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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1907 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Togo im Jahre 1906
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Togo im Jahre 1906.

Wie immer bisher war auch im letzten Jahre die Entwicklung des Schutzgebietes eine ruhige und stetige. Freilich sind kleine Unbotmässigkeiten in Dörfern des Hinterlandes vorgekommen, aber sie konnten ohne Blutvergiessen durch das Eingreifen der Polizeitruppe erledigt werden. Die Aufmerksamkeit des Gouvernements, wenn auch nicht dessen Argwohn, erregt eine gewisse Unruhe unter der mohammedanischen Bevölkerung, die anscheinend eine Folgeerscheinung der Einrichtung der englischen und französischen Verwaltung im Sudan ist. Ausläufer dieser Bewegung sind bis in das Hinterland unseres Schutzgebietes gedrungen. In den Bezirken Mangu, Sokode und Kratschi erschienen mohammedanische Wanderprediger, die aufreizende Reden führten. Der Gouverneur glaubt nicht, dass sich der Islam unseres Schutzgebietes Togo fanatischer und angriffslustiger zeigen wird, als es bisher der Fall war.
Die weisse Bevölkerung des Schutzgebietes ist bis zum 1. Januar 1906 auf 234 gestiegen, worunter sich 39 Frauen und 7 Kinder befanden. In Lome blieb sie stetig, in Anecho nahm sie sogar ein Geringes ab, dagegen wuchsen die Ziffern für die Bezirke Misahöhe und Atakpame - ein sicheres Zeichen dafür, dass unsere Kolonisation weiter ins Hinterland dringt. Vor allem ist diese Bevölkerungszunahme jedoch eine Folgeerscheinung des Ausbaus der Eisenbahnstrecke bis Palime.
Hinsichtlich der Eingeborenenbevölkerung war man und ist man bisher nur auf Schätzungen angewiesen. Indessen glaubt man heute, dass die gesamte Bevölkerung nicht höher als eine Million ist, während man noch vor wenigen Jahren fast das Doppelte annahm.
Die europäische wie die Eingeborenen-Bevölkerung erfreute sich einer guten Gesundheit, und von Epidemien, die wir leider im Vorjahre erwähnen mussten, ist diesmal glücklicherweise nichts zu berichten.
Die Eisenbahn ins Hinterland wurde im Laufe des Jahres 1906 bis zur Station Agome-Palime, dem vorläufig vorgesehenen Endpunkte, ausgebaut und ist am Kaisers Geburtstag des Jahres 1907 dem allgemeinen Verkehr übergeben worden. Sie hat eine Spurweite von 1 m und erfreut sich schon seit Eröffnung der Teilstrecken eines viel bedeutenderen Verkehrs, als man es ursprünglich zu hoffen gewagt hatte. Der Schienenweg wird aber erst dann seinen ganzen Nutzen zu entfalten vermögen, wenn er bis in den Atakpame- und Sokodé-Bezirk fortgeführt sein wird. Hand in Hand mit der Einrichtung der Eisenbahn geht die Anlegung geeigneter Anschlusswege. So ist der Weg von Palime bis zur Station Misahöhe fahrbar gemacht worden und wird über den François-Pass weiter in das Voltafluss-Gebiet fortgesetzt werden. Das Ganze ist keine leichte Aufgabe, da grosse Felssprengungen und Ueberbrückungen von Schluchten erforderlich sind; infolgedessen schreitet der Bau auch nur langsam vorwärts. Der gesteigerte Wagenverkehr in das Inland machte die Ausbesserung mehrerer Strassenstrecken und Brücken notwendig. Der Damm durch die Niederung des Schio ist fertiggestellt, desgleichen die Drahtseilbrücke über den Haho. Auch die Atakpamestrasse ist bis auf wenige kurze Sandstrecken nunmehr in gutem Zustande; hier soll ein Lastautomobil dem Verkehr dienen.
In Lome wurden zur Erweiterung des Strassennetzes fünf weitere Strassen angelegt und mit Laterit befestigt. Die sämtlichen festen Strassen wurden mit Mandelbaumalleen bepflanzt.
Sowohl die Ausfuhr wie die Einfuhr des Schutzgebietes hat vom Jahre 1904 auf das Jahr 1905 (die Zahlen für 1906 liegen hier wie bei den anderen Schutzgebieten noch nicht vor) zugenommen, wenn auch nicht sehr beträchtlich. Die Ausfuhr von Palmkernen und Palmöl leidet immer noch unter den Nachwirkungen der Trockenheit der Jahre 1903 und 1904, trotzdem im Berichtsjahre die Niederschlagsmengen des Oelpalmenbezirkes reichlicher waren. Hinzu kommt auch, dass die Eingeborenen durch Arbeiten am Bahnbau oder durch vermehrten Maisanbau in Anspruch genommen waren und ihren Lebensunterhalt erwarben und infolgedessen die Gewinnung der Palmfrüchte etwas vernachlässigten. Die Steigerung der Maiserzeugung macht den Togonegern alle Ehre; denn sie verrät sehr viel wirtschaftliche Beweglichkeit und Intelligenz. Dazu kommt, dass infolge hoher Maispreise in Europa es sich für die im Schutzgebiet ansässigen Firmen lohnte, dorthin, insbesondere nach Deutschland, Mais auszuführen. So stieg dann der Maisexport von 1904 bis 1905 von 660.000 kg auf 9.367.000 kg und der Wert erhöhte sich von 39.000 M. auf 567.000 M. Für die Maisausfuhr kamen infolge mangelnder Verbindung nach dem Hinterland nur die küstennahen Bezirke in Betracht.
Eine weitere Folge der Ausdehnung des Maisbaues ist ein Stillstand der Baumwollkultur in den Bezirken Lome und Anecho. Der Mais brachte eben höhere Gewinne. Dagegen bauen die Neger in den Bezirken Atakpame und Misahöhe gern Baumwolle, zumal durch einen scharfen Wettbewerb der europäischen Firmen die Preise hoch sind und eine Verarbeitung durch Neueinrichtung verschiedener Ginbetriebe erleichtert ist.
Zur Förderung der Baumwollkultur und jeglichen Eingeborenen Ackerbaues hat der Gouverneur die Ackerbauschule in Nuatjä, die früher vom Kolonial-Wirtschaftlichen Komitee unterhalten wurde, neu ausgebaut. Der Lehrgang dauert drei Jahre, und zwar fällt das (S. 9) Kalenderjahr mit dem Lehrjahr zusammen. Es sollen möglichst gelehrige und intelligente Leute zu Schülern ausgebildet werden, die auch schwerere Arbeit zu leisten vermögen, nicht unter 17 und nicht über 23 Jahren. Als Lohn und zu ihrem Unterhalte erhalten die Schüler 12 bis 15 M. und von einem Hektar die bis zu ihrem Entlassungstage geerntete Baumwollmenge bzw. deren Wert. Für Unterkunft und Verpflegung hat der Schüler monatlich 4,50 M. zu entrichten. Doch steht es jedem frei, sich selbst zu beköstigen, wobei nur monatlich 50 Pfg. für die Unterkunft zu zahlen sind. Während eines jeden Lehrjahres findet eine Prüfung statt. Nach dem Durchlaufen der Ackerbauschule erhält der entlassene Schüler ein Zeugnis. Sie werden sodann in ihrer Heimat auf einem von der Bezirksleitung anzuweisenden Gelände angesetzt, und zwar möglichst in geschlossenen Niederlassungen. Jeder frühere Schüler erhält 8 ha Land, ferner einen Pflug, eine Hacke ein Haumesser und eine Dunggabel, wenn möglich auch zwei bis drei zur arbeit geeignete Rinder. Auch kann ihm Arbeitshilfe gestellt werden, wie er fernerhin auch Saatgut bekommt. Die Ernten sind vorbehaltlos Eigentum des Ansiedlers.
Die Ausfuhr von Kautschuk ist wiederum nicht unbedeutend gestiegen und hat zum ersten Male dem Werte nach die von Palmkernen und Palmöl zusammengenommen übertroffen. Die Ernten im Kakao, Kaffee und Kola sind nur unwesentlich.
Wenn man die das Schutzgebiet anlaufenden Schiffe zählt, so zeigt sich gegenüber dem Vorjahre ein Rückgang, der sich aber einfach damit erklärt, dass nach der Eröffnung der Küstenbahn (18. Juli 1905) die Reede von Anecho geschlossen wurde und infolgedessen nur Lome als Hafen des Schutzgebietes übrig bleibt. Die Mehrzahl der Lome anlaufenden Schiffen fahren unter deutscher Flagge.
Die Regierungsschulen in Togo erfreuen sich immer grösserer Beliebtheit bei den Eingeborenen, weil diese einsehen, dass die Erlernung des Deutschen ihnen Vorteile bringt. Die Schule in Lome zählte im Berichtsjahre 100 Schüler, gegen 46 im Vorjahre. Eine ganze Reihe musste wegen Platzmangels zurückgewiesen werden. In den beiden Oberklassen unterrichtet der weisse Lehrer, in den beiden unteren je ein schwarzer Unterlehrer. Seit 1906 (das Schuljahr beginnt dort am 24. Januar) wird nur noch in den Vormittagsstunden Unterricht erteilt. Lehrgegenstände sind Anschauungsunterricht und Sprachübungen, Auswendiglernen, Lesen, Sprachlehre, Rechtschreibung, Aufsatz, in der obersten schriftliche und mündliche Uebersetzungsübungen aus dem Deutschen ins Ewe und umgekehrt, ferner Schönschreiben, Rechnen, Gesang, schliesslich in den beiden Oberklassen Erdkunde und Geschichte. Der Togoeingeborene zeigt für die Erlernung von Sprachen grosse Begabung; so lernen denn die Jungen recht bald deutsch verstehen oder, wie sie es nennen, "hören". Des Nachmittags werden häusliche Arbeiten angefertigt oder die Jungen wenden sich allerlei körperlichen und technischen Uebungen und Beschäftigungen zu: da wird geturnt, im Garten gearbeitet und gegossen usw.
Wenn schon bei uns die Schule neben der wissenschaftlichen Ausbildung auch erzieherische Pflichten hat, so gilt das noch viel mehr für Togo. Den schwarzen Knaben muss Sinn für Ordnung, Reinlichkeit und gute Sitte beigebracht werden. Täglich müssen sie baden und wöchentlich ihre Kleider und Tücher waschen. Ein Erfolg ist, dass der Gesundheitszustand der Schüler immer besser wird.
Von den 17 Schülern der Handwerkerschule in Lome ergaben sich acht der Tischlerei, zwei dem Schmieden, einer dem Mauern und sechs dem Schneidern. Hiermit verbunden sind Unterrichtsstunden im Zeichnen, Deutsch und Rechnen. Gerade im Zeichnen weisen nach den Schulberichten manche Schüler recht zufriedenstellende Leistungen auf; sie haben hierfür eine natürliche Begabung.
In der Regierungsschule in Sebevi wurde in 32 Wochenstunden von einem deutschen Lehrer mit zwei schwarzen Unterlehrern 103 Schüler Unterricht erteilt, und zwar in fünf Klassen. Der Besuch der Schule war ein regelmässiger. Von den entlassenen Schülern traten zwei in den kaufmännischen Beruf ein, während drei andere sich der Laufbahn eines Unterbeamten in deutschen Diensten widmen wollen


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1907, S. 8f

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mit freundlicher Unterstützung durch die
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