhandeln verbietet, und ihre Verhandlungen waren doch notwendig. Es
entstand die Frage: Wo ihn hintun? Während der Beratungen darüber
lag der König auf seine Hände gestützt, mit dem Bauche halb
über den Tisch, der vor dem Präsidenten stand. Kindisch läppisch
und kindisch gutmütig, sorglos und unbekümmert, in diesem ernsten,
gefährlichen Augenblick auch ohne die mindeste Spur von Würde,
von Überlegung, von Ideenarbeit, hörte er den Reden für
und wider der verschiedenen Mitglieder zu, ohngefähr wie einer, der
zum erstenmal so etwas hört und in einer dummen Erstarrung halb lachend
zu sich sagt: "Das ist doch närrisch." Gegenüber saß die
Königin, in deren Gesicht man erstaunt war, alles, alles, gleichsam
doppelt gehäuft zu finden, was man am Könige vermißte.
Sie hatte Rock und Kamisol an von blauem Zitz mit weißen Blumen,
ein einfaches weißes Tuch ohne Spitzen und Verzierung um ihren Hals,
eine Art von Haube auf ihrem Kopf. Sie hatte den Dauphin auf ihrem Schoß
- einen kleinen, bildschönen Knaben. Sie drückte ihn zuweilen
an sich, mit Beklemmung, als dächte sie, was wird aus dir werden?
Sie sah tiefsinnig und kummervoll von Zeit zu Zeit um sich her, sie faßte
mit Ernst und hoher Verachtung jedes Mitglied ins Auge, dem in diesem Augenblick
die Schonung und Menschlichkeit unglimpfliche Ausdrücke entschlüpften.
Ich versichere Sie, die Königin war sehr rührend in diesem Augenblicke.
[...]
Der brave Röderer hielt darauf einen Vortrag, worin
er auseinander setzte, was er zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe
hatte tun wollen und nicht hatte tun können. Er sagte, er habe der
Schweizergarde, die das Schloß bewache, Befehl gegeben, nicht anzugreifen,
aber Gewalt mit Gewalt zurückzutreiben, wenn man das Schloß
bestürmen wolle! Bald darauf hörte man die ersten Kanonenschüsse.
Die Nationalversammlung erstarrte auf einige Augenblicke. Sie sprach hernach
aus Angst. Ich entfernte mich und war hernach immer in der Nähe des
Gefechts! weil ich nicht mehr zurück konnte; denn alle Zugänge
der Nationalversammlung waren besetzt, und man feuerte von allen Seiten.
Die Horde von Pikenträgern und Föderierten war gegen das Schloß
angezogen und hatte die Schweizergarde aufgefordert, es zu übergeben.
Diese hatte sich geweigert. Die Föderierten feuerten, die Schweizer
feuerten wieder. Auf beiden Seiten ladete man die Kanonen mit Mitraille.
Die Schweizer, kaum tausend Mann, verließen sich auf die Unterstützung
der Nationalgarde, aber diese ließ sie schändlicherweise im
Stich, floh zum Teil, machte zum Teil gemeinschaftliche Sache mit der angreifenden
Horde. Die armen Schweizer, bestürmt von allen Seiten, überwältigt
von der Menge, streckten endlich das Gewehr. Ihrer waren nur wenige im
Gefecht geblieben. Aber jetzt, nachdem sie sich ergeben hatten, fiel man
jämmerlich über sie her, zwanzig über einen und ermordete
sie jämmerlich. Man hat sie totgeschlagen, wo man sie fand; in den
meisten Straßen von Paris lagen Leichen. Ich habe Szenen gesehen,
worüber die Menschheit schaudert. Man hat sie lebendig ins Feuer geworfen;
man hat sie geschunden und verstümmelt. Weiber, immer die wütendsten,
die grausamsten, sogen ihr Blut. Selbst die toten Körper blieben von
keiner Art der Mißhandlung frei.
Abends führte man die verstümmelten Leichname
fort, dreißig bis vierzig auf einem Wagen; oben darauf setzten sich
Pikenträger, triumphierend, immer gegen die toten, nackten Körper
noch wütend. Ihre zerrissenen Kleidungsstücke, ihre Köpfe
auf Stangen hat man im Triumph umhergetragen. Man hat die Schweizer in
den Häusern aufgesucht, die Türhüter waren. Und diese braven
Schweizer alle folgten ihrer Order, verteidigten ihren Posten und taten
also ihre Pflicht. Es sind außerdem viele Menschen erschlagen worden,
und auch von der Partei der Horde sind im Gefecht eine große Menge
geblieben. Auf dem Schlosse ist alles zu unterst zu oberst gekehrt, alles
verrückt worden. Viele kleine Häuser drum herum, Kasernen und
dergleichen stehen noch im Feuer. Der König ist an demselben Tage
seiner Amtsverrichtungen entsetzt, seine Einkünfte sind eingezogen
worden, denn kein Mensch in der Nationalversammlung wagte, der herrschenden
Partei zu widersprechen. Der Pöbel schwärmt noch wütend
in den Straßen umher. Man reißt die Bildsäulen der Könige,
diese Meisterstücke der Kunst, die Zierden der öffentlichen Plätze,
nieder. Sogar die von Heinrich IV., dem besten der französischen Könige,
dem Frankreich so viel zu danken hat, ist nicht unverschont geblieben.
Man fürchtet für noch mehrere Ausschweifungen, denn man ist des
Pöbels nun gar nicht mehr Meister. Zucht und Ordnung ist verloren.
[...]
(1) Der
Augenzeuge Justus Erich Bollmann (1769-1821) hielt sich von Februar bis August
1792 in Paris auf. Er übte eine Vielzahl von Tätigkeiten aus, z. B.
internationaler Kaufmann, Politiker, Fabrikant, Farmer, Arzt.
| | J. E. Bollmann, Brief an
seinen Vater vom 12.8.1792, zit. nach: Behschnitt, W. Die Französische
Revolution, Quellen und Darstellungen, in: Politische Bildung, Materialien für
den Unterricht. Stuttgart 1978, S. 65f |
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