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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1909 - Rückblick auf die Entwickelung des Schutzgebietes Deutsch-Ostafrika im Jahre 1908
Rückblick auf die Entwickelung des Schutzgebietes Deutsch-Ostafrika im Jahre 1908. 

Deutsch-Ostafrika mit seiner teilweise schon weit entwickelten Wirtschaft ist im Jahre 1908 durch die Weltkrise nicht unbeeinflusst geblieben. Seine weisse Bevölkerung ist wie immer emporgegangen, von 2629 Köpfen auf 2845, und besonders erfreulich ist, dass die europäische Bevölkerung des Bezirks Moschi sich von 386 auf 505 vermehrt hat. Auch in den von Plantagen besetzten Bezirken Tanga, Wilhelmstal, Mrogoro, Rufiji, Lindi und Muanza zeigt sich ein Anwachsen der Weissen. 
Aber trotzdem ist der Gesamthandel nur um ein ganz geringes gestiegen, nämlich von 36,01 Millionen Mark im Jahre 1906 auf 36,03 Millionen Mark im Jahre 1907, und die Ausfuhr ist sogar um last 1 ½ Millionen Mark zurückgegangen. Die Kautschukausfuhr ist sowohl dem Werte, wie auch der Gewichtsmenge nach, zurückgegangen; eben infolge des Preisfalles. Wenn der Kopalexport eine Zunahme erfahren hat, so muss man dies keineswegs als günstigen Fortschritt buchen, denn erfahrungsgemäss sammelt der Neger dieses fossile Produkt, wenn seine Ernten und Ernteergebnisse ihn nicht zufriedenstellen. Vielleicht muss man auch die nicht einmal bedeutende Zunahme der Wachsausfuhr auf ähnliche Gründe zurückführen. Aus ähnlichen Ursachen wird sich auch die Steigerung des Elfenbeinexportes erklären, obwohl sie unter 300.000 Mark bleibt und nur etwas mehr als 70.000 Mark ausmacht. 
Günstiger steht es mit den Produkten der europäischen Plantagen, womit allerdings nicht gesagt sein soll, dass Negerarbeit dabei gar keine Rolle spielt. Beispielsweise ist die Baumwollausfuhr zu einem nicht geringen Teil den schwarzen Baumwollbauern in der Rufijiniederung (S. 25) zuzuschreiben. Im Kautschukexport spielt das Produkt der Pflanzungen teilweise eine nicht unwesentliche Rolle, z. B. entstanden neun Zehntel der Kautschukausfuhr Tangas in Höhe von 52 t in den Plantagen. Beim Sisalhanf macht sich dem Werte wie der Menge nach eine nicht unbeträchtliche Steigerung bemerkbar. Geradezu krisenartig waren die Verhältnisse im Handel mit Häuten und Fellen, als auf dem amerikanischen Markt ein gewaltiger Preissturz eintrat und in Tabora Häute und Felle zeitweise unverkäuflich waren. Eine Folge davon war, dass der Neger die Häute seiner geschlachteten oder gefallenen Tiere für sich verwertete und infolgedessen für europäische Bekleidungsstücke weniger Käufer wurde.
Im Vordergrunde des Interesses steht die Arbeiter- und die Besiedelungsfrage. Von allen Seiten wird zugegeben dass sich die Arbeiterverhältnisse erheblich gebessert haben, während im Sommer 1906 die Pflanzungsbesitzer der Nordbezirke ihre Lage als durch die Arbeiternot aufs äusserste gefährdet bezeichnet hatten. Heute ist vielfach das Angebot schon grösser als der Bedarf. Uebrigens stellt die amtliche Denkschrift fest, dass schlechte Behandlung der Arbeiter zu den Seltenheiten gehört und etwaige Uebergriffe und Misshandlungen gewöhnlich von jüngeren, erst kurze Zeit in Afrika weilenden Angestellten, nicht von Plantagenleitern ausgehen. Sogar für die starken Ansprüche der Eisenbahnbauten waren Arbeiter immer vorhanden. Uebrigens trägt die Herstellung von Verkehrsstrassen, insbesondere von Eisenbahnen, ganz besonders zur Abhilfe des Arbeitermangels bei, denn der ganze Verkehr der Lastenbeförderung musste früher in diesen Richtungen auf den Köpfen der Neger durch Träger bewältigt worden, während jetzt Wagen oder gar Lokomotiven die Lasten bewegen. 

Ausladen von Eisenbahnbau-Materialien im Hafen von Daresaalam. 


Bei der Besiedelungsfrage beruft man sich gern auf das Vorgehen im benachbarten britischen Ostafrika. Dort worden die Siedelungsversuche von Nairobi amtlicherseits als misslungen bezeichnet, während nach neueren zuverlässigen Berichten deutscher Reisender die dort angesiedelten Engländer sich recht wohl fühlen und auch vorwärts kommen. Das Ostafrikanische Gouvernement neigte der britischen Anschauung zu, aber die Tatsachen scheinen doch stärker zu sein als aller Widerstand aus Daressalam, wie ja schon die oben angedeutete Vermehrung der deutschen Bevölkerung im Bezirk Moschi, dem vornehmlichsten Siedelungsgebiet in Deutsch-Ostafrika, bezeugt. Neuerlich drängen sich mehr und mehr Personen mit Vermögen, deutsche Landwirte und dergl. zur Ansiedelung in der grössten deutschen Kolonie, deren Hochländer infolge der regelmässigen Abkühlung zu nächtlicher Weile für die Aufnahme europäischer Ansiedler nicht minder geeignet erscheinen als Striche in ähnlichen Verhältnissen zwischen den Wendekreisen.
Ein von amtlicher Seite veröffentlichtes Verzeichnis der selbständigen Ansiedler zählt deren 224, darunter 121 Deutsche auf. Die Mehrzahl sitzt ausser in dem erwähnten Bezirk Moschi, wo allerdings viele Engländer und mehrere Griechen und Italiener darunter sind, in den Bezirken Tanga und Wilhelmsthal. Von amtlicher Seite wird ihre Lage als nicht schlecht bezeichnet, allerdings soll dabei ihr Verdienst beim Wegebau und andern öffentlichen Arbeiten zu einem erheblichen Teil mitgewirkt haben. Die Ansiedler bei Wilhelmsthal haben aus Mais, Kartoffeln und Gemüse gute Einnahmen gehabt.
Im Herbst des Jahres 1908 hat der Unterstaatssekretär im Reichs-Kolonialamt Herr von Lindequist eine Erkundungsreise durch die gesamten Hochländer Deutsch-Ostafrikas unternommen, die hauptsächlich den Zweck verfolgte, deren Besiedelungsfähigkeit zu untersuchen. Nach dem, was bisher verlautete, ist auch Herr von Lindequist der Ueberzeugung, dass eine Besiedelung dort möglich ist, und dass vor allem eine Verlängerung der Usambarabahn erforderlich ist, bis in die Gebiete (S. 26) um den Kilimandjaro und Meru, die heute hauptsächlich für eine solche Besiedelung in Frage kommen.

 

Koloniale Literatur und Karten 1908/09: Deutsch-Ostafrika.

Bongard, Dr. O. Die Studienreise des Staatssekretärs Dernburg nach Deutsch-Ostafrika. 1 M.

Busse. W. Deutsch-Ostafrika. Taf. 40-45. Vegetationsbilder. Herausgegeb. von Prof. Dr. G. Karsten und Prof. Dr. H. Schenck. 5. Reihe, Heft 7. 4 M.


Fuchs, P. Wirtschaftliche Eisenbahnerkundungen im mittleren und nördl. Deutsch-Ostafrika. 1908. 5 M.

Kalkhof, M. d. D., Oberamtsrichter. Parlamentarische Studienreise nach Deutsch-Ostafrika. 148 Seiten mit 10 Tafeln, enthaltend 19 Bilder. Kart. 2 Mark.

Koch, Wirkl. Geh.-Rat Prof. Dr. R. Ueber meine Schlafkrankheits-Expedition. Vortrag in der Abteilung Berlin-Charlottenburg der Deutschen-Kolonialgesellschaft. 2 M.

Merker, M. Rechtsverhältnisse und Sitten der Wadschagga. Mit Tafeln und 26 Figuren im Text. 4 Mark.

Nigmann, Hauptm. E. Die Wahehe. Ihre Geschichte, Kult-, Rechts-, Kriegs- und Jagdbräuche (m. K.). 1908. 3,75 M.

Weule, K. Wissenschaftliche Ergebnisse meiner ethnographischen Forschungsreise in den Südosten Deutsch-Ostafrikas. Mit 63 Bildertafeln und 1 Karte. 1908. 3 Mark.

Karten.

Lageplan der Stadt Daressalam. 1 : 5000. Vermessungsbüro des Kaiserl. Gouvernements. 3 Mark.

Die grossen Panganifälle. Vom Landmesser Selke. 1 : 30300. Mitt. a. Deutsch. Schutzgeb. 1908. Karte 6 Mark.

Karte von Deutsch-Ostafrika. Bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. 1 : 300.000. Herausgegeben vom Reichskolonialamt. Blatt 37, Mikindani. Neubearbeitung D. Reimer, Berlin. 2 Mark.

Karten von Deutsch-Ostafrika. 1 : 2.000.000. Bearbeitet von Max Moisel. Mit Bezirkseinteilung und Einzeichnung der nutzbaren Bodenschätze. Mit Karton: Die Südhälfte von Afrika zur Uebersicht der Beziehungen Deutsch-Ostafrikas zu den übrigen deutsch-afrikanischen Kolonien. 1 : 16.000.000, 1 Blatt 100x78 cm. 1908. 6 Mark. Auf Leinwand in Taschenformat oder mit Stäben. 9 Mark.

Das Ukinga-Gebirge. Auf Grundlage der Triangulation und der Messtischaufnahmen Dr. Kohlschütter's 1 : 100.000. Mitt. a. Deutsch. Schutzgebieten. 1908. 3 Mark, auf Leinwand in Taschenformat 5 Mark.

Weitere Literatur- und Kartennachweise sind in Dietrich Reimer's Mitteilungen für Ansiedler, Farmer, Tropenpflanzer, Beamte, Forschungsreisende und Kaufleute enthalten. Jährlich 4 illustr. Hefte. Preis des Heftes 30 Pfg. Ein Jahrgang mit Porto 1,60. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen sowie direkt von Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Sort.-Abt., Berlin


SW. 48.

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1909, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1909, S. 24ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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