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| Frankreich | 1789-1815 | [P|S|M] |
Maximilien Robespierre: Rede im Nationalkovent am 3.12.1792
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| Die Versammlung ist ohne ihr Wissen weit von der wahren
Frage abgezogen worden. Es gibt hier keinen Prozess zu führen.
Ludwig ist nicht Angeklagter, Sie sind nicht Richter; Sie sind, Sie können
nur Staatsmänner und die Vertreter der Nation sein. Sie haben keinen
Richterspruch für oder gegen einen Menschen zu fällen, aber eine
Maßregel der Staatsrettung zu ergreifen, eine Handlung der nationalen
Vorsehung auszuüben.
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Ein entthronter König ist in der Republik
nur nach zwei Seiten gut zu benutzen, entweder um die Ruhe des Staates
zu stören und die Freiheit zu erschüttern oder beide zu befestigen. Ja ich behaupte, dass der Charakter, den bisher Ihre Beratung genommen
hat, gerade auf das Gegenteil hinausläuft.
Was ist in der Tat das Verfahren, welches die gesunde
Politik vorschreibt, um die junge Republik zu befestigen? Nur dies, dass man tief in die Herzen die Verachtung des Königtums einprägt
und alle Anhänger des Königs mit Betäubung schlägt.
Wenn man also der Welt sein Verbrechen als ein Problem, seine Sache als
den Gegenstand der wichtigsten, der ernsthaftesten, der schwierigsten Verhandlung
darstellt, welche die Vertreter des französischen Volkes beschäftigen
könne, wenn man einen unermesslichen Unterschied zwischen der
bloßen Erinnerung an das, was er war, und der Würde eines Bürgers
aufstellt, so heißt das gerade das Geheimnis gefunden haben, ihn
für die Freiheit immer noch gefährlich zu machen.
Ludwig ist König gewesen und die Republik war gegründet;
die berühmte Frage, welche Sie beschäftigt, wird mit diesen Worten
allein entschieden. Ludwig ist wegen seiner Verbrechen entthront worden;
Ludwig klagte das französische Volk als rebellisch an; er hat seine
Mitbrüder, die Waffen der Tyrannen herbeigerufen, um es zu züchtigen;
der Sieg und das Volk haben entschieden, dass allein er rebellisch
war; Ludwig kann also nicht mehr gerichtet werden, er ist schon gerichtet.
Er ist verurteilt, oder die Republik ist nicht freigesprochen. Vorzuschlagen,
Ludwig XVI. den Prozess zu machen, in welcher Weise es auch sein kann,
heißt zu dem königlichen und konstitutionellen Despotismus zurückschreiten,
ist ein konterrevolutionärer Gedanke, heißt die Revolution
selbst in Frage stellen. In der Tat, wenn Ludwig noch Gegenstand eines
Prozesses sein kann, so kann Ludwig freigesprochen werden, so kann er unschuldig
sein. Ja, er wird als unschuldig angenommen, bis er verurteilt ist. Aber
wenn Ludwig freigesprochen wird, wenn Ludwig als unschuldig angenommen
werden kann, was wird dann aus der Revolution? Wenn Ludwig unschuldig ist,
so werden alle Verteidiger der Freiheit nur seine Verleumder. Alle Rebellen
waren Freunde der Wahrheit und Verteidiger der unterdrückten Unschuld,
alle Manifeste der auswärtigen Höfe sind nur rechtmäßige
Beschwerden gegen eine herrschsüchtige Partei. Die Haft sogar, welche
Ludwig bis zu diesem Augenblick erduldet hat, ist eine ungerechte Quälerei;
die Verbündeten, das Volk von Paris, alle Patrioten des französischen
Reiches sind schuldig; und dieser große Prozess, bei dem Tribunal
der Natur zwischen dem Verbrechen und der Tugend, zwischen der Freiheit
und der Tyrannei anhängig, wird endlich zugunsten des Verbrechens
und der Tyrannei entschieden werden!
Bürger, nehmen Sie sich in acht; Sie werden hier
durch falsche Begriffe getäuscht; Sie vermischen die Vorschriften
des bürgerlichen und positiven Rechtes mit den Grundsätzen des
Völkerrechtes; Sie vermischen die Beziehungen der Bürger untereinander
mit den Beziehungen der Nationen zu einem Feind, der gegen sie sich verschwört;
Sie vermischen die Lage eines Volkes in der Revolution mit der Lage eines
Volkes, dessen Regierung befestigt ist; Sie vermischen eine Nation, welche
einen Staatsbeamten bestraft, während sie die Regierungsform beibehält,
mit einer Nation, welche die Regierung selbst stürzt. Wir setzen mit
Gedanken, die uns vertraut sind, einen außergewöhnlichen Fall
in Verbindung, der von Prinzipien abhängt, die wir niemals angewendet
haben. So sind wir, weil wir gewöhnt sind, die Vergehen, deren Zeugen
wir sind, nach einförmigen Regeln beurteilt zu sehen, natürlicherweise
geneigt zu glauben, dass die Nationen in keiner Lage billig anders
gegen einen Menschen auftreten können, der ihre Rechte verletzt hat
und wo wir keine Geschworenen, kein Tribunal, kein Prozessverfahren
sehen, finden wir die Gerechtigkeit nicht. Die Ausdrücke sogar, die
wir für Ideen anwenden, verschieden von denen, welche sie im gewöhnlichen
Gebrauch ausdrücken, vollenden unsere Täuschung. So groß
ist die natürliche Herrschaft der Gewohnheit, dass wir die willkürlichsten,
oft sogar die mangelhaftesten Einrichtungen als die vollkommene Richtschnur
des Wahren oder des Falschen, des Gerechten oder des Ungerechten betrachten.
Wir denken sogar nicht daran, dass die Mehrzahl notwendig noch an
den Vorurteilen hängt, mit denen der Despotismus uns gefüttert
hat; wir sind so lange unter sein Joch geschmiedet gewesen, dass wir
uns nur schwer bis zu den ewigen Prinzipien der Vernunft wieder erheben, dass alles, was bis zur heiligen Quelle aller Gesetze zurückgeht,
in unsern Augen einen ungesetzlichen Charakter anzunehmen scheint, und dass sogar die Ordnung der Natur uns als Unordnung erscheint. Die
majestätischen Bewegungen eines großen Volkes, die erhabenen
Aufschwünge der Tugend stellen sich unsern furchtsamen Augen oft als
Ausbrüche eines Vulkanes oder als Umsturz der politischen Gesellschaft
dar, und gewiss ist dieser ewige Widerspruch zwischen der Schwäche
unserer Sitten, der Verderbnis unserer Geister und der Reinheit der Grundsätze,
der Energie der Charaktere, welche eine freie Regierungsform voraussetzt,
wie wir sie zu erstreben wagen, nicht die geringfügigste Ursache der
Unruhen, die uns in Bewegung erhalten.
Wenn eine Nation gezwungen ist, zum Recht der Empörung
ihre Zuflucht zu nehmen, so tritt sie in Rücksicht auf den Tyrannen
in den Naturzustand zurück. Wie könnte dieser sich auf den Gesellschaftsvertrag
berufen? Er hat ihn vernichtet. Die Nation kann ihn noch beibehalten, wenn
sie es für passend hält, soweit er die Beziehungen der Bürger
unter sich betrifft; aber die Wirkung der Tyrannei und des Aufstandes ist
es, ihn völlig in Beziehung zum Tyrannen zu zerreißen, sie gegenseitig
in Kriegszustand zu versetzen; die Tribunale, die richterlichen Prozessformen
sind für die Mitglieder der Bürgerschaft gemacht. Es ist ein
grober Widerspruch, anzunehmen, dass die Verfassung in diesem neuen
Zustand der Dinge leitend sein könne; das hieße voraussetzen, dass sie sich selbst überlebt. Welches sind die Gesetze, die
an ihre Stelle treten? Die Gesetze der Natur, das, welches selbst die Grundlage
der Gesellschaft ist, das Wohl des Volkes. Das Recht, den Tyrannen zu bestrafen
und das Recht, ihn zu entthronen, ist dasselbe. Das eine gestattet keine
anderen Formen als das andere; der Prozess des Tyrannen ist die Empörung,
sein Urteilsspruch ist der Fall seiner Macht, seine Strafe die, welche
die Freiheit des Volkes fordert.
Die Völker richten nicht, wie die Gerichtshöfe;
sie fällen keinen Urteilsspruch, sie schleudern den Blitz, sie verurteilen
die Könige nicht, sie stürzen sie in das Nichts und diese Justiz
gilt so viel wie die der Tribunale. Wenn sie sich zu ihrer Rettung gegen
ihre Unterdrücker bewaffnen, wie sollten sie gehalten sein, eine Form
für ihre Bestrafung anzunehmen, die für sie eine neue Gefahr
wäre?
Wir haben uns durch fremdartige Beispiele, die nichts
mit uns gemein haben, in Irrtum führen lassen. Wenn Cromwell Karl
I. von einem Tribunal richten ließ, über welches er verfügte,
wenn Elisabeth Maria von Schottland auf dieselbe Weise verurteilen ließ,
so ist es natürlich, dass Tyrannen, welche ihresgleichen nicht
dem Volk, sondern ihrem Ehrgeiz opfern, die Meinung des großen Haufens
durch trügerische Formen zu täuschen suchen. Da ist weder von
Prinzipien, noch von Freiheit, sondern von Schurkerei und Intrigen die
Rede-. Aber das Volk! Was für ein anderes Gesetz kann es befolgen,
als die Gerechtigkeit und die Vernunft, gestützt von seiner Allmacht?
In welcher Republik war die Notwendigkeit, den Tyrannen
zu bestrafen, streitig? Wurde Tarquinius vor Gericht
geladen? Was würde man in Rom gesagt haben, wenn
Römer es gewagt hätten, sich für seine
Verteidiger zu erklären? Und was tun wir? Wir rufen von
allen Seiten Advokaten herbei, um in der Sache Ludwig XVI. zu
sprechen.
Wir heiligen als gesetzliche Handlungen das, was bei jedem
freien Volk als das größte Verbrechen betrachtet worden wäre!
Wir fordern selbst die Bürger zur Niederträchtigkeit und Bestechung
auf! Wir werden wohl eines Tages den Verteidigern von Ludwig Bürgerkronen
zuerkennen können; denn wenn sie seine Sache verteidigen, so können
sie hoffen, ihr den Sieg zu verschaffen; sonst würden sie der Welt
nur eine lächerliche Komödie geben. Und wir wagen von Republik
zu sprechen! Wir berufen uns auf Formen, weil wir keine Prinzipien haben;
wir bilden uns viel auf Zartgefühl ein, weil uns die Energie fehlt;
wir prunken mit einer falschen Menschenliebe, weil das Gefühl der
wahren Menschlichkeit uns fremd ist; wir verehren den Schatten eines Königs,
weil wir ohne Herz für die Unterdrückten sind.
Der Prozess gegen Ludwig XVI.! Aber was ist dieser
Prozess anders, als der Aufruf zur Empörung an ein Tribunal oder
an irgendeine Versammlung! Wenn ein König von dem Volk vernichtet
worden ist, wer hat das Recht, ihn in das Leben zurückzurufen, um
daraus einen neuen Vorwand für Unruhen und Empörung zu machen?
Welche andere Wirkungen aber kann dieses System hervorbringen? Den Verfechtern
Ludwigs XVI. einen Kampfplatz eröffnend, erwecken Sie alle Klagen
des Despotismus gegen die Freiheit wieder; Sie heiligen das Recht, gegen
die Republik und gegen das Volk zu lästern; denn das Recht zur Verteidigung
des alten Despoten zieht das Recht nach sich, alles zu sagen, was mit seiner
Sache zusammenhängt. Sie erwecken alle Parteien wieder; Sie
beleben, Sie ermutigen den eingeschläferten Royalismus wieder. Man wird frei Partei für oder gegen ergreifen können.
Was ist rechtmäßiger, was natürlicher,
als immer die Lehren zu wiederholen, welche seine
Verteidiger laut vor diesen Schranken und sogar auf dieser
Tribüne werden bekennen können? Was für eine Republik ist die, deren Gründer ihr von allen Seiten Gegner schaffen,
um sie schon in ihrer Wiege anzugreifen!
Sehen Sie, welche reißenden Fortschritte dieses
System schon gemacht hat! In der Zeit des letzten Monats August hielten
sich alle Anhänger des Königtums verborgen; jeder, der es gewagt
hätte, die Verteidigung Ludwigs XVI. zu übernehmen, würde
als ein Verräter bestraft worden sein. Heute erheben sie ungestraft
ihre kühne Stirn wieder; heute ergreifen die verrufensten Schriftsteller
der Aristokratie mit Vertrauen ihre vergifteten Federn wieder.
Heute überschwemmen freche Schriften, die Vorläufer
von allen Freveltaten, die Stadt, in welcher Sie Ihren Sitz haben, die
84 Departements und sogar die Vorhalle dieses Heiligtums der Freiheit.
Heute ließen bewaffnete Menschen, die ohne Ihr Wissen in gesetzwidriger
Weise herbeigerufen wurden und in unsern Mauern sich aufhalten, in den
Straßen dieser Stadt aufrührerisches Geschrei erschallen und
verlangten die Freigebung Ludwigs XVI. Heute birgt Paris in seinem Schoß
Menschen, die sich versammelt haben, wie man Ihnen gesagt hat, um ihn dem
Richterspruch der Nation zu entreißen. Es fehlt nur noch, diesen
Raum den Athleten zu öffnen, die sich drängen, um sich um die
Ehre zu bewerben, Lanzen zugunsten des Königtums brechen zu dürfen.
ja, heute entzweit Ludwig die Vertreter des Volkes; man redet für,
man redet gegen ihn. Wer hätte vor zwei Monaten ahnen können, dass es jetzt eine Frage sein würde, ob er unverletzlich ist?
Aber seitdem ein Mitglied des Nationalkonvents, der Bürger Pétion,
die Frage, »ob der König gerichtet werden könne«,
als den Gegenstand einer ernsten Beratung und jeder andern Frage vorausgehend
dargestellt hat, hat man sich auf die Unverletzlichkeit, mit der die Verschwörer
der konstituierenden Versammlung seine ersten Meineide bedeckt haben, berufen,
um seine letzten Freveltaten in Schutz zu nehmen. O Verbrechen ! O Schande!
Die Tribüne des französischen Volkes hat von der Lobrede Ludwigs
XVI. widergehallt. Wir haben die Tugenden und Wohltaten des Tyrannen rühmen
gehört. Kaum haben wir der Ungerechtigkeit einer oben erwähnten
Entscheidung die Ehre oder die Freiheit der bessern Bürger entreißen
können, ja wir haben gesehen, dass man mit einer skandalösen
Freude die abscheulichsten Verleumdungen gegen die Volksvertreter sammelte,
welche durch ihren Eifer für die Freiheit bekannt waren. Wir haben
gesehen, dass ein Teil der Mitglieder dieser Versammlung von ihren
Kollegen ebensobald geächtet wurden, als sie von der Dummheit im Bunde
mit der Schlechtigkeit angeklagt wurden; die Sache des Tyrannen allein
ist so heilig, dass sie nicht lange und nicht frei genug verhandelt
werden kann. Warum sollen wir uns darüber verwundern? Diese doppelte
Erscheinung hängt mit derselben Ursache zusammen. Diejenigen, welche
sich für Ludwig oder seinesgleichen interessieren, müssen nach
dem Blut der Volksabgeordneten dürsten, die zum zweiten Mal seine
Bestrafung verlangen; sie können nur denen Gnade erweisen, die zu
seinen Gunsten milder geworden sind. Ist der Plan, das Volk in Ketten zu
legen, indem man seine Verteidiger beseitigt, einen einzigen Augenblick
aufgegeben worden, und müssen nicht selbst alle Schurken, welche sie
heute unter dem Namen »Anarchisten und Wühler« verfolgen,
die Unruhen erregen, welche uns ihr schurkisches System vorher verkündigt?
Wenn wir an sie glauben, so wird der Prozess wenigstens mehrere Monate
dauern; er wird den Zeitpunkt des nächsten Frühjahrs erreichen,
wo die Despoten uns mit einem allgemeinen Angriff beglücken sollen.
Und welche Laufbahn ist den Verschwörern geöffnet? Welcher Nahrungsstoff
der Intrige und der Aristokratie gegeben? So werden alle Anhänger
der Tyrannei noch auf die Hilfe ihrer Verbündeten hoffen und die auswärtigen
Armeen die Kühnheit des Tribunals ermutigen können, welches über
das Los Ludwigs entscheiden soll, während zu gleicher Zeit ihr Gold
seine Treue in Versuchung führen wird. Ich will wohl noch glauben, dass die Republik kein leerer Name ist, mit dem man uns nur Vergnügen
macht. Aber welche anderen Mittel könnte man anwenden, wenn man das
Königtum wiederherstellen wollte?
Gerechter Himmel! Alle wilden Horden des Despotismus machen
sich bereit, von neuem den Schoß unseres Vaterlandes im Namen Ludwigs
XVI. zu zerreißen. Ludwig kämpft noch gegen uns aus dem Innern
seines Gefängnisses und man zweifelt daran, ob er schuldig sei, ob
es zulässig sei, ihn als Feind zu behandeln, man verlangt, dass er nach den Gesetzen verurteilt werden soll. Man beruft sich zu seinen
Gunsten auf die Verfassung. Ich werde mich wohl hüten, hier alle unwiderleglichen
Gründe zu wiederholen, die von denen entwickelt worden sind, die es
nicht verschmäht haben, diese Art von Einwurf zu bekämpfen. Ich
werde darüber nur ein Wort für diejenigen sagen, welche durch
diese Gründe nicht haben überzeugt werden können. Die Verfassung
verbot Ihnen alles, was Sie getan haben. Wenn er nur mit der Absetzung
bestraft werden konnte, so konnten Sie diese nicht aussprechen, ohne seinen
Prozess eingeleitet zu haben. Sie hatten das Recht nicht, ihn im Gefängnis
zurückzuhalten, er hat das Recht, seine Freilassung, Entschädigungsgelder
und Zinsen zu verlangen. Die Verfassung verurteilt Sie, werfen Sie sich
Ludwig zu Füßen und flehen Sie um seine Milde! Ich würde
darüber erröten, ernstlicher diese konstitutionellen Spitzfindigkeiten
zu verhandeln. Ich verweise sie auf die Schulbänke oder auf die Bänke
des Palastes oder vielmehr in die Kabinette von London, Wien und Berlin.
Ich kann nicht lange erörtern, wo ich überzeugt bin, dass es ein Skandal ist, zu überlegen.
Es ist eine wichtige Streitfrage, hat man gesagt, die
man mit einer weisen und langsamen Umsicht beurteilen muß. Sie machen
eine wichtige Sache daraus. ja, machen Sie eine Streitfrage daraus? Was
finden Sie Wichtiges darin? Die Schwierigkeit? Nein. Die Persönlichkeit?
In den Augen der Freiheit gibt es keine elendere, in den Augen der Menschlichkeit
gibt es keine schuldigere. Er kann nur noch denen imponieren, welche schlechter
sind als er. Ist es der Nutzen des Ergebnisses? Das ist ein Grund mehr,
es zu beschleunigen. Eine wichtige Sache ist ein volkstümlicher Gesetzentwurf,
eine wichtige Sache ist die eines durch den Despotismus unterdrückten
Unglücklichen. Was ist der Grund für diese ewigen Verzögerungen,
welche Sie uns empfehlen? Fürchteten Sie, die Meinung des Volkes zu
verletzen? Als wenn das Volk selbst etwas anderes fürchtete als die
Schwäche oder den Ehrgeiz seiner Vertreter! Als wenn das Volk eine
niedrige Herde von Sklaven wäre, die blödsinnig dem blödsinnigen
Tyrannen anhängt, den es geächtet hat, und die sich um jeden
Preis in der Niederträchtigkeit und Knechtschaft wälzen will.
Sie reden von der öffentlichen Meinung; ist es nicht Ihre Pflicht,
sie zu lenken und zu kräftigen? Wenn sie irregeht, wenn sie sich verschlechtert,
an wen soll man sich da anders halten, als an Ihnen selbst? Fürchten
Sie, die fremden gegen uns verbündeten Könige unzufrieden zu
machen? Oh! Ohne Zweifel ist es das Mittel, sie zu besiegen, wenn man sie
zu fürchten scheint? Das Mittel, die verbrecherische Verschwörung
der Despoten von Europa zu vereiteln, ist die Achtung ihres Mitschuldigen!
Fürchten Sie die fremden Völker? Sie glauben also noch an die
angeborene Liebe zur Tyrannei! Warum streben Sie denn nach dem Ruhm, das
Menschengeschlecht zu befreien? Mit welchem Widerspruch setzen Sie voraus, dass die Nationen, die nicht über die Verkündigung der Rechte
der Menschheit erstaunt gewesen sind, durch die Züchtigung eines ihrer
grausamsten Unterdrücker erschreckt werden würden? Endlich fürchten
Sie, sagt man, die Blicke der Nachwelt.‘ ja, die Nachwelt wird in der Tat
über Ihren Wankelmut und Ihre Schwäche erstauntsein, und unsere
Nachkommen werden zugleich über den Dünkel und die Vorurteile
ihrer Väter lachen. Man hat gesagt, dass es des Genies bedürfe,
um diese Frage zu ergründen; ich behaupte, dass es nur der Ehrlichkeit
bedarf; es handelt sich weniger darum, sich aufzuklären, als nicht
freiwillig verblendet zu sein. Warum erscheint uns das, was uns in einer
Zeit klar erscheint, in einer andern dunkel? Warum verwandelt sich das,
was der gesunde Verstand des Volkes leicht entscheidet, für seine
Abgeordneten in ein fast unlösbares Problem? Haben wir das Recht,
einen Gesamtwillen und eine von der allgemeinen Vernunft verschiedene Weisheit
zu haben?
Ich habe gehört, dass die Verteidiger der Unverletzlichkeit
ein kühnes Prinzip aufstellten, das ich fast gezögert hätte,
selbst auszusprechen. Sie haben gesagt, dass diejenigen, welche am
10. August Ludwig XVI. geopfert hätten, eine tugendhafte Handlung
begangen hätten. Aber die einzige Grundlage dieser Meinung können
nur die Verbrechen Ludwigs XVI. und die Rechte des Volkes sein. Haben denn
drei Monate Zwischenzeit seine Verbrechen oder die Rechte des Volkes verändert?
Wenn man ihn damals dem öffentlichen Unwillen entzog, so geschah es
ohne Zweifel nur deshalb, damit seine Bestrafung, feierlich von dem Nationalkonvent
im Namen der Nation angeordnet, dadurch für die Feinde der Menschheit
imponierender würde. Aber es in Frage stellen, ob er schuldig ist
oder ob er bestraft werden kann, heißt die dem französischen
Volk geschworene Treue verraten. Es gibt vielleicht Leute, die nicht darüber
erzürnt sein würden, wenn eine Privathand das Amt der nationalen
Gerechtigkeit verrichtete, entweder um zu verhindern, dass die Versammlung
einen ihrer würdigen Charakter annehme, oder um den Nationen ein Beispiel
zu rauben, welches die Seelen auf die Höhe der republikanischen Prinzipien
erheben würde, oder aus noch. viel schimpflicheren Gründen. Bürger,
misstrauen Sie dieser Falle; jeder, der einen solchen Rat zu geben
wagen würde, würde nur den Feinden des Volkes dienen. Was auch
kommen mag, die Bestrafung Ludwigs ist künftig nur gut, insofern sie
den feierlichen Charakter einer öffentlichen Rache trägt.
Was liegt dem Volk an der verächtlichen Person des
letzten seiner Könige? Vertreter, dem Volk, Ihnen selbst liegt daran, dass Sie die Pflichten erfüllen, welche sein Vertrauen Ihnen
auferlegt hat. Sie haben die Republik verkündigt, aber haben Sie sie
uns gegeben? Wir haben noch nicht ein einziges Gesetz gemacht, welches
diesen Namen rechtfertigte; wir haben noch nicht einen einzigen Missbrauch
des Despotismus verbessert. Nehmen Sie die Namen weg, so haben wir noch
die ganze Tyrannei und noch mehr, viel feilere Parteien und unsittlichere
Scharlatane, mit neuen Gärungsstoffen zu Unruhen und Bürgerkrieg.
Die Republik! Und Ludwig lebt noch! Und Sie stellen noch die Person des
Königs zwischen uns und die Freiheit! Trotz aller Gewissenhaftigkeit
wollen wir fürchten, dass wir uns zu Verbrechern machen, fürchten, dass
wir, wenn wir zuviel Nachsicht für den Schuldigen zeigen,
uns selbst an seinen Platz setzen.
Neue Schwierigkeit. Zu welcher Strafe sollen wir Ludwig
verurteilen? Die Todesstrafe ist zu grausam. »Nein«, sagt ein
anderer, »das Leben ist noch grausamer. Ich verlange, dass er
am Leben bleibt.« Advokaten des Königs, wollen Sie aus Mitleid
oder aus Grausamkeit ihn der Strafe für seine Verbrechen entziehen?
Ich verabscheue die Todesstrafe, wie sie nach Ihren Gesetzen in verschwenderischem
Maße zulässig ist, und ich habe für Ludwig weder Liebe
noch Haß; ich hasse nur seine Freveltaten. Ich habe die Abschaffung
der Todesstrafe in der Versammlung verlangt, welche Sie noch die konstituierende
nennen, und es ist nicht mein Fehler, wenn die ersten Grundsätze der
Vernunft ihr als moralische und politische Ketzereien erschienen sind.
Aber wenn Sie niemals daran dachten, sie zugunsten so vieler Unglücklicher
anzurufen, deren Vergehen weniger ihre eigenen, als die der Regierung sind,
wie kommt es, dass Sie sich derselben nur erinnern, um die Sache des
größten Verbrechers zu verteidigen? Sie verlangen eine Ausnahme
von der Todesstrafe für denjenigen allein, der sie rechtfertigen kann?
Ja, die Todesstrafe ist im allgemeinen ein Verbrechen und kann aus diesem
Grund allein nach den unzerstörbaren Grundsätzen der Natur nur
in den Fällen gerechtfertigt werden, wo sie für die Sicherheit
der einzelnen und des Gesellschaftskörpers notwendig ist. Denn niemals
fordert die öffentliche Sicherheit sie gegen die gewöhnlichen
Vergehen, weil die Gesellschaft diese immer durch andere Mittel verhüten
und den Schuldigen in die Unmöglichkeit versetzen kann, ihr zu schaden.
Aber ein König, entthront im Schoß einer Revolution, die nichts
weniger als durch die Gesetze befestigt ist, ein König, dessen Name
allein die Geißel des Krieges auf die gehetzte Nation zieht - weder
das Gefängnis, noch die Verbannung kann seine Existenz gleichgültig
für das öffentliche Glück machen; diese grausame Ausnahme
von den gewöhnlichen Gesetzen, welche die Gerechtigkeit anerkennt,
kann nur der Beschaffenheit seiner Verbrechen zugerechnet werden. Ich spreche
mit Bedauern diese fatale Wahrheit aus ... Aber Ludwig muss sterben,
weil das Vaterland leben soll. Bei einem friedlichen, freien und im Innern
wie nach außen geachteten Volk, könnte man den Rat hören,
den man Ihnen gibt, nämlich großmütig zu sein. Aber ein
Volk, dem man noch seine Freiheit nach so vielen Opfern und Kämpfen
streitig macht, ein Volk, bei welchem die Gesetze nur noch gegen die Unglücklichen
unerbittlich sind, ein Volk, bei welchem die Verbrechen der Tyrannei Gegenstände
des Streites sind, muss wünschen, dass man es räche,
und die Großmut, mit der man uns schmeichelt, würde zu sehr
der Großmut einer Gesellschaft von Räubern gleichen, die sich
in die Beute teilen.
Ich schlage Ihnen vor, in diesem Augenblick über
das Los Ludwigs zu beschließen. Was seine Frau betrifft, so werden
Sie sie an die Tribunale verweisen, so wie alle Personen, welche derselben
Freveltaten angeklagt sind. Sein Sohn wird im Temple bewacht werden, bis
der öffentliche Frieden und die Freiheit befestigt sind. Was ihn betrifft,
so verlange ich, dass der Konvent ihn von diesem Augenblick an für
einen Verräter an der französischen Nation, für einen Verbrecher
gegen die Menschheit erkläre, ich verlange, dass man der Welt
ein großes Beispiel an der Stelle gebe, wo am 10. August die hochherzigen
Märtyrer der Freiheit gestorben sind. Ich verlange, dass dieses
denkwürdige Ereignis durch ein Denkmal geweiht werde, zum Zweck, in
dem Herzen der Völker das Gefühl ihrer Rechte und den Abscheu
gegen die Tyrannen zu nähren und in der Seele der Tyrannen die heilsame
Furcht vor der Gerechtigkeit des Volkes zu erhalten.
Dokument
in französischer Sprache
| | zit. nach: Klett Unterrichtsideen. Textarbeit im Geschichtsunterricht der Sekundarstufe I. Stuttgart 1996, S. 42 |
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