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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Kamerun im Jahre 1909
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Kamerun im Jahre 1909.

Am 26. April 1909 begann der mächtige Kamerunberg unruhig zu werden. Am Ostabhange setzten Erdstösse ein, die sich mit zunehmender Heftigkeit und in immer (S. 15) kürzeren Zeitabschnitten wiederholten. Am nächsten Tage erschien die Lage so bedrohlich, dass unter Zurücklassung einer Sicherheitswache der Sitz des Gouvernements nach Duala verlegt wurde. Am 28. April erfolgte dann der befürchtete Kraterausbruch am Nordwestabhang des Gebirges. Der Lavastrom aber fügte glücklicherweise den Pflanzungen, die zuerst gefährdet schienen, keinen Schaden zu, und in Buea sind auch keine weiteren Verluste zu verzeichnen gewesen als einige Risse in den Steinhäusern. Die Erdstösse dauerten noch eine Zeitlang an, aber nach 2 Wochen konnte der Gouvernementsbetrieb an gewohnter Stelle wieder eröffnet werden und wie die vorgenommenen Untersuchungen ergeben haben, besteht für diesen Platz eine Ausbruchsgefahr nicht. Es ist immerhin merkwürdig, dass der "Götterberg", der so lange untätig geblieben ist, in Unruhe geriet.
Politische Aufgaben erwuchsen der Verwaltung des Schutzgebietes im Berichtsjahre kaum. Im Anfang des Jahres hatte Hauptmann Dominik mit zwei Kompagnien und der Polizeitruppen-Abteilung von Jaunde die Unterwerfung der südlich des Njong sitzenden Makastämme durchzuführen. Sie hatten häufig auf diesem Fluss fahrende Kähne angegriffen und waren im übrigen auch für die schon einige Jahre zurückliegende Ermordung eines Kaufmannes noch nicht bestraft worden. Es war nicht schwer für die in Patrouillen einrückende Schutztruppe, die Eingeborenen zu zerstreuen und die Häuptlinge zur Unterwerfung zu veranlassen. Der Hauptschuldige und Mörder des genannten Kaufmannes, Menepepiti mit Namen, war in den Kämpfen gefallen. Polizeiliche Maßnahmen waren ausserdem mehrfach in den Residentur-Bezirken Garua und Kusseri nötig gegen die unbotmässigen Heidenstämme. Bewegungen des Islam sind nicht vorgekommen.
Für ein so weites, von unserer Kolonisation nur wenig durchdrungenes Gebiet wie Kamerun, ist das ein günstiger Zustand, wenn Friede herrscht. Sehr bewährt hat sich die vollständige Sperrung der Schutzgebietgrenzen für Feuerwaffen und Schiessmaterial. Zwar dürfen wir uns nicht verhehlen, dass aus den benachbarten spanischen, französischen und englischen Kolonien ein lebhafter Schmuggel stattfindet. Aber es darf erwartet werden, dass dem unerfreulichen Zustand ein Ende bereitet wird, seitdem sich die in Westafrika beteiligten Kolonialmächte insgesamt verpflichtet haben, vom 15. Februar 1909 an das bekannte Brüsseler Abkommen anzunehmen. Danach ist die Einfuhr von Schiessmaterial von Farbigen und jede Ueberlassung von solchem an sie in einer bestimmten Zone Westafrikas untersagt. Diese Zone umfasst ganz Kamerun und seine Nachbarkolonien mit Ausnahme des englischen Nigerien (Crossfluss bis zum Schadsee). Wenn die eingegangenen Verpflichtungen eingehalten werden, so ist die Vermehrung der zahlreich vorhandenen Vorderlader und die Ergänzung der dazugehörigen Pulvervorräte ausgeschlossen. Als erwünscht erscheint wohl die Einziehung der im Lande befindlichen Feuerwaffen, aber sie ist im Augenblick undurchführbar. Wir müssen einstweilen uns damit begnügen, dass durch die erwähnte Maßnahme die Kampfkraft der Farbigen und damit ihre Neigung zu bewaffneten Erhebungen wesentlich herabgesetzt worden ist gegen früher, wo sie, so kann man fast sagen, mit Kriegsmaterial dieser Art überschwemmt wurden.
Auf friedlichem Wege die Farbigen zu Beiträgen für die Verwaltung heranzuziehen, gelingt uns mehr und mehr. Im Steuerjahre 1908/1909 sind von den Bezirken: Victoria, Rio-del-Rey, Buea, Dschang, Jabassi, Edea, Kribi, Kampo, Ebolowa, Jaunde, Joko und Dume vermittelst der Kopfsteuer und aus den Bezirken Duala und Johann-Albrechtshöhe durch die Wohnungsteuer an 650.000 Mark aufgebracht worden, wozu an Tributen aus den beiden Residenturen noch 54.000 Mark kommen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die auf Grund der Verordnung vom 15. April 1907 eingeführte Steuer mangels ausreichender Veranlagung noch dürftig einging. Je mehr genaue Steuerlisten aufgestellt werden können und eine durchgreifende Kontrolle möglich sein wird, und je weiter unser Einfluss in das Innere vordringt, umsomehr werden die Steuererträge sich erhöhen.
Dabei wird auch die Fürsorge für die Eingeborenen nicht vernachlässigt. Eine Verordnung vom 24. Mai 1909 hat die Anwerbung von Farbigen für Unternehmungen aller Art, die Arbeitsverträge usw. neu geregelt. Ueber die sonstige Verwaltungstätigkeit lässt sich der amtliche Bericht wie folgt vernehmen: "Die Verwaltungstätigkeit bewegte sich, von der Durchführung der neuen Verordnungen abgesehen, in den alten Bahnen. (S. 16) Sie suchte Ruhe und Ordnung zu schaffen und die wirtschaftliche und allgemeine Entwicklung des Landes zu fördern, wovon im einzelnen unten zu reden sein wird. Ueberall zeigt sich das Bedürfnis, das Verhältnis zu den Eingeborenen des Bezirks enger zu gestalten. Das Mittelglied bilden die Häuptlinge. Deren Einfluss und Ansehen, in den Urwaldgebieten meistens noch sehr schwache Faktoren, sucht man im Interesse der Verwaltung zu heben. Andererseits muss eine dauernde Verbindung mit den Häuptlingen geschaffen werden, besonders mit denen, die wegen weiter Entfernung nicht regelmässig zur Station kommen können. Zu diesem Zwecke haben einzelne Stationen sogenannte Häuptlingspolizisten eingeführt, deren Bewährung allerdings noch abgewartet werden muss. Es sind dies Leute des betreffenden Stammes, die auf der Station eine kurze militärische und verwaltungstechnische Ausbildung erhalten und dann in bestimmten Orten mit der Aufgabe stationiert werden, als Vertrauensmänner der Station die Fühlung mit dieser aufrecht zu erhalten und die Tätigkeit des Häuptlings einerseits zu überwachen, anderseits zu stützen. Im Graslande mit seinen grösseren fest organisierten Stämmen ist ein umgekehrtes System in Uebung. Dort halten die Lamidos dauernd einen Grossen als Vertrauensmann auf der Station, der deren Anforderungen seinem Herrn zu übermitteln hat. Bei anderen Stationen wird in der Weise Verbindung mit den Häuptlingen aufrecht erhalten, dass blosse Boten der letzteren auf der Station zur Verfügung gehalten werden.
"Die weisse Bevölkerung hat gegen das Vorjahr merkwürdigerweise sogar um einen Kopf abgenommen. Das wird nicht Wunder nehmen, wenn man sich vor Augen hält, dass die Zunahme im Jahre zuvor eine ausserordentliche war. Wenn der Bevölkerungsrückgang auch den Stand der Pflanzer beispielsweise im Victoria-Bezirk betrifft, so ist die Ursache in dem Bestreben zu suchen, ihre weissen Beamten nach Möglichkeit durch billiges farbiges Personal zu ersetzen. Ins Gewicht fällt auch die Verminderung der Kaufleute, nämlich von 381 auf 326. Betroffen davon sind ausschliesslich die Südbezirke Kribi, Jaunde und Lomie. Man muss sich erinnern, dass im Berichtsjahre wegen des Tiefstandes der Gummipreise der gesamte Handel daniederlag, so dass eine ganze Anzahl von Personen aus dem Schutzgebiete verzog.
Wenn man die Berichte über die Krankheiten und die Sterblichkeit der weissen Bevölkerung ansieht, so ist unverkennbar eine fortschreitende Besserung der gesundheitlichen Verhältnisse des früher wenig gut berufenen Schutzgebietes innerhalb der letzten Jahre zu verzeichnen. Das kommt natürlich auch den Eingeborenen zu gute.
Gefährdet sind am meisten die unter den primitivsten Verhältnissen im afrikanischen Busch lebenden Beamten und Angestellten des Bahnbaues. Das Jahr 1909 hat endlich die Eröffnung wenigstens einer Teilstrecke der Bahn zu den Manengubabergen, oder, wie sie laut amtlicher Verordnung genannt werden soll, der Kameruner Nordbahn, bis km 100 gebracht. Dank der günstigeren Gelände-Verhältnisse schreiten die Bauten nordwärts schneller fort. Einige Schwierigkeiten hat der Vertrag der Konzessionsgesellschaft bereitet, wonach ihr schachbrettartig zu beiden Seiten der Eisenbahnlinie Landblocks als Eigentum zufallen werden. Es ist in Aussicht genommen, dafür an anderer Stelle grössere Flächen der Unternehmung zuzuweisen.
Mit dem Bau der Mittellandbahn, d.h. der Linie Duala-Edea-Njongfluss konnte erst nach Schluss der Regenzeit im Oktober 1908 begonnen werden und mit den Erdarbeiten erst im April 1909. Der Bau wird dadurch begünstigt, dass er gleichzeitig an drei Punkten begonnen werden konnte, nämlich in Duala, beim Uebergang über den Dibambu und über den Sanaga und weil alle drei Plätze zu Wasser zu erreichen sind.
Auch hier wie bei der Nordbahn stellt das Gouvernement der Baufirma die Arbeiter. Ihre Zahl betrug im Norden im Durchschnitt über 2000, bei der Mittellandbahn über 1300.
Ueber die Südbahn wird amtlicherseits mitgeteilt, dass diese Frage bisher noch keine Lösung gefunden habe. Die Firmen des Südbezirkes, die 1908 eine Erkundungsexpedition veranlasst hatten, seien von ihrer Absicht, auf ihre Kosten eine von Kribi ausgehende Bahn zu bauen, zurückgekommen. Wir haben schon oben auseinandergesetzt, dass die wirtschaftliche Lage dieser Firmen, die zum grössten Teil auf dem (S. 17) Kautschukhandel basiert, ungünstig war, wenigstens für die erste Hälfte des Jahres. Dank der Steigerung der Kautschukpreise hat sich das Bild für den Schluss des Jahres 1909 günstiger gestaltet und wenn die Kameruner Kautschukausfuhr dem Werte nach von 1907 auf 1908 von 7,6 Mill. Mark auf 4,8 Mill. Mark hinabgegangen war, kann mit gleicher Sicherheit erwartet werden, dass 1909 diesen Verlust wieder eingebracht hat. Da im ganzen die Konjunktur auf dem Weltmarkte sich gebessert hat, so wird auch Kamerun davon seinen Vorteil haben. Leider hat das Jahr 1909 ein starkes Fallen der Kakaopreise mit sich gebracht, so dass die Pflanzungen vom Kamerunberg keine glücklichen Zahlen hatten und haben. Die Ernten haben in den letzten Jahren beträchtlich zugenommen, aber der Preisausfall konnte dadurch nicht wett gemacht werden. Der Plantagenkautschuk ist noch nicht zu beträchtlichen Mengen herangereift, und andere Kulturen befinden sich durchaus noch im Stadium des Versuches. Beträchtlichere Werte erzielt nur die Oelpalmenproduktion der Eingeborenen. Die reichen Oelpalmenbestände Kameruns sind aber heute aus Mangel an Verkehrswegen und Eisenbahnen bei weitem noch nicht ausgenutzt. Der Reichtum des Schutzgebietes an Oelpalmen ist bedeutend höher anzusetzen, als bisher angegeben wurde. Dabei sei erwähnt, dass in Duala eine Seifenfabrik entstanden ist, so dass also ein Teil der Produktion im Schutzgebiete selber Verwendung findet.
Aufmerksamkeit verdient und hat gefunden die Erforschung der Urwälder bezüglich ihrer botanischen Zusammensetzung und Verwertbarkeit. Eine forstwirtschaftliche Expedition bestehend aus den Professoren Dr. Jentsch und Dr. Büsgen hat das Gebiet des Mungo und die Waldungen, die demnächst von den beiden Eisenbahnlinien erschlossen werden, durchforscht und etwa 600 Nummern zur eingehenden Untersuchung mit nach Deutschland genommen. Vorläufig ist schon festgestellt worden, dass auf 1,5 ha Fläche durchschnittlich 70 Holzarten vorkommen und an exportfähigem Holz von mehr als 60 cm Durchmesser bei primärem Urwald 334 Festmeter, bei sekundärem Urwald 232 Festmeter. Diese Mannigfaltigkeit der Baumarten ist bei einer kleinen Fläche ein Nachteil, weil damit die Nachhaltigkeit des Exports in Frage gestellt ist. In diesem Zusammenhange sei mitgeteilt, dass der Gerbsäuregehalt der Kameruner Mangrovenrinde zu gering ist, um ein weltmarktfähiges Produkt zu liefern.
Die finanzielle Entwicklung des Schutzgebietes im Jahre 1909 ist überaus günstig gewesen. Kamerun hat von einer vor anderthalb Jahrzehnten aufgenommenen Anleihe einen beträchtlichen Anteil dem Mutterlande zurückzahlen können und ist heute schon in der Lage, die Ausgaben für seine Zivilverwaltung aus eigenen Mitteln aufzubringen


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1910, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1910, S. 14ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
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