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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1908 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Togo im Jahre 1907
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Togo im Jahre 1907

(S. 7) Der beste Massstab dafür, dass unser Schutzgebiet Togo vorwärts schreitet, ist die stetige Zunahme der weissen Bevölkerung, die seit dem Jahre 1906 von 243 auf 288. d.h. also um 18,5 vom Hundert, stieg. Gewiss ist diese Zunahme zum Teil darauf zurückzuführen, dass der Bau der Eisenbahn Lome-Palime deutsche Ingenieure und Techniker ins Land gerufen hatte. Aber auch die Ziffern der Kaufleute und Handwerker sind beträchtlich gestiegen. Vor acht Jahren, 1899, wurden nur 118 Weisse im Schutzgebiet gezählt.
(S. 8) Von der farbigen Bevölkerung wissen wir, dass sie weniger als eine Million Menschen beträgt; freilich sind keine Zählungen vorgenommen worden, sondern die Angaben der einzelnen Bezirke beruhen auf Schätzungen. Wie in den Vorjahren, war das Verhältnis der weissen zu der eingeborenen Bevölkerung stets ungetrübt. Man müsste denn sogenannten mohammedanischen Sendboten, die zuweilen im Hinterland sich gezeigt haben sollen, Bedeutung beilegen. Nach unserer Meinung sind die Leute in erster Linie Händler und dann Agitatoren.
Im Berichtsjahre waren die wichtigsten Ereignisse die Inbetriebsetzung der Eisenbahn Lome-Palime am 27. Januar 1907 und die Abhaltung der am gleichen Tage in Palime eröffneten ersten landwirtschaftlichen Ausstellung der Kolonie. Die Eisenbahn ist freilich nur 123 km lang, aber sie übt doch schon nach den verschiedensten Seiten eine befruchtende Wirkung aus, zum Beispiel benutzen sie die Eingeborenen zum Besuche des wichtigen Marktes von Noëpe auf der Hin- und Rückfahrt. An einzelnen Stellen haben die Farbigen ihre alten Wohnsitze verlassen und sich in der Nähe der Eisenbahnlinie niedergelassen. Die Länder zu beiden Seiten der Strecke werden nun in Kultur genommen, nachdem sie früher unbebaut waren, und auf dem jungfräulichen Boden entstehen ausgedehnte, prächtig gedeihende Maispflanzungen, da es sich jetzt erst lohnt, diese Frucht zu bauen, weil jetzt erst ein billiges und zuverlässiges Beförderungsmittel zur Küste vorhanden ist. Ebenso steht es mit dem Palmöl; auf einzelnen Stationen mussten neue Ladevorrichtungen eingerichtet werden, damit die verfügbaren Wagen voll ausgenutzt werden können. Natürlich kommt die Bahn auch dem Anbau der Baumwolle und des Kautschuks zugute.
Die Ausfuhr des Schutzgebietes Togo hat infolgedessen im Jahre 1906 (die Zahlen für 1907 liegen noch nicht vor) den bisher höchsten Stand erreicht. Kautschuk ist das wertvollste Ausfuhrprodukt und hat zum ersten Male die früher am wichtigsten gewesenen Erzeugnisse der Palme, nämlich Palmöl und Palmkerne zusammengenommen, überflügelt. Auch mit diesen Oelpalmprodukten steht es wieder besser nach den langen trockenen Jahren. Einen Fortschritt weist auch die Baumwollausfuhr auf. Sie war im Jahre 1906 auf 165.000 Mark und damit doppelt so hoch als im Vorjahre zu bewerten. Der Maisexport war im Jahre 1906 zurückgegangen, ist aber im Jahre 1907 ganz ausserordentlich emporgeschnellt.
Die Einfuhr war 1906 geringer als 1905, hauptsächlich wohl wegen des Rückgangs in Eisenbahnmaterialien. Sonst lässt sich nachweisen, dass die Eisenbahn auch dem Import zugute kommt.
Die über alle Erwartungen günstig verlaufende landwirtschaftliche Ausstellung zeigte übersichtlich, wie weit die landwirtschaftliche Produktion des Schutzgebietes, auch die der Eingeborenen, schon vorgeschritten ist. Naturgemäss hat diese Produktion durch die Ausstellung, die zu Vergleichen nötigte, einen mächtigen Ansporn erhalten. Eine solche landwirtschaftliche Ausstellung soll möglichst bald und dann in gewissen Zwischenräumen wiederholt werden.
Bei diesem regen wirtschaftlichen Leben wirft denn die ganze sogenannte Betriebsanlage des Schutzgebietes (d. h. die Landungsbrücke, die 45 km lange Küstenbahn und die Inlandbahn) unerwartet hohe Beträge ab, so dass ein so vorsichtiger Rechner wie der Staatssekretär Dernburg daran denkt, die durch die wirtschaftliche Entwicklung notwendig gewordene neue Linie Lome-Atakpame lediglich aus Ueberschüssen der Verkehrsanlage zu bauen. Das beste Zeichen für diese gesunde Entwicklung ist, dass in diesem verhältnismässig doch dünn bevölkerten Lande täglich in jeder Richtung ein Zug läuft. Im Anschluss an die Strecke Lome-Palime sind über das Mittelgebirge von Togo hinweg gute Strassen und fahrbare Wege angelegt worden, desgleichen wurde die Hauptinlandstrasse des Schutzgebietes Lome-Atakpame-Sokode ausgebessert.
Der Handel zwischen Europäern und Farbigen spielt sich in folgenden Formen ab:
Die Erzeugnisse werden durch die Produzenten oder durch Farbige Zwischenhändler an die Einkäufer bzw. an die Haupt- oder Nebenfaktoreien der in Lome und Anecho ansässigen Firmen gebracht, welche an fast allen wichtigeren Handels- und Verkehrsplätzen Niederlassungen haben. Der Verkauf dieser Produkte, welcher sich meistens in kleinen Quantitäten vollzieht, geschieht in der Regel gegen Barzahlung in Geld.
Die Nebenfaktoreien senden die aufgekauften Erzeugnisse mittels der Eisenbahn, durch Träger oder mittels Lastwagen, welche von Negern nach der Hauptfaktorei gezogen werden. An der Ostgrenze werden diese Produkte auch auf dem Monofluss und der Lagune mittels Kanus nach Anecho übergeführt, von wo der Weitertransport zur Verschiffung nach Lome mittels der Küstenbahn bewerkstelligt wird. Der Kautschukhandel spielt sich derart ab, dass die farbigen Händler, die von den europäischen Handelsfirmen einen Vorschuss in bar und in Waren erhalten, in die Kautschukbezirke gehen und dort den Kautschuk unmittelbar von den Produzenten teils gegen bar, teils gegen Waren einkaufen.
An diesem Handel sind aber auch selbständige farbige Händler beteiligt, die den Kautschuk durch eigene Trägerkarawanen herunterbringen, und zwar meistens nach Palime, welches neben Atakpame einen Haupteinkaufsplatz für Kautschuk bildet.
Um sich einen Beamtennachwuchs in den unteren Stellen heranzubilden, unterhält die Regierung bekanntlich in Lome und Sebbe je eine Schule und im erstgenannten Platze noch eine Handwerkerschule. Der amtliche Bericht über die Tätigkeit dieser Anstalten lobt den regelmässigen Schulbesuch und die Erfolge der Schüler, die z. B. auf der (S. 9) Handwerkerschule auch Unterricht in Deutsch erhalten. Die Schüler stehen im Alter von 6 bis 18 Jahren. Den Unterricht erschwert oft ihre Vielsprachigkeit.
Eine besondere Erwähnung verdient die Ackerbauschule von Nuatjä, wo junge Eingeborene lantdwirtschaftlichen praktischen Unterricht erhalten. Erweisen sie in Prüfungen, dass sie erfolgreich den Lehrgang durchgemacht haben, so erhalten sie kostenfrei ein grosses Stück Land, sowie Saatgut und allerlei Geräte, auf dem sie selbständig Baumwolle und dergleichen Erzeugnisse anbauen können.
Bei solchen wirtschaftlichen Erfolgen nimmt es nicht wunder, wenn auch im letzten Jahre das Schutzgebiet Togo wiederum ohne einen Zuschuss des Reiches ausgekommen ist, was bekanntlich schon seit einer Reihe von Jahren der Ruhm und der Stolz dieser Kolonie ist.

 

Togo betreffende Bücher und Karten aus dem Jahre 1907.

Amtsblatt des Schutzgebietes Togo.

Pachtvertrag zwischen dem Fiskus des Schutzgebietes Togo und der Gesellschaft m. b. H., Lenz & Co. zu Berlin, betr. den Betrieb der Landungsbrücke der Küstenbahn u. der Inlandsbahn bis zum 31. März 1908. Drucks. d. Reichst. 12. Leg.-Perd., I. Sess. 1907, No. 91.

Spieth, J. Die Eweer. Land und Leute in Togo. Mit 66 Bildern und 5 Karten. 88 S. 1907. Verlag der Norddeutschen Missions-Gesellschaft, Bremen. M. 1,20.

Weitere Literatur und Kartennachweise über Togo enthalten "Dietrich Reimer's Mitteilungen". - Jährlich 4 Hefte à 30 Pfg. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) Berlin


SW. 48.

 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel, Jahrbuch und Bemerkungen von Hubert Henoch. Berlin 1908, S. 7ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz 

Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Kartenabteilung

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