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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1906, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin
1906 -
Rückblick auf
die Entwicklung Deutsch-Ostafrikas im Jahre 1905
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Rückblick auf die
Entwicklung Deutsch-Ostafrikas im Jahre 1905
(S. 16) Auch unsermdeutsch-ostafrikanischen Schutzgebiete sind leider im Jahre 1905 Unruhen
nicht erspart geblieben. Ende Juli begann es unter den Eingeborenen der
Matumbiberge, nördlich von Kilwa, zu gären. Sie verbrannten in dem Küstenplatze
Ssamanga verschiedene Inderhäuser. Der Gouverneur entsandte zwei Kompagnien an
Ort und Stelle. Indessen dehnte sich die Aufstandsbewegung bald auf weitere
Gebiete im Süden der Kolonie aus.
Bald kam die Nachricht, dass ein katholischer Bischof nebst mehreren Brüdern
und Schwestern zwischen Kilwa und Liwale ermordet worden seien, und dass die
letztgenannte Station von den Aufständischen überrannt wurde. Der Gouverneur
beantragte die sofortige Verstärkung seiner Machtmittel, und es gingen von
ostasiatischen Stationen zu dem "Bussard", der schon vor der
ostafrikanischen Küste ankerte, noch die Kreuzer "Seeadler" und
"Thetis" nach Daressalam ab. Desgleichen wurde aus der Heimat eine
Kompagnie des Seebataillons als Verstärkung entsandt, und im Somalilande wurden
Rekruten zur Auffüllung der schwarzen Schutztruppe geworben, wie ebenso
Neuguinea-Eingeborene nach Ostafrika überführt wurden. Einer geplanten Ergänzung
der Schutztruppe durch Togo- und Kamerun-Neger stimmte der Reichstag nicht zu.
Der Aufstand hat nicht (S. 17) die anfangs befürchtete Ausdehnung angenommen,
und ebenso scheint er jetzt durchaus abgeflaut zu sein, so dass man sich der
Hoffnung hingeben kann, die bisherige friedliche Entwicklung des
vielverheissenden ostafrikanischen Schutzgebietes wird nicht mehr gestört
werden.
Schon aus den Ziffern des Handels geht hervor, dass die wirtschaftliche
Entwicklung des Schutzgebietes sich in aufsteigender Linie bewegt, stieg
doch von 1903 auf 1904 die Ausfuhr von 7,1 Millionen auf nahezu 9 Millionen Mark
und die Einfuhr von 11,2 Millionen Mark auf 14,4 Millionen Mark. Unter den
Erzeugnissen des Landes gewinnt der Kautschuk mehr und mehr an Bedeutung,
die Ausfuhr wuchs von 1903 auf 1904 freilich nur um ein paar tausend Kilogramm,
welche Zunahme aber bei dem derzeitigen Weltmarktpreis ein grösseres Plus
bedeutet. Neuerdings ist mit der Anlage von Kautschukpflanzungen begonnen
worden, weil die Bestände der wildwachsenden Gummibäume abnehmen.
Die Einbürgerung des Baumwollbaues erfordert viel Zeit und Mühe.
Vorerst muss der Eingeborene noch lange vom europäischen Pflanzer lernen, bevor
er mit der Kultur so vertraut wird, dass er zum selbständigen, mit Nutzen
produzierenden Baumwollpflanzer wird. Indessen lässt sich mit Genugtuung
feststellen, dass in verschiedenen Gegegenden, namentlich in den Bezirken Tanga
und Wilhelmstal, ferner in Mohoro, Lindi, Kilwa, Muansa während des
Berichtsjahres sich bereits eine nenneswerte Anzahl Eingeborener selbständig
mit dem Baumwollbau im kleinen befasste. Im Bezirk Muansa ist es einem Pflanzer
gelungen, weitere Kreise der Eingeborenen auf dem Vertragswege zum Anbau von
Baumwolle zu verpflichten und dadurch in jener Gegend eine Baumwollvolkskultur
ins Leben zu rufen.
Sonst aber geschieht der Baumwollbau der Eingeborenen vorerst noch unter der
Leitung der Verwaltung.
Die Elfenbeinproduktion des Schutzgebietes geht mit der unaufhaltsamen
Verminderung der Elefantenbestände langsam zurück, wenn auch der Wert der
Ausfuhr infolge steigender Preise höher war als im Vorjahre. Mehr Beachtung
findet mit Recht neuerdings die Honig- und Wachsgewinnung von wilden Bienen.
Eine Verdoppelung zeigt sich im Ertrag der Faserpflanzen. Die beiden
Sisalplantagen Kikogwe und Buschirihof lieferten doppelt so viel als im
Vorjahre. Der leidige Arbeitermangel verhinderte einen noch grösseren Ertrag.
So bildet der Posten Faserpflanzen in der Ausfuhrtabelle mit nahezu dreiviertel
Millionen Mark einen beträchtlichen Faktor.
Ein Muster für alle landwirtschaftlichen Kulturbestrebungen ist immer noch das biologisch-landwirtschaftliche
Insitut Amani, wo im ganzen 52 ha gerodet und bepflanzt sind. Neuerdings
wendet das Gouvernement seine Aufmerksamkeit der Forstwirtschaft zu. Es geht
hauptsächlich auf die Schaffung von Waldreservaten aus und sucht diese nach
forstwirtschaftlichen Grundsätzen zu verwalten. Bisher bestehen rund
75.000 ha Waldreservate, wovon den grössten Teil die Mangrovenwaldungen an der
Küste bilden. Von einer sich regenden Privatwaldwirtschaft kann nur im Gebiete
der Tangabahn gesprochen werden. Dort arbeiten die bereits früher vorhandenen Sägewerke
teils für den eigenen Bedarf, teils für die Deckung des Lokalbedarfs und nur
in bescheidenem Massstabe für die Ausfuhr.
Die Fortsetzung des Usambarabahn wurde am 19. Februar 1905 im
Beisein des Prinzen Adalbert von Preussen in der Länge von 129 km
dem Verkehr übergeben und hat sich in jeder Weise gut bewährt. Man denkt an
ihre Fortsetzung vorläufig nur bis Masinde, um die Waldbestände des
Schumewaldes ausnützen zu können.
Die Betriebsmittel der Usambarabahn sind durch Lieferungen zu Ende
des Jahres 1904 und dem Frühjahr 1905 so weit vermehrt worden, dass sie den erhöhten
Anforderungen eines sich stetig steigernden Verkehrs entsprechen. Es sind fünf
grosse und zwei kleinere Lokomotiven vorhanden. Zwei Personenwagen II. Kl. für
je 32 Personen, zwei Personenwagen II. Kl. für je 24 Personen, ein
Personenwagen II. Kl. für 18 Personen, zwei Personenwagen III. Kl. für je 16
Personen, zwei Personenwagen III. Kl. ohne Bänke und zwei Gepäckwagen mit je
7000 kg Ladegewicht. Dazu kommen elf geschlossene und 23 offene Güterwagen mit
je 7000 kg Ladegewicht und 14 offene Güterwagen mit je 12.500 kg Ladegewicht,
ferner ein Wasserwagen, ein Viehwagen und vier Schienenwagen. Die hauptsächlisten
Ausfuhrfrachten sind Kaffee, Holz, Hanf, Rinde, Baumwolle usw. Stationen an der
Strecke sind Tanga, Muhesa, Korogwe und Mombo, dazu kommen neun Haltestellen.
Wochentags verkehrt in jeder Richtung ein Zug.
Der Bau der Morogorobahn, doe am 16. Juni 1904 bewilligt wurde und bei der Prinz
Adalbert von Preussen am 9. Februar den ersten Spatenstich getan hatte,
schreitet rüstig vorwärts. Zu Anfang Oktober 1905 waren die Schienen bereits
bis Km. 21 gelegt, wo als erste Station Pugu eingerichtet werden soll. Damals
hoffte die Bahnbauleitung bis zum Weihnachtsfeste den Bahnkörper bis Km. 90
fertigzustellen und vielleicht schon 40 km dem Verkehr zu übergeben. In
Daressalam hat man am Hafen die Ladevorrichtungen durch Aufstellung von Ladekränen
wesentlich verbessert. Nun können die auf den Seedampfern verladenen Schwellen,
Schienen, Lokomotiven und Wagen schnell an Land gebracht werden. In der
kolonialen Fachpresse und auch im Reichstage ist des öfteren die Fortführung
der Bahn über Morogoro hinaus vorläufig bis Tabora erörtert worden. Ohne
diese Verlängerung wird jedenfalls die Bahn Stückwerk bleiben.
Eine Schrift des wirtschaftlichen Ausschusses der Deutschen Kolonialgesellschaft
rückte die Südbahn dem Interesse und Verständnis der Kolonialfreunde näher.
Infolgedessen nahm die Deutsch-Afrikanische Eisenbahngesellschaft zuerst auf 100
km hin eine Trassierung der Strecke vor. Der leitende Oberingenieur war der
Meinung, dass grössere Schwierigkeiten sich der Bahn kaum entgegenstellen dürften.
Wie immer ist in Deutsch-Ostafrika auch im Jahre 1905 am Ausbau des Wegenetzes
gearbeitet worden. So hofft man die gesamte Verbindungsstrecke zwischen dem
Njassa und dem Tanganjikasee demnächst so weit auszubauen, dass ein probeweises
Durchziehen der Wagen stattfinden kann. Ferner wurde die chaussierte
Ueberlandstrasse, die Daressalam mit Bagamojo (70 km) verbinden soll, bis zum
Simbasifluss fertiggestellt und dieser selbst durch zwei eiserne Brücken überschritten.
Leider sind die Mittel, die dem Gouverneur für Wegebauten zur Verfügung
stehen, nur beschränkte. Der Reichstag, der im letzten Jahre so viel
erfreuliche Sinnesänderungen gezeigt hat, wird sich auch hier dazu bekehren müssen,
Mittel zur Verfügung zu stellen.
Die weisse Bevölkerung Deutsch-Ostafrikas hat sich sehr bedeutend
vermehrt, nämlich von 1437 am 1. Januar 1904 auf 1873 am 1. Januar 1905, das
ist eine Zunahme von nahezu 30 v.H. und entspricht dem Anwachsen eines deutschen
Industrieplatzes. Dass sich darunter erwachsene 316 Frauen befinden, ist
besonders erfreulich. Bei den einzelnen Berufsarten zeigen die Ansiedler und
Farmer eine Zunahme um 50 auf 180, die Handwerker, Arbeiter usw. um 20 auf 77.
Von den 1873 weissen Einwohnern sind 1324 Deutsche, 110 Griechen, 83 Buren, 78
Franzosen (Missionare und Schwestern), 67 Engländer (gleichfalls Missionare),
60 Italiener usw.
Die Schätzung der Eingeborenenbevölkerung ist noch immer eine
unsichere. Man bleibt bei der Berechnung einer Anzahl von rund 7 Millionen.
Wanderungen von Erheblichkeit haben unter ihnen nicht stattgefunden. Nur bemerkt
man bei den Wajao und Wakua im Bezirk Lindi eine langsame Bewegung nach Norden.
Wahrscheinlich ist eine zeitweilige Einwanderung aus dem Kongostaat in den
Bezirk Udjidji. Die Gesamtbevölkerung von Daressalam betrug etwa 23.000, die
von Tanga 6658.
Zum Schluss sei erwähnt, dass der Reichstagsabgeordnete Professor Dr.
Paasche, dessen Sohn mit dem Detachement des "Bussard" an
zahlreichen Gefechten gegen die Aufständischen teilgenommen hatte, im Spätsommer
Deutsch-Ostafrika besucht hat. Dieser bekannte Nationalökonom, der mehrmals
Nord- und Mittelamerika bereist hat und in den Fragen der tropischen
Landwirtschaft wie wenige bewandert ist, stellt unserm Schutzgebiet die beste
Prognose für die Zukunft, so dass wir dort um den Erfolg unserer Kolonisation
nicht bange zu sein brauchen.
Koloniale Literatur
des Jahres 1905. (Hauptwerke.)
Brode, Dr. H. Tippu
Tip. Lebensbild eines zentralafrikanischen Despoten. Nach seinen eigenen Angaben
dargestellt. W. Baensch, Berlin 1905. 4,50 M.
Fusch, P. Die
wirtschaftliche Erkundung einer ostafrikanischen Südbahn, m. 3 Kn.
Kol.-Wirtschaftl. Komitee, Berlin 1905.
Gurlitt, Kais. Reg.-
und Baurat. Die ersten Baujahre in Deutsch-Ostafrika. Sond.-Abdr. a.d. Ztschr.
f. Bauwesen, Jhg. 1905. W. Ernst & Sohn, Berlin. 3 M.
Raum, Miss. J.
Kitabi Kya Mboú Tsa Bibbia Tsi Ndzisungusie Kui Madedo ha Kimotsi. Die Bibl.
Geschichte i. d. Dschaggasprache. (Moschi-Dialekt.) Verl. d. Ev. Luth. Mission,
Leipzig 1905
Tiedemann, A. von.
Aus Busch und Steppe. Afrikanische Expeditionsgeschichten. Winckelmann & Söhne,
Berlin 1905. 3 M.
Winter, M.
Anschauungen eines alten "Afrikaners" in deutsch-ostafrikanischen
Bewirtschaftungsfragen. D. Reimer, Berlin 1905. 1 M.
Wolff, R. Grammatik
der Kinga-Sprache (D.-Ostafrika, Nyassagebiet) nebst Texten und Wörterverzeichnis.
Arch. d. f. Studium deutscher Kolonialsprachen. Bd. III. Herausgeg. v. Geh.
Reg.-Rat Prof. Dr. E. Sachau. In Komm. v. G. Reimer, Berlin 1905
. 6 M.
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| Quelle:
Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen
Kolonialgesellschaft. Berlin 1906, S. 16ff. |
GM
(digitale Umsetzung) und AG
(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek
zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz

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