Startseite Grundlagen Antike Mittelalter Frühe_Neuzeit 18/19Jh/International18/19Jh/Deutschland20Jh/International20Jh/Deutschland Länderverzeichnis Neue_EinträgeForum1GästebuchSuche Impressum
 
Primaerliteratur
Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1905, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1905 - Rückblick auf die Entwicklung Deutsch-Ostafrikas im Jahre 1904 

Rückblick auf die Entwicklung Deutsch-Ostafrikas im Jahre 1904 

(S. 16) Das deutsch-ostafrikanische Schutzgebiet hat am gleichen Tag wie Togo, nämlich am 16. Juni 1904, vom Reichstage die Bahn bewilligt erhalten, die genaue Kenner des Landes schon seit mehr als einem Jahrzehnt als zur wirtschaftlichen Erschliessung dringend nötig bezeichnet hatten. Vorerst sind zwar nur die Mittel für die 225 km lange Strecke von Daressalam nach Morogoro bereit gestellt worden; das Reich garantierte der neu gebildeten Ostafrikanischen Eisenbahngesellschaft die Verzinsung eines Kapitals von 22 Millionen Mark mit 3 % und gewährleistet die Zahlung des um 20 % erhöhten Nennbetrages der jeweilig gelösten und als solche abgestempelten Anteilscheine, so dass die Amortisation in 87 Jahren vollendet sein wird. Wie in Togo, ist auch hier eine Spurweite von mindestens 1 m vorgeschrieben worden. Mit den Bauvorbereitungen wurde noch im Jahre 1904 begonnen. Nach glaubhafter Mitteilung wird Morogoro innerhalb dreier Jahre erreicht werden. 
Auf der Usambara-Eisenbahn hat der Betrieb der 84 km langen Strecke Tanga-Korogwe keine Störung erlitten. Die Herabsetzung der Tarifsätze, insbesondere für die Landeserzeugnisse, hat sich in jeder Weise bewährt. Die Tarifermässigung hat weiterhin zur Folge gehabt die Begründung einer grossen Anzahl von landwirtschaftlichen und gewerblichen Unternehmungen, insbesondere von Agavenpflanzungen und Hanffabriken an der ganzen Bahnlinie entlang. Trotz der Verbilligung der Tarife haben die Einnahmen der Bahn nicht gelitten.
Die Bahn ist zunächst bis Mombo am westlichen Fusse des Usambaragebirges fortgeführt worden. Das Gouvernement klagt über die geringen für Wegebauten zur Verfügung stehenden Mittel; trotzdem hat es die Trassierung des Wegebaues Kilwa-Wiedhafen weiter betrieben. Auch die Arbeiten an der grossen Verbindungsstrasse zwischen dem Njassasee und dem Tanganjikasee erfuhren eine weitere Förderung. Auf Anfrage der Kolonial-Abteilung hat im verflossenen Jahre der Gouverneur Graf von Götzen einen Bericht gegeben, dem wir folgendes entnehmen: Alle neuen Wege und Strassen in Ostafrika lehnen sich an an die das ganze Land durchziehenden Negerpfade. Zur besseren Verbindung der Stationen im Innern wurde Sorge getragen, dass sie nicht überwucherten. Diese Arbeit haben Eingeborene geleistet. Sie haben auch unter Anleitung der aufsichtführenden Personen (meist Unteroffiziere) Brücken errichtet und als Laien Anerkennenswertes geleistet. So sind denn heute alle Stationen untereinander mit Wegen verbunden, die für Fussgänger und Reiter in der Trockenzeit gut passierbar sind, in der Regenzeit allerdings oft zerstört werden. Die Kosten wurden, da kein Fonds für Wegebauten vorhanden war, aus dem laufenden Unterhaltungsfonds der Stationen aufgebracht.
Etwas besser ist es geworden, seitdem im Haushaltungsanschlag eine einmalige Bewilligung für Wegebauzwecke vorhanden ist. Aber Strassen, die länger als eine starke Regenperiode überdauern und auch während der nassen Monate fahrbar bleiben sollen, sind unter 7000 bis 10 000 M. für den Kilometer selten herzustellen. Fahrbare Strassen gibt es nur von Daressalam aus in der Richtung auf Morogoro etwa 60 km, sowie auf ganz geringen Strecken in der Umgebung der grösseren Küstenplätze und Innenstationen. Das schliesst nicht aus, dass auch auf einem grossen Teil der übrigen Wege zu gewissen Jahreszeiten auch (S. 17) einmal ein Wagen durchkommen wird. Ueberdies erscheint einem Buren ein Weg als fahrbar, der einem andern Ansiedler, der in der Behandlung von Tieren unglaublich ungeschickte Neger verwenden muss, unfahrbar vorkommt.
Der Gouverneur kommt zu dem Schluss, dass bei den grossen Niederschlagsmengen und der daraus folgenden Ueppigkeit des Pflanzenwachstums Strassen, damit sie nicht überwuchert werden, ebenso fest wie in Europa gebaut werden müssen. Der Wegebau wird darum viel Kosten verursachen. Wegen der Tierseuchengefahr und der Ungeübtheit der Eingeborenen im Umgange mit Zugvieh erscheint es dem Grafen Götzen nötig, dass jede Strasse stets im Hinblick auf Verkehr mit Automobilen angelegt wird.
Während des ganzen Jahres 1904 ist das Schutzgebiet von Unruhen irgend welcher Art vollständig verschont geblieben.  Einzelne Unbotmässigkeiten von Eingeborenen sind natürlich immer zu verzeichnen. Der Höhepunkt dieses friedlichen Jahres waren die Tage vom 3. und 4. August, wo in Daressalam die erste landwirtschaftliche Ausstellung stattfand. Da man durch Frachtermässigungen und durch besonders eingelegte Personendampfer die Veranstaltungen unterstützt hatte, so hatten sich etwa 500 Europäer aus allen Teilen der Kolonie sowie aus Zanzibar und Britisch-Ostafrika eingefunden, neben Tausenden von Arabern und Indern. Die Reichhaltigkeit der ausgestellten Gegenstände veranschaulichte die Reichhaltigkeit der Produktionen Deutsch-Ostafrikas. Wir nennen Getreide, Gemüse, Oelpflanzenfrüchte, andere Kaffee, Vanille, Pfeffer usw., Industriepflanzen (Baumwolle, Kautschuk, Kapok usw.), nutzbare Mineralien, Vieh und Erzeugnisse der Viehwirtschaft, neben Erzeugnissen des Gewerbefleisses und anderes mehr.
Im Vordergrunde der landwirtschaftlichen Bestrebungen steht die Baumwolle. So hat denn in den Tagen der Ausstellung eine Baumwollkonferenz stattgefunden, die einer sehr zahlreichen Beteiligung sich erfreute. 1903 sind 9300 kg Baumwolle im Werte von 7300 Mark ausgeführt worden. Eine ganze Reihe von Plantagenbesitzern in Daressalam, Tanga, Wilhelmstal, Lindi, Ssongea, Muansa usw. machten Versuche im Baumwollbau. Die Eingeborenen können nur allmählich zu Baumwollpflanzern erzogen werden. In der Hauptsache finden sie als Arbeiter auf den Baumwollfeldern der Gemeinden und Privatbesitzer Verwendung. Nur im Bezirk Muansa ist es einem privaten Unternehmer gelungen, die Leute einer ganzen Landschaft zum Baumwollbau heranzuziehen. Das Gouvernement hat eine Reihe von Schutzverordnungen erlassen. So darf zum Beispiel Baumwollsaat nur in Tanga eingeführt werden und muss sofort von dem Biologisch-Landwirtschaftlichen Institut Amani untersucht werden. Der Import amerikanischer Baumwollsaat ist, weil sie sehr häufig Schädlinge enthält, gänzlich untersagt. Entdeckt oder argwöhnt ein Pflanzer in seiner Pflanzung Schädlinge, so hat er diese dem genannten Institut in Amani einzuschicken. Tritt etwa der Baumwollkapselkäfer auf, so wird die Pflanzung durch Feuer vernichtet und auf dem Gebiet darf innerhalb 20 Jahre weiterer Baumwollbau nicht betrieben werden. Im Jahre 1904 ist die Anbaufläche um das Fünffache vergrößert worden, so dass man eine entsprechend erhöhte Ernte hofft. 
An Güte steht die ostafrikanische Baumwolle der ägyptischen kaum nach. Sie hat einen ausgezeichneten Charakter und Stapel, ist rein und nur ein wenig rauher als Joanowich.
Infolge reichlicheren Regenfalls ist die Ausbeute an Kautschuk um 80 000 kg im Werte von ¾ Mill. Mark grösser gewesen als im Jahre 1902. Zum Zwecke einer dauernden Erhaltung und Vermehrung der Kautschukproduktion, sind Massregeln des Gouvernements zum Schutze der Waldbestände der Kolonie erlassen worden. Mit dem Elfenbein geht es immer mehr zurück. Dagegen bewegt sich die Kopraerzeugung in aufsteigender Linie. In den Kaffeepflanzungen Usambaras sind Neupflanzungen nur wenig ausgeführt worden. Mehr Aufmerksamkeit wurden den Faserpflanzen geschenkt. So entstanden eine Reihe neuer Agavenpflanzungen, namentlich in der Nähe von Tanga. Die Hamburger Handelskammer hat sich über die Agaven- und Sisalernte aus Ostafrika sehr anerkennend ausgesprochen.
Zur Ausbeutung der Waldbestände besteht in Usambara eine Reihe von Sägewerken, die nur dem örtlichen Bedarf dienen.
Als Musteranstalt für alle wirtschaftlichen Kulturbestrebungen des Gouvernements ist das Biologisch-Landwirtschaftliche Institut Amani anzusehen, das landwirtschaftliche Versuchte Privater nach Kräften unterstützt, auf Anfragen Auskunft erteilt und unentgeltlich oder gegen geringe Bezahlung Sämereien, Pflanzen und Stecklinge an Interessenten ausgibt.
Für den Handel stehen bisher nur die Zahlen von 1903 zur Verfügung. Sie berechtigen zu den besten Hoffnungen. Die Ausfuhr des Schutzgebietes ist um fast 1 ½ Mill. Mark, die Einfuhr um etwas weniger als 2 Mill. Mark gestiegen. Die Einfuhr über die Küstenplätze hat sich im allgemeinen im Rahmen des Vorjahres gehalten. Geklagt wird über den Einfluss der Ugandabahn auf den deutsch-ostafrikanischen Handel. Bei der Zunahme der Ausfuhr steht Kautschuk obenan, beträgt doch das Mehrergebnis von 1903 gegen 1902 mehr als ¾ Mill. Mark. Auch bei Hanf, Kaffee, Erzen, Mineralien sind Zunahmen zu verzeichnen.
So hat sich denn in den Küstengebieten eine rege Bautätigkeit geltend gemacht. Vor allem zeigte auch die private Bautätigkeit eine regere Zunahme. Zu erwähnen ist noch der Ausbau des Lienhardt-Sanatoriums (S. 18) in Wugiri, das am 1. Oktober 1904 vollendet und der Oeffentlichkeit übergeben wurde. 
Im Wirtschaftsleben ist als ein erfreuliches Novum zu verzeichnen, dass die Pflanzer sich mehr und mehr zu Organisationen zusammensetzen. 
Das Jahr 1904 hat die längst herbeigesehnte Regelung der Währungsfrage herbeigebracht, indem deutsche Silberrupien ausgeprägt werden. Es gibt Stücke von 2, 1, 1/2 und 1/4 Rupien in Silber, sowie von Kupfer zu 1/100 Rupie (1 Heller) und 1/200 Rupie (1/2) Heller. Die Silbermünzen tragen das Bildnis des Kaisers. Der Umlauf indischer Rupien in Deutsch-Ostafrika wird auf 5-6 Millionen Rupien veranschlagt. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft hat für 3 1/2 Millionen Rupien Münzen auf Grund ihres Prägerechts herstellten lassen. Zur Regelung des Geldverkehrs und zur Stabilisierung des Rupienkurses im Schutzgebiet ist eine Deutsch-Afrikanische Bank gegründet worden, der das Recht zur Ausgabe von Banknoten zusteht.

Koloniale Literatur des Jahres 1904. (Hauptwerke)

Kandt, R., Caput Nili. Berlin 1904. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). Geb. 8 M.

Karte von Deutsch-Ostafrika 1 : 300 000. Sektion G. 4. H. 4. Ssonega 2 M. G. 5. H. 5. Mittlerer Rowuma. Berlin 1904. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). 2 M.

Grosser Deutscher Kolonialatlas. Bearbeitet von Paul Sprigade und Max Moisel. Deutsch-Ostafrika 1 : 100 000. Sektionen Kilimatinde und Neu - Langenburg. Berlin 1904. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). à 1 M.

Leue, A., Die Besiedelungsfähigkeit Deutsch-Ostafrikas. Leipzig 1904. W. Weicher. 1 M.

Merker, M., Die Masai. Berlin 1904. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). Geb. 8 M.

Prince, Magdalene, Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas. 2. Aufl. Berlin 1905. E. S. Mittler & Sohn. 3,50 M.

Schillings, C. G., Mit Blitzlicht und Büchse. Neue Beobachtungen und Erlebnisse in der Wildnis, inmitten der Tierwelt von Aequatorial-Ostafrika. Leipzig 1904. R. Voigtländer. Geb. 14 M.

Spahn, Peter, Die Deutsch-Ostafrikabahn. Separatabdruck aus "Hochland", Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und der Kunst. 1903/04. Heft 5 und 6.

Velten, Prof. Dr. C., Praktische Suaheli - Grammatik nebst Wörterverzeichnis. Berlin 1904


. W. Baensch. Geb. 3,50 M.

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1905, S. 16f

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz 

Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Kartenabteilung

Document in English Language