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Deutscher
Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen
Kolonialgesellschaft. Berlin 1908 - Rückblick
auf die Entwicklung Kiautschous im Jahre 1907
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Rückblick
auf die Entwicklung Kiautschous im Jahre 1907.
Das Kiautschougebiet
befand sich am 7. November des Jahres 1907 zehn Jahre lang unter deutscher
Herrschaft. So geziehmt es sich, ausser dem Rückblick über das verflossene
Jahr eine Rückschau auf das ganze Jahrzehnt deutscher Herrschaft zu geben. Da
darf vorausgeschickt werden, dass die Erwartungen, mit denen die
Marineverwaltung an die schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe der
Erschliessung der jungen deutschen Kolonie herangetreten ist, vollauf erfüllt
worden sind. Bei allen Massnahmen der Verwaltung wurde der Gesichtspunkt nicht
aus dem Auge verloren, dass wir uns mit dem Kiautschougebiet im fernen Osten
einen wichtigen Stützpunkt deutscher wirtschaftlicher Tätigkeit schaffen
wollen. In dem Jahrzehnt entstand ein zuverlässiger Hafen mit gross angelegten
Einrichtungen, von dem aus eine 500 km lange Eisenbahn in das Hinterland
vordringt, entstand eine saubere moderne deutsche Stadt, wo früher ein
chinesisches Dorf lag, entstanden industrielle und bergmännische Betriebe,
Banken und Schulen, die von deutscher Kultur Kunde bringen. Ein nüchterner
Beurteiler, wie die Handelskammer Hamburg, spricht sich in ihrem Jahresbericht für
1907 dahin aus, dass die Kaiserliche Marine dort in verhältnismässig kurzer
Zeit, einen erstklassigen zweckentsprechenden Hafen mit grossen und praktischen
Anlagen, ausgedehnten und benutzbaren Kaiplätzen und modernen Einrichtungen zum
prompten Laden und Löschen grosser Schiffe geschaffen hat, mit dem sich kein
Hafen in ganz China, selbst das 65 Jahre alte, berühmte Hongkong
eingeschlossen, messen kann. Es ist Tsingtau gelungen, einen Eigenhandel zu
schaffen und neue Absatzgebiete seinem Bereiche zu erschliessen, so dass man das
Pachtgebiet zu den Erfolgen, auf welche es nach zehnjährigem Bestehen zurückblickt,
nur beglückwünschen kann. Im Handel sind uns heute nur noch die älteren, grösstenteils
an der Mündung schiffbarer Ströme günstig gelegenen Plätze wie Schanghai,
Kanton, Tientsin, Hankow, Swatau und Chinkiang über. Das nun beinahe 50 Jahre
früher dem Europäerverkehr erschlossene Tschifu, die andere Eingangspforte zur
Provinz Schantung, haben wir, an den Einnahmen der Kaiserl. chinesischen
Zollverwaltung bemessen, schon im Jahre 1906 überflügelt. Demgemäss wächst
von Jahr zu Jahr die Zahl der weissen Bevölkerung; sie betrug im Jahre
1907 1484 gegen 1225 im Jahre 1905, wo die letzte Zählung zuvor stattgefunden
hat. Dass von den 1484 Europäern 1412, d. h. also über 95 vom Hundert Deutsche
sind, muss als besonders erfreulich festgestellt werden. In diesem Zusammenhange
sei mitgeteilt, dass die Zahl der Japaner im Berichtsjahre von 207 auf 161 zurückging.
Der Gesundheitszustand, über den leider oftmals geklagt werden
musste, war im Jahre 1907 unter der weissen Bevölkerung befriedigend. Pest und
Cholera hielt man sich durch streng durchgeführte Quarantainemassregeln vom
Lande, die Pocken traten unter den sonst viel davon heimgesuchten Chinesen nicht
auf. Leider werden noch öfter Darmerkrankungen beobachtet, und es wird noch
mancher sanitären Einrichtung bedürfen und [um] die Gesundheitsverhältnisse
Kiautschous zu heben, als da sind bessere Wasserversorgung, Bekämpfung der
Staubplage, Regelung der Müllabfuhr und ähnliches.
Anderseits ist ja bekannt, dass Tsingtau als Badeort sich eines
gewissen Rufes an der gesamten ostasiatischen Küste erfreut. So war auch im
Jahre 1907 das Badeleben wieder sehr rege. Familien aus den nahe gelegenen Plätzen
Schanghai, Tschifu, Tientsin sowohl wie aus entfernteren Gegenden, Peking,
Hankau, Hongkong, Kobe, Manila usw., suchten in Tsingtau und an seinem Strand
Erholung. In den Monaten Juli bis September wurden 425 Fremde gezählt, darunter
etwa die Hälfte Engländer und Amerikaner.
Der Gesundung der Gegend, wie auch ihrer Verschönerung dienen die seit
mehreren Jahren systematisch begonnenen Aufforstungsarbeiten. Am Fusse
des sogenannten Signalberges, wo früher das Dorf Obertsingtau sich ausdehnte,
breitet sich jetzt ein etwa 40 Morgen grosser Forstgarten aus, der sowohl
Baumschule wie üppiger Wald sein soll und zum Teil schon ist. Daneben wird die
Obstbaumzucht nicht vernachlässigt. Die Kaiserliche Regierung, die an andern
Stellen des weiten Reiches einige Aufforstungsarbeiten vornehmen lassen will,
hat sich hierzu der Dienste eines deutschen Beamten versichert, der später
durch gelegentliche Inspektionsreisen von Tsingtau aus überwacht werden soll.
Der ganze ostasiatische Handel litt auch im Vorjahre noch unter den
Nachwehen des russisch-japanischen Krieges. Glücklicherweise ist unser
Schutzgebiet weniger davon betroffen worden, so dass der Gesamtwert des Handels
um beinahe ein Drittel anwachsen konnte. Die Ausfuhr ist noch mehr
emporgeschnellt, nämlich um rund 50 v. H. Für den wichtigen chinesischen
Exportartikel Strohgeflechte hat Tsingtau wieder den Vorrang behauptet. Durch
die günstigen Absatz- und Verkehrsverhältnisse sind alte chinesische
Industrien zu neuem Leben erweckt, wie die Glasindustrie im Poschau-Gebiet.
Ein wichtiges Ereignis war die am 15. Juli erfolgte Ausgabe von Banknoten
seitens der Deutsch-Asiatischen Bank. Das neue Zahlungsmittel breitete sich längs
der Schantung-Eisenbahn aus, und es ist vorgekommen, dass an einigen Plätzen
des Hinterlandes unsere Noten sogar mit einem Aufschlag gekauft wurden. Ein
grosser Teil davon soll sich im Besitze der chinesischen Banken im Innern der
Provinz Schantung befinden. Besonders auch im Kleinverkehr haben sich die Noten
bald umgesetzt, aus dem Kreise der kleineren Geschäftsleute in Tsingtau ist
dringend die Vermehrung der Zahl der Ein-Dollar-Noten beantragt worden. (S. 27)
Was das Schulwesen des Kiautschougebietes angeht, eine Frage, die von
besonderer Wichtigkeit ist hinsichtlich der zahlreichen Kinder der deutschen
Familien, so haben im Frühjahr zum ersten Male 5 Söhne der Kolonie die
Berechtigung zum Einjährig-Freiwilligen Militärdienst erworben. Um auch auswärtige
Schüler aus andern chinesisch-japanischen Plätzen anzulocken, ist ein unter
Aufsicht eines älteren Oberlehrers stehendes Alumnat eingerichtet worden, das
den Schülern gute Unterkunft bietet. Nun wird die errichtung einer Mädchenschule
geplant. Eine besondere Beachtung verdienen die für Chinesen dargebotenen
Schulanstalten. Zurzeit ist der Vollendung nahe eine moderne Studienanstalt für
Chinesen, bei der auch deutscher Unterricht und deutsches Wissen seinen
berechtigten Platz finden soll, ohne dass das Institut direkt eine Nachahmung
deutscher Vorbilder sein soll. Es sind vorgesehen in der Oberstufe eine
Studiendauer von 3-5 Jahren, und es werden geplant vier Abteilungen, nämlich
Technik, Heilkunde, Staatswissenschaft und Forst- und Landwirtschaft.
So wird Tsingtau mehr und mehr ein Kulturzentrum für den gesamten Osten.
Die letzte amtliche Denkschrift schildert diese Wirkung unseres Pachtgebietes
mit folgenden Sätzen:
"Tsingtau ist gewissermassen eine dauernde Ausstellung für deutsche
Leistungen geworden. In chinesischen amtlichen und privaten Kreisen wird diese
Bedeutung von Jahr zu Jahr mehr erkannt. An erster Stelle sind hier zu nennen,
die Tätigkeit von Marineärzten des Gouvernements an den chinesischen Hospitälern,
sowohl im Schutzgebiete selbst, in Yen tschou fou und Tsi nan fu, sowie der rege
Zuspruch, dessen sich das Gouvernementslazarett und sein ärztliches Personal
seitens auswärtiger europäischer Kranken erfreuen. Auf dem Gebiete der
Forstwirtschaft ist das Gouvernement, wie früher schon in Schantung, so
neuerdings durch den chinesischen Gouverneur in Mukden um Unterstützung und
Kontrolle bei den Aufforstungsplänen dieser Provinzialregierung gebeten worden.
Die wichtigste Aufgabe der Kolonie auf dem Gebiete der Annäherung europäischer
und chinesischer Zivilisation aber liegt auf dem Gebiete des Unterrichtswesens.
Hier ist ein weites und fruchtbares Arbeitsfeld gegeben, und die
Marineverwaltung hat die Absicht, in voller Uebereinstimmung mit den mehrfach
aus der Mitte des Deutschen Reichstags hervorgetretenen Anregungen, Tsingtau
mehr und mehr zu einem Ausgangspunkt europäischer Kulturbestrebungen
auszubauen.
Die in China seit langem schon als notwendig erkannte und an leitender
Stelle geplante Umformung des chinesischen Staatswesens wird in neuester Zeit
mit grösserer Entschiedenheit betrieben. Und zwar wird in den amtlichen
Kundgebungen immer wieder mit Recht darauf hingewiesen, dass die notwendige
Grundlage einer solchen Umformung eine Modernisierung des Unterrichts sei. Zu
dieser Erkenntnis ist man in China mit grossem Eifer bestrebt, dem
heranwachsenden Geschlechte die abendländischen Wissenschaften in immer grösserem
Masse zugänglich zu machen."
Kiautschou
betreffende Bücher aus dem Jahre 1907:
Denkschrift betr.
die Entwicklung des Kiautschou-Gebiets in der Zeit vom Okt. 1905 bis Okt. 1906,
65 S. mit 10 Beilagen. 1907. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) Berlin, SW. 48. M.
3,-.
Weicker, Mar.-Pfarr.
H. Kiautschau. Das deutsche Schutzgebiet in Ostasien. A. Schall, Berlin 1908. 8
M.
Weitere Literatur
und Kartennachweise sind in "Dietrich Reimer's Mitteilungen"
enthalten. Jährl. 4 Hefte à 30 Pfg. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). Berlin
SW.
48.
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| Quelle:
Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben auf Veranlassung der
Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel,
Jahrbuch und Bemerkungen von Hubert Henoch. Berlin 1908, S. 26f |
GM
(digitale Umsetzung) und AG
(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek
zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz

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