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Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1905, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1905 - Rückblick auf die Entwicklung Deutsch-Südwestafrikas im Jahre 1904
(S. 12) Für Südwestafrika hat im Jahre 1904 der Eingeborenen-Aufstand alles Interesse beherrscht. Die Verluste der weissen Bevölkerung sind auf mehr als 7 Millionen von der Entschädigungskommission berechnet worden. Dazu sind viele der besten Farmer, auch Frauen und Kinder, von den Herero ermordet worden. Zur Zeit ist, da auch die Witboois sich erhoben haben, noch gar nicht abzusehen, wann in Südwestafrika Ruhe und Friede wieder einkehren wird. In den ersten Nöten hat das deutsche Volk durch die Deutsche Kolonialgesellschaft (Aufruf vom 25. Januar), (S. 13) das Zentralhilfskomitee für die deutschen Aussiedler in Südwestafrika noch manche private Vereinigungen schnelle Hilfe gebracht, weil es den von Haus und Hof Vertriebenen, um Hab und Gut gebrachten an allem fehlte. Die Deutsche Kolonialgesellschaft sammelte bis Anfang November 1904 rund 275000 M. und schickte 70000 M. an das Zentralhilfskomitee in Windhuk und ebensoviel wurde unter das Zweighilfskomitee in Karibib, Grottfontein, Omaruru, Swakopmund und Outjo verteilt. Ferner ging von seiten der Deutschen Kolonialgesellschaft noch eine grosse Sendung von Kleidern und Wäschestücken nach Windhuk ab.

Der dauernde Schaden der weissen Bevölkerung ist von der Entschädigungskommission, die sich aus Farmern und Beamten zusammensetzte, im Hererogebiete auf mehr als 7 Mill. M., im Namaland auf 6 Mill. M. geschätzt worden. In deutschen Landen war jedermann unbefriedigt, als am 22. April 1904 die Mehrheit des Deutschen Reichstages sich dahin entschied, dass 2 Mill. M. zu Darlehen an Geschädigte, sowie zu Hilfeleistungen an Bedürftige aus Anlass der Verluste infolge des Aufstandes in Südwestafrika gewährt werden sollten. Denn jedermann war überzeugt, dass, wenn sich auch juristische Argumentationen nicht finden liessen, aus moralischen Gründen den Kulturpionieren in Südwestafrika ganze und volle Entschädigung der gehabten Verluste gewährt werden musste. Die Regierung kündigte auch eine neue Vorlage an.

Im April wurde aus den Kreisen der Bevölkerung des Schutzgebietes als Ergebnis einer in Windhuk abgehaltenen Versammlung eine ernste Eingabe an das Gouvernement gerichtet. Um nachträglich an den massgebenden Stellen ihre Ansprüche zu vertreten, schickten die südwestafrikanischen Siedler eine Abordnung von fünf Herren aus ihrer Mitte: Erdmann, Erhard, Kürsten, Schlettwein, Voigts, die in einer Broschüre in knapper, eindrucksvoller Weise die Ursachen des Aufstandes und die Entschädigungsansprüche der Ansiedler darstellte. Die Abordnung wurde im August sodann vom Reichskanzler Seiner Majestät dem Kaiser zugeführt, der sich über die Verhältnisse in Südwestafrika eingehend unterrichten liess und den schwer geprüften Südwestafrikanern nach seinen Kräften Unterstützung verhiess. Die Regierung hatte denn auch vom Reichstag im Nachtragsetat die Bewilligung einer Summe von 5 Mill. M. verlangt. Nach Vorschlag der Budgetkommission wurde aber diese Forderung durch Beschluss vom 31. Januar 1905 auf 3 Mill. M. herabgedrückt. Der Kolonialfreund kann nur hoffen, dass diese zweite Rate an Entschädigungsgeldern nicht die letzte gewesen ist und dass gelegentlich der Forderungen für die im Witbooiaufstande verursachten Schäden auch für die Ansiedler im Damaralande die von der Entschädigungskommission als notwendig anerkannte Hilfe gewährt werden wird.

Skizzieren wir kurz die Ereignisse des Aufstandes im Jahre 1904. Die erste sehr optimistische Meldung vom Januar sprach von einer Erhebung der Hererobevölkerung. Aber schon zwei Tage später musste gemeldet werden, dass die Herero Okahandja eingeschlossen, die Eisenbahnbrücke bei Osona zerstört und dass die Telegraphenverbindungen mit Windhuk abgeschnitten seien. Ein von Swakopmund abgeschickter Zug konnte die Hauptstadt nicht mehr erreichen. Zur ersten Hilfe bei den geringen im Norden des Schutzgebietes zur Verfügung stehenden Truppen (bedauerlicherweise war Omaruru von der Kompagnie Franke entblösst worden) erhielt der in Kapstadt ankernde, kleine Kreuzer "Habicht" Befehl, sich schleunigst nach Swakopmund zu begeben. Er landete am 19. Januar zwei Offiziere mit 52 Mann, ein Maschinengewehr und zwei Revolverkanonen, die aber nur bis Karibib vordringen konnten. Die bedrohten Hauptplätze Windhuk, Okahandja und Omaruru wurden erst in den letzten Januartagen und in der ersten Februarwoche durch die mit Windeseile vom Bondelszwartsgebiet herangeeilte Kompagnie Franke entsetzt. Diese heldenhaften deutschen Soldaten haben sich nicht nur um das deutsche Schutzgebiet, sondern um Kaiser und Reich unvergängliche Verdienste erworben.

Am 10. Februar legte in Swakopmund der erste Unterstützungstransport an, nämlich das Seebataillon. Am Lande übernahm den Oberbefehl Major von Glasenapp. Am 23. Februar und am 1. März trafen weitere Verstärkungstransporte in Swakopmund ein. Oestlich von Omaruru an der Wasserstelle bei Otjihinamaparero fand das erste grössere Gefecht statt. Der 13. März war der schlimmste Unglückstag des ganzen Feldzuges, an dem Major von Glasenapp mit seinem Stabe, zahlreichen Offizieren und einer berittenen Abteilung von 36 Mann im Dorngebüsch auf die Nachhut der Herero stiess. Er wurde in dem ungünstigen Gelände umzingelt, wobei 7 Offiziere und 13 Mann fielen und 3 Offiziere und 2 Mann verwundet wurden. Diesselbe Abteilung machte diese Schlappe gut durch ein am 2. April durchkämpftes schweres, aber siegreiches Gefecht bei Okaharui.

Eine grössere Schlacht fand am 9. April statt, wo Oberst Leutwein die etwa 3000 Gewehre starke Hauptmacht des Feindes bei Onganjira angriff und nach achtstündigem Gefecht bei Einbruch der Dunkelheit die feindlichen Stellungen durchbrach. Hier fielen 2 Offiziere und 2 Mann, daneben waren zahlreiche schwere Verwundungen zu verzeichnen. Vier Tage später hatte Leutwein bei Okatumba ein schweres zehnstündiges Gefecht zu bestehen, wobei auf deutscher Seite 2 Offiziere und 7 Reiter fielen. Ende April brachen bei der Kolonne Glasenapp verhängnisvolle Typhuserkrankungen aus, die fast mehr Opfer forderten als die Kugeln der Herero.

Zu Anfang Mai wurde Generalleutnant von Trotha, bisher Divisionskommandeur in Trier, ehemals stellvertretender Gouverneur von Ostafrika, mit dem Oberbefehl über die Truppen in Südwestafrika betraut und traf am 11. Juni in Swakopmund ein. Die Herero hatten sich in der Zwischenzeit (S. 14), kaum behelligt, am Waterberg festgesetzt. Trothas Plan ging darauf hin, sie einzukreisen, soweit das natürlich bei den weiten Ausdehnungen überhaupt denkbar war. Er hatte im Verlaufe des Juni und Juli zahlreiche kleine Scharmützel mit den Herero durchzufechten und griff sie, die bei Hamakari am Waterberg sich verschanzt hatten, am 11. August von allen Seiten an. In panikartiger Flucht, unter Zurücklassung von sehr vielem Vieh, Habseligkeiten und zahlreichen Leichen ging der Feind zurück und schlug in der Hauptsache eine östliche Richtung ein.

Durch das Gefecht am Waterberg wurden die Herero nachdrücklich geschlagen, wenn auch die Bekämpfung der nun in alle Winde zerstreuten kleineren Truppen nicht ohne Schwierigkeiten war. Zum Teil waren auch Abteilungen über die Grenze von Britisch-Betschuanaland gegangen, wohin aus völkerrechtlichen Gründen die deutschen Truppen ihnen nicht zu folgen vermochten. Zu den Schwierigkeiten im Norden gesellten sich seit Ende August Meldungen aus dem Süden des Schutzgebietes über eine dreist auftretende Räuberbande unter einem gewissen Morenga, so dass General von Trotha sich genötigt sah, dorthin kleine Verstärkungen zu schicken. Die Spitzen der Truppen waren im September bis Epukiro vorgedrungen und hatten überall kleine Gefechte mit versprengten Hererobanden zu liefern gehabt. Allenthalben ergab sich hierbei, dass der moralische Erfolg des Gefechts am Waterberg ein durchschlagender gewesen war.

Ueberraschend kam am 8. Oktober eine Meldung Leutweins, die Witboois, auf deren Treue vor allem der Gouverneur gebaut hatte, hätten in feindlicher Absicht Gibeon verlassen und benachbarte Stationen angegriffen. Daneben kamen Meldungen, dass der Zulauf zur Bande des Morenga andauernd ein starker sei. Hendrik Witbooi schonte weder den ihm allzeit überaus freundlich gesinnten Bezirksamtmann von Burgsdorff, noch die Missionare, noch die Farmer. Selbst Frauen wurden, wie es auch die Herero getan hatten, nicht verschont. General von Trotha hielt es für angebracht, mit seinem Stabe vom nördlichen Kriegsschauplatz sich dem südlichen näher zu begeben und traf am 24. Oktober in Windhuk ein. Die meisten Stämme der Hottentotten schlugen sich zu den Witboois. Treu blieben nur die Bethanier und die Rehobother Bastards. Die gut berittenen und bewaffneten Aufständischen sammelten sich in der Stärke von rund 600 Gewehren bei Rietmont und Kalkfontein. Von zwei aus dem Norden entsandten Kompagnien wurden Hoachanas und Kub besetzt. Bei beiden Orten fanden im Laufe des Oktober und November kleinere Gefechte statt; erst Ende November wurden die Witboois von Kub zurückgeworfen. Am 4. Dezember wurde von Oberst Deimling Rietmont besetzt, nachdem er dem Feinde beträchtliche Verluste beigebracht und 15000 Stück Vieh erbeutet hatte. In den ersten Tagen des Jahres 1905 haben sehr ernste Gefechte bei Stamprietfontein stattgefunden, an denen auf Seiten der Witboois auch 250 Herero teilnahmen.

Insgesamt sind im Jahre 1904 39 Offiziere und 286 Mann im Felde gefallen; ausserdem hat der Typhus an Opfern 15 Offiziere und 247 Mann gefordert. Nach Abzug der Verluste und sonstigen Abgänge befanden sich am Ende des Jahres 1904 im Schutzgebiete rund 10400 Mann, wovon 700 krank oder verwundet waren. 2370 Mann befanden sich zu Anfang des Jahres 1905 auf der Ausreise und sollten demnächst abgehen. Nach dem Eintreffen der letzten Transporte sollte der Rest des Marineexpeditionskorps, rund 350 Mann, zurückgezogen werden.

Der Aufstand hat in deutschen Landen Interesse für die Kolonien geweckt und alte und neue Fragen sind genug aufgetaucht und erörtert worden. So die Frage der Wassererschliessung im Anschluss an den Bericht Alexander Kuns über seine Fischflussexpedition. In die Erörterung des Themas haben Praktiker wie Theoretiker eingegriffen. Alle waren mit dem von der Regierung entsandten Ansiedelungskommissar Dr. Paul Rohrbach der Meinung, dass es unschwer möglich sei, den reichlichen Regenfall Deutsch-Südwestafrikas wirtschaftlich nutzbar zu machen. Grössere Aufmerksamkeit wird zuzeit den Otawi-Kupferbergwerken geschenkt, die man schnell mit der von Swakopmund ausgehenden Eisenbahn zu erreichen trachtet.

Am 13. November wurde amtlich bekannt gegeben, dass der bisherige Gouverneur Leutwein beurlaubt und an seiner Stelle General von Trotha mit der Leitung der Gouvernementsgeschäfte betraut worden sei. Gleichzeitig wurde angekündigt, dass Gouverneur Leutwein nicht in das Schutzgebiet zurückkehren werde und für später der bisherige Generalkonsul in Kapstadt, von Lindequist, als sein Nachfolger in Aussicht genommen sei. In den Kreisen der weissen Ansiedler des Schutzgebietes ist diese Ankündigung mit heller Freude begrüsst worden, da Herr von Lindequist allseitiges Vertrauen geniesst. Es ist zu wünschen und steht wohl auch zu hoffen, dass Herr von Lindequist als Gouverneur an die Spitze von Deutsch-Südwestafrika treten wird.



  

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1905, S. 12ff.

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