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Primaerliteratur
International | Frankreich | 1789-1815
[P|S|M]
Antoine Barnave: Die Revolution beenden (15. Juli 1791)
Schon vor der Schlacht bei Varennes und besonders nach dem Fluchtversuch des Königs begann in den politischen Klubs eine Auseinandersetzung über das Ende oder eine Fortführung der Revolution. Mitte Juli 1791 hielt der Abgeordnete Antoine Barnave die folgende Rede in der Nationalversammlung:

[...] und ich sage: heute ist jede Veränderung verhängnisvoll, heute ist jede Fortsetzung der Revolution unheilvoll. Ich stelle eine Frage, die von nationalem Interesse ist: werden wir die Revolution beenden oder werden wir sie von neuem beginnen? Wenn Ihr einmal der Verfassung mißtraut, wo wird der Punkt sein, an dem Ihr dann einhalten werdet, und vor allem, wo werden Eure Nachfolger einhalten?

Ich habe vor einiger Zeit gesagt, daß ich den Angriff der fremden Mächte und der Emigranten nicht fürchte; aber heute sage ich mit derselben Aufrichtigkeit, daß ich die Fortsetzung der Unruhen und Gärungen fürchte, die uns so lange beschäftigen werden, als die Revolution nicht vollständig und friedlich beendet ist: von außen her kann niemand Schaden anrichten, aber man fügt uns von innen her großen Schaden zu, wenn man uns mit unheilvollen Gedanken beunruhigt, wenn eingebildete Gefahren, die um uns her geschaffen wurden, im Volk einigen Bestand gewinnen und jenen Männern einigen Einfluss verschaffen, die sich ihrer bedienen, um das Volk ständig in Aufruhr zu halten. Man fügt uns viel Leid zu, wenn man diese revolutionäre Bewegung dauernd macht, die alles zerstört hat, was es zu zerstören galt, die uns an den Punkt geführt hat, wo wir einhalten müssen; sie wird nur durch einen friedlichen und gemeinsamen Entschluß beendet werden können, durch eine Vereinigung, wenn ich so sagen darf, von allem, was die Zukunft der französischen Nation ausmachen kann. Denken Sie daran, meine Herren, denken Sie immer daran, was nach Ihnen geschehen wird! Ihr habt getan, was gut war für die Freiheit und die Gleichheit; keine willkürliche Gewalt ist verschont worden, keine Anmaßung der Eigenliebe, keine widerrechtliche Besitzergreifung von Eigentum ist ungestraft geblieben; Ihr habt alle Menschen vor dem Gesetz gleichgemacht, Ihr habt dem Staat wiedergegeben, was ihm genommen wurde: daraus ergibt sich diese große Wahrheit, daß wenn die Revolution noch einen Schritt weitergeht, sie dies nicht ohne Gefahr tun kann; daß auf der Linie der Freiheit die erste Handlung, die noch folgen könnte, die Vernichtung des Königtums wäre; und daß auf der Linie der Gleichheit die erste Handlung, die noch folgen könnte, der Angriff auf das Eigentum wäre (Beifall).

Ich frage all jene, die mich verstehen, all jene, die wie ich meinen daß, wenn die Unruhen wieder beginnen, wenn die Nation noch weitere große Erschütterungen zu erleiden hat, wenn große Ereignisse folgen werden oder auch nur zu befürchten sind, wenn alles, was das Volk in Unruhe versetzt, ihm allmählich zur Selbstverständlichkeit wird, wenn der Einfluß des Volkes sich weiterhin in den politischen Ereignissen geltend macht; ich frage all jene, sage ich, die wissen, daß, wenn die Dinge so verlaufen, die Revolution nicht beendet ist; ich frage Sie: Gibt es noch eine andere Aristokratie zu zerstören als die des Eigentums? Meine Herren, die Männer, die Revolutionen machen wollen, machen dies nicht mit Lehrsätzen aus der Metaphysik; man reißt einige Stubenphilosophen mit sich, einige Gelehrte, die sich auf Geometrie verstehen, von Politik jedoch nichts; solche Leute werden ohne Zweifel mit Abstraktionen genährt. Aber die Menge, derer man sich bedienen muß, die Menge, ohne die man keine Revolution macht, kann man nur durch Realitäten mit sich reißen; man kann sie durch durch greifbare Vorteile rühren!

Ihr alle wißt, daß die Nacht des 4. August der Revolution mehr Arme gegeben hat als alle verfassungsmäßigen Beschlüsse! Aber welche Nacht des 4. August könnte es für jene noch geben, die weiter gehen wollen, wenn es nicht Gesetze gegen das Eigentum sind! Und selbst wenn solche Gesetze nicht gemacht werden, wer wird uns dann garantieren, daß mangels Entschlossenheit der Regierung, daß, wenn wir die Revolution nicht beendet haben werden und der Bewegung, die sie fortpflanzt, nicht Einhalt geboten, ihre fortschreitende Tätigkeit nicht das von selber tun wird, was das Gesetz nicht auszusprechen wagte? Es ist also jetzt wahrlich an der Zeit, die Revolution zu beenden; sie erhält also erst heute ihren eigentlichen großen Charakter; es ist also an dem, daß die Revolution den Augen Europas und der Nachwelt als etwas gelten wird, das entweder für die französische Nation oder für einige Individuen gemacht worden ist; wurde sie für die Nation gemacht, dann muß sie in dem Augenblick anhalten, da die Nation frei ist, da alle Franzosen gleich sind; setzt sie die Unruhe jedoch fort, dann ist sie nur noch der Nutzen einiger Männer, dann ist sie entehrt, dann sind auch wir entehrt.

Heute, meine Herren, muß jedermann erkennen, daß es im Interesse der Allgemeinheit liegt, daß die Revolution einhält: diejenigen, die verloren haben, müssen einsehen, daß es unmöglich ist, sie rückgängig zu machen und daß es nur noch darum gehen kann, sie zu domestizieren. Diejenigen, die sie gemacht und gewollt haben, müssen einsehen, daß sie an ihrem letzten Ziel ist, daß das Glück ihres Vaterlandes und ihr eigener Ruhm es erforderlich machen, daß sie nicht länger andauert. Alle haben dasselbe Interesse: die Könige selbst, wenn tiefe Wahrheiten zuweilen bis zum Rat eines Königs dringen können, wenn zuweilen die Vorurteile, die sie umgeben, die gesunden Ansichten einer großen und philosophischen Politik bis zu ihnen vordringen lassen können, die Könige selbst müssen einsehen, daß für sie ein großer Unterschied liegt zwischen dem Beispiel einer durchgreifenden Reform in der Regierung und dem Beispiel der Abschaffung des Königtums; daß wenn wir hier einhalten, sie immer noch die Könige sind; daß selbst die Probe, die diese Institution bei uns zu bestehen hatte, der Widerstand, den sie gegen ein aufgeklärtes und sehr aufgebrachtes Volk geleistet hat, der Triumph, den sie in den ernsthaftesten Diskussionen errungen hat; all diese Umstände, sage ich, bestätigen für die großen Staaten das System des Königtums; sie müssen einsehen, daß neue Ereignisse ein anderes Urteil herbeiführen könnten, und daß, wenn sie ihre wirklichen Interessen nicht leeren Hoffnungen opfern wollen, auch für sie die Beendigung der Französischen Revolution das Beste ist. [...]



Quelle: Buchez, Ph.-J.-B.; Roux-Lavergne, P. C. [Hrsg.] Histoire parlementaire de la Révolution française ou Journal des assemblées nationales. Bd. 11. Paris 1834, S. 54-68; zit. nach Behschnitt, Wolf D., Die Französische Revolution in Quellen und Darstellungen, in: Politische Bildung, Materialien für den Unterricht. Stuttgart 1978, S. 59f