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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika im Jahre 1909
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika im Jahre 1909.

Unsere Siedlungskolonie hat die Zahl seiner weissen Bewohner stetig weiter erhöht von 8213 im Jahre 1908 auf 9410 im Jahre 1909. Gezählt ist nur die Zivilbevölkerung; an Militärpersonal war noch vorhanden am 1. Januar 1909: 2381, inzwischen ist ihre Zahl herabgesetzt worden. Erfreulich ist das Anwachsen der Zahl von Frauen und Kindern und noch erfreulicher, dass davon ein beträchtlicher Teil auf die Bezirke Keetmanshoop und Warmbad entfällt, deren deutsche Zusammensetzung kein günstiges Bild bot. Im ganzen muss leider bemerkt werden, dass infolge des Zuzugs von Engländern, Kolonial-Engländern und Buren das deutsche Volkstum des Schutzgebietes keine Fortschritte gemacht hat.
Die Ruhe ist im Jahre 1909 nirgends in der Kolonie gestört worden. Nur die bei Keetmanshoop untergebrachten Stürmann-Leute mussten wegen mehrfacher Widersetzlichkeiten und Unbotmässigkeiten im Interesse der Sicherheit des Landes Anfang Februar 1909 auf Veranlassung des Bezirksamtes Keetmanshoop nach Grootfontein-Nord verpflanzt werden, wo sie sich seitdem ruhig verhalten haben.
Um unsere Herrschaft auch in die bisher kaum von ihr berührten Nordbezirke auszudehnen, wurde Major Franke ins Owamboland entsandt, wo er mit den verschiedenen Häuptlingen Schutzverträge abschloss. Darin erkannten sie die Oberhoheit des Kaisers an und stellten sich und ihr Volk unter den Schutz der deutschen Regierung; sie erklärten sich auch einverstanden mit der Anwerbung von Arbeitern in ihrem Gebiet. In gleicher Weise wurde im Februar 1909 Hauptmann Streitwolf mit einer Mission in den sogenannten Caprivizipfel betraut und gründete gegenüber der englischen Station Sesheke eine deutsche Station, die heute Leutnant Kaufmann verwaltet. Die dort wohnenden durchaus friedlichen Masubias begrüssten das Erscheinen der deutschen Herrschaft, des "Gesetzes", wie sie es nannten, freudig und mit Vertrauen.
Der Charakter Deutsch-Südwestafrikas als einer Farmer- und Viehzucht-Kolonie hatte im Jahre 1909 durch das Ueberhandnehmen des Interesses für die Diamanten eine Trübung oder Schwächung erfahren. In der Kolonie wie im Mutterlande hat man mehr von den Edelsteinen von Lüderitzbucht gesprochen und geschrieben, als von der Viehhaltung des Damara- und Namalandes.
Die Farmwirtschaft hatte viel unter der Trockenheit zu leiden und, als die Regenzeit kam, brachte sie eine solche Fülle des himmlischen Segens, dass die übermässige Nässe auch Nachteile im Gefolge hatte. Die Dürre hatte teilweise die Farmer genötigt, mit ihren Herden entferntere Weideplätze aufzusuchen. Die reichen Futtermengen nach der gutten Regenzeit spornten aber auch zu Neuanschaffungen von Vieh an. Die Viehzählung vom 1. April 1909 ergab an Rindern 96.000 (73.000), an Fleischschafen 281.000 (193.000), an Wollschafen 20.000 (12.000), an gewöhnlichen Ziegen 238.000 (156.000), Angoraziegen 4500 (4000), Pferde 8300 (6500), Maultiere und Esel 9800 (8100), Kamele 240 (300), Strausse 230 (130), Schweine 2900 (2300).
Leider ist die Wollschafzucht durch Seuchen schwer geschädigt worden. Manche Farmer und Gesellschaften haben dadurch nahezu ihren gesamten Bestand verloren. Besonders empfindlich waren die Verluste bei den mit grossen Kosten aus Mittelasien eingeführten Karakulschafen, die bis auf einen kleinen Rest eingingen.
Ueber die Kleinsiedlungen schwankt immer noch das Urteil. Dass noch nicht davon die Rede sein kann, sie hätten sich nicht bewährt, geht wohl daraus hervor, dass wiederum eine Anzahl von Kleinsiedlungsstellen zum Verkauf gelangte. Zu den alten Kulturen wie Gemüse, Obst, Wein ist als neue für einen Kleinsiedler der Tabak gekommen. Die Tabakbauer haben sich zum Teil auch einfachen Trockenschuppen gebaut. Freilich ist einstweilen noch kein für den Export geeignetes Erzeugnis erzielt worden. Dagegen war Nachfrage aus der Umgegend vorhanden, weil Tabak bei der Entlohnung farbiger Arbeiter mit eingerechnet wird. Das nächste Erfordernis wird sein, geeignete Trockeneinrichtungen zu schaffen, damit die bisherige geringe Qualität des Produktes gehoben wird.
Fast glänzend sind die Ergebnisse des südwestafrikanischen Bergbaues zu nennen, hat doch beispielsweise die Ausfuhr an Kupfererzen im Jahre 1908 einen Wert von 6,3 Mill. Mark erreicht gegen 1,3 Mill. Mark im Vorjahre. Im Jahre 1909, für das abgeschlossene Zahlen bis jetzt noch nicht vorliegen, ist sie, aus den Teilergebnissen zu schliessen, noch erheblicher gewesen. Die Kupfergewinnung der Otavi-Minen-Gesellschaft, deren Ende von Schwarzsehern bisweilen an die Wand gemalt wird, dürfte noch auf geraume Zeit hinaus Material zur Verschiffung liefern. Noch glänzender sind die Ergebnisse des Diamanten-Abbaus. Man hat die kostbaren Steine gefunden, sowohl südlich von Lüderitzbucht, als auch bis hinauf nach Swakopmund. Die wertvollen Funde haben teilweise die Bewohner der Kolonie verblendet und die "auri sacra fames" hat in Lüderitzbucht und auch in Windhuk zu manchen unangenehmen Beobachtungen (S. 21) geführt. Eine Stimme aber war darüber, dass die Leitung unseres Reichs-Kolonialamts es verstanden hat, den durch den Zufall gebotenen Schatz auch für die Allgemeinheit nutzbar zu machen.
Die Eisenbahnen, die zu Anfang des Jahres 1910 durch Reichstagsbewilligung dem Schutzgebiet gegeben worden sind, hätte dieses nie erlangt, wenn nicht der Diamantensegen die finanzielle Grundlage dazu gebracht hätte. An hundert Gesellschaften sind es, die in der Kolonie dem Diamantenbau sich widmen. Ihre Aktien haben nicht nur an der schnell gegründeten Windhuker und Lüderitzbuchter Börse schwindelnde Kurse erreicht, sondern zum Teil auch einen Spekulationstaumel im Mutterlande hervorgerufen.
Wieder hat sich die Frage erhoben, ob nicht der Charakter ruhiger Entwickelung des Schutzgebietes gestört würde, wenn hier die Aufmerksamkeit der Bewohner von der Farmwirtschaft und ruhigem Alttagserwerb abgehalten würde. Dem darf man entgegenhalten, dass heute wohl die stürmischen Anfangszeiten überwunden sind, und dass, falls der Sand der Namib noch weitere Millionen von Diamanten enthält, diese dank der vorzüglichen Organisation seitens der Kolonialregierung dem Schutzgebiete Vorteile in Menge bringen werden


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1910, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910, S. 20f

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