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Sekundaerliteratur
Deutschland | Kaiserreich v. 1871

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"Pardon wird nicht gegeben" - Vor 100 Jahren hielt Wilhelm II. die "Hunnenrede"

Gefürchteter Redner: Wilhelm II. - Von einem Podest sprach Wilhelm II. an der Kaiserschleuse zu den in Reih und Glied angetretenen Soldaten. Auf dem Vordach der Lloydhalle gegenüber lauschten viele Medienvertreter der „Hunnenrede“– darunter auch Josef Ditzen von der Nordwestdeutschen Zeitung. 

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Foto: Staatsarchiv Bremen

 

„Pardon wird nicht gegeben“ - Vor 100 Jahren hielt Wilhelm II. die „Hunnenrede“ 

Der letzte deutsche Kaiser galt als unberechenbar. Wilhelm II. blickte auf seine Minister herab und nannte den Chef des Militärkabinetts einen „alten Esel“. Stets geriet die kaiserliche Umgebung in Aufregung, wenn er eine Rede hielt. Die folgenschwerste jährt sich heute zum 100. Mal – die „Hunnenrede“ in Bremerhaven. 

Das Ereignis vom 27. Juli 1900 vor der Wartehalle des Norddeutschen Lloyd an der Kaiserschleuse rückte die Stadt wie nur selten in den Blickpunkt der internationalen Öffentlichkeit. Historiker bewerten sie heute als „unverhüllt imperialistisch und blutrünstig“. In China hatte der religiöse Bund der Boxer zum Kampf gegen Überfremdung und gegen den Einfluss der westlichen Kolonialmächte aufgerufen. Der so genannte Boxeraufstand begann im Frühjar 1900. Die Aufständischen belagerten das Gesandschaftsviertel in Peking. Im Juni kam der deutsche Gesandte Klemens von Ketteler bei den Unruhen ums Leben. Die europäischen Länder und die USA wollten eingreifen. Wilhelm II. verlangte einen Rachefeldzug unter deutscher Führung. Mehrere Expeditionskorps wurden auf die Reise geschickt. Unter ihrem Generalfeldmarschall Alfred von Waldersee machten die Deutschen durch blutige „Strafoperationen“ von sich reden. Truppen vor der Lloydhalle Allein von Bremerhaven aus stießen 18 Schiffe mit 11 000 Soldaten an Bord in See. Kurz vor dem Auslaufen in der Mittagszeit des 27. Juli forderte Wilhelm II. die vor der Lloydhalle versammelten Truppen auf: „Kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen, Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer Euch in die Hände fällt, sei in Eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“ Der Staatssekretär des Äußeren, Bernhard von Bülow, erkannte die fatale Wirkung dieser Sätze. Er verlangte von den anwesenden Journalisten, den mitstenografierten Text nicht an die Redaktionen weiterzuleiten. Vielmehr sollten sie auf eine von ihm entschärfte Fassung warten. Doch nicht alle hielten sich daran. Die größte publizistische Wirkung erzielte die Bremerhavener Nordwestdeutsche Zeitung (Vorläuferin der NORDSEE-ZEITUNG). Sie veröffentlichte eine von ihrem Verlagsleiter Josef Ditzen mitgeschriebene, stilistisch geglättete Version. Noch am Abend des 27. Juli ließ Ditzen Hunderte von Zeitungsexemplaren in die Berliner Redaktionen schicken und zudem einen Stapel auf der kaiserlichen Jacht „Hohenzollern“ abliefern. Durch diesen Marketing-Coup wurde der unzensierte Redetext bekannt. Im großen Presse-Echo erntete Wilhelm II. bei vielen Kommentatoren sogar Zustimmung. Reaktionen der internationalen Politik blieben vorerst aus – man kannte Wilhelm II. Doch die „Hunnenrede“ haftete besonders im Gedächtnis der Briten. In der Propaganda des Ersten Weltkriegs gaben sie den Deutschen einen Spitznamen – „die Hunnen“. Das Klima der Zeit war vergiftet. jo



aus: Nordsee-Zeitung vom 23.3.2000 mit frdl. Genehmigung für psm-data; vgl. auch: Synopse: (Hunnenrede A) Nordwestdeutsche Zeitung, Bremerhaven, 28. Juli 1900 (Hunnenrede B) Reichsanzeiger, Berlin, nichtamtlicher Teil

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