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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1907 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Ostafrika im Jahre 1906
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Ostafrika im Jahre 1906. 

Der Eingeborenenaufstand, der Ende Juli des Jahres 1905 in den Matumbibergen bei Kilwa zum Ausbruch kam, hat eine grosse und gefährliche Ausdehnung nicht genommen. Freilich hat es hier und da an mehreren Stellen des umfangreichen Schutzgebietes aufgeflammt, und von unserer Seite sind kräftigere Massnahmen und die Heranziehung von Verstärkungen nötig gewesen. Aber wir haben mit Geschick ein Uebergreifen der aufständischen Bewegung auf die kriegstüchtigen Wahehe und auf die Landschaften Unyamwesi und Ussukuma verhütet. In erster Linie sind die Bewohner dieser Gegenden durch die Nachrichten von unsern schnellen und sicheren Erfolgen im Zügel gehalten worden. Aber auch das besonnene Verhalten der fraglichen Stationsschefs, die in stetiger Führung mit den Eingeborenen blieben und ihnen unablässig die Nutzlosigkeit ihrer Beteiligung am Aufstande vor Augen führten, ist nicht wirkungslos gewesen. Nachdem zu Ende des Jahres auch drei Haupträdelsführer gefangen und bestraft worden worden waren, kann der Aufstand als vollkommen niedergeworfen bezeichnet werden.
Die Erhebung der Eingeborenen hat nicht unerhebliche Veränderungen und Verschiebungen im Gefolge gehabt, die wir zurzeit noch nicht ganz zu übersehen, jedenfalls aber noch nicht rechnerisch zu erfassen vermögen. Von den nichteingeborenen Farbigen (Arabern und Indern), haben sich manche aus den von dem Aufstande ergriffenen Gebieten zurückgezogen. Leider werden die Unruhen des Aufstandes und die infolgedessen ausgefallenen Ernten eine Hungersnot nach sich ziehen. Hoffentlich hat das den Erfolg, dass zu den Plantagen der Küste ein stärkerer Zustrom von Arbeitern stattfindet.
Im letzten Jahre hatten die europäischen Unternehmungen noch immer unter Arbeiter- und Trägermangel zu leiden. Die kräftigen Wassukuma und Wanyamwesi fanden in dem eigenen Lande durch Anbau von Früchten zur Ausfuhr und Verkauf von Erzeugnissen der Viehzucht, sowie durch Trägerdienste im Ueberlandverkehr zwischen dem Viktoriasee und dem Kongostaate so lohnenden Verdienst, dass sie spärlicher als früher zur Küste kamen und durch minder brauchbare Elemente ersetzt werden mussten. Auf der Neubaustrecke der Mrogorobahn waren im Durchschnitt 4000 Arbeiter, bei andern Unternehmungen im Bezirk (S. 19) Daressalam etwa 1500 Arbeiter und Handwerker beschäftigt. Für Erdarbeiten sind im allgemeinen leichter Arbeitskräfte zu beschaffen als für den Pflanzungsbetrieb. Das Verhältnis zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern an der Eisenbahnbaustrecke war auch infolge guter Bezahlung und reichlicher Verpflegung ein freundliches; dennoch war ein Arbeitermangel festzustellen. Am allerschwersten indes hatten unter diesen Verhältnissen die europäischen Pflanzungen der Nordbezirke zu leiden. Deren eingesessene Bevölkerung ist zu dünn verteilt und zu bedürfnislos und arbeitsscheu, als dass sie dem Arbeiterbedürfnis dieser Pflanzungen genügen könnte. Infolgedessen wurden Versuche unternommen, durch Arbeiteranwerber Schwarze aus dem Innern nach Usambara zu führen. Das Urteil über den Erfolg dieser Versuche ist geteilt.
Im allgemeinen muss man sagen, dass der Bantuneger nicht mehr anbaut, als er zur Befriedigung seiner gewöhnlichen Lebenshaltung braucht. Die erwähnten Wassukuma und Wanyamwesi zeigen indessen einen gewissen Erwerbssinn. Als die Ugandabahn ihr Gebiet erschloss, fürchtete man, dass durch einen allzuschnellen Umsatz der dort vorhandenen Werte, besonders des Viehes, das Land unverständig ausgebeutet werden und verarmen würde. Indessen hat sich ohne behördliches Eingreifen die Produktion auf dem Gebiete des Ackerbaues wie auf dem der Viehzucht in gesunder Weise vermehrt.
Der Neger ist Belehrungen im ganzen nicht unzugänglich. Ein Beispiel dafür bietet die Gewinnung von Bienenwachs. Ueber 1 1/4 Millionen Mark beträgt der Wert der Ausfuhr von diesem Erzeugnis für das Jahr 1905. Bisher vernichteten aber die Schwarzen bei der Gewinnung des Wachses zumeist die Bienen. Neuerdings aber legen sie für schwärmende Bienen primitive Stöcke an und befleissigen sich einer rationelleren Ausbeutung. Raubbau ist im ganzen freilich die Charakteristik der Kautschukgewinnung in Deutsch-Ostafrika. Von den 2 1/4 Millionen Mark, die diese Ausfuhr dem Schutzgebiet eingebracht hat, entfällt nur ein ganz geringer Bruchteil auf in Plantagen erzeugten Kautschuk.
Die ausgedehnten Flachlandgebiete Deutsch-Ostafrikas bestehen, soweit sie nicht von Weissen oder Eingeborenen besiedelt sind, zu einem Teile aus baumarmer oder baumloser Grassteppe, zum andern Teil aus regellosem, mehr oder weniger offenen Buschwald. Aehnlich sind die Bestockungsverhältnisse der meisten Hochländer, nur dass diese mehr den Charakter waldarmer oder waldloser Weideländer tragen. Bisweilen, jedoch nur selten, tritt der offene Buschwald in engeren Schluss und bildet mehr oder weniger ausgedehnte Waldkomplexe. Die Gebirge zeigen zumeist die übereinstimmende Eigentümlichkeit, dass die Berghänge und Vorberge vom Walde entblösst sind, während die Rücken und Kuppen, soweit sie nicht in die Hochgebirgszonen hineinragen, geschlossenen hochstämmigen urwaldähnlichen Hochwald tragen. Solchen gibt es im Bereiche der Usambarabahn weite Flächen. Häufiger genannt wurde im letzten Jahre der Schumewald, weil er ungeheure Bestände mächtiger Zedern birgt. Das Gouvernement hat zur forstmännischen Bewirtschaftung solcher Gebiete sie zu Reservaten erklärt und fachmännische Beamte angestellt. Durch vernünftige Ausbeutung kann hier dem Schutzgebiet eine reiche Geldquelle erschlossen werden.
Einen bemerkenswerten Erfolg hat man mit den Faserpflanzen erzielt, trotz der ungünstigen Arbeiterverhältnisse. Heute wird nur noch zum kleinen Teil Mauritiushanf angebaut, überwiegend Sisal-Agaven. Im Jahre 1903 hat das Schutzgebiet ausgeführt an Faserpflanzen für rund 400.000 M., 1904: 700.000 M., 1905: 1,1 Millionen Mark. Ein sicheres und gut fundiertes Fortschreiten. Mit der Gewinnung weiterer Faserstoffe aus den Blättern einer Bananenart und der in den Steppen des Nordens wild wachsenden Sansivieren werden fortgesetzt Versuche angestellt. Jedoch findet eine systematische Ausbeutung noch nicht statt.
Eine Reihe von Ansiedlern im Kilwabezirk und bei Muansa hat, wie es scheint, Erfolge mit dem Anbau von Baumwolle erzielt. Es darf als erwiesen gelten, dass es in vielen Gegenden der Kolonie vorzügliche Baumwollböden gibt, und dass aus ägyptischer Saat eine hervorragend gute Baumwolle sich gewinnen lässt. Die Schwierigkeit der gleichmässigen Bodenbearbeitung und Bewässerung steht der schnellen Entwicklung dieser aussichtsvollen Kultur, die von dem Kolonial-Wirtschaftlichen Komitee, wirtschaftlichen Ausschuss der Deutschen Kolonialgesellschaft, tatkräftig gefördert wird, noch im Wege.
In Bergbau hat das Jahr 1906 Fortschritte zu verzeichnen. In den Goldkonzessionsgebieten des Nordens (Irrangi, Usindja, Kissama usw.) sind umfangreiche Schürfarbeiten vorgenommen worden, und einzelne kleinere Maschinen zur Extraktion des Goldes aus dem Quarz sind in Betrieb. Der Glimmerabbau in den Ulugurubergen befindet sich in erfreulichem Aufschwung. Drei Unternehmer haben dort auf 21 Bergbaufeldern in rationellem Abbau an 60.000 kg Rohglimmer gefördert, wovon annähernd ein Drittel gute Handelsware hergestellt wurde. Die Gerüchte der Auffindung von Uranpecherz mit radioaktiven Eigenschaften haben sich bestätigt, und es sind Ermittlungen eingeleitet worden. Die Saline Gottorp am Mlagarassi arbeitet weiter. Sie erlitt durch eine überraschend grosse Ueberschwemmung im Berichtsjahre Beschädigung, hat aber alles damals Zerstörte, zum Teil vergrössert, neu aufgebaut.
Ungemein hohe Niederschläge haben die Arbeiten an der Eisenbahnstrecke Daressalam - Mrogoro verzögert, neben dem schon oben erwähnten Arbeitermangel. Aber es sind schon 32 km dem öffentlichen Betrieb übergeben, und bis etwa 60 km fahren die Bauzüge. In Verbindung mit dem Bau dieser Eisenbahn wurde in Daressalam am nördlichen (S. 20) Hafenufer unterhalb der alten Zollanlagen zur Verbesserung und Erweiterung der Lösch- und Ladeeinrichtungen des Hafens eine Kaianlage begonnen. Dadurch wird Daressalam mehr als bisher dem zunehmenden Frachtverkehr gewachsen sein. Die Bauarbeiten für die neue Werftanlage auf Kurasini bei Daressalam wurden in Angriff genommen und sollen binnen zwei Jahren vollendet werden. Infolge des Eingeborenenaufstandes sind an den andern Küsten- und Innenstationen nennenswerte Bauanlagen nicht zu Ausführung gelangt. In Daressalam herrscht Wohnungsnot. Deshalb wurden vom Fiskus drei Wohnhäuser für Beamte neu erbaut. Wie von amtlicher Seite zugegeben wird, ist das aber bei weitem zu wenig. Die private Bautätigkeit war ebenso rege. Für Daressalam sei das neue, grosse europäische Ansprüchen genügende Hotel erwähnt; von Tanga sei berichtet, dass dort auf der Halbinsel Ras-Kasone eine Art Villenviertel entstanden ist. Die Kommunalverbände Tanga, Pangani und Mrogoro haben eine besondere Tätigkeit auf dem Gebiete des Wegebaues entwickelt.
Die Berichte über die Tätigkeit der Regierungsschulen in Tanga, Pangani, Bagamoyo, Daressalam und Kilwa lauten durchweg günstig. Die ersterwähnte ist auch, wie die von Daressalam, mit einer Handwerkerschule verbunden. Da gibt es Unterricht in Druckerei, Buchbinderei, Tischlerei, Schmiede und Drechslerei, und 59 Eingeborene waren fast gleichmässig auf die verschiedenen Berufe verteilt. Die Handwerkerschule Tanga erhält sich von selbst. Die Tischlerei fertigt in der Hauptsache Möbel, wozu das Material zum allergrössten Teile aus der Kolonie selber genommen wird. Die Druckerei widmet sich dem Buchdruck und hat Schulbücher und einen Nachtrag zur Landesgesetzgebung hergestellt. Besonders reiche Aufträge hatte die Buchbinderei. Die Drechslerei steht noch in den Anfängen. Da die Aufträge immer reicher eingehen, so ist die weitere Entwicklung und Erweiterung dieser im besten Sinne kolonisatorisch wirkenden Anstalt fest gesichert.
Wenn man die Zahlen der Bevölkerungsstatistik, der Waren- Aus- und -Einfuhr usw. ins Auge fasst, so bestätigen sie unbestreitbar den gesunden und keineswegs langsamen kulturellen Entwicklungsgang, den das deutsch-ostafrikanische Schutzgebiet fortgesetzt nimmt


 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1907, S. 18ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
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