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Primaerliteratur
International | Frankreich | 1789-1815
[P|S|M]
Brief Camille Desmoulins vom 16. Juli 1789 an seinen Vater

Wie hat sich in drei Tagen das Gesicht aller Dinge verändert! Am Sonntag [12.7] war ganz Paris bestürzt über die Entlassung Neckers [11.7.]; so sehr ich versuchte, die Geister zu erhitzen, kein Mensch wollte zu den Waffen greifen. Ich schließe mich ihnen an; man sieht meinen Eifer; man umringt mich; man drängt mich, auf einen Tisch zu steigen: in einer Minute habe ich sechstausend Menschen um mich. "Bürger", sage ich nunmehr, "ihr wißt, die Nation hatte gefordert, daß Necker ihr erhalten bliebe, daß man ihm ein Denkmal errichtete: man hat ihn davongejagt! Kann man euch frecher trotzen? Nach diesem Streich werden sie alles wagen, und noch für diese Nacht planen sie, organisieren sie vielleicht eine Bartholomäusnacht für die Patrioten." Ich erstickte fast vor der Menge Gedanken, die auf mich einstürmten, ich sprach ohne Ordnung. "Zu den Waffen", sagte ich, "zu den Waffen! Wir wollen alle die grüne Farbe tragen, die Farbe der Hoffnung." Ich entsinne mich, daß ich mit den Worten schloß: "Die niederträchtige Polizei ist hier. Wohlan! sie soll mich gut betrachten, gut beobachten, ja, ich bin es, der meine Brüder zur Freiheit aufruft." Und indem ich eine Pistole erhob: "Wenigstens", rief ich, "sollen sie mich nicht lebendig in die Hand bekommen, und ich werde verstehen, ruhmvoll zu sterben; es kann mich nur noch ein Unglück treffen: daß ich sehen muß, wie Frankreich zur Sklavin wird." Dann stieg ich hinab; man umarmte mich, erstickte mich fast in Liebkosungen. "Freund", sagten sie alle zu mir, "wir werden Ihnen eine Wache bilden, wir wollen Sie nicht verlassen, wir wollen hingehen, wo Sie hingehen." Ich sagte: ich wollte keinen Befehl haben, ich wollte nichts weiter sein als ein Soldat des Vaterlandes. Ich nahm ein grünes Band und befestigte es als erster an meinem Hut.

Mit welcher Geschwindigkeit griff das Feuer um sich! Das Gerücht von diesem Aufruhr dringt bis ins Lager vor; die Kroaten, die Schweizer, die Dragoner, das Regiment Royal-Allemand langen an. Fürst Lambese an der Spitze dieses letztem Regiments zieht zu Pferd in die Tuilerien. Er säbelt selbst einen waffenlosen Mann von der Garde-francaise nieder und reitet über Frauen und Kinder. Die Wut flammt auf. Nun gibt es in Paris nur noch einen Schrei: Zu den Waffen! Es war sieben Uhr. Er wagt es nicht, die Stadt zu betreten. Man bricht in die Läden der Waffenhändler ein. Am Montag [13.7.] morgen wird Sturm geläutet. Die Wahlmänner hatten sich im Stadthaus versammelt. Mit dem Vorsteher der Kaufmannschaft an der Spitze gründen sie ein Bürgerwehrkorps von 78 000 Mann in 16 Legionen. Mehr als hunderttausend waren schon schlecht und recht bewaffnet und liefen nach dem Stadthaus, um Waffen zu begehren. Der Vorsteher der Kaufmannschaft will sie hinhalten, er schickt sie zu den Kartäusern und nach Saint-Lazare; er versucht, Zeit zu gewinnen, indem er die Distrikte glauben macht, man werde dort Waffen finden. Die Menge und die Verwegensten begeben sich zum Invalidenhaus; man verlangt Waffen vom Gouverneur; er gerät in Angst und öffnet sein Magazin.

Ich bin, auf die Gefahr, zu ersticken, unters Dach gestiegen. Ich sah dort, will mir scheinen, mindestens hunderttausend Flinten. Ich nehme eine ganz neue, an der ein Bajonett steckte, und zwei Pistolen. Das war am Dienstag [14.7.], der ganze Morgen verging damit, daß man sich bewaffnete. Kaum hat man Waffen, so geht's zur Bastille. Der Gouverneur, der gewiß überrascht war, mit einem Schlag in Paris hunderttausend Flinten mit Bajonetten zu sehen, und nicht wußte, ob diese Waffen vom Himmel gefallen waren, muß sehr in Verwirrung gewesen sein. Man knallt ein oder zwei Stunden drauf los, man schießt herunter, was sich auf den Türmen sehen läßt; der Gouverneur, Graf von Launay, ergibt sich; er läßt die Zugbrücke herunter, man stürzt drauf los; aber er zieht sie sofort wieder hoch und schießt mit Kartätschen drein. Jetzt schlägt die Kanone der Gardes-francaises eine Bresche. Ein Kupferstecher steigt als erster hinauf, man wirft ihn hinunter und bricht ihm die Beine entzwei. Ein Mann von der Garde-francaise ist der nächste, er hat mehr Glück, er packt die Lunte eines Kanoniers und wehrt sich, und binnen einer halben Stunde ist der Platz im Sturm genommen. Ich war beim ersten Kanonenschlag herbeigeeilt, aber, es grenzt ans Wunderbare, um halb drei Uhr war die Bastille schon genommen.

Die Bastille hätte sich sechs Monate halten können, wenn sich irgend etwas gegen das französische Ungestüm halten könnte; die Bastille genommen von Bürgersleuten und führerlosen Soldaten, ohne einen einzigen Offizier! Derselbe Gardist, der im Sturm als erster nach oben gekommen war, verfolgt Herrn von Launay, nimmt ihn bei den Haaren und macht ihn zum Gefangenen. Man führt ihn zum Stadthaus und schlägt ihn unterwegs halbtot. Er ist so geschlagen worden, daß es mit ihm zu Ende gehen will; man gibt ihm auf dem Grèveplatz den Rest, und ein Schlächter schneidet ihm den Kopf ab. Den trägt man auf der Spitze einer Pike und gibt dem Gardisten das Kreuz des heiligen Ludwig; zur selben Zeit nimmt man einen Kurier fest, man findet bei ihm in seinen Strümpfen einen Brief für den Vorsteher der Kaufmannschaft; man führt ihn aufs Stadthaus. Schon von Montag morgen an nahm man alle Kuriere fest. Man brachte alle Briefe nach dem Stadthaus; die an den König, die Königin und den Premierminister gerichteten öffnete man und las sie öffentlich vor. Man las einen Brief, der an Herrn von Flesselles gerichtet war; man sagte ihm, er solle dergestalt die Pariser ein paar Tage hinhalten. Er konnte sich nicht verteidigen; das Volk riß ihn von seinem Sitz herunter und schleppte ihn aus dem Saal hinaus, in dem er den Vorsitz der Versammlung geführt hatte; und kaum war er die Treppe des Stadthauses hinabgekommen, als ein junger Mann die Pistole auf ihn anlegte und ihm eine Kugel vor den Kopf schoß; man ruft: bravo; man schneidet ihm den Kopf ab, setzt ihn auf eine Pike, und ich habe auch sein Herz auf einer Pike gesehen, das man in ganz Paris herumgeführt hat; am Nachmittag knüpfte man den Rest der Besatzung auf, den man mit den Waffen in der Hand ergriffen hatte; man hängte sie an die Laterne des Grèveplatzes. Man begnadigte ein paar von ihnen und alle Invaliden durch Zurufe. Es wurden auch vier oder fünf Diebe auf der Tat ergriffen und auf der Stelle gehängt; was die Spitzbuben derart in Bestürzung versetzte, daß man sagt, sie hätten sich alle aus dem Staub gemacht. Der Herr stellvertretende Polizeidirektor war so erschreckt über das tragische Ende des Vorstehers, daß er seine Demission ins Stadthaus sandte.

Die Unterdrücker wollten sich alle aus Paris flüchten; aber von Montag abend an war immer eine Patrouille von fünfzigtausend Mann auf den Beinen. Man hat niemanden aus der Hauptstadt hinausgelassen. Alle Barrieren wurden verbrannt und alle Zollbeamten sind in Verzweiflung, das könnt ihr euch denken. Die Schweizer, Wachen des Königlichen Schatzes, haben die Waffen niedergelegt. Man hat dort 24 Millionen gefunden, deren sich die Stadt Paris bemächtigt hat. Nach dem Handstreich, der die Bastille gestürmt hatte, glaubte man, die Truppen, die rings um Paris lagerten, könnten eindringen, und niemand legte sich schlafen. In dieser Nacht waren alle Straßen beleuchtet; man warf Stühle, Tische, Fässer, Pflastersteine, Wagen auf die Straßen, um sie zu verbarrikadieren und den Pferden die Beine zu brechen. In dieser Nacht waren 70 000 Mann unter den Waffen. Die Gardes-francaises patrouillierten mit uns zusammen. Ich war die ganze Nacht durch auf Wache. Gegen 11 Uhr nachts traf ich auf ein Husarendetachement, das eben durch das Tor Saint-Jacques eingezogen war. Der Gendarm, der uns befehligte, rief: Wer da! Der Husarenoffizier rief: Frankreich, die französische Nation; wir wollen uns ergeben und euch unsern Beistand anbieten. Da man etwas mißtrauisch war, sagte man ihnen, sie sollten erst die Waffen niederlegen, und als sie sich weigerten, dankte man für ihre Dienste, und es wäre nicht einer von ihnen entkommen, wenn sie nicht fortwährend drauf los geschrien hätten: Hoch die Pariser! Es lebe der Dritte Stand! Man führte sie zu den Barrieren zurück, wo wir ihnen gute Nacht wünschten. Wir hatten sie eine Zeitlang in Paris herumgeführt, wo sie die gute Ordnung und den Patriotismus bewundern mußten. Die Frauen brachten Wasser zum Kochen, um es auf die Köpfe zu gießen; sie sahen die glühend gemachten Pflastersteine an den Fenstern, die dazu bestimmt waren, auf sie geschmettert zu werden, und rings um sich die zahllosen Milizen von Paris, die mit Säbeln, Degen, Pistolen und mehr als 60 000 Bajonetten bewaffnet waren, über 150 Kanonen, die an den Straßeneingängen aufgeprotzt waren. Ich glaube, ihr Bericht war es, wodurch das Lager in Schrecken und Starrheit versetzt wurde. Wir hatten die Pulvervorräte der Bastille, des Arsenals, 50 000 Patronen, die im Invalidenhaus gefunden wurden.

Mein Rat war, nach Versailles zu gehen. Der Krieg wäre damit zu Ende gewesen, die ganze Familie wäre aufgehoben worden, alle Aristokraten in einem Fischzug gefangen. Ich war sicher, daß die unbegreifliche Eroberung der Bastille in einem Sturm von einer Viertelstunde das Schloß von Versailles und das Lager fassungslos gemacht hatte und daß sie nicht die Zeit gehabt hätten, zu sich zu kommen. Gestern morgen ging der eingeschüchterte König in die Nationalversammlung; er ergab sich der Versammlung bedingungslos, und nun sind alle seine Sünden vergeben. Unsre Abgeordneten führten ihn im Triumph zum Schloß zurück. Er weinte viel, hat man versichert. Er kehrte zu Fuß zurück und hatte nur unsre Abgeordneten zu Wachen, die ihn zurückführten. Target sagte mir, es sei ein schöner Aufzug gewesen. Am Abend war der Umzug noch schöner. 150 Abgeordnete der Nationalversammlung, Klerus, Adel und Gemeine setzten sich in königliche Equipagen, um den Frieden zu verkünden. Um halb vier Uhr langten sie auf der Place Louis XV. an, verließen die Wagen und gingen zu Fuß über die Rue Saint-Honoré bis zum Stadthaus. Sie schritten unter den Fahnen der Gardes-franqaises, die sie küßten, und wobei sie sagten: Das sind die Fahnen der Nation, der Freiheit, und 100 000 Bewaffnete und 800 000 Menschen mit rot-blauen Kokarden waren um sie. Das Rot, um zu zeigen, daß man bereit war, sein Blut zu vergießen, und das Blau für eine himmlische Verfassung. Die Abgeordneten trugen ebenfalls die Kokarde, Man machte halt vor dem Palais Royal und vor dem Gardisten der Garde-francaise, der auf dem Phaeton des Herrn von Launay saß, das ihm die Stadt, ebenso wie die Pferde, die der geköpfte Gouverneur nicht mehr brauchte, zum Geschenk gemacht hatte. Er trug eine Bürgerkrone auf dem Kopf. Er reichte allen Abgeordneten die Hand.

Ich marschierte mit bloßem Degen neben Target, mit dem ich plauderte; er war von einer unaussprechlichen Freude erfüllt. Sie strahlte aus allen Augen, und ich habe nie etwas dergleichen gesehen. Unmöglich kann der Triumph des Aemilius Paulus schöner gewesen sein. Trotzdem war meine Freude am Tag vorher noch größer gewesen, als ich auf die Bresche der eroberten Bastille trat und man die Fahne der Garden und Bürgerwehren dort aufpflanzte. Dort waren die meisten der eifrigen Patrioten beisammen. Wir umarmten uns, wir küßten den Gardisten die Hände und weinten vor Freude und Trunkenheit.

Nachschrift: Gestern haben die 150 Abgeordneten und die Wahlmänner im Stadthaus den Frieden proklamiert. Der Marquis von La Fayette ist zum General der 16 Legionen Pariser Milizen ernannt worden, die französischen und Schweizer Garden wurden zu Nationaltruppen erklärt und sollen künftig, ebenso wie die zwei ersten unsrer 16 Legionen im Sold der Nation stehen. Herr Bailly ist zum Maire [Bürgermeister von Paris] ernannt worden. In diesem Augenblick legt man die Bastille nieder; Necker ist zurückgerufen; die neuen Minister haben abgedankt oder sind abgedankt worden; Foulon ist vor Angst gestorben; der Abbe Roy ist gehängt; der Gouverneur und Untergouverneur der Bastille und der Vorsteher der Kaufmannschaft sind enthauptet; fünf Diebe sind an die Laterne gehängt worden; etwa 100 Menschen auf beiden Seiten sind bei der Bastille umgekommen. Seit Sonntag sind die Theater geschlossen geblieben, etwas Unerhörtes!



Quelle: Gustav Landauer [Hrsg.], Briefe aus der Französischen Revolution, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1919, S. 148-156; zit. nach: Behschnitt, W. Die Französische Revolution, Quellen und Darstellungen, in: Politische Bildung, Materialien für den Unterricht. Stuttgart 1978, S. 43ff.