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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch herausgegeben von der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1908 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Kamerun im Jahre 1907
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Kamerun im Jahre 1907

(S. 10) Die Gesamtzahl der weissen Bevölkerung des Schutzgebietes hat im Jahre 1907 das Tausend überschritten und mit 1010 gegen 896 vom 1. Januar 1906 eine Zunahme von rund 13 vom Hundert zu verzeichnen. Die Zahl der Pflanzer ist seit dem Vorjahre von 141 auf 86 zurückgegangen. Der Grund liegt darin, dass eine der grössten Pflanzungsgesellschaften am Kamerungebirge ihren Betrieb erheblich geändert hat und insgesamt über 50 Angestellte entlassen hat; die freigewordenen Stellen sind mit Scharzen besetzt worden. Erfreulicherweise ist aber die Zahl der Kaufleute von 283 auf 347 gestiegen, vor allem haben sie im Südbezirk  sich vermehrt, weil dort einige Gebiete, die früher im Aufstand waren, beruhigt und dem Handel dadurch wieder geöffnet wurden.
Zählungen der einheimischen Bevölkerung sind nicht möglich, da in vielen Bezirken die Eingeborenen im Urwald verstreut wohnen und sich nur selten und ungern zu grösseren Ortschaften zusammentun.
Soweit die einzelnen Stämme bereits in eine feste Verwaltung genommen sind, steigt das Vertrauen der Bevölkerung zur Regierung ständig. Dies beweist der überall beobachtete rege Besuch der Häuptlingsversammlungen und das Interesse, welches den Beratungen entgegengebracht wird. So waren zum Beispiel zu einer Häuptlingsversammlung, die anlässlich der vom Gouvernement angeordneten Revisionsreise des Kommandeurs der Schutztruppe nach Ebolova einberufen war, über 300 Häuptlinge erschienen, wobei zu beachten ist, dass für die Häuptlinge aus den entfernt gelegenen Teilen des Bezirkes das Erscheinen mit viel Schwierigkeiten verbunden war. Einer der bekanntesten Häuptlinge, Joja von Bamum, wird im Jahre 1908 Deutschland besuchen. Auch die Inanspruchnahme der Behörden in Rechtsstreitigkeiten nimmt immer mehr zu. Es ist hierdurch den Bezirksleitern die Gelegenheit gegeben, sich mit den Sitten und Gebräuchen und den Rechtsgewohnheiten der Eingeborenen immer mehr vertraut zu machen und in allmählichen und vorsichtigem Vorgehen eine Fortentwicklung der sittlichen und Rechtsanschauungen der Eingeborenen im Sinne einer höheren Kultur herbeizuführen. So hat es das Bezirksamt Duala auf dem Wege der Rechtssprechung bereits erreicht, dass der bisherige Missbrauch, Mädchen schon im Kindesalter zur Ehe zu geben, (S. 11) bei den Duala fast gänzlich aufgehört hat. Dass den Stämmen die Pflicht obliegt, die Wege frei zu schlagen und rein zu halten, ist jetzt allgemein anerkannt, und Forderungen der Behörden in dieser Hinsicht stossen im allgemeinen nicht mehr auf Widerstand. Selbst neu unterworfene Stämme zeigen häufig ihre Botmässigkeit in eifrigem Wegebau.
Nicht verschwiegen darf freilich werden, dass noch weite Gebiete wenig erschlossen sind und dass sich noch manche kriegerische Stämme dem Einfluss der Behörde zu entziehen suchen. Namentlich trifft dies für den südlichen Teil von Kamerun zu, bis zu dessen völliger Befriedung noch manches geschehen muss, aber auch für den mittleren und nördlichen Teil ist noch manche Verwicklung zu erwarten.
Als sehr ernst muss die Arbeiter- und Trägerfrage bezeichnet werden. Denn der Aufschwung des Handels in den letzten Jahren, der dauernde Bedarf der Pflanzungen an Arbeitskräften, der Beginn des Bahnbaues und die immer mehr zunehmende Inanspruchnahme der Dorfschaften zu Wegebauten und Trägerdiensten für das Gouvernement haben eine ausserordentliche Ausdehnung angenommen. Nach den Berichten des Bezirksamtes ist der ganze Südbezirk fast erschöpft und an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit angelangt.
Die allgemeinen Produktions- und Arbeitsverhältnisse haben im Berichtsjahre eine wesentliche Aenderung nicht erfahren. Neben Elfenbein bilden Kautschuk, Palmöl und Palmkerne die wichtigsten Urprodukte des Landes, das einzige in Betracht kommende Erzeugnis der Plantagenwirtschaft ist jetzt eigentlich nur der Kakao. Aus dem nördlichen Küstengebiet werden in der Hauptsache dieses Produkt und daneben Kolanüsse ausgeführt. In den mittleren Teilen werden überwiegend Palmkerne und Palmöl gewonnen, während im Süden der Kolonie Kautschuk und Elfenbein in erster Reihe stehen.
So hat denn auch der Handel im Jahre 1906 gegen das Vorjahr wieder zugenommen, wenn auch bei der Einfuhr ein geringer Rückgang zu verzeichnen ist. Das liegt wohl zuerst an dem Verbot der Einfuhr von Feuerwaffen und Schiesspulver. In der Ausfuhr steht bei weitem der Kautschuk voran und macht mehr als doppelt so viel aus als Palmkerne und mehr als viermal so viel wie Kakao. Die Elfenbeinausfuhr hat im letzten Jahre einen Rückgange erfahren, der wahrscheinlich mit dem erwähnten Verbot des Importes von Waffen und Munition zusammenhängt, weil es in Kamerun alte Sitte ist, Elefantenzähne nur gegen Pulver und Gewehre einzutauschen. Leider wird seit Jahren im Schutzgebiet das Abschiessen von grossen und kleinen Elefanten ohne Schonung betrieben, so dass in Bälde ein Abnehmen der Elefantenausfuhr zu erwarten ist, falls nicht Gegenmassregeln getroffen werden. Die Beobachtung wird übrigens auch in den Nachbarkolonien gemacht. Allerdings ist seit dem 1. April 1907 eine Verordnung in Kraft getreten, nach der Zähne unter 5 kg nicht mehr gehandelt werden dürfen.
Von der Zunahme des Kameruner Exports hat vor allem Duala Vorteile. Zum Teil hängt das mit dem Aufblühen der Ausfuhr von Palmkerzen und Palmöl zusammen und wird noch zunehmen, wenn die Manengubabahn das beste Oelpalmgelände der Kolonie tiefer anzapfen wird. Uebrigens ist nach wie vor Deutschland der erste Abnehmer Kameruner Exporte.
Wenn in der Einfuhrtabelle die Ziffern für Möbel- und Tischlerwaren um die reichliche Hälfte zurückgegangen sind, so beruht das auf dem Arbeiten der Eingeborenen-Tischlerwerkstätten in Buëa und Duala, die im grösseren Umfange Arbeiten übernommen haben.
Das Schulwesen des Schutzgebietes macht in der alten Weise Fortschritte. Eine Schule ist sogar im Deutsch-Adamaua in Garua eingerichtet worden. Freilich hatte sie mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen, die die Häuptlinge und Machthaber dem Unternehmen entgegensetzten. Da hat dann der Resident von Garua Kinder von gewöhnlichen Fullahs, ja Sklaven zum Schulbesuch herangezogen: 45 Jungen von sechs bis zehn Jahren, nachdem sich eine ganze Menge als unbrauchbar erwiesen hatten. Da es sich als wünschenswert herausstellte, die Schüler dauernd unter Aufsicht zu haben, wurden sie im Schulgehöfte untergebracht. Sie hausen in einem Hause und acht Rundhütten, um die sich Küchen- und Vorratsräume gruppieren. Die Baulichkeiten sind aus Lehm hergestellt und mit Gras gedeckt. Für später darf man an den Bau einer massiven Schule denken. Gelehrt wird Schreiben, Lesen, Rechnen, Anschauungsunterricht, Singen, Turnen und Gartenbau. Ueber die Aussichten der Schule lässt sich noch nicht urteilen. Die Schüler haben sich insgesamt als anstellig erwiesen. Man hat beobachtet, dass ihre Aussprache der deutschen Laute reiner ist als die der Küstenneger.
Wie schon die Vorjahre für Kamerun eine neue Belebung auf allen Gebieten gebracht hatten, wie die Jahresberichte der Handelskammern Berlin und Hamburg übereinstimmend bezeugen.

 

Kamerun betreffende Bücher und Karten aus dem Jahre 1907.

Dominik, Hauptm. H., Vom Atlantik zum Tschadsee, Kriegs- und Forschungsfahrten in Kamerun, m. K. E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1907. Gebdn. M. 7,50.

Ziemann, Mar.-Oberstabsarzt Dr. H., Belehrungen für Europäer an Orten ohne Arzt. Für Kamerun verfasst. G. Heinicke, Berlin.

Ziemann, Grete, "Mola Koko!" Grüsse aus Kamerun. Tagebuchblätter m. K. W. Süsserott, Berlin 1907. M. 6,-.

(S. 12) Kamerun, Provisorische Ausgabe der Karte des südlichen Teiles von 1 : 500.000. Bearb. u. gezeichn. v. C. Jurisch u. H. Wehlmann unt. Leitung von M. Moisel. 3. Sekt. Auf Grundlage der i. Verlauf der Süd-Kamerun-Grenzexpedition i. d. Jahren 1901-1903 von Hauptm. Engelhardt, Oberlt. Foerster u. Lt. Schulz angestellten, astronom. Längen- und Breitenbestimmungen u. mit Benutzung d. bisher unveröffentl. Aufnahmen u. des gesamten veröffentl. älteren topogr. Materials. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) Berlin S.W.48. 1907. M. 20,-.

Weitere Literatur u. Kartennachweise über Kamerun sind in "Dietrich Reimers Mitteilungen" enthalten. Jährlich 4 Hefte à 30 Pfg. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) Berlin


S.W.48.

 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel, Jahrbuch und Bemerkungen von Hubert Henoch. Berlin 1908, S. 10ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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Stiftung Preußischer Kulturbesitz

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