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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1907 - Rückblick auf das Schutzgebiet Kiautschou im Jahre 1906
Rückblick auf das Schutzgebiet Kiautschou im Jahre 1906. 

Die wichtigste Tatsache für das Schutzgebiet Kiautschou war, dass am 1. Januar 1906 das Uebereinkommen mit der chinesischen Regierung in Kraft trat, durch welches mit Ausnahme eines kleinen Freibezirkes eine Art Zollunion mit China abgeschlossen wurde. Dies Abkommen ist für beide Teile, soweit sich bisher ersehen lässt, von Vorteil gewesen. Denn einmal erhielt das deutsche Gouvernement für das erste Halbjahr des Jahres 1906 237.000 M. an Zolleinkünften ausgezahlt (für die nächsten fünf Jahre sollen im 20 v. H. der Einnahmen des Einfuhrzolles überwiesen werden). Weiterhin haben sich auch die regelmässigen Einnahmen unseres Gouvernements fortwährend in gleichmässiger Steigerung vermehrt; die Grundsteuer, Mieten und Pachtzins, sowie allerlei Abgaben aus dem Hafen sind gestiegen.
Das Verhältnis zwischen den beiden Rassen ist stetig freundlicher geworden. Gewiss hat dazu beigetragen, dass im April 1906 die letzten Truppen aus dem Hinterlande nach Tsingtau zurückgezogen wurden. Chinesische Wünschen entsprach es ferner, dass die deutschen Postanstalten an der Strecke der Schantung-Eisenbahn aufgehoben wurden. Infolgedessen nimmt auch der Zuzug von Chinesen nach Tsingtau und Tapautau von aussen her zu, besonders sind darunter viele Südchinesen, die sich ihre besonderen Klubs mit Theater usw. einrichten. Dass in den grossen Krankenhäusern von Tsinanfu und Yentschoufu deutsche Ärzte unter freudiger Anerkennung der Chinesen wirken, dass der altbewährte Tsingtauer Polizeichef Welzel nach Wutschang berufen wurde, sei als Zeichen wachsenden Einvernehmens zwischen Deutschen und Zopfträgern erwärmt.
Tsingtau erobert sich ferner einen Platz in der Wertschätzung fremder Nationen. Mehrere Grossfirmen aus Schanghai, Tschifu, Tientsin und Korea haben im Jahre 1906 hier Zweigniederlassungen gegründet. Die Amerikaner betätigen ihr Interesse an unserer Kolonie und haben im Laufe des Jahres ein Konsulat in Tsingtau begründet - die erste amtliche Vertretung eines fremden Staates. Tsingtau ist von bedeutenden Petroleumgesellschaften zum Mittelpunkt ihres Handels nach Schantung gemacht worden. Eine solche Gesellschaft hat ein Grundstück von 40.000 qm Grösse zur Aufstellung ihrer Tanks erworben und ist mit der chinesischen Regierung wegen Aufstellung solcher Petroleumbehälter an einzelne Bahnstationen der Schantung-Eisenbahn in Verbindung getreten.
Die Bautätigkeit in Tsingtau ist wie im Vorjahre eine außerordentlich rege. Zwei neue Stadtviertel sind entstanden. Insgesamt wurden im Berichtsjahre 32 Grundstücke versteigert, wovon ein Drittel am grossen Hafen liegt und sechs im Industrie- und Villenviertel. Die Gesamtgrösse des seitens des Gouvernements veräusserten Geländes beläuft sich auf etwa 10 ha, wofür ein Gesamtpreis von 77.000 mexikanischen £ gezahlt wurde, das Doppelte des Vorjahres. Ebenso wuchsen die Einnahmen aus Pachtgeldern. Das Gouvernement war dadurch in die Lage versetzt, von chinesischen Grundeigentümern etwa 13 ha zum grössten Teil zu Aufforstungszwecken zurückzukaufen, wodurch sich das Grundeigentum des Fiskus im Schutzgebiet auf etwa 2300 ha vermehrte, während als im Privateigentum befindlich 240 ha eingetragen sind.
Dieser Kauflust des Publikums entsprechend hat sich die Privatbautätigkeit belebt. Nicht weniger als 48 neue Wohnhäuser sind in Tsingtau und Tapautau entstanden, wovon allerdings die Mehrzahl auf die Chinesenstadt kommt. Von grösseren Gouvernementsbauten sind vor allem das Gouvernementsdienstgebäude und die Schlachthof-Anlage, sowie je ein Wohngebäude für europäische Polizei- und Forst-Beamte fertiggestellt, während das neue Gouverneurhaus und die neue Gouvernementsschule im Rohbau fertiggestellt sind; im Bau-Anfangs-Stadium, Bau bzw. noch in den Projekt-Arbeiten begriffen sind das Feldbatterie-Kasernement bei Taitungtschen und die vierte Bismarckkaserne.
Die Baggerungs- und Aufschüttungsarbeiten im grossen Hafen und im Werftgebiet sind so weit gefördert, dass aller Wahrscheinlichkeit nach der Hafen im Jahre 1908 fertiggestellt wind wird. In dieser Stadtgegend sind allerlei Werkstätten und Baracken entstanden, ein 150 Tonnen-Kran ist fertig montiert worden, der mit seiner Tragfähigkeit alle andern an der ostasiatischen Küste übertrifft. Das grosse Schwimmdock ist seit seiner Fertigstellung bis Ende des Jahres 1906 an 216 Tagen von 24 Schiffen benutzt worden. Das Elektrizitätswerk hatte im Jahre 1906 beinahe viermal soviel Abnehmer als zwei Jahre zuvor und erzeugte etwa doppelt soviel Kraft als im Jahre 1904. Hauptausfuhrartikel im Tsingtauer Hafen sind Strohborten, Bohnenkuchen, Häute, Süsskartoffeln, Fische, Bohnen- und Erdnussöl, Pfeffer, Weizen, Obst und Jute. Eingeführt werden billige Uhren, Eisenwaren, wohlfeile Regenschirme, Garne, Knöpfe, billige Mützen, Süssigkeiten usw.
Man konnte das alles gelegentlich der am 29. und 30. September in Litsun veranstalteten Ausstellung übersehen, die sich als ein gelungener Versuch ergeben hat. Eine besondere Weihe erhielt sie dadurch, dass zu ihrem Besuch und zum Studium des gesamten Schutzgebietes eine Anzahl von Reichstagsabgeordneten gekommen waren. Die im Schutzgebiet erscheinende Zeitung sieht hierin nicht nur einen Beweis für das immer grössere Interesse des Mutterlandes an der Weiterentwicklung der Kolonie, sondern stellt den Herren auch das Zeugnis aus, dass sie bei den verschiedenen Besichtigungen und Konferenzen unermüdlichen Eifer und Sachkenntnisse bewiesen und sich den Dank der gesamten Bürgerschaft Tsingtaus erworben haben.
Die erwähnten Aus- und Einfuhrartikel bilden die Frachten der Schantung-Eisenbahn, die im Vorjahre rund 24.000 Wagenladungen (S. 28) beförderte, und zwar die grössere Hälfte landeinwärts. Die Zahl der beförderten Personen hat 800.000 überstiegen. Der Wert der Einfuhr betrug im ersten Halbjahr 1906 11,7 Millionen Haikwam-Taels, d. i. gegen das erste Halbjahr 1905 mit 7,6 Millionen H.-T. ein ganz bedeutende Zunahme. Dasselbe lässt sich für die Ausfuhr feststellen, wo die diesbezüglichen Zahlen für 1905 und 1906 3,5 und 3,8 Millionen H.-T. sind. Uebrigens sind bei der Ausfuhr 75 v. H. des Geschäftes in den Händen von Europäern, bei der Einfuhr aber etwa nur 30 v. H.
Wie die Eisenbahn-Gesellschaft, so hat sich auch die Schantung-Bergbau-Gesellschaft weiter entwickelt. Man hat sich Schanghai und andere chinesische Plätze als Absatzmarkt für Fangtse-Kohlen erschlossen. Man hat auch eine Brikettfabrik eingerichtet, deren Erzeugnisse zu Ende des Jahres in Tsingtau Verbreitung gewannen. Diese Gesellschaft beschäftigt übrigens 86 europäische und 3300 chinesische Angestellte. So konnte denn auch in Fangtse am 15. Oktober eine deutsche Schule mit zunächst 15 Kindern eröffnet werden.
Ebenso erfreulich hat sich die Gouvernementsschule in Tsingtau entwickelt. Sie ist ein Reform-Realgymnasium mit anzugliedernden lateinlosen Realschulklassen. Für die vermehrte Zahl der Schüler reicht das alte Schulgelände nicht mehr aus, so dass im Jahre 1907 ein neues bezogen werden muss. In diesem Jahre werden auch die ersten Sekundaner die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst erlangen. Das wird dann gewiss noch viele deutsche Kinder aus näheren oder entfernteren Plätzen Ostasiens herbeilocken, wie ja Tsingtau auch in anderer Hinsicht den Charakter einer Fremdenstadt hat.
Infolge seiner vorzüglichen Gesundheitsverhältnisse zieht es Besuche aus ganz Ostasien während des Sommers an seinen Strand, darunter auch andere europäische Nationen. Die Tsingtauer Hotels zählten 400 Badegäste in diesem Sommer, abgesehen von den in privaten Wohnungen Untergebrachten. Das Mecklenburghaus wurde im letzten Jahre von 1039 Personen der Zivilbevölkerung aufgesucht.
Dementsprechend ist der Schiffsverkehr des Schutzgebietes, besonders auch durch die Zunahme des Handels, wiederum gestiegen. Vom 1. Oktober 1905 bis 31. September 1906 liefen 425 Schiffe in unern Hafen ein, und 388 ankerten an den Molen. Auch bei dem Frachtengeschäft der Hamburg-Amerika-Linie hat sich eine Steigerung des Verkehrs bemerkbar gemacht. Es wurden hier grössere Umsätze erzielt, trotzdem in ganz Ostasien das Geschäft darniederliegt. In dem gleichen Masse wuchs der Betrieb der sieben im Kiautschougebiet errichteten deutschen Postämter. Eine Verkürzung der Fristen wird durch die Wiederaufnahme des sibirischen Verkehrs erzielt werden.
Eine Bevölkerungs-Aufnahme hat in Tsingtau im Jahre 1906 nicht stattgefunden; es steht indessen fest, dass die Zahl der weissen Bewohner des Schutzgebietes wiederum grösser geworden ist.
Wir dürfen mit Zuversicht auf ein weiteres Gedeihen unserer jungen Kolonie rechnen. Insbesondere sind wir dazu berechtigt, weil der in langjähriger Erfahrung erprobte Gouverneur Truppel zu Anfang September nach Tsingtau zurückgekehrt ist und die Leitung der Schutzgebietsgeschäfte wieder übernommen hat.

Kiautschou betreffende Literatur aus dem jahre 1906:

Denkschrift, betr. die Entwicklung des Kiautschou-Gebiets in der Zeit vom Oktober 1904 bis Oktober 1905. Mit 5 Panoramen in Lichtdruck, 4 Tafeln Lichtdruckbilder und 1 kartographischen Darstellung. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Berlin 1906. Preis


3,- Mk.

 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1907, S. 27f

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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