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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1908 - Rückblick auf die Entwicklung der Deutschen Schutzgebiete im Stillen Ozean im Jahre 1907.
Rückblick auf die Entwicklung der Deutschen Schutzgebiete im Stillen Ozean im Jahre 1907.

Die deutschen Südseegebiete, nämlich Kaiser-Wilhelmsland, Bismarck-Archipel, die Karolinen mit Palau und Marianen, die Marshallinseln und Samoa sind im Jahre 1907 nicht ganz von elementaren Ereignissen verschont geblieben, wie das leider in den letzten Jahren mehrmals der Fall gewesen ist. Diese Taifune haben in unheimlichem Wüten die Kulturen ganzer Inseln auf Jahre hinaus vernichtet, und die Bevölkerung wäre vor Hunger umgekommen, wenn nicht die deutsche Regierung helfend eingegriffen und die Betroffenen mit Nahrung versorgt und zum Teil auf andere Eilande überführt hätte. Auf Samoa hat leider in ununterbrochener Tätigkeit der Vulkan von Sawaii seine Lavaströme entsandt, wenn auch zum Teil unterirdisch, so dass sie ins Meer mündeten. Aber an den Kulturen sind doch durch die entströmenden Gase schwere Schäden angerichtet worden.
Der Landfrieden blieb fast allenthalben gewahrt. Die begonnene Einziehung der Waffen auf den mikronesischen Gruppen ist ohne Störung vor sich gegangen. So sind diese Völkerschaften, die wir gewöhnlich als dem Untergang geweiht ansahen, nicht nur nicht zurückgegangen, sondern an Zahl recht häufig gewachsen, wie das eine für Samoa veranstaltete Volkszählung unwiderruflich dargetan hat.
Vermehrt hat sich bis auf einige Ausnahmen auch die weisse Bevölkerung. Sie ist natürlich auf den Marshallinseln zurückgegangen, weil man die selbständige Verwaltung von Jaluit eingezogen und damit die Zahl der Beamten vermindert hat. Sie ist anderseits gewachsen, wo, wie auf Nauru, neue gross angelegte Unternehmungen Menschen herbeizogen. Das Verhältnis der weissen zur farbigen Bevölkerung ist nicht nur, wie schon oben erwähnt, friedlich gewesen, sondern zum Teil sind bestimmte Beweise dafür ersichtlich geworden, dass man auf der Seite des Urvolkes den Nutzen der Kolonisatoren einzusehen beginnt.
Ein Beispiel dafür sei hier nur erwähnt, nämlich die Massnahmen des Gouverneurs von Samoa zu Nutzen der farbigen Bevölkerung. Das kam zum Ausdruck seitens der Häuptlinge und Sprecher der Samoaner in einem am 14. und 15. August in Apia veranstalteten Fono, einer Häuptlingsversammlung nach alter Tradition. Wie allenthalben, wo niedere Rassen mit den Europäern in Berührung treten, herrscht auch unter den Samoanern eine leichtsinnige Geneigtheit zum Sichentäussern von Grund und Boden. So ist allgemach ein grosser Teil samoanischen Besitzes in europäische Hände übergegangen. Damit zusammen hängt das Leidwesen des leichtsinnigen Kreditnehmens. Es war ein feierlicher Augenblick, als bei diesem Fono der greise Mataafa names des samoanischen Volkes und seiner Unterhäuptlinge die einstimmig gefassten Beschlüsse der Häuptlingsversammlung zum Ausdruck brachte, wonach künftig Landveräusserungen sowohl wie Landverpachtungen untersagt sind. Es hatte etwas ungemein Ernstes, wie der Gouverneur die Versammlung mahnte, den Hang zur Trägheit, der ihnen in diesem paradiesischen Lande mehr als andern Erdbewohnern innewohnt, zu bannen und zu geregelter Arbeit sich zu bekennen. Künftighin dürfen auf Samoa Landverkäufe nur in Gegenwart von Sachverständigen und nicht ohne deren Zustimmung stattfinden.
Auf Neuguinea ist vielleicht das wichtigste Ereignis, die im Sommer des Jahres 1907 begonnene, vom Kolonial-Wirtschaftlichen Komitee geführte, von der Deutschen Kolonialgesellschaft mit rund 1.000.000 Mark unterstützte Guttapercha- und Kautschuk-Expedition, die auf 3 Jahre berechnet ist und nachhaltige Aufklärungen über das Vorkommen von Kautschuk und Guttapercha in Kaiser-Wilhelmsland bringen soll. Die Forschungen gehen aus von Konstantinhafen und erstrecken sich in der Hauptsache auf das Oertzen und Finisterre-Gebirge, sowie auf das Flusstal des Ramu und das Bismarck-Gebirge. Im Oertzen-Gebirge war schon früher Guttapercha festgestellt worden. Die Expedition hat bisher befriedigende Erfolge gehabt und an mehreren Stellen Guttabäume festgestellt.
Neuguinea hat überdies im Berichtsjahr zum ersten Male eine kleine Kautschuk-Ausfuhr gehabt, die in Hamburg recht gute Preise erzielt hat. Die Hauptsorge ist, im Lande einen im Anzapfen der Bäume unterrichteten Arbeiterstand zu bekommen. Leider haben sich die Eingeborenen dafür nicht sehr geeignet gezeigt, so dass man Javaner anwerben musste. (S. 24)
Die wirtschaftliche Entwicklung von Kaiser-Wilhelmsland schreitet nur langsam vorwärts. Das grosse Unternehmen der Neuguinea-Kompagnie kann aus Arbeitermangel mit Bepflanzung der bedeutenden zur Verfügung stehenden Ländereien nicht so rasch vorwärts gehen, wie es selber wünscht. Man ist deshalb immer auf die Anwerbung fremder Arbeiter angewiesen.
Die in den Bainingbergen angesetzten kleinen Ansiedler scheinen in ihrem Bestande aus Arbeitern gesichert zu sein, und die Abgänge infolge Erkrankung und Tod wurden sofort durch Zuzug wieder ausgefüllt. Man hat deshalb begonnen, weitere Siedler an die geschaffenen Farmen anzusetzen. Von amtlicher Seite wird geurteilt, dass das Gelingen dieser Unternehmungen abzuwarten bleibe.
Für unsere gesamten Südseekolonien dürften die Phosphat-Unternehmungen von Nauru und einigen benachbarten Inseln allmählich grosse Bedeutung gewinnen. Sie haben jetzt schon zur Folge gehabt, dass die Einnahmen unseres mikronesischen Inselgebietes grösser sind als die des alten Schutzgebietes Neuguinea; sie fördern die Einfuhr und geben einer grossen Anzahl von Menschen Beschäftigung und Brot. Für das laufende Jahre rechnet man mit einer Phosphatausfuhr von 75.000 t. wovon das Schutzgebiet eine Abgabe von 25.000 M. erhält. Als Arbeiter verwendet man übrigens in Nauru Chinesen.
Diese spielen bekanntlich die ausschlaggebende Rolle in der Wirtschaft von Samoa, weil dank der Trägheit der Ureinwohner sonst an Plantagenunternehmungen nicht gedacht werden könnte. Von Klagen über ihr Betragen hat man im letzten Jahre nichts gehört, so dass sich der Gouverneur entschlossen hat, solchen Zopfträgern, die sich gut geführt haben, ein weiteres Verbleiben im Schutzgebiet zu erlauben und auch die Anwerbung neuer Kulis zu gestatten. In China selber ist man übrigens der Meinung, dass es den Leuten dort gut geht.
Die samoanische Kakaokultur wäre ohne die Chinesen kaum denkbar. Das Erzeugnis ist von besonderer, hochbezahlter Qualität. Dank der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung der Insel darf wohl der Zeitpunkt erwartet werden, wo sie von den Finanzen des Mutterlandes vollständig unabhängig wird. Das wäre ein schöner Triumph des Herrn Gouverneurs Dr. Solf der seit beinahe einem Jahrzehnt Vertreter des deutschen Kaisers in der Verwaltung der Insel ist.
Insgesamt spricht die Handelskammer Berlin von einem Aufschwung unserer Südseekolonien, den sie für um so bemerkenswerter erklärt, als er in Neuguinea wie auf den Karolinen und Marshallinseln nur einer äusserst geringen Zahl von Unternehmungen zu danken ist und alle Gebiete, einschliesslich Samoa, unter ungünstigen Arbeiterverhältnissen, sowie der dem Weltverkehr fernen Lage zu leiden haben, die ihnen aussergewöhnlich hohe Lasten, insbesondere für Seefrachten, auferlegt.

 

Die Südsee betreffende Bücher aus dem Jahre 1907.

Kleintitschen, Miss P. A. Die Küstenbewohner der Gazellehalbinsel, ihre Sitten und Gebräuche unt. Benutzung der Monatshefte, m. Kn, Herz-Jesu-Missionshaus, Hiltrup b. Münster i. Westf.

Parkinson, R. Dreissig Jahre in der Südsee, Land und Leute, Sitten und Gebräuche im Bismarckarchipel und auf den deutschen Salomoinseln. Strecker & Schröder, Stuttgart 1907. 16 M.

Schultz, Oberrichter Dr. Sprichwörtliche Redensarten der Samoaner. Gesammelt, übersetzt und erklärt. E. Lübcke, Apia 1906.

Weitere Literatur und Kartennachweise finden sich in "Dietrich Reimer's Mitteilungen". Jährl. 4 Hefte à 30 Pfg. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). Berlin


SW. 48.

 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel, Jahrbuch und Bemerkungen von Hubert Henoch. Berlin 1908, S. 23f

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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