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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910 - Rückblick auf die Entwicklung des Kiautschou-Gebiets im Jahre 1909
Rückblick auf die Entwicklung des Kiautschou-Gebiets im Jahre 1909.

Die wirtschaftliche Krisis ist im Jahre 1909 gänzlich überwunden worden. Leider war Silber- und Kupfergeld entwertet und erst allmählich sind hierin stabilere Verhältnisse eingetreten.
Ein weiterer, zunächst für die Ausfuhr, mittelbar aber auch für die Kaufkraft des Landes und damit für die Einfuhr wichtiger Faktor, nämlich der Ernteausfall in der Provinz Schantung, der im Vorjahre zu der Verschlechterung der Geschäftslage wesentlich beitrug, hat sich im Berichtszeitraum ebenfalls günstiger gestaltet. Trotz der auch im Frühejahre 1909 wieder herrschenden längeren Trockenperiode haben die Ernten im Hinterlande im allgemeinen noch mittlere Erträgnisse gehabt. Das Exportgeschäft war - auch begünstigt durch die Preissteigerung der wichtigsten Artikel auf dem europäischen Markte - so lebhaft wie schon seit längerer Zeit nicht mehr.
Der Gesamtwert des Handels ist beträchtlich in die Höhe gegangen, woran zu einem grossen Teil die Ausfuhr beteiligt ist. Die Einnahmen des chinesischen See-Zollamts haben gleichfalls eine bedeutende Erhöhung erfahren. Der Schiffsverkehr hat zugenommen, und das alles hat zur Folge gehabt, dass die eigenen Einnahmen des Schutzgebietes wiederum gewachsen sind.
An ihnen kann man erkennen, dass die Verwaltung Fortschritte macht; denn sie betrugen im Jahre 1898/99 wenig über 36.000 M., während sie im Jahre 1908/09 fast 2,4 Millionen Mark ergaben. (S. 36)
Auch die Chinesen stellen sich jetzt unserer Herrschaft günstiger gegenüber und sehen Tsingtau und seine Entwicklung mit Zuversicht an. Die Chinesische Staatsbank hat im letzten Jahre dort eine Zweigniederlassung errichtet; die Kaufleute haben sich zu einer Handelskammer zusammengeschlossen. Auch fremde Nationen, bedeutende Hongkong- und Shanghai-Firmen, haben in Tsingtau Zweigstellen errichtet. Die europäischen Dampferlinien, wie beispielsweise die Peninsular- und Oriental Steam-Navigation Company und die Nippon Yusen Kaisha, berühren auf ihren Fahrten regelmässig Tsingtau.
Was die Landverbindungen des Schutzgebiets anlangt, so hat das Berichtsjahr erhebliche Fortschritte im Ausbau des Bahnnetzes im Hinterlande gebracht. Auf der Tientsin-Pukou-Eisenbahn, die als Anschlusslinie der deutschen Schantung-Eisenbahn ins Innere von großer Bedeutung ist, ist der Bau auf der nördlichen, aus Mitteln einer deutsch-chinesischen Anleihe herzustellende Strecke, so weit fortgeschritten, dass voraussichtlich im Frühjahr 1910 die Strecke Tientsin-Tetschau für den Betrieb eröffnet werden kann. Auf den übrigen Strecken sind die Arbeiten im Gange. Insbesondere wird bereits in der nächsten Zeit begonnen werden mit dem Baue der mächtigen Hwangho-Brücke, der auf deutschen Konstruktions-Entwürfen beruht, unter deutscher fachmännischer Leitung ausgeführt werden soll und somit geeignet ist, der chinesischen Bevölkerung ein lebendiges Bild der Leistungsfähigkeit deutscher Technik zu geben.
Die deutsche Volkswirtschaft hat von solchen Eisenbahn-Bauten beträchtliche Vorteile, weil ihr erhebliche Aufträge zugewendet werden. Die SChantung-Eisenbahn hat ihren Güterverkehr und damit ihren Ueberschuss gesteigert. Der Kohlen-Bergbau hat sich günstig weiter entwickelt. Die von der Deutsch-Asiatischen Bank verausgabten Noten haben sich eingebürgert und werden auch im Hinterlande von den Chinesen gern angenommen.
Von kultureller Bedeutung ist die Eröffnung der deutsch-chinesischen Hochschule am 25. Oktober 1909. Die Leitung der Anstalt ist einem früher an der Kaiserlichen Universität zu Peking tätigen Dozenten anvertraut und auch das übrige Lehrpersonal wurde möglichst aus deutschen, an chinesischen Schulen bereits tätigen Personen zusammengestellt. 200 Schüler meldeten sich zur Aufnahme, die Prüfung bestanden 93, einige mehr wurden noch bedingt aufgenommen, sodass mit 110 Schülern der Anfang gemacht wurde. Dieser Andrang beweist wohl am besten, dass die Errichtung der Anstalt einem Bedürfnis entgegenkam.
Das Verhältnis zu den chinesischen Behörden ist das denkbar beste. Bei ihnen scheint mehr und mehr das Verständnis für deutsches Wesen und deutsche Kultur zu wachsen; denn ein Kaiserliches Edikt vom 21. Mai 1909 hat angeordnet, dass für den Unterricht in fremden Sprachen an allen Mittel- und höheren Schulen des grossen Reiches der Mitte Englisch und Deutsch als die wichtigsten Sprachen angesehen werden sollen. Solche kulturellen Ziele waren es ja auch in der Hauptsache, die vor zehn Jahre uns dazu geführt haben, in China Fuss zu fassen


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1910, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910, S. 35f

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