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Deutscher
Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen
Kolonialgesellschaft. Berlin 1907 - Rückblick
auf die Entwicklung der Deutschen Schutzgebiete im Stillen Ozean im Jahre
1906
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Rückblick auf
die Entwicklung der Deutschen Schutzgebiete im Stillen Ozean im Jahre 1906.
Nachdem das Jahr 1905 die schwere Bluttat in den Bainingbergen
gebracht hatte, war das Jahr 1906 ungemein ruhig und friedlich. Allenthalben hat
die Zusammenfassung und Eingliederung der Eingeborenen zu geordneten
Verbänden mit verantwortlichen Häuptlingen Fortschritte gemacht. Im Bezirk
der Station Namatanani konnte der Machtbereich der Verwaltung ganz erheblich
ausgedehnt werden. Die Gesamtzahl der in diesem Bezirke eingesetzten Häuptlinge
betrug 168, wovon die Mehrzahl auf Neumecklenburg entfällt. Auch an der
Nordküste von Neupommern und dem Baininggebirge sind weitere Stämme in die
Organisation eingezogen worden. Mit der Einsetzung von Häuptlingen wurde auch
im Bereiche der Station Kieta bei Bougainville ein Anfang gemacht. Hier ist die
Neuordnung der Dinge schwieriger, weil den Eingeborenen der Begriff eines
Stammeshauptes bisher vollkommen fremd war. Heute indessen kommen sie aus
entfernteren Strichen und (S. 24) legen auf der Station ihre Klagen und
Beschwerden zur Entscheidung vor - gewiss ein Zeichen, dass sich das Vertrauen
zur deutschen Kolonialverwaltung unter den Papua hebt.
Im Kaiser-Wilhelmsland sind die Beziehungen zu den Eingeborenen im allgemeinen
regere geworden. Zwar haben die versuchsweise eingesetzten Häuptlinge sich noch
nicht nach Wunsch durchsetzen können; aber es sind Anfänge vorhanden, die eine
Hoffnung auf Besserung rechtfertigen.
Mit der vollständigen Trennung von Verwaltung und Justiz ist man
ein ganzes Stück weitergekommen. Seit dem Jahre 1906 ist sowohl das
Bezirksgericht, wie auch das Bezirksamt mit einem besonderen Beamten besetzt. In
Simpsonhafen wurde eine Regierungsstation eröffnet. Nach diesem Platze soll
später der Sitz des Gouvernements verlegt werden. Man ist zu diesem Entschluss
gekommen mit Rücksicht auf die Entwicklung der Schiffahrt im dortigen Hafen, an
dem die grossen, zwischen Asien und Australien verkehrenden Dampfer des
Norddeutschen Lloyd anlegen.
Die grosse Anlegebrücke von Simpsonhafen ist seit Ende Oktober 1905 in
Betrieb. Hier können ausser den Reichspostdampfern der Austral-Japan-Linie auch
die Küstendampfer anlegen. Der Norddeutsche Lloyd hat auf der Anlegebrücke
einen grossen Ladeschuppen errichtet, der für längere Zeit den Bedürfnissen
der Schiffahrt genügen wird.
In Simpsonhafen, dem zukünftigen Regierungssitz, entwickelt sich naturgemäss
eine rege Bautätigkeit. Erwähnenswert ist, dass hier auch ein botanischer
Garten im Entstehen ist, der hoffentlich recht fruchtbare Anregungen für die
Ausgestaltung der Plantagenkulturen unseres Schutzgebietes Neu-Guinea geben
wird. Im Rohbau sind auch die künftigen Hauptstrassenzüge von Simpsonhafen
ausgeführt. Die Regierungsbauten werden sich auf den Höhenzügen erheben. Der
Weg dort hinauf ist im Jahre 1906 beendet worden.
Wegebauten sind auch mit grosser Energie auf der gesamten
Gazelle-Halbinsel ausgedehnt worden. Teilweise waren dabei Sprengarbeiten
nötig, besonders, wo es galt, am Ratawulpass einen Durchgang von Simpsonhafen
nach der Nordküste herzustellen. Die Eingeborenen haben hierbei überall willig
die nötigen Arbeiter gestellt. Auch bei den Arbeiten am Hansemannberge ist,
wenn auch zunächst in geringem Masse, damit begonnen worden, die Eingeborenen
der Umgebung zum Strassenbau heranzuziehen.
Da, wie auch die Ausfuhr-Tabellen ergeben, die Erzeugnisse der
Seefischerei, wie Trepang, Schildpatt, Perlschalen usw. infolge der
weiterschreitenden Erschöpfung wieder erheblich zurückgegangen sind, wird noch
mehr Nachdruck auf allerlei Kulturen gelegt. Bis auf weiteres dürfte die
Kokospalme noch immer die Hauptkultur des Schutzgebietes sein. Es sind über 1
Million angepflanzt, wovon weit mehr als 1/4 Million bisher ertragsfähig waren.
Als neuere Kultur kommt die des Kautschuks hinzu. Freilich ist bisher die Menge
der Produktion und des Exports nicht nennenswert gewesen, aber es war doch das
erfreuliche Ergebnis zu verzeichnen, dass die eingesandten Proben sehr günstig
beurteilt und den besten Erzeugnissen anderer Länder an die Seite gestellt
wurden.
In dem an Niederschlägen reichen Baininggebirge, das einen guten,
tiefgründigen Boden aufzuweisen hat, ist im Berichtsjahre der Versuch einer kleinbäuerlichen
Ansiedlung gemacht worden. Es haben sich dort, vom Gouvernement durch Abgabe
von Land und Beschaffung von Saatgut unterstützt, zehn Farmer niedergelassen,
die bereits früher in Nord-Queensland als Pflanzer tätig und somit schon mit
den tropischen Verhältnissen vertraut waren. Die Anpflanzungen sollen sich
hauptsächlich auf Ficus erstrecken. Als Zwischenkultur ist die Sisal-Agave in
grösserem Massstabe bestellt worden. Die Nachfrage nach den Erzeugnissen aus
dieser Pflanze hat sich in der letzten Zeit so erheblich gesteigert, dass mit
Bestimmtheit auf einen lohnenden Absatz gerechnet werden kann. Auch Mais ist
gepflanzt worden und gedeiht in hervorragend schöner Qualität. Nach der
bisherigen Entwicklung der Farmen darf angenommen werden, dass die Ansiedler im
Baininggebirge bei einigermassen wirtschaftlichem Betriebe ihr gutes Auskommen
haben werden.
Die Bewohner der mikronesischen Inselgruppen leiden durchweg unter den Nachwirkungen
der Orkane vom Jahre 1905. Alle mussten durch Ueberweisung von Lebensmitteln
wiederholt unterstützt werden; denn auf vielen Inseln hat das Unwetter die
Feldfrüchte und die Brotfruchtbäume vernichtet und die Kokospalme zum Teil
ganz zerstört, zum Teil ihrer Blätter, Blüten und Früchte beraubt. In
anerkennenswerter Weise griff die Regierung ein und hielt zum Beispiel auf den
Marianen die Eingeborenen zum Anbau von Mais und Süsskartoffeln an. Hierin
wurden so reiche Ernten erzielt, dass wieder ein Ueberfluss an Nahrungsmitteln
vorhanden ist. Auf den Ostkarolinen war es nötig, einige hundert Leute auf
andere, weniger betroffene Inseln zu überführen. Ein Gutes bei diesen
Ereignissen ist, dass an einzelnen Stellen die Farbigen um Beschäftigung
nachsuchen. An Arbeitsgelegenheit fehlt es nicht, denn an vielen Orten müssen
die durch den Taifun beschädigten öffentlichen Bauten neu ausgebessert werden.
Ein Werk von grosser Bedeutung ist zwischen den drei Inseln Jap, Map und Rumung
hergestellt worden, nämlich ein 230 m langer, breiter Verbindungsdamm
aus Korallenblöcken, der die genannten drei Inseln unter sich verbindet und die
Seefahrzeuge für den wechselseitigen Verkehr ausgeschaltet hat. Das
Dienstgebäude für die Regierungsstation ist mit seinen Nebenbauten nahezu
fertiggestellt.
Durch die Errichtung der Kabelstation sind eine Anzahl Neubauten nötig
geworden. Die errichteten Häuser, von denen das Dienstgebäude (S. 25)
zweistöckig ist, sind sämtlich aus Eisen mit Betonwänden, Gewölben und
Decken erbaut. Neben dem Telegraphenamt sind vier Wohnhäuser, ein geräumiges
Klublokal und eine Anzahl Nebengebäude, sowie eine Anlage für zwei Behälter
mit Ersatzkabeln und eine gewaltige Zisterne errichtet, aus der durch
Vermittlung eines Turbinenturms die Häuser mit Wasser gespeist werden;
sämtliche Abortanlagen sind mit nach dem Meere führender Entwässerung
versehen.
Die Marshallinseln haben seit dem 1. April aufgehört, ein selbständiges
Schutzgebiet zu sein und wurden der Verwaltung der Karolinengruppe angegliedert.
Auch diese Gruppe leidet noch unter den Nachwirkungen des Orkans vom Juni 1905.
Das Jahr hat unsere Samoa-Inseln in ihrer Entwicklung beträchtlich
gefördert. Vorweg sei bemerkt, dass unter den Ansiedlern und Eingeborenen dank
der Geschicklichkeit des stellvertretenden Gouverneurs Dr. Schultz das bester
Einvernehmen geherrscht hat. Wenn auch das zahlenmässige Ergebnis der
Handelsentwicklung des Vorjahres noch nicht feststeht, so konnte doch eine
Zunahme der Ausfuhr und der Eingeborenenkulturen, sowie eine erhöhte Kaufkraft
der gesamten Bevölkerung der Inseln festgestellt werden. Die hohen Koprapreise
begünstigen diese Entwicklung.
Als geradezu hervorragend wird das Aussehen der Kakaopflanzungen
bezeichnet. In der Samoanischen Zeitung heisst es darüber: "Ueber die
Rentabilität der samoanischen Kakaopflanzungen besteht kein Zweifel mehr."
So haben denn auch einzelne Gesellschaften schon verhältnismässig grosse
Mengen an Kakao verschifft, an anderer Stelle erwies sich das bisherige
Trockenhaus als zu klein, und die jüngeren Pflanzungen machen allenthalben
einen guten, gesunden Eindruck. Die gefährlichsten Tierschädlinge, die Ratten,
sind so tatkräftig bekämpft worden, dass von Schaden zuzeit kaum die Rede sein
kann. Auch über die samoanischen Kautschukproben sind nach der genannten
Zeitung nur günstige Urteile mit guten Bewertungen abgegeben worden.
Im Jahre 1906 wurden aus Samoa 175 Chinesen in die Heimat zurückbefördert und
660 Zopfträger als neue Arbeiter eingeführt. Als Ereignisse des Jahres
verdienen noch Erwähnung der Vulkanausbruch von Sawaii, der vielleicht mit den
seismischen Erscheinungen der gesamten Erde in Verbindung steht, und die
Eröffnung eines Fernsprechnetzes in Apia, das schon 30 Teilnehmer
aufweist
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| Quelle:
Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen
Kolonialgesellschaft. Berlin 1907, S. 23ff. |
GM
(digitale Umsetzung) und AG
(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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