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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1906, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin
1906 -
Rückblick auf
die Entwicklung Kameruns im Jahre 1905
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Rückblick auf die
Entwicklung Kameruns im Jahre 1905
(S. 10) In Kamerun
hat es an verschiedenen Stellen während des Jahres 1905 unter den Eingeborenen
gegärt. So machten die Ndsimu- und Njemstämme des Ssanga-Ngokogebietes,
verlockt durch grosse, ins Land gebrachte Warenvorräte, räuberische Überfälle
auf die Weissen und deren Niederlassungen. Aber die im November 1904 bei
Molundu, in der äussersten Südöstecke des Schutzgebietes, erfolgte Ermordung
eines weissen Kaufmanns wurde energisch gesühnt. Doch ist heute im Südes des
Schutzgebietes die Lage noch nicht geklärt. Der Station Lomië verbleibt noch
mancherlei zu tun zur Sicherung der Verbindung mit der Küste. Im Januar 1905
sah sich der Stationschef von Jaúnde veranlasst, gegen Ueberfälle der Bapea
vorzugehen. Im Crossgebiet ist die Ruhe wieder hergestellt und die neue Station
Ossidinge wieder im Entstehen.
In den ersten Monaten des Jahres unternahm Oberst Müller, der Kommandeur
der Schutztruppe, eine Expedition nach den Manengubabergen. Das Ergebnis
war eine so reiche kartographische Ausbeute, dass auf den Kameruner Karten
wiederum ein grosser weisser Fleck ausgefüllt werden kann. Die wirtschaftlichen
Ergebnisse sind die folgenden: Trotz des Fehlens einer politischen Einheit sind
die Handelsbeziehungen unter den Stämmen der Manengubaberge lebhafter Natur.
Infolge von Geländeschwierigkeiten verkehren die Stämme des Plateaus nicht mit
den südlich davon wohnenden; aber unter sich unterhalten sowohl die Völkerschaften
am Manenguba und in der Ebene, wie auch die Stämme auf der Hochebene vielfache
Handelsverbindungen. Die zahlreichen Märkte und die dort zusammenlaufenden Wege
legen Zeugnis dafür ab. An der Spitze der Exportartikel stehen die Palmkerne;
die Gegend zwischen Manenguba und Nlonako ist reich an Oelpalmen. In zweiter
Reihe kommt Elfenbein in Betracht. Kola und Erdnüsse könnten mehr als
Ausfuhrprodukte auftreten, wenn ihr Anbau reger gefördert würde. Mit Ausnahme
der Ngököebene und dem Grenzstrich am Nun ist das Gebiet nordöstlich der
Manengubaberge durchweg gut, in einzelnen (S. 11) Teilen sogar ganz vorzüglich
angebaut. Im Südteile des Bezirks Bamenda steht Farm an Farm, und wo die Kultur
aufhört, beginnen Weideplätze mit nahrhaftem Gras, auf denen zahlreiche Herden
weiden.
Zur Ausnutzung des schwärzlichen Ackergrundes der Manengubavorlandschaften, des
gelben Lehms der Ngököebene, des rötlichen auf dem Plateau schlägt Oberst Müller
Reiskulturen, Gummipflanzungen und Baumwollanlagen vor. Auf dem Plateau und während
der Trockenheit auch in der Ebene erscheint die Einrichtung von
Verkehrsverbindungen durch Ochsenwagen möglich, unter der Voraussetzung, dass
geeignetes Material an Zugtieren beschafft wird. Das einheimische Vieh, auch das
Buckelvieh genügt nicht. Doch muss die Frage der Immunisierung gegen die
Tsetsegefahr im voraus gelöst werden.
In Adamaua konnten gegenüber den Gewalttätigkeiten der im Gebirge
sitzenden Heidenstämme Ruhe und Sicherheit im ganzen Bezirk bald wieder
hergestellt werden.
Im Juli kam es an der Grenze des französischen Kongogebietes zu einem
Zwischenfall. In Missum-Missum wurde eine deutsche Faktorei von französischen
Senegal-Soldaten widerrechtlich aufgehoben und beraubt. Der Chef des
Grenzdistrikts, Hauptmann Scheunemann, wurde bei seinem Einmarsch in
Missum-Missum beschossen. Bei der Abwehr töteten seine Leute fünf Angreifer
und machten vier zu Gefangenen. Der Gouverneur von Kamerun liess Protest
einlegen und entsandte zur Regelung der Angelegenheit den Kommandeur der
Kaiserlichen Schutztruppe, Oberst Müller, nach Gabun, dem Sitz des französischen
Gouvernements. Die Streitsache wurde durch Vorbesprechungen in Paris geordnet
und bald darauf reisten zwei Kommissionen von Vertretern beider Stationen ab, um
an Ort und Stelle die Verhältnisse der ganzen Süd- und Ostgrenze von Kamerun
zu regeln.
Wir haben oben die wirtschaftlichen Verhältnisse des Manengubagebietes sehr
ausführlich geschildert, weil diese Gegend zum Endpunkt einer von Duala
ausgehenden Eisenbahn ausersehen ist. Die Vorlage war im Frühling des
Jahres 1905 an den Reichstag gelangt, kam aber im Mai in dritter Lesung wegen
Beschlussunfähigkeit des Parlaments nicht zur Annahme, so dass noch mehrere
Monate des Jahres 1906 vergehen werden, ehe in Duala die Spitzhacke in Tätigkeit
tritt. Die Strecke soll 160 km lang sein. Von den 17 Millionen Mark des
Baukapitals hat das Bahnsyndikat 6 Millionen Mark aufgebracht, während für die
übrigen von Banken gesicherten 11 Millionen Mark eine Zinsgarantie des Reiches
verlangt wird. Neben den wirtschaftlichen und strategischen Gründen kommen für
die Eisenbahn auch gesundheitliche in Betracht, insofern nämlich die Beamten
durch den Schienenweg aus den fieberschwangeren Küstengegenden leicht in das
gesund gelegene Gebirgsland gelangen können.
Das seit Herbst 1904 in Duala stationierte Schwimmdock der Woermann-Linie von
1200 t Tragfähigkeit wurde stark in Anspruch genommen, sowohl von Schiffen der
Reederei selber, wie auch von Regierungsdampfern, und besonders von Schiffen
fremder Nationen. Die Woermann-Linie hat ausserdem in Viktoria eine Landungsbrücke
von 180 m Länge auf 53 gusseisernen Schraubenpfählen erbaut.
In Viktoria richtete die Regierung eine Wasserleitung ein, die sieben
Brunnen und zwei Hydranten speist. Ausserdem wurde die Anlage von Hausleitungen
in Aussicht genommen. Das wird nicht nur zur gesundheitlichen Hebung Viktorias
dienen, sondern auch die Speisung der grossen Dampfer mit Süsswasser
erleichtern; denn ein starker Arm der Wasserleitung wird auf die im Bau
begriffene Landungsbrücke geleitet und ermöglicht vermittelst zweier 100
Tonnen-Leichter die Einnahme des ganzen, für die Heimreise nötigen Wassers.
Die Produktions- und Absatzverhältnisse haben sich nicht wesentlich verändert.
Ein in die Bezirke Kribi, Lolodorf, Ebolowa, Jaúnde und Lomië entsandter
Beamter stellte fest, dass die Befürchtungen, im Südbezirk könnten durch Raubbau
die Kautschukbestände geschädigt werden, nicht gegenstandslos seien.
Deshalb wurden scharfe Vorschriften dagegen erlassen. In den Plantagen pflanzt
man neuerdings neben Kakao Kickxia an. Die Kakaoernte hat den im
Anfang des Berichtsjahres gehegten Hoffnungen nicht ganz entsprochen. Das
Ergebnis darf als ein leidliches bezeichnet werden, obwohl übermässige
Feuchtigkeit die Plantagen schädigte (laut letztem Jahresbericht der Hamburger
Handelskammer).
Der botanische Garten in Viktoria wurde in eine botanische und eine biologisch-chemische
Abteilung geteilt. Die Anstalt führt fortan den Namen "Versuchsanstalt für
Landkultur".
Die im Vorjahre gegründete Bergwerks-Aktien-Gesellschaft, die auf dem
linken Wuri-Ufer unterirdische, ölführende Schichten festgestellt hat,
errichtete dort drei Bohrtürme. Endgültige Erfolge sind bis jetzt nicht zu
verzeichnen, doch hat die Gesellschaft für fünf Schürffelder den Fund von Erdöl
angemeldet.
Der Handel in Kamerun spielt sich noch heute in der Form der Tauschwirtschaft
ab. Die Regierung bemüht sich aber um die Einführung von Münzen und hat z. B.
im letzten Jahre die Gouvernementsarbeiter nicht mit Naturalien, sondern mit
Geld entlohnt, was ohne Schwierigkeiten durchzuführen war. Auch im Crossgebiet
hat sich der Geldverkehr wider Erwarten sehr gut eingebürgert und Schwarze, die
Geld vor Monaten noch nicht kannten, verlangen es jetzt anstatt des Tabaks, der
neben Lebensmitteln und Stoffen sonst als Lohn verabreicht ward. Für die
inneren Stationen ist das eine bedeutende Erleichterung, da die Tabaktransporte
ziemlich unbequem und kostspielig sind.
Bevölkerungsverschiebungen unter den Eingeborenen wurden im Süden des
Schutzgebietes beobachtet, wo die Urwaldstämme der Ndsimus (S. 12) und Jaúndes
sich langsam nach Westen bewegen. Im Bezirk Kusseri hat sich infolge des
Eintritts geordneter Verhältnisse eine starke Zuwanderung gezeigt. Auf Grund
von Schätzungen glaubt man die Eingeborenenbevölkerung (Männer, Frauen und
Kinder) in den nachgenannten Bezirken wie folgt ansetzen zu können: Duala 65
000, Kribi 20 000, Lolodorf 40 000, Jaúnde 70 000, Lomië 94 000, Kampo 5800,
Viktoria 3800, Johann Albrechtshöhe 61 000, Rio del Rey 30 000, Ossidinge 19
000, Bamenda 154 000.
Die Zunahme der weissen Bevölkerung vom 1. Januar 1904 bis 1. Januar 1905 von
710 auf 826 beträgt über 16 v. H, d. i. ein Sechstel. Sie war noch grösser
bei den Frauen und hat das Uebergewicht der Deutschen über die andern Weissen
im letzten Jahr noch vergrössert. Unter der ausländischen Bevölkerung stehen
übrigens Engländer und Amerikaner voran. Das stärkste Element im Schutzgebiet
nach dem Berufe sind die Kaufleute (268), zu zweit kommen die Beamten (110),
sodann Pflanzer u. dergl. (108), Missionare (90), Schutztruppenangehörige (73),
Handwerker (33) usw.
Die Zunahme der weissen Bevölkerung hat ihre Ursachen im Aufschwung des Handels
und der Vergrösserung der Plantagen, in der neuen Einrichtung des Dockbetriebes
in Duala und in den Bohrarbeiten der Kamerun-Bergwerk-Aktien-Gesellschaft. Sie
verspricht also ein dauernde zu werden, was wir dem Schutzgebiete, das
vielleicht vom Mutterlande immer ein wenig vernachlässigt wurde, sehr wünschen.
Koloniale Literatur
des Jahres 1905. (Hauptwerke.) (S. 12)
René, C. Kamerun u.
die Deutsche Tsâdsee-Eisenbahn, m. 3 K. E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1905.
6 M.
Schkopp, E. v.
Kameruner Skizzen. Winckelmann & Söhne, Berlin 1905. 2,25 M.
Storz, Chr.
Reisebriefe aus Westafrika und Beiträge zur Entwicklung der deutschen Kolonien
in Togo und Kamerun. Herausgeg. v. J. Hess, Stuttgart 1906. 0,50 M.
Togo und Kamerun.
Eindrücke und Momentaufnahmen. Von einem deutschen Abgeordneten, m. K. W.
Weicher, Leipzig 1905
. 2,80 M
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| Quelle:
Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen
Kolonialgesellschaft. Berlin 1906, S. 10ff. |
GM
(digitale Umsetzung) und AG
(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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