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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1906, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1906 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Kiautschou im Jahre 1905
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Kiautschou im Jahre 1905. (S. 23)

Das Jahr 1905 weist für Kiautschou auf allen Gebieten erfreuliche Fortschritte auf, die wohl in erster Linie dem Einfluss des neuen Hafens und der Schantung-Eisenbahn zu danken sind, welche beiden Verkehrseinrichtungen Handel und Wandel stark förderten. So haben sich die Einnahmen des Schutzgebietes vom Oktober 1904 bis Ende September 1905 (dies ist das Berichtsjahr des vom Reichsmarineamt verwalteten Kiautschougebietes) verdoppelt. Der Schiffsverkehr stieg um 76 Schiffe auf 413 Schiffe mit 420.000 Registertonnen. Die Schantung-Eisenbahn befördert im gleichen Zeitraum mehr als dreiviertel Millionen Menschen, gegenüber von 496.000 im Vorjahre und der Frachtgutverkehr hat 280.000 Tonnen erreicht. In denselben 12 Monaten stiegen gleichfalls die Einkünfte des chinesischen Seezollamts und sehr beträchtlich der Wert des Durchfuhrhandels. Im Interesse der weiteren Erleichterung des Handels und insbesondere der industriellen Entwicklung ist am 1. Dezember 1905 ein neues Zollabkommen mit der chinesischen Regierung abgeschlossen worden, das am 1. Januar 1906 in Kraft getreten ist. Als Ersatz der Mehreinnahmen aus dem Anschlusse des Schutzgebietes an das chinesische Zollgebiet führt das chinesische Seezollamt jährlich 20 v.H. der Einnahmen aus den Einfuhrzöllen an das deutsche Gouvernement ab.
Die günstige Entwicklung vollzog sich trotz der nachteiligen Einwirkung des russisch-japanischen Krieges. Japanische Schiffe, die sonst zahlreich in Tsingtau einliefen, blieben vollständig aus, und auch die Schiffe anderer Flaggen mieden die nord-chinesischen und japanischen Gewässer, einmal aus Furcht vor Beschlagnahme, zum andern wegen der treibenden Seeminen oder andern Kriegsgefahren. Bei der Unsicherheit der Kriegslage waren namentlich die chinesischen Kaufleute sehr zurückhaltend und vorsichtig und lehnten es ab, grössere Geschäfte auf längere Fristen abzuschliessen. 
Für die Hebung des Handels mit dem Hinterlande waren die dauernd guten Beziehungen des Gouvernements zu den chinesischen Lokalbehörden und der Provinzialregierung von Schantung sehr förderlich.
In dem erwähnten grossen Hafen wurden die Kaimauerarbeiten, Geländeauffüllungen und Baggerungen fortgesetzt und dadurch die Liegeplätze für Schiffe an beiden Molen vermehrt. Im Berichtsjahr lief ein grosses Schwimmdock, das Schiffe bis zu 16.000 Tonnen aufnehmen kann, am 23. August vom Stapel und hat sich bisher gut bewährt. 
Der ganze Platz Tsingtau zeigt eine rege Bautätigkeit, auch von privater Seite. Es entstanden 25 Werkstätten und sonstige gewerbliche Anlagen, 22 Wohnhäuser und fünf Geschäftshäuser von Europäern, sowie 15 chinesische Wohn- und Geschäftshäuser und ein grosses chinesisches Theater.
Zum erstenmal im Jahre 1905 wurden von der Schantung-Bergbaugesellschaft Weihsien-Kohlen in grösseren Mengen ausgeführt. Vierzehn Dampfer schafften insgesamt mehr als 11.000 Tonnen nach Tschifu, Tientsin, Schanghai und Hongkong. Die Förderung des Kohlenbergwerks von Fangtse im Jahre 1905 überstieg 130.000 Tonnen. Südlich vom Fangtse-Schacht wurde ein neuer Schacht (Minnaschacht) angelegt, der Anfang des Jahres 1905 in Betrieb genommen werden kann. Ein (S. 24) grosser Uebelstand für die bergbauliche Entwicklung ist der sich mehr und mehr bemerkbar machende Arbeitermangel. Da die umwohnende Landbevölkerung durch die früheren chinesischen Bergwerke an derartige Arbeit gewöhnt war, hatte zuerst die Beschaffung von Arbeitspersonal keine Schwierigkeiten. Aber der Chinese sieht den Bergbau als Nebenbeschäftigung an und verlässt die Zeche, sobald dringende landwirtschaftliche Arbeiten vorliegen. Auch Streiks unter den Chinesen sind nicht ausgeblieben.
Der Handelsstand in Tsingtau fand bisher seine Vertretung in zwei öfter im Gegensatz zu einander stehenden Körperschaften. Da dieser Zwiespalt auf viele, für die Handelsentwicklung wichtigen Fragen nachteilig einwirkte, schlossen sich die Interessenten zu der die gesamte Kaufmannschaft umfassenden Handelskammer zusammen.
Tsingtau ist bekanntlich ein besuchter Badeort. Im Sommer 1905 wurde er von 479 Badegästen und 152 Durchreisenden besucht. Der Nationalität nach waren die Badegäste 210 Deutsche, 120 Engländer, 60 Amerikaner, 45 Skandinavier, 20 Franzosen, 15 Italiener und 9 Russen. Der herrliche Strand und die schönen Spaziergänge auf geraden, bequemen Wegen, die in sanfter Steigung an grün bestandenen Hügeln entlang führen, das zwanglose Leben, die staubfreie Luft, die kühle, frische Seebrise, und das kühle Klima locken immer mehr Besucher an.
Die russischen Kriegsschiffe, die im August 1904 in unserm Hafen Zuflucht gesucht hatten, haben nach dem Friedensschluss ihn wieder verlassen, was für manche Kaufleute in Tsingtau eine Einbusse bedeutet.
Schon seit Beginn des russisch-japanischen Krieges wurde von deutscher Seite beiden kriegführenden Parteien die Benutzung des Gouvernements-Lazaretts in Tsingtau freigestellt. Hiervon haben nur die Russen Gebrauch gemacht, indem nämlich von den entwaffneten russischen Kriegsschiffen im Laufe des Berichtsjahres 8 Offiziere und 95 Mann im Lazarett Aufnahme fanden. Ferner wurden eine grosse Anzahl aus Port Arthur Evakuierter dem Lazarett überwiesen.
Zum Schluss einige Worte über das Schulwesen: In der Gouvernementsschule ist bei Beginn des neuen Schuljahres der Lehrplan eines Reformrealgymnasiums eingeführt worden. Der Unterricht in den fremden Sprachen ist so reguliert, dass in Sexta mit Englisch, in Quarta mit Französisch und in Unter-Tertia mit Lateinisch begonnen wird.
Da das alte Schulgebäude für die Zahl der Schüler nicht mehr ausreicht, wurde ein Neubau in Angriff genommen, der vier Klassenzimmer für 40 Schüler und acht Klassenzimmer für 15 Schüler neben einer Aula, einem Physikzimmer, einem Zeichensaal usw. enthält.
Eine Zählung der deutschen Bevölkerung hat im Berichtsjahr nicht stattgefunden.

 

Koloniale Literatur des Jahres 1905. (Hauptwerke)

Adressbuch des deutschen Kiautschou-Gebietes für 1905. M. K. O. Rose, Tsingtau. 5 M.

Behme, Dr. Fr., und Dr. M. Krieger. Führer durch Tsingtau u. Umgebung. 3. Aufl. Hecknersche Druckerei, Wolfenbüttel 1905.

Denkschrift, betr. die Entwicklung des Kiautschou-Gebiets i. d. Zeit v. Okt. 1903 b. Okt. 1904. Drucks. d. Reichstags No. 561. 11. Leg.-Per, I. Sess. 1903/05. (Dietrich Reimer-Berlin


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1906, S. 23f

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