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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1905, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin
1905 -
Rückblick auf die
Entwicklung Kameruns im Jahre 1904
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Rückblick auf die
Entwicklung Kameruns im Jahre 1904
(S. 9) Kamerun ist im Jahre 1904 von einem lokalen Aufstande
heimgesucht worden, der nach den letzten Nachrichten wohl beendet ist. Am 17.
Januar 1904 wurde nämlich von Bascholeuten Graf von Pückler,
Bezirkschef von Ossidinge, nebst dem Händler Küster von Eingeborenen (S. 10)
des Grossflussgebiets (1) ermordet. In der
Aufstandsregion wurde bald Kriegszustand erklärt und eine Strafexpedition
abgeschickt, die nun das Gebiet pazifiziert hat und der die aufständischen Stämme
die auferlegten Strafarbeiter gestellt haben.
Zu Beginn des Jahres 1904 war eine zweite Expedition gegen einzelne
Ndsimuhäuptlinge in Südkamerun nötig geworden, die, 100 Mann stark, unter
Leitung des Oberleutnants Scheunemann in wenigen Wochen ihre Aufgabe erfüllte
und gleichzeitig einige den Ndsimu stammverwandte und benachbarte Stämme zur
Anerkennung der deutschen Herrschaft zwang. In dem zum Teil noch unerforschten,
aber besonders an Kautschuk reichen Gebiete wurde der Sitz der Verwaltung von
der Grenze mehr in das Innere an den oberen Dscha verlegt. Zu Anfang August ist
Oberleutnant Scheunemann mit der erforderlichen Anzahl ausgesuchter Mannschaften
zur Durchführung der erwähnten Organisation in das Ngokogebiet zurückgekehrt.
Am 16. September wurde bei Mubi durch einen Pfeilschuss Hauptmann Thierry, der
Resident im Bezirk Garua getötet. Die der ersten Meldung hinzugefügte
Bemerkung, dass politisch alles ruhig sei, hat sich bestätigt.
Sonst hat in Kamerun Friede geherrscht und zahlreiche friedliche Arbeiten haben
zum Teil ihre Erledigung gefunden. Es sei zuerst auf die unter Führung des
Hauptmanns Glauning unternommene deutsch-britische Grenzexpedition
hingewiesen, die zwischen Yola und dem Tsadsee arbeitete. Bisher sind ihre
Ergebnisse noch nicht veröffentlicht worden.
Dagegen liegen jetzt die Ergebnisse der Niger-Benue-Tsadsee-Expedition,
die in demselben Gebiete gearbeitet hat, vor, deren Leiter Fritz Bauer in einem
bei Dietrich Reimer erschienenen Werke Bericht erstattet.
Mit Frankreich wird zurzeit verhandelt über die Ergebnisse der
Vermessungsarbeiten der Südkamerun-Grenzexpedition, die mit ihrem Führer
Hauptmann Engelhardt, Ende 1903 über Bertua Jaunde, Kribi in Duala eingetroffen
war.
Gouverneur von Puttkamer, der seit dem Spätsommer 1904 in Deutschland
auf Urlaub weilte und zu Anfang des Jahres 1905 nach Kamerun zurückgekehrt ist,
hatte von Ende des Jahres 1903 bis zu Anfang des Jahres 1904 eine Reise in das
Tsadseegebiet unternommen und sein Gutachten dahin abgegeben, dass der Hauptwert
des Landes in seinen zahllosen, stellenweise nach Tausenden zählenden
Viehherden und in seiner besonders in Madagali und Marua blühenden Pferdezucht
steckt.
Die am 1. Januar 1904 vorgenommene Bevölkerungszählung ergab 710
Weisse, 40 mehr als im Vorjahre, darunter 638 erwachsene Männer, 52 mehr als im
Vorjahre. Dagegen ist die Zahl der erwachsenen Frauen um 5 auf 53, die der
Kinder um 7 auf 19 zurückgegangen. 612 (das heisst 51 mehr als im Vorjahre) der
weissen Bevölkerung sind Deutsche. Die Zahl der Kaufleute und Händler hat sich
um 36 auf 223 vermehrt. An zweiter Stelle folgen die Pflanzer, 103 an Zahl; 93
Regierungsbeamte, 85 Schutztruppenangehörige, 85 Geistliche und Missionare
schliessen sich daran. Von den 638 erwachsenen Männern sind 53 verheiratet und
34 haben ihre Frauen bei sich. In der eingeborenen Bevölkerung finden besonders
im Süden und Südosten des Schutzgebiets noch heute grössere Verschiebungen
statt, indem sich einzelne Stämme in einer Art von Völkerwanderung bewegen. Im
Bezirk Buea hat man die Bakwiri gezählt. Das Ergebnis dieser Statistik, 13 000
Bezirkseingesessene, übersteigt die bisherigen Schätzungen um ein Mehrfaches.
Landwirtschaft: Nach wie vor bilden Palmkerne, Palmöl, Gummi, Kakao und
Elfenbein die wichtigsten Erzeugnisse des Landes. Kaffee und Tabak sind im Jahre
1904 ganz aus der Reihe der Ausfahrprodukte ausgeschieden. Dagegen scheint sich
die Kultur der Kolanuss zu entwickeln. Um dem Kautschukraubbau
entgegenzuarbeiten, haben Untersuchungen stattgefunden und werden Neukulturen
geplant. Als Zwischenkultur von Kakao findet die Banane Verwendung, deren Früchte
ein billiges und bekömmliches Nahrungsmittel für die Pflanzungsarbeiter
bilden. Bis auf einige am Kamerungebirge nordöstlich gelegene
Pflanzungsgebiete, in denen der Kakao durch anhaltende Regengüsse in der Zeit
seiner Entwicklung stark gelitten hatte, war die Ernte im allgemeinen eine gute.
Auch in der Produktion der Eingeborenen sind Fortschritte zu verzeichnen. Die
Verwaltung lässt sich die Belehrung der Eingeborenen in diesen Dingen sehr
angelegen sein. Einige Innenstationen haben sich durch Anlage von Farmen für
ihre Arbeiter und Soldaten schon von der sehr teuren Zufuhr von Lebensmitteln
von der Küste her unabhängig gemacht. Gepflanzt werden Bananen, Kakao, Makobo,
Kassada, auch Reis, Mais und Erdnuss.
Nach seiner Urlaubsreise hat Dr. Strunk wiederum die Leitung des
Botanischen Gartens in Victoria angetreten. Der Garten hat sich befriedigend
entwickelt. Zu Anfang des Jahres 1904 wurde die Anlage einer Höhenstation in
etwa 600 m Höhe am Kamerunberge vorbereitet. Im Versuchsgarten Buea hat man mit
Tee Gutes erreicht. Alle inneren Stationen haben auf Anregung des Gouvernements
mit der Anlage von Versuchsgärten und Obstplantagen begonnen, in denen
vornehmlich Mango, Orangen und Ananas gezogen werden. In Victoria werden
Schulkinder im Anbau und in der Pflege von Bodenkulturen unterwiesen. Auch im
Bereiche der Viehzucht sind kleine Erfolge zu verzeichnen gewesen. An erster
Stelle steht für Kamerun noch mehr als früher der Kakao (Deutschland allein
hat 1903 für 26 Millionen Mark rohe Kakaobohnen eingeführt). Bei weitem reicht
aber die Kameruner Kakaoproduktion (S. 11) nicht aus, dem deutschen Bedarf zu
genügen. da Deutschland seit 1903 an die Spitze der Kakao verbrauchenden Länder
getreten ist. Es muss erwähnt werden, dass die Qualität des Kameruner Kakaos
eine vorzügliche ist
Bodenschätze: Von Wert für das Schutzgebiet dürften die in der Nähe
von Duala entdeckten Petroleumquellen sein, deren Erdöl von wissenschaftlicher
Seite als vorzüglich bezeichnet worden ist Die Lage der Fundstellen in
unmittelbarer Nähe des schiffbaren Wuri ist die denkbar günstigste. So hat
sich denn als Kamerun-Bergwerks-Aktiengesellschaft bereits eine Gesellschaft zur
Fortführung der Untersuchungen gebildet. An der Grenze nach Nigerien sind
grosse Zinnlager aufgefunden worden. Leider konnte bisher noch nicht
nachgewiesen werden, ob der Abbau lohnend sein wird.
Handel: Im Bezirk Edea ist der Zwischenhandel für die Sanagaleute
verboten worden, wodurch der unmittelbare Handelsverkehr der europäischen
Firmen mit den Eingeborenen, der Handel überhaupt gehoben wurde. Die Zwischenhändler
der Faktoreien bedienen sich häufig einzelner Buschleute als Unterzwischenhändler,
indem sie an diese grössere Bestände an Tauschwaren zum Einbandeln der
Landeserzeugnisse übergeben. Häufig werden von diesen Unterzwischenhändlern
die Zwischenhändler und dadurch die Faktoreien geschädigt; häufig begehen
aber auch die Zwischenhändler der Faktoreien selbst Unterschlagungen und
versuchen die eigene Unredlichkeit mit Anklagen gegen die ihnen als Einkäufer
dienenden Buschleute zu verdecken.
Im weiteren Innern des Schutzgebietes liegt der Handel fast ausschliesslich in
den Händen der Haussa. Er vollzieht sich im wesentlichen noch immer in den
Formen des reinen Tauschhandels. Die Kaufmannschaft setzt zumeist den Bemühungen
der Regierung, den Bargeldverkehr zu fördern, starken Widerstand entgegen. Der
Handel dringt übrigens immer mehr in das Innere vor, wodurch sich an einzelnen
Stellen der Karawanenverkehr verschoben hat.
Verkehrswege: Leider fehlt es noch immer an bequemen Handelswegen nach
der Küste, obwohl im letzten Jahre das Wegenetz eine Erweiterung und
Verbesserung erfahren hat. So wurde der Ausbau einer Strasse
Sopo-Moliko-Meanja-Johann Albrechtshöhe und einer anderen Strasse
Duala-Mundame-Johann Albrechtshöhe begonnen. Auf dem Wege
Victoria-Kriegsschiffhafen sind die morschen Holzbrücken durch dauerhafte
Zementbrücken ersetzt worden. Ferner ist mit dem Bau eines fahrbaren Weges
durch die tiefe und breite Deidoschlucht begonnen worden. Die Hauptstrasse von
Bonako setzt sich jenseits dieser Schlucht um etwa 6 km fort. Im Südbezirk
wurde zu Anfang des Jahres 1904 mit der Herstellung und Neulegung des Hauptweges
Kribi-Bipindi begonnen, dessen Fertigstellung demnächst zu erwarten sein dürfte.
Ebenso ist Lolodorf und Ebolwoa durch eine bequeme Strasse verbunden worden.
Das Hafenamt in Duala hat den Kamerunfluss von seiner Mündung bis zur Höhe der
Hickoryspitze vermessen.
Für das Schutzgebiet Kamerun ist von grossem Wert die Herabsetzung der
Telegrammgebühren. Die Worttaxe, die seit dem 1. Juli 1902 6,70 M. betrug, ist
mit dem 1. Juli 1904 auf 5,30 M. herabgesetzt worden. Der Telegraphenbetrieb ist
ins Inland bis Jabassi ausgedehnt worden, dem Hauptplatz für Palmkerne in der
Landschaft Bassa. Vorbereitungen zur Einrichtung neuer Postanstalten und zur
Herstellung der erforderlichen Verbindungen sind in Kamerun seit längerer Zeit
im gange. Telephonisch verbunden sind heute die Orte Victoria, Buea, Duala und
Edea.
Schulwesen: Die Regierungsschulen in Duala und Victoria erfuhren solchen
Zudrang seitens der Eingeborenen, dass von der ursprünglich beabsichtigten
Aufhebung der Regierungsschule in Duala, unter anderm auch auf die Warnung der
Deutschen Kolonialgesellschaft hin, abgesehen wurde. In beiden Schulen wurde die
Zahl der Klassen vermehrt. An einzelnen Stellen haben aus eigenem Antrieb Häuptlinge
sich Schulen eingerichtet, die von früheren Regierungsschülern geleitet
werden.
Koloniale Literatur des Jahres 1904. (Hauptwerke.)
Bauer Fritz, Die deutsche Niger-Benue-Tsadsee-Expedition 1902-1903. Berlin
1904. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). Geb. 4 M.
Beiträge zur Geologie von Kamerun von Dr. Ernst Esch. Dr. F. Solger, Dr. H.
Oppenheim, Prof Dr. O. Jaechel. Stuttgart 1904. E. Schweitzerhart (E. Nägele).
Brosch
. 81 M.
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| Quelle:
Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen
Kolonialgesellschaft. Berlin 1905, S. 9ff. |
GM
(digitale Umsetzung) und AG
(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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