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Primaerliteratur
International | Frankreich | 1789-1815
[P|S|M]
Aussage des Lieutenant Deflue (1) über den Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789
(...) Gegen drei Uhr nachmittags ging ein Trupp bewaffneter Bürger zusammen mit einigen Gardesoldaten vom Arsenal aus zum Angriff über. (...) Man forderte sie auf, sich zurückzuziehen; wenn nicht, würde geschossen. Immer lauter ertönten die Schreie "Die Brücken (Zugbrücken) herunter!" Da wurde etwa dreißig Invaliden befohlen, Feuer zu geben. Die Belagerer schossen ihrerseits. (...) Sie hatten auch drei Kanonen für achtpfündige Kugeln herangeholt und einen Mörser (Geschütz), den sie im Garten des Arsenals aufstellten. Von dort feuerten sie gegen Abend einige Schüsse ab, die aber keinen Schaden anrichteten. Aus der Festung wurde mit einigen Kanonenschüssen geantwortet. Als die Belagerer sahen, dass ihre Artillerie keine Wirkung tat, kamen sie auf ihren ersten Plan zurück, die Tore aufzubrechen. (...) Als de Launay diese Vorbereitungen von den Türmen oben sah, ließ er durch einen Trommler zum Sammeln rufen. Daraufhin lief ich selbst zu den Schießscharten, um das Feuer einstellen zu lassen; die Menge kam heran, und der Gouverneur erklärte sich bereit zu kapitulieren. Niemand wollte die Kapitulation , und die Schreie "Die Brücken herunter" waren die einzige Antwort. Dann suchte ich den Gouverneur auf, um seine Absichten zu erfahren. Im Beratungssaal fand ich ihn damit beschäftigt, einen Zettel zu schreiben, durch den er den Belagerern mitteilte, er habe 20.000 Pfund Pulver, und wenn seine Kapitulation nicht angenommen würde, werde er das Fort, die Besatzung und die Umgebung in die Luft sprengen. Er übergab mir diesen Zettel mit dem Befehl, ihn durchreichen zu lassen. Aber es war erfolglos. Weiter hörten wir "Nieder mit den Brücken! Keine Kapitulation!" Ich kehrte zum Gouverneur zurück und berichtete, wie es stand, und gleich darauf eilte ich zu meiner Truppe zurück. Ich wartete auf den Augenblick, in dem der Gouverneur seine Drohung ausführte; darum war ich sehr überrascht, als ich unmittelbar danach sah, wie vier Invaliden zu den Torflügeln gingen, sie öffneten und die Brücken herunterließen. Sogleich drang die Menge ein. Augenblicklich wurden wir entwaffnet. Es gibt keine Misshandlungen, die wir in jenen Augenblicken nicht erduldeten. (...) Ich kam schließlich unter allgemeinem Geschrei, ich solle gehängt werden, bis auf einige hundert Schritt vor das Rathaus, als man mir einen auf eine Pike (speerähnliche Stichwaffe) gespießten Kopf vorhielt, den ich mir ansehen musste; jemand sagte, es sei der des Monsieur de Launay. Ganz in der Nähe war man dabei, einen Offizier und zwei einfache Invaliden an einer Laterne aufzuhängen. 

(1) Der Lieutnant Deflue kommandierte die Schweizer Garde, die einen Teil der Besatzung der Bastille stellte.



aus: Die Französische Revolution in Augenzeugenberichten. Hrsg. von Georges Pernoud und Sabine Flaissier. München 1989, S.39ff.