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Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1905, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1905 - Rückblick auf die Entwicklung Togos im Jahre 1904 
(S. 6) Das Jahr 1904 ist für Togo ein Jahr des Erfolges gewesen. Wurden doch am 16. Juni die Mittel zum Bau einer Eisenbahn von Lome nach Palime bewilligt. Sie wird 122 km lang werden, durchquert die 90 km breite Oelpalmenzone und reicht in die für den Baumwollbau besonders geeigneten Gebiete der Kolonie hinein. Vor allem ist sie dadurch wichtig, dass sie die gefährlichen.Tsetsegegenden überbrückt. Die Bahn dürfte im Oktober 1906 beendet sein, wenigstens ist in dem Vertrage das vorgesehen worden. Es sind drei Haltestellen, zwei Ladestellen und vier Kreuzungen geplant. Zum Bau der Eisenbahn wird dem Schutzgebiete ein Darlehen bis zum Höchstbetrage von 7,8 Mill. M., binnen 30 Jahren rückzahlbar und mit 3 1/2 vom Hundert jährlich zu verzinsen, gewährt. Es ist eine Spurweite von mindestens l m vorgeschrieben worden.
(S. 7) Die im Anfang März begonnene Küstenbahn Lome-Anecho (Klein-Popo) ist fast bis zum Ende fertiggestellt. Man hat nachträgich die Spurweite auf 1 m erhöht. Die Vollendung der Bahn darf für Anfang des Jahres 1905 erwartet werden.
Die am 27. Januar 1904 eingeweihte Landungsbrücke hat im März und April dieses Jahres ihre Probe bestanden. An Tagen mit ruhiger See können die Güter durch die Brandung gelandet werden, bei schlechter See ist man ganz auf die Landungsbrücke angewiesen, mit deren Hilfe es zum Beispiel an einem Tage getang, 153 Bootsladungen zu landen und 23 Bootsladungen zu verschiffen. Ein Brückenzwang ist bisher noch nicht ausgesprochen worden. Die Brücke wird aber von den meisten Firmen benutzt. An der Brückenwurzel, unmittelbar neben den Gleisen ist das Zolldienstgebäude mit dem Zollschuppen in Sandbeton hergestellt worden. Die gesamten Kosten der Landungsbrücke einschliesslich des Zolldienstgebäudes und der Zollgleisanlagen haben etwa 800 000 M. betragen.
Im Strassen- und Wegebau sind mancherlei Fortschritte zu verzeichnen. So wurde durch Verbreiterung, Geradelegung und Befestigung dis Strassenregulierung in Lome weiter geführt, ähnlich auch in Anecho. Ausserdem ist in sämtlichen Bezirken das Wegenetz weiter ausgebaut worden, indem die Strassen festgelegt und der Busch beseitigt wurde. An wenigen Stellen waren Brücken und Dämme erforderlich. Als Arbeitskräfte wurden in der Regel Steuerarbeiter verwandt. In den Bezirken Lome, Misahöhe und Atakpame ist ein regelmässiger Wagenverkehr eingeführt worden, der auch jetzt eine regelmässige Verbindung zwischen Lome und Palime herstellt, wo bisher ausschliesslich nur Träger die Lasten beförderten. Da es schwierig war, die erforderliche Zahl Träger für den Transport in das Innere zu erhalten, so ist die Einführung dieses Wagenverkehrs von grosser Bedeutung. Der Trägermangel wurde noch gesteigert durch den Arbeiterbedarf der Küstenbahn und dürfte beim Beginn des Baues der grossen Strecke gewiss nicht nachlassen. Für die Zukunft dürften grössere Mittel sowohl für die Instandhaltung als auch für die Neuanlage von Wegen und Brücken erforderlich sein. Der Bezirk Anecho vollzieht seinen Lastenverkehr hauptsächlich auf der Lagune und dem Mono. Im März des Jahres 1904 ist wieder einmal der Mittel- und Unterlauf des Haho auf seine Schiffbarkeit hin untersucht worden mit dem Ergebnis, dass ausser den untersten 12 km der Fluss zu keiner Jahrsszeit mit Booten befahrbar ist.
In der Ziffer der Schiffe, die im Jahre 1903 die beiden Häfen des Schutzgebietes angelaufen haben, ist ein Rückgang um 10 auf 297 zu verzeichnen, weil im Berichtsjahre die Frachtdampfer nicht mehrmals auf derselben Reise die Reede besuchten, wie das früher geschah.
Grenzregulierung. Wichtig für das Schutzgebiet Togo ist, dass durch Notenaustausch zwischen der Reichsregierung und der Königlich Grossbritannischen Regierung vom 26. Juli 1904 zwischen Togo und dem nördlichen Territorium der englischen Goldküstenkolonie eine neue Grenzlinie festgelegt worden ist. Die dazu nötigen Grenzpfeiler sind durch einen deutschen und einen englischen Kommissar aufgestellt worden. Durch diese Grenzregulierung ist Togo das einzige deutsche Schutzgebiet in Afrika geworden, dessen Grenzen gegenüber den Nachbarn überall feststehen.
Eine Volkszählung hat am 1. Januar 1904 stattgefunden. Sie stellte fest, dass gegen das vorige Jahr die weisse Bevölkerung des Schutzgebietes um 21 auf 189 Köpfe gewachsen ist. Davon sind 179 Deutsche, 4 Schweizer, 3 Engländer. 3 Amerikaner. Dem Beruf nach sind 62 Regierungsbeamte (8 weniger als im Vorjahre). 32 Geistliche und Missionare (5 weniger als im Vorjahre), 6 Pflanzer und Farmer, 44 Kaufleute und Händler (gegen 35 im Vorjahre). Von den Männern sind nur 18 verheiratet, von denen 10 ihre Ehefrauen in das Schutzgebiet mitgeführt haben. Für die eingeborene Bevölkerung ist man auf Schätzung angewiesen. Nach amtlichen Erklärungen hat man die schwarze Bevölkerung des Schutzgebietes bisher erheblich überschätzt, sie dürfte 1 ½ Millionen keinesfalls übersteigen. Lome zählt rund 4000 Eingeborene.
Landwirtschaft. Hier steht an erster Stelle die Baumwollkultur, die sowohl als Volkskultur wie auch als Grosskultur betrieben wird. Die Frage der Ertragsfähigkeit für eine Grosskultur, wie sie im grösseren Massstabe auf der Pflanzung Kpeme und in kleinerem Masse auf der im Innern gelegenen Pflanzung der Togo-Gesellschaft betrieben wird, kann erst durch mehrjährige Versuche geklärt werden. Die Baumwoll-Eingeborenenkultur hat einen langsamen, aber stetigen Fortgang genommen. Zum Teil ist der Baumwollbau eine Zwischenkultur zwischen Yams. Mais, Maniok und Erdnüssen. Er wird sich noch mehr ausdehnen, wenn die Zahl der jetzt als Träger verwandten Eingeborenen durch die verbesserten Verkehrsverhältnisse (Eisenbahn) für die produktive Landwirtschaft und insbesondere für den Baumwollbau frei gemacht wird. Die letzte Ernte hat 1000 Ballen ergeben gegen 400 im Vorjahre.
Für Palmkerne und Palmöl, die eigentlichen Hauptprodukte des Landes, war bekanntlich das Jahr 1903 ausserordentlich ungünstig gewesen, so dass die Ausfuhrmengen um mehr als die Hälfte des Vorjahres zurückgingen. Nach den reichlicben Regenfällen im Oktober und November 1903 und nach den ergiebigen Niederschlägen der im März 1904 einsetzenden Regenzeit sind die Aussichten für 1904 günstiger geworden.
Bedeutend gestiegen ist die Gewinnung von Kautschuk, nämlich von 1902 auf 1903 von 72 000 kg auf 95 000 kg im Werte von 367 000 beziehungsweise 640 000 M. Die Preissteigerung von Gummi auf dem Weltmarkte wird aller Wahrscheinlichkeit nach zur Folge gehabt haben, (S. 8) dass auch im im Jahre 1904 grössere Mengen Kautschuks gewonnen und ausgeführt worden sind.
Für den Anbau von Kakao eignen sich in Togo nur verhältnismässig kleine Gebietsteile. Ebenso wenig hat der Kaffeebaum, der in früheren Jahren eine gewisse Rolle spielte, heute noch eine wesentliche Bedeutung. Die äusserst schwierige Kolakultur hat bisher auch nur eine geringe Ausdehnung genommen. Von sonstigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen kommt für die Ausfuhr nur Mais in Frage, dessen Export im Jahre 1903 rund 100 000 M. an Wert betrug. Von den Versuchsgärten soll der in der Nähe von Lome gelegene nicht mehr erweitert werden, weil die erzielten Erfolge nur für ein beschränktes Gebiet Geltung haben und die für den Küstenstrich vorläufig in Betracht kommenden Kulturen bereits hinreichend festgestellt sind. Dagegen haben sämtliche Inlandsstationen sowie auch die meisten Nebenstationen grössere oder kleinere Versuchspflanzungen angelegt. Aus Atakpame wird berichtet, dass die eingeborene Bevölkerung für schwierige Kulturen noch nicht reif zu sein scheint. Bessere Meldungen kommen aus dem Bezirk Misahöhe. Die Eingeborenen werden von den Stationen durch Abgabe von Saatgut unterstützt. Wünschenswert wäre ein weiterer Ausbau des Versuchsgartens in Misahöhe zu einer unter fachmännischer Leitung stehenden grösseren Versuchs- und Lehrstation, um bestes Saatgut zu erzielen und die Eingeborenen systematisch in den einzelnen Kulturen zu erziehen.
Ueber die Viehzucht ist wenig zu sagen.
Handel: Ueber die Organisation des Handels entnehmen wir der neuesten Denkschrift das Folgende: "Der Absatz der von den europäischen Firmen eingeführten Waren an die Eingeborenen erfolgt teils durch direkten Einkauf der Konsumenten in den Faktoreien der Küstenplätze oder deren Zweigniederlassungen im Innern des Landes, teils durch eingeborene Zwischenhändler, welche die Waren grösstenteils auf den zahlreichen Märkten zum Verkauf bringen. Durch Weitervorschieben der Zweigniederlassungen der Faktoreien ins Innere wird dem Zwischenhandel immer mehr Abbruch getan. In den nördlichen Teilen des Schutzgebiets liegt der Zwischenhandel fast ausschliesslich in den Händen der Haussas.
Der Handel mit den zur Ausfuhr gelangenden Landesprodukten liegt noch durchweg in den Händen eingeborener Zwischenhändler. Diese kaufen die Produkte auf den Märkten auf und liefern sie an die Faktoreien. Den Handel mit Palmkernen und Palmöl vermitteln meistens Frauen, den mit Gummi die Männer.
Der Tauschhandel ist in den südlichen Teilen des Landes bereits vollständig verdrängt. Es wird fast nur gegen Bargeld gekauft und verkauft, wobei die Eingeborenen teilweise immer noch die englische Münze der deutschen vorziehen. Die deutschen Fünfpfennigstücke erfreuen sich dagegen grosser Beliebtheit.
Das Berichtsjahr war für den Handel ein ungünstiges, da infolge der ungewöhnlichen Trockenheit der letzten beiden Jahre die Produktion des Landes wesentlich zurückging. Hierdurch wurde sowohl eine erhebliche Abnahme der Ausfuhr, als auch - infolge der geminderten Kaufkraft der Eingeborenen - eine Abnahme der Einfuhr verursacht."
Der Handel wurde im Jahre 1903 ungünstig beeinflusst durch die Trockenheit. Die Ziffern für 1904 liegen noch nicht vor, doch ist anzunehmen, dass bei der Einfuhr auch wieder Textilwaren und Bekleidungsgegenstände Zunahme aufweisen, was auf eine vermehrte Kaufkraft der Eingeborenen schliessen lässt. Im Jahre 1903 ist auf den 30. April 1904 das seit 1894 bestehende deutsch-englische Zollabkommen für das Dreieck am Voltaflusse gekündigt worden. Diese Kündigung ist erfolgt in Verbindung mit dem Projekt der Eisenbahn Lome-Palime. Zur Beschaffung der Mittel für die Verzinsung und Tilgung des zum Bau dieser Eisenbahn nötigen Kapitals ist von den in Togo ansässigen deutschen Firmen selbst eine Erhöhung der Einfuhrzölle vorgeschlagen worden. Verhandlungen mit England über eine Erneuerung der Zollgemeinschaft haben bisher zu keinem Ergebnis geführt. Nur wurde im September 1904 wenigstens ein grundsätzliches Einverständnis über die Festsetzung der Branntweinzölle nicht nur mit England für die Goldküstenkolonie, sondern auch mit Frankreich für Dahome herbeigeführt. Die Denkschrift bemerkt hierzu am Schlusse: "Ein Interesse der Kolonie Togo an einer Erneuerung der Zollunion liegt nicht vor, wenn sich nicht gleichzeitig eine Vereinbarung mit England über die Freiheit des Verkehrs auf dem Voltaflusse und von dem einen nach dem andern Voltaufer erzielen lässt. Vorteil von der Zollunion hat bisher ganz überwiegend der dem deutschen Hinterlande vorgelagerte britische Teil des Unionsgebietes gehabt, dessen Hafenplätze (Kitta, Denu usw.) auf Grund der Möglichkeit des zollfreien Uebergangs der Waren nach dem deutschen Gebiet und auf Grund ihrer günstigen Lage einen nicht unerheblichen Teil des Handels mit dem deutschen Hinterlande vermittelt und beherrscht haben, zum Schaden des Handels der deutschen Küstenplätze und der Finanzen des deutschen Schutzgebiets."
Es sei noch auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die sich in Bezug auf die sogenannte Sprachenfrage zu Anfang des Jahres 1904 erhoben hatten. Die Angelegenheit ist dahin geregelt worden, dass vom 1. Januar 1906 ab neben den Eingeborenensprachen als Unterrichtssprache in den Missionsschulen nur noch die deutsche in Frage kommen soll.
Der auf Grund der Verordnung vom 24. Dezember 1903 gebildete Gouvernementsrat zählt in Togo 7 ausseramtliche Mitglieder, nämlich 4 Kaufleute (2 aus Lome, 2 aus Anecho), 1 Pflanzer und 2 Missionare (je einen von jeder der Konfessionen).

(S. 9) Der Landfriede in Togo ist im ganzen Jahre 1904, von einzelnen, leicht unterdrückten Unbotmässigleiten abgesehen, in keiner Weise gestört worden.


  

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1905, S. 6ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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