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Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910 - Rückblick auf die Entwicklung der deutschen Südseegebiete im Jahre 1909
Rückblick auf die Entwicklung der deutschen Südseegebiete im Jahre 1909.

Im sogenannten alten Schutzgebiet, Neu Guinea, im Bismarck-Archipel und im Kaiser-Wilhelmsland blieb das ganze Jahr hindurch der Friede gewahrt. Häuptlinge von Inseln, die noch kaum in den Bereich unserer Herrschaft gezogen worden waren, stellten sich in Herbertshöhe ein, und erbaten sich Mütze und Stock als Zeichen dafür, dass sie ihre Häuptlingstätigkeit nunmehr unter deutschem Schutz ausüben wollten. Sehr rege war die Arbeit wissenschaftlicher Forscher in der Kolonie; zum Teil auch mit ausgesprochen praktischen Zwecken, wie eine sieben Monate dauernde Rundfahrt des Hauptmanns Friederici mit der Aufgabe, unsere Insel-Gruppe nach Phosphatlagern zu untersuchen.
In der weissen Bevölkerung sind Verschiebungen sowohl im alten Schutzgebiet wie auf den Karolinen-, Marianen- und Marshall-Inseln nicht zu verzeichnen gewesen oder jedenfalls nur unwesentliche. Von amtlicher Seite wird festgestellt, dass die Zahl der Ehen mit Farbigen abgenommen hat, und dass der Zuzug von europäischen Frauen im Steigen begriffen ist. Ein Urteil darüber, ob diese erfreuliche Bewegung andauern wird, kann noch nicht abgegeben werden. Aller Erfolg wird abhängen von der Sanierung der Verkehrsmittelpunkte, der Besserung der Wohnungsverhältnisse, der Hebung und Erleichterung der Lebenshaltung, der Zugänglichkeit der Höhenkurorte.
Im übrigen war der Gesundheitszustand der weissen Bevölkerung verhältnismässig gut. Die Farbigen haben sich leider noch nicht daran gewöhnt, in (S. 32) Krankheitsfällen die Hilfe der Europäer in Anspruch zu nehmen. Unter ihnen herrscht fast überall eine ausserordentliche Kindersterblichkeit, wenn man nicht bedauerlicherweise sogar überhaupt auf eine ausgedehnte Kinderlosigkeit der Ehe stösst. Die Kinderpflege ist bei allen Stämmen äusserst mangelhaft; Hilfe könnte nur gebracht werden, wenn in ausgedehntem Masse die Mission und der Regiungsarzt zusammenarbeiten.
Der Haupt-Gradmesser der wirtschaftlichen Entwicklung, die Kopra, steht günstig. Im Bismarck-Archipel ist die Ausfuhr wesentlich gestiegen und im Kaiser-Wilhelmsland unbeträchtlich zurückgegangen. Leider hielten sich die Preise im Jahre 1908 nicht hoch. Wie von amtlicher Seite mitgeteilt wurde, ist im Jahre 1909 abermals die Produktion in die Höhe gegangen. Die Kulturen von Kautschuk und Kakao stehen noch in den Anfängen. Auf praktische Vorteile aus der Schlechter'schen Guttapercha-Expedition müssen wir wohl noch längere Zeit warten. Erfreulich ist, dass zurzeit dem Holzreichtum unserer Inselwelt mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Im Schutzgebiet arbeiten heute fünf Dampfsägewerke, allerdings nur für den Inselmarkt und den eigenen Bedarf, doch kann damit gerechnet werden, dass ein Absatzmarkt in Australien geschaffen wird. Die Uebersiedlung des Gouvernements von Herbertshöhe nach Simpsonhafen ist noch nicht durchgeführt.
Auf den Westkarolinen hat die Unruhe unter den Eingeborenen noch in das Jahr 1909 hineingespielt. In den ersten Monaten des Jahres legten die Polizei-Truppen von Herbertshöhe einen 20 km langen Weg durch die Insel Ponape, und am 2. März durchquerte ein Landungskorps von S. M. S. "Jaguar" zum ersten Male auf diesem neuen Wege das Eiland. Dadurch ist es möglich geworden, tiefer in die Insel einzudringen, als bisher. Ausserdem wurden die Vorschläge des Bezirksamts auf Ablösung der Lehnsherrschaft angenommen. Die Ponape-Leute erklärten sich bereit, jährlich 15 Tage unentgeltlich für das Bezirksamt zu arbeiten.
Die im Jahre 1907 nach Ponape geschafften Mortlock-Leute wurden im Januar 1909 nach Saipan befördert, wo sie dauernd angesiedelt werden sollen. Es wird im ganzen beabsichtigt, nach und nach den Menschenüberfluss der zentralen Karolinen-Atolle nach den dünn bevölkerten, fruchtbaren Hochinseln zu verpflanzen. Leider traten infolge dieses Wohnungswechsels unter den Mortlock-Leuten Krankheiten auf.
Für die Westkarolinen ist das wichtigste Ereignis des Jahres die Gründung der Deutschen Südsee-Phosphatgesellschaft in Bremen mit 4 1/2 Millionen Mark Kapital, die sich die Ausbeutung der Phosphatfelder der Palau-Gruppe, besonders der Insel Angaur, zum Ziele gesetzt hat. Im Februar 1909 begannen hier die Arbeiten. Das Eiland ist durch drahtlose Telegraphie mit der Kabelstation Jap verbunden und hat somit Anschluss an das Weltkabelnetz. Als Arbeiter sind in Angaur Chinesen tätig; doch ergaben sich Schwierigkeiten, so dass man den Versuch machte, Leute aus Jap, Palau und den Zentral-Karolinen zu verwenden. Diese sonst einer stetigen Arbeit recht ungewohnten Insulaner sollen ein brauchbares Material abgeben.
Leider geht, wie die Zählung im Jahre 1908 ergeben hat, die Bevölkerung von Jap zurück; im Jahre 1907 sind allein 200 Todesfälle an Ruhr vorgekommen.
Auf den Marshall-Inseln haben sich sowohl die Phosphatgewinnung wie der Koprahandel günstig entwickelt. Auch hier hat man zur Ausbeute des Phosphats auf Nauru, weil die chinesischen Behörden einer Einfuhr von Kulis Schwierigkeiten bereiteten, Karoliner herangezogen, die sich bewähren.
Gelegentlich einer Bereisung des Bezirks durch den Bezirksamtmann wurde eine Zählung auf den Ralik- und Ratak-Gruppen vorgenommen, die insgesamt 9267 Köpfe ergab, bedeutend weniger als bisher angenommen wurde. Dabei haben die Eingeborenen angegeben, dass im Jahre 1907 auf den nördlichen Ralik-Atollen 400 Personen an Erkältungs-Krankheiten gestorben sind. Fast allenthalben fällt der Mangel an jungen Männern und Kindern auf. Die Phosphat-Ausfuhr, die im Jahre 1907 mit 700.000 M. zu bewerten war, ist im Jahre 1908 auf 3,3 Millionen Mark emporgegangen. Der grösste Teil des Produktes wird von Australien aufgenommen, nur ein kleiner Teil findet seinen Weg nach Deutschland und England. Für die Finanzen des Schutzgebietes bedeutet die Phosphatausfuhr natürlich einen namhaften Gewinn.
Samoa hatte unter Eingeborenen-Gärungen zu leiden, die zeitweise einen (S. 33) bedenklichen Charakter annahmen. Indessen ist es gelungen, sich der Rädelsführer zu bemächtigen und sie nach den Marianen zu überführen. Eine Zählung hat die samoanische Bevölkerung festgestellt mit rund 33.500.
Die Zahl der Weissen ist mit 468 ein Geringes gegen das Vorjahr gestiegen. Die weissen Pflanzer pflegen hauptsächlich die Kakao und Kautschuk-Kultur; doch ist einstweilen noch immer die Kopra das Hauptausfuhrerzeugnis, und der Kautschuk tritt noch gar nicht in den Ausfuhrlisten auf. Der samoanische Kakao hat auch beim Niedergang der Preise noch immer eine gute Bewertung erfahren.
Mit Recht wird immer wieder über die schlechten Verbindungen der Kolonie geklagt. Zeitweilig wurden die Fahrten von San Franzisko nach Apia ziemlich regelmässig abgehalten. Eine Gewähr für fahrplanmässige Ankunft der Briefe bieten bisher nur die Dampfer der Union-Steamship-Company of New Zealand, Limited. Aber die Beförderung der Post von Europa erfordert auf diesem Wege 41, wenn nicht gar 47 Tage. Im Schutzgebiet wäre man schon froh, wenn es nur 36 Tage dauerte. Ueber die Mitwirkung der weissen Bewohnerschaft an der Verwaltung der Kolonie bemerkt der amtliche Bericht, dass ein lebhafteres Interesse für Finanzfragen im Gouvernementsrat bemerkbar wird, seitdem die Bedürfnisse des Schutzgebiets lediglich aus eigenen Einnahmen gedeckt werden; und das ist leicht verständlich


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1910, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910, S. 31ff.

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