Startseite Grundlagen Antike Mittelalter Frühe_Neuzeit 18/19Jh/International18/19Jh/Deutschland20Jh/International20Jh/Deutschland Länderverzeichnis Neue_EinträgeForum1GästebuchSuche Impressum
 
Primaerliteratur
Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1906, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1906 - Rückblick auf die Entwicklung der Deutschen Schutzgebiete im Stillen Ozean im Jahre 1905.
Rückblick auf die Entwicklung der Deutschen Schutzgebiete im Stillen Ozean im Jahre 1905. 

(S. 20) Nach der schweren Bluttat in den Bainingbergen am 13. August 1904 hat die Mission vom "Heiligen Herzen Jesu" Anfang des Jahres 1905 ihre Tätigkeit unter den Bainings wieder aufgenommen und die Station St. Paul wieder bezogen. Die Mörder der Missionare wurden ebenso wie andere an den Anschlägen Beteiligte zur Rechenschaft gezogen. Trotz dieser Unruhen ging es mit dem wirschaftlichen Leben des Schutzgebietes Neu-Guinea vorwärts; freilich nicht mit den bei der Seefischerei gewonnenen Erzeugnissen. Zum Teil wirkt auch ein starker Preissturz in diesen Waren hindernd. In der Hauptsache wird man sagen können, dass die natürlichen Vorräte mehr und mehr erschöpft werden. Um so näher liegt es, durch Ausdehnung der Pflanzungen und Erschliessungen neuer Kulturen das Verlorene aufzuwiegen, und in der Tat zeigt sich in der Ausfuhr eine namhafte Zunahme, sowohl beim Kaiser-Wilhelmsland, wie auch beim Bismarck-Archipel.
Für das Verkehrswesen wurde im April des Jahres 1905 zwischen dem Norddeutschen Lloyd und den Interessenten eine wichtige Vereinbarung getroffen:
Danach übernimmt der Lloyd in regelmässiger Fahrt die Verbindung der Küstenstationen mit dem Simpsonhafen und richtet auch noch von diesem ausgehend eine Schleppfahrt an der Küste der Gazellehalbinsel ein. Das Erwerbsleben ist damit auf eine neue Grundlage gestellt, dem Kaufmann die drückende Last der eigenen Schiffahrt von den Schultern genommen, dem Pflanzer die Möglichkeit billiger, regelmässiger Verschiffung gegeben.
Der Motorschoner "Perle" und der Dampfschoner "Herzog Johann Albrecht" sind gescheitert und völlig verloren gegangen. S.M.S. "Möve" hat die Vermessungen der Küste Neu-Pommerns vom Kap Birari bis Kap Oxford erlegdig. Seit dem 21. Januar 1905 hat durch Norddeutsche Lloyddampfer Matupi eine vierwöchentliche Verbindung sowohl mit China als auch Australien durch Neueinrichtung des Dienstes Yokohama-Sydney. Der Brückenbau im Simpsonhafen hat im jahre 1905 stetige Fortschritte gemacht, so dass am Ende des Jahres 1905 die Inbetriebnahme erfolgen konnte. Dadurch hat sich der Norddeutsche Lloyd einen Verkehrsmittelpunkt für alle umliegenden Inselgruppen geschaffen.
Auf den von Spanien erworbenen Inselgruppen der Karolinen, Pelau und Marianen haben schwere Orkane Unglück angerichtet. So verheerte (S. 21) am 20. April ein Orkan die Inseln Ponape, Mokil, Pingelap und Kuseie. Sämtliche Häuser wurden zerstört, die Bäume zumeist vernichtet, und viele Eingeborene kamen ums Leben. Im Hafen von Ponape strandete der Motorschoner "Diana" der Jaluitgesellschaft, ebenso wie das der Regierung gehörige Motorschiff "Ponape".
Die Eingeborenen waren durch diese Naturereignisse in eine bedrängte Lage geraten. Diesen Umstand benutzte Regierungsrat Berg, um unter ihnen in friedlicher Weise eine Entwaffnung vorzunehmen, gegen die sie sich bisher gesträubt hatten. Gegen angemessene Bezahlung lieferten die Ponape-Insulaner ihre Gewehre und Patronen ab, ebenso wie es vorher schon die Einwohner der Trukgruppe getan hatten. Dieser Erfolg in Ponape ist besonders hoch zu schätzen, weil die Ponape-Insulaner zur spanischen zeit sich oft als ungebärdig und schwer zu behandeln gezeigt hatten.
Der Orkan hat leider das zugleich mit ethnographischen Notizen in langen Monaten gesammelte statistische Material über die eingeborene und nichteingeborene farbige Bevölkerung, sowie über die Mischlinge zum grössten Teil vernichtet.
Saipan, die Hauptinsel der Marianen, wurde gar zweimal, am 27. August und am 8. November, von einem schweren Orkan heimgesucht.
Auf allen Gruppen der Inseln macht sich ein gesteigerter Anbau bemerkbar. Neben dieser Ausdehnung der Eingeborenenkultur geht eine Erweiterung der europäischen Unternehmungen her, doch darf man sich nicht verhehlen, dass fast alles noch im Stadium des Versuches steht. Für die West-Karolinen ist das hauptsächlichste Ereignis die am 28. April erfolgte Eröffnung der Kabelstation Jap. Damit ist die Verlegung des Kabels Menado-Jap-Guam-Schanghai glücklich zu Ende geführt worden, und die holländischen Kolonien in Hinterindien, sowie ein Teil der deutschen Besitzungen im stillen Ozean sind von den britischen Kabeln unabhängig geworden. Bei den Marianen muss besonders erwähnt werden, dass an die Stelle des japanischen Pächters ein deutscher trat, ebenso schied der japanische Mitpächter der Nordinseln und Teilhaber der Pagan-Gesellschaft aus, so dass dieses Geschäft sich nun in reichsdeutschen Händen befindet und seine Schiffe unter deutscher Flagge fahren.
Auch die Marshallinseln wurden von einem furchtbaren Unwetter heimgesucht. Der Orkan und die Flutwelle suchten besonders das Atoll von Jaluit und die Insel Jabor heim und richteten ausserordentliche Zerstörungen an, so dass nur etwa ein Fünftel der Kokosbaumbestände erhalten blieb. Auch der Palmenbestand der nicht verwüstet wurde, wird erst nach einem Jahre Nüsse tragen, da ihre Blüte zerstört worden ist. Es ist ein erfreuliches Zeichen für die wirtschaftlichen Anschauungen der Eingeborenen, dass sie sofort mit der Wiederbepflanzung der verwüsteten Strecken begannen, die erst in zehn Jahren volle Erträge liefern können. An der Seeseite von Jabor wurde der Korallendamm zerstört. Man hat vorläufig aus Baumstämmen dort ein Bollwerk errichtet. Schon am 27. Juli, als S.M.S. "Seeadler" dort ankerte, bot die Niederlassung nicht mehr das wüste Bild.
In Samoa sind zwar keine Unruhen vorgekommen, indessen war mancherlei an dem Auftreten der Eingeborenen auszusetzen. Ende Januar waren mit Wissen und Willen der sogenannten Eingeborenenregierung, einer ständigen Versammlung von Häuptlingen mit Mataafa an der Spitze, zwei gefangen gesetzte Häuptlinge befreit worden. Aber der Stellvertreter des auf Urlaub in Neu-Seeland abwesenden Gouverneurs ging energisch gegen die Unbotmässigkeiten vor, und so lenkte denn die Eingeborenenregierung sofort ein und bewirkte, dass die befreiten Gefangenen unverzüglich wieder zurückgeliefert wurden. Um diesen Massnahmen noch mehr Nachdruck zu geben, traf im Mai 1905 S.M.S. "Condor" vor Apia ein. Weitere Unbotmässigkeiten sind nicht vorgekommen.
Nach mehr als fünfjährigem Harren erhielten Anfang Dezember die durch das englische und amerikanische Bombardement 1898 beschädigten Ansiedler die teilweise Entschädigung aus den von Amerika und England bewilligten 40.000 Dollars. Damit wurden endlich die berechtigten Ansprüche, für die kurz zuvor eine Kundgebung der Hauptversammlung der Deutschen Kolonialgesellschaft eingetreten war, befriedigt.
In der Einfuhr Samoas hat sich eine Abnahme, dagegen in der Ausfuhr eine geringe Zunahme gezeigt, so haben z.B. die Eingeborenen etwas mehr Kopra als im Vorjahre erzeugt. Ebenso hat sich die Kakaoausfuhr gehoben, und es darf auf eine fortgesetzte Steigerung der Ernten gerechnet werden. Zu erwähnen ist, dass eine neue Gesellschaft Kautschukkulturen auf Samoa plant. Die Arbeiterfrage ist insofern einen Schritt weiter gediehen, als es gelungen ist, einen zweiten Transport chinesischer Arbeiter in das Schutzgebiet zu führen. Diese im April Eingetroffenen, rund 500 an Zahl, haben, so weit sich bisher beurteilen lässt, die gehegten Erwartungen erfüllt, indessen darf nicht verschiwegen werden, dass mehrere Fälle von verbrecherischen Untaten chinesischer Arbeiter zu verzeichnen waren.
Weitere Klagen werden über die Rattenplage geführt, die so überhand genommen hat, dass Ende Oktober in Apia eine Anzahl von Pflanzern zusammentrat, um sich über Mittel gegen die Rattenplage zu besprechen. An einzelnen Pflanzungen lohnt sich infolge der Zerstörungsarbeit der Tiere das Ernten nicht mehr. Man darf wohl hoffen, dass mit Stetigkeit und Energie die schädlichen Nager ausgerottet werden können.
Der Wegebau in Upolu schreitet langsam fort. Auf Sawaii hat man im Safotu-Distrikt an dem felsigen Vorgebirge einen Küstenweg angelegt, zum Teil unter Sprengungen. Die ganze Strecke musste gegen den Anprall der See durch eine Ufermauer geschützt werden.
Auch Upolu, besonders die nächste Umgegend von Apia, wurde am zweiten Pfingstfeiertag durch einen schweren Sturm heimgesucht, der von 6 Uhr abends bis gegen Mitternacht dauerte. Verhältnismässig wenig Schaden haben die Kakaobäume erlitten, dagegen sind die Schattenbäume fast durchweg niedergeschlagen worden. Auf Sawaii fand ein Ausbruch des Vulkans statt, der noch immer nicht beendet ist, so dass sich der durch die Lava verursachte Schaden vorläufig nicht schätzen lässt, doch wurde bei Jahresschluss in Abrede gestellt, dass die Pflanzungen bedeutenden Schaden erlitten hatten.
Zum Schluss der Betrachtung über die Entwicklung der Deutschen Schutzgebiete im Stillen Ozaen sei erwähnt, dass mit dem Dampfer "Seestern" im Dezember 150 Mann Eingeborener aus Deutsch-Neu-Guinea nach Deutsch-Ostafrika überführt wurden, damit sie dort zu Askaris ausgebildet werden.

 

Koloniale Literatur des Jahres 1905. (Hauptwerke)

Das Deutsche Schutzgebiet Samoa. Allg. Auskunfts- u. Adressbuch, herausgeg. im Auftr. u. mit Unterstützung d. Kaiserl. Gouv. z. Apia. Neue u. verb. Aufl. E. Luebke, Apia 1905. 2 M.

Fritz, Bezirkshptm G. Die Chamorro. Eine Geschichte und Ethnographie der Marianen. Sond.-Abdr. a. Ethnolog. Notizblatt, Bd. III, H. 3

Ribbe, C. Muschelgeld-Studien von Prof. Dr. O. Schneider. Nach den hinterlassenen Manuskr. bearb. Herausgeg. v. Verein f. Erdkunde zu Dresden. In Komm. E. Engelmann, Dresden 1905. 10 M.

Schultz, Oberrichter Dr. Die wichtigsten Grundsätze des Samoanischen Familien- und Erbrechts. E. Luebke, Apia 1905.

Schumann (gest.), Prof. Dr. K., u. Dr. K. Lauterbach. Nachträge zur Flora der deutschen Schutzgebiete in der Südsee (mit Ausschluss Samoas u. d. Karolinen.) M. 14 Taf. Gebr. Borntraeger, Leipzig 1905


.

 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1906, S. 20ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz 

Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Kartenabteilung

Document in English Language