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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1907 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Kamerun im Jahre 1906
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Kamerun im Jahre 1906.

In Kamerun ist das deutsche Gouvernement bis zu einzelnen Stämmen noch gar nicht vorgedrungen. Es gibt daher immer wieder hier und da Zusammenstösse, und es wird zur Pflicht der Regierung, gegen Räubereien und allerlei Uebergriffe der Schwarzen mit Nachdruck einzuschreiten. Bei einem solchen Unternehmen, nämlich beim Sturm auf das Räubernest Ngute, fand am 16. Januar der Oberleutnant Schröder seinen Tod. Im Bezirk Jaunde plünderte ein Häuptling Ngila wiederholt durchziehende Karawanen; es wurde gegen ihn eingeschritten und er fiel im Kampfe.
Im übrigen aber ist festzustellen, dass unser Verhältnis zu den Eingeborenen sich immer mehr bessert. So ist im ganzen Jahre das Verlangen, für Reinigung oder Neuanlegung von Wegen Leute zu stellen, nirgends auf Schwierigkeiten gestossen. Im Bezirk Duala baten Häuptlinge häufig das Bezirksamt, ihnen Fingerzeige für die Anlage gleich schöner Strassen, wie sie in diesem Orte gesehen hatten, zu erteilen. Im Interesse der Pflanzungsunternehmungen an der Küste ist auch ein freiwilliger Zuzug von Eingeborenen aus dem Hinterland besonders zu begrüssen. Die Häuptlinge hegen zu unserer Verwaltung so viel Vertrauen, dass sie sich immer zahlreicher mit ihren Angelegenheiten an unsere Behörden wenden und sich Rat holen. Ohne Schüchternheit bringen sie bei der Obrigkeit ihre Beschwerden vor, wenn sie sich von Weissen benachteiligt glauben. Auch der Andrang zu den Schulen seitens der Eingeborenen ist wohl in dasselbe Kapitel zu setzen. Allerdings muss erwähnt werden, dass, wo es einer deutschen Machtentfaltung bedurfte, wir auf schärferen und erbitterten Widerstand stossen, als in den früheren Jahren.
Neben der Unterwerfung einzelner Stämme geht einher die Erforschung neuer Gebiete. So wurde festgestellt, dass im südlichen Teile des Bezirkes Bamenda in einer Höhe von 1200 - 1400 m eine zahlreiche, auf verhältnismässig hoher Kulturstufe stehende Bevölkerung und ein grosser Reichtum an Kolabäumen und Oelpalmen vorhanden ist. Aehnlich neue Beobachtungen wurden an mehreren Stellen gemacht, so z. B. auch von den Grenzexpeditionen, die im Norden mit den Engländern zusammen, im Süden und Osten im Verein mit den Franzosen Aufnahmen machten.
Die Eingeborenen-Bevölkerung befindet sich noch immer in Bewegung. Im Süden des Schutzgebietes hat sich eine Verschiebung von Ost nach West geltend gemacht. Bemerkenswert ist ferner ein allmähliches, immer stärkeres Vordringen der Haussas.
Die weisse Bevölkerung hat sich wiederum nicht unbedeutend vermehrt, nämlich von 826 auf 896 Personen, darunter 102 weiblichen Geschlechts. Fast ein Sechstel davon, nämlich 141 sind Ansiedler und Pflanzer, gegen 108 im Vorjahre. Auch die Zahl der Kaufleute wuchs von 268 auf 283. Wenn die Zahl der Handwerker zurückging, so beruht das im wesentlichen darauf, dass immer mehr Eingeborene zu brauchbaren Handwerkern herangebildet worden sind. Die Handwerkerlehrwerkstätte in Buea hat ihren Betrieb wesentlich vergrössert. Sie beschäftigte 40 Lehrlinge und hat sich neben der Bautischlerei jetzt auch mit grossem Erfolge der Anfertigung von Möbeln zugewandt. Für solche Zwecke eignet sich vorzüglich das afrikanische Eichenholz, Mbang genannt; denn im Gegensatz zu den in Deutschland hergestellten quellen die daraus gefertigten Möbel in feuchtem Klima nicht.
Die Regierungsschule in Duala besuchten 277 Schüler, die in Viktoria 200 Schüler. Die entlassenen fanden sofort in den verschiedenen Zweigen des Gouvernementsdienstes Verwendung. Zur Unterstützung wurde noch eine Fortbildungsschule eingerichtet. Ein Bericht hierüber meint, die Erfahrung habe gezeigt, dass der Erfolg des Unterrichts bei älteren Negern durchschnittlich in keinem Verhältnis zu der aufgewandten Mühe steht.
Am 9. Mai 1906 bewilligte der Reichstag die Mittel für den Bau einer Eisenbahn von Duala nach den Manenguba-Bergen. Die Arbeiten an dieser Bahn sind seit einiger Zeit im Gange. Von erfahrener Seite, zumeist von Missionaren, ist aber darauf hingewiesen worden, dass die Bahn Wert und Bedeutung erst gewinnen kann, wenn sie noch weiter nordwärts geführt wird. Nebenher wird das Wegenetz mit allen verfügbaren (S. 12) Mitteln weiter ausgestaltet. Das Bezirksamt Jaunde hat z. B. unter Beteiligung der gesamten anwesenden Bevölkerung eine Strasse von 75 km Länge von Jaunde bis zum Njong fertiggestellt. An öffentlichen Bauten sei das in Viktoria begonnene Krankenhaus für Farbige sowie ein Unterkunftshaus für Träger erwähnt.
Die Oelpalmen im Kamerungebiet stehen gut. Nur verderben in unzählbaren Mengen die Früchte, weil es an Verkehrsmitteln mangelt. Bezüglich der Gummigewinnung machen sich wieder mehr Klagen über Raubbau geltend. So sollen in den ehemals so gummireichen Bezirken Kribi, Lolodorf, Ebolowa und Jaunde die Kautschukpflanzen fast gänzlich ausgerottet sein. Wenn Jaunde auch heute noch Haupthandelsplatz für Gummi ist, so liegt dies daran, dass die rührige Jaundebevölkerung zu Tausenden in die entferntesten Gegenden zieht, um hier den Gummi einzuhandeln und ihn alsdann dem weissen Kaufmann zuzuführen. Im Bezirke Ossidinge gewinnen aus einer Soolquelle die Eingeborenen Salz, das bis in das Grasland hinein gehandelt wird.
Besondere Erwähnung verdienst das arbeitsame Jaundevolk. Derjenige Jaunde, der nicht im Dienst von Europäern steht, widmet sich dem Farmbau und der Viehzucht. Ganz besonders produziert der Jaundebezirk Mais, Durrah und Kassada in grossen Mengen, daneben auch Jams, Makabo und süsse Kartoffeln.
Bei den deutschen Plantagenunternehmern herrscht nicht grosse Neigung für weiteren Anbau von Kakao im Viktoriagebiet. Durch Braunfäule und die Rindenwanze wurde die Kakaoernte beeinträchtigt, kann jedoch immerhin als befriedigend bezeichnet werden. Erfreulich ist, dass man mit grösserem Eifer an die Anlage von Kautschukpflanzungen geht; denn gegen den erwähnten Raubbau ist die Neuanlage von Pflanzungen als Gegengewicht dringend notwendig.
Auf Meldungen von Petroleumfunden hin wurden von der Kamerun - Berwerks - Aktiengesellschaft umfangreiche Bohrungen nach Erdöl vorgenommen, aber ohne nennenswertes Ergebnis, so dass die Gesellschaft ihre Tätigkeit vorläufig eingestellt hat. Immerhin sind bei Duala erdölhaltige Quellen in grosser Zahl festgestellt worden. Die gesamte geologische Erforschung des Schutzgebietes wird hoffentlich systematischer betrieben werden, nachdem in jüngster Zeit ein Geologe im Schutzgebiet eingetroffen ist.
Der Handel spielt sich immer noch vorwiegend in den Formen des Tauschverkehrs ab. Daneben ist aber der Geldverkehr im Zunehmen begriffen. Bei dieser Entwicklung spricht die Tatsache mit, dass diejenigen Eingeborenen, welche auf den Plantagen an der Küste gearbeitet haben, von dem verdienten Lohne einen Teil oft in bar mit in die Heimat nehmen und erst dort, bezw. auf dem Wege dorthin, in den Faktoreien wieder ausgeben. So kommt es, dass z. B. auf der grossen Balistrasse bis über Tinto hinaus der Geldverkehr bereits durchaus vor herrscht, und dass die in dieser Gegend gelegenen Faktoreien ein zum Teil nicht unbeträchtliches Kassageschäft aufweisen.
Die europäischen Firmen haben ihre Faktoreien, ganz besonders diejenigen unter farbiger Leitung, über die Urwaldgrenze hinaus bis in das Grasland hinein verschoben und so dem unmittelbaren Verkehr der Eingeborenen mit dem weissen Kaufmann eine weitere Ausdehnung gegeben. Eine Firma hat ihre Tätigkeit sogar bis in das deutsche Tschadseegebiet ausgedehnt. Anderseits kommen die Haussakarawanen in immer grösserer Anzahl an die Küste. Sie brachten im Berichtsjahre Gummi, Elfenbein, Lederarbeiten, Pferde und Esel.
Der gesamte Handel des Schutzgebietes Kamerun hat sich ganz bedeutend gehoben. Die Einfuhr und Ausfuhr kommt hauptsächlich aus oder geht nach Deutschland. Bei der Einfuhr ist fast bei allen Warenpositionen eine zum Teil sehr erhebliche Zunahme zu verzeichnen. Von Bedeutung ist namentlich, dass die Zahlen für Tabak, Gewebe, Wäsche, Kleider usw. sehr stark gestiegen sind. Denn durch nichts kann deutlicher ein Wohlstand und eine vermehrte Kaufkraft der Eingeborenen bewiesen werden. Wenn in Metallwaren und Maschinen höhere Einfuhrziffern eingesetzt sind, so hängt das mit den oben erwähnten Versuchen zur Erschliessung von Erdöl im Dualabezirk zusammen. Bei der Ausfuhr ist für alle wichtigeren Landesprodukte eine Zunahme zu verzeichnen, so für Kautschuk, Elfenbein, Kakao, Bau- und Nutzhölzer, Kolanüsse und auch für Palmkerne, während im Palmöl ein geringer Rückgang stattgefunden hat.
Die günstigere Entwicklung des Handels zeigt sich auch in dem gesteigerten Schiffsverkehr, der sowohl der Zahl der anlaufenden Schiffe, wie auch dem Tonnengehalte nach im Vergleich zum Vorjahre eine Zunahme erfuhr.
Wie in Togo blüht auch in Kamerun das Schulwesen. Die Zahl der Schüler der Regierungsschule in Duala betrug 277 gegen 315 im Vorjahre. Von den Schülern waren 22 aus Duala, 42 aus andern Gegenden des Schutzgebietes und der Rest aus ausländischen Gebieten. An Lehrkräften standen zeitweise zwei, im grössten Teil des Jahres nur ein deutscher Lehrer und zwei eingeborene Lehrer zur Verfügung. Der Unterricht wurde in sechs Klassen erteilt, die in drei Abteilungen zusammengefasst waren. Eine dieser Abteilungen war eine von 25 Schülern besuchte Fortbildungsschule. Der Lehrplan für die sechs Schulklassen umfasste sämtliche Fächer, welche in den deutschen Volksschulen gelehrt werden. In der Fortbildungsschule soll eine Weiterbildung der jungen Eingeborenen erstrebt werden, welche nach Beendigung der sechsklassigen Schulzeit in den Dienst der Behörden übertreten oder Beschäftigung als (S. 13) Angestellte bei Privaten finden. Die Raumverhältnisse sind unzureichend, wodurch die Leistungen der Schule nicht unwesentlich beeinträchtigt werden. Der Besuch der Schule kann als ein nach den Verhältnissen regelmässiger bezeichnet werden. Das Ergebnis des Schuljahres war ein befriedigendes und kann dahin zusammengefasst werden, dass von den 22 Schülern der ersten Klasse 16 in den Gouvernementsdienst als Bureau- und Lazarettgehilfen und 2 in den Postdienst als Postgehilfen eingetreten sind. 2 Schüler, Söhne des Manga Bell, wollen ihre Ausbildung in Deutschland vervollständigen. 2 Schüler, noch zu jung, um im Erwerbsleben beschäftigt zu werden, verbleiben noch ein weiteres Jahr in der ersten Schulklasse.
In der Regierungsschule in Viktoria wurde die Lehrtätigkeit von einem deutschen Lehrer wahrgenommen, dem vier eingeborene Hilfslehrer zur Seite standen. Die Schülerzahl betrug 200 gegen 210 im Vorjahre. Schulversäumnisse sind häufig, weil die Kinder sich zum Teil ihren Lebensunterhalt erwerben müssen, ebenso auch die Fälle, dass Schüler nach mehrmonatigem Aufenthalt wieder fortziehen, weil sie keine oder schlechte Unterkunft gefunden haben. Auch Versäumnisse in Folge von Krankheiten, wie Fuss- und Hautkrankheiten, waren ziemlich häufig. Die Ergebnisse des Unterrichts waren trotz vorgekommenen Lehrerwechsels zufriedenstellend. Am Schluss des Schuljahres wurden 30 Schüler entlassen.
Einen Rückgang bedeutet nach allem dem Gesagten das Jahr 1906 für unser Schutzgebiet Kamerun keinesfalls


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1907, S. 11ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
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