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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1905, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1905 - Rückblick auf die Entwicklung Ostasiens im Jahre 1904

Rückblick auf die Entwicklung Ostasiens im Jahre 1904

(S. 22) Das ostasiatische Pachtgebiet Kiautschou, das im Jahre 1904 von einem Sohne unseres Kaisers, dem Prinzen Adalbert, besucht wurde, hat sich in diesem Kalenderjahre wiederum auf das beste entwickelt. Ein wichtiger Punkt war darin die am 1. Juni erzielte Vollendung der Schantung-Eisenbahn, die Tsingtau mit Tsi nan fu verbindet. Die Hauptstrecke ist 395 km lang, eine Nebenstrecke im Po schan-Tal 40 km lang und zählt 59 Stationen. Jetzt verkehren auf ihr 20 Lokomotiven, 107 Personen- und 670 Güterwagen. Wöchentlich werden 12 - 15 000 Personen befördert; der Frachtverkehr hat sich gegen das Vorjahr verdreifacht. Man hat beobachtet, dass Landeserzeugnisse, wie Seide, Strohgeflechte, Glas- und Töpferwaren, die bisher auf den alten Ueber-Land-Wegen (S. 23) die gewohnten Verschiffungsplätze aufsuchten, mit der Bahn nach Tsingtau gehen, um dort versandt zu werden. Es steht zu erwarten, dass auch der Landwirtschaft der Provinz Schantung Märkte für Obst, Gemüse, Oel, Tabak und Getreide erschlossen werden, und anderseits hierdurch die Kaufkraft der Bevölkerung für ausländische Waren zunimmt. Die Züge der Schantungbahn können auf der Normalspur von 1,435 m die höchste Schnelligkeit von 60 km in der Stunde erreichen. In weniger als fünf Jahren hat also die am 14. Juni 1899 mit einem Grundkapital von 54 Millionen Mark errichtete Schantung-Eisenbahngesellschaft ihre Aufgabe erfüllt. 
Für die Eisenbahn zeigte ein reges Interesse der bisherige Gouverneur der Provinz Schantung, Tschou fou. An seiner Stelle wurde der frühere Schatzmeister von Schantung, Hu ting kan, zum Gouverneur in Tsinanfu ernannt. Stellvertretender Gouverneur in Schantung ist der bisherige Provinzialrichter Schang tchai lang. Dass man chinesischerseits sich bemüht, die Deutschen zu verstehen und ihnen näher zu treten, scheint aus der Absicht des früheren Gouverneurs hervorzugehen, die letzte Denkschrift über Kiautschou ins Chinesische übersetzen zu lassen. Tschou fou wollte die Denkschrift dem Handelsamt übersenden, damit es daraus entnehmen könne, wie täglich der Tsingtauer Handel wächst, eine für das Volk beider Reiche gleich segensreiche Tatsache. Von demselben Gesichtspunkte aus zu betrachten ist wohl auch die Meldung des deutschen, in Tsingtau erscheinenden Blattes, dass die Nachfrage nach deutschen Schulen in der Provinz Schantung unter den Chinesen immer grösser wird, und dass jüngst ein Lehrbuch der deutschen Sprache für Chinesen erschienen ist.
Die Schantung-Eisenbahngesellschaft ist bemüht im Wei hsien-Gebiet die Kohlenförderung zu verbessern und zu erhöhen. Es wurde im Fang tse-Schacht eine Tagesziffer von 440 t. erreicht; die Gesamtförderung der Grube betrug für 1. Januar bis 30. September 1904 84 700 t. Am 6. Juni wurde daselbst der erste Spatenstich zu einem zweiten Schacht getan. Zu besseren Verwertung der Kohle ist die Errichtung einer Kohlenwäsche und die Anlage einer Brikettfabrik geplant. 
Im Po schan-Revier ist im Sommer 1904 gleichfalls mit dem Abteufen eines Schachtes begonnen worden, welcher die Lieferung einer Fettkohle von guter für Schiffskessel geeigneter Beschaffenheit verspricht.
Die deutsche Gesellschaft für Bergbau und Industrie im Auslande war noch mit den Aufschliessungsarbeiten beschäftigt, die sich hauptsächlich auf tertiäre Goldschotter und Golderzgänge erstreckten. 
Zum ersten Male ist für das Jahr 1903 eine gesonderte Statistik für den Handelsverkehr zwischen dem deutschen Zollgebiet und dem Schutzgebiet Kiautschou mit dem Freihafen Tsingtau veröffentlicht worden. Sie ergibt ein ausserordentliches Anwachsen der deutschen Ausfuhr nach Tsingtau, besonders im groben Eisenwaren, Maschinen und Eisenbahnbedarf. Seit 1. November 1904 erscheinen als Tageszeitung die "Tsingtauer Neueste Nachrichten" ausser dem Wochenblatt "Deutsch-asiatische Warte". 
In Tsingtau herrscht ein reges Bauleben. An der Auguste Viktoriabucht ist ein neues Villenviertel angelegt worden, wo die besten Grundstücke bereits verkauft sind.
Als Hauptanziehungskraft Tsingtaus haben sich in diesem Jahre wiederum seine Einrichtungen als Seebad erwiesen. Es wurde ein grosses, modern eingerichtetes Strandhotel erbaut, und ausser den vorjährigen Besuchern haben sich eine ganze Reihe von neuen eingefunden.
Am 1. September wurde das aus Mitteln der Wohlfahrtslotterie der deutschen Kolonial-Gesellschaft und des Hilfskomitees für Ostasien gestiftete Genesungsheim im Lau schan-Gebirge eröffnet, nachdem es am 10. März zu Ehren des Präsidenten der deutschen Kolonial-Gesellschaft, Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, Mecklenburghaus genannt worden war.
Am 11. August, an dem gleichen Tage, wo in Südwestafrika General von Trotha die auf dem Waterberge verschanzten Herero angriff, suchten aus Port Arthur entflohene russische Kriegsschiffe im Hafen von Tsingtau Zuflucht. Das arg beschädigte Linienschiff "Cäsarewitsch" und einige Torpedofahrzeuge wurden entwaffnet, ein Kreuzer verliess den Hafen wiederum. Zu Anfang des Jahres musste der Postverkehr auf der sibirischen Eisenbahn eingestellt und alle Sendungen über Suezkanal geleitet werden.

Koloniale Literatur des Jahres 1904. (Hauptwerke)

Behme, Fr. und M. Krieger, Führer durch Tsingtau und Umgebung. Wolfenbüttel 1904. Heckner. 2.50 M.

Denkschrift, betreffend die Entwickelung des Kiautschou-Gebiets in der Zeit vom Oktober 1902 bis Oktober 1903. Berlin 1904. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). Brosch


. 3 M.

 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1905, S. 22f

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