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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1911 - Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Ostafrika im Jahre 1909/10
Rückblick auf die Entwicklung des Schutzgebietes Deutsch-Ostafrika im Jahre 1909/10

Die Regelung der Nordwestgrenze der Kolonie war Gegenstand der Verhandlung mit Belgien und England. Die Grenze gegen den Kongostaat ist seit dem Sommer 1910 festgelegt, die Verhandlungen mit England sind jedoch noch nicht ganz beendet. Auch das Ergebnis der Verhandlungen mit Belgien ist noch nicht veröffentlicht. Die Grenzlinien zwischen Uganda und Rhodesia ist ebenfalls neu festgelegt worden.

Die Ermordung des Missionars P. Loupias durch den Häuptling Lukarra machte (S. 28) eine militärische Unternehmung nach Ruanda notwendig. Unruhen schlossen sich nicht an diesen Fall. Zwei Wutwu-Häuptlinge wurden durch Eingreifen der 1. Kompagnie für ihre Unbotmäßigkeiten bestraft. Sonst war das Verhältnis zu den Eingeborenen im allgemeinen ein gutes. Dahingegen war das Verhältnis der Weißen zum Gouvernement nicht immer ungetrübt.

Obwohl bei den Bahnbauten allein bei der Usambarabahn bis zu 4000, bei der Zentralbahn bis zu 14.000 Arbeiter beschäftigt waren, standen den Plantagen erheblich mehr Arbeitskräfte zur Verfügung als im Vorjahre.

Vielfach sind farbige Beamte mit amtlichen Befugnissen betraut worden. Sie bedürfen aber stets einer strengen Kontrolle. Wegen Menschenraubes und Sklavenhandels mußten 5 Personen bestraft werden. Im übrigen wurden 3870 Freibriefe erteilt, die halb auf Freilassung, halb auf Rückkauf, 8 auch durch Tod des bisherigen Herren ausgegeben wurden.

Die weiße Bevölkerung des Schutzgebietes betrug 1910 am 1. Januar 3756 Personen. Hiervon waren 2703 Deutsche. Hiernach kommen die Kolonial-Engländer mit 306. Von den Weißen gehören 198 der Schutztruppe an, 322 sind Regierungsbeamte, 402 Geistliche und Missionare, 566 Ansiedler, Pflanzer, Farmer und Gärtner, 285 Kaufleute, Händler, Gastwirte und Frachtfahrer. Die Summer der erwachsenen männlichen weißen Bevölkerung beträgt 2858.

Wie die weiße Bevölkerung, so hat auch die farbige Bevölkerung trotz der großen Säuglingssterblichkeit zugenommen. Es sind namentlich aus portugiesischem Gebiet etwa 30.000 Schwarze eingewandert. Bedenklich ist die Zahl der Inder angewachsen, zu einer Höhe von 6748. Hier von sind 3499 erwachsene Männer. Sie sind in der Hauptsache Kaufleute, suchen das Land möglichst auszusaugen und gehen dann nach Indien zurück.

Die Sterblichkeit betrug am 1. Oktober 1910 für die letzten 12 Monate 2,53 v. H. gegen 2,18 v. H. für die 12 Monate zuvor. Von den im Schutzgebiete weilenden Europäern starben 95 gegen 74 im Jahre vorher.

Auch die bis zum 1. Oktober 1910 für die letzten 12 Monate amtlich gebuchten ärztlichen Erkrankungen haben gegen das Jahr vorher eine Steigerung von 5743 Fällen erfahren, wobei allerdings zu beachten ist, daß im letzten Jahre mehr Europäer vorhanden waren und daß die Schwarzen jetzt soviel Vertrauen zu den Ärzten gewonnen haben, daß sie sich behandeln lassen, während sie früher ihre Krankheiten verheimlichten. Es wurden im ganzen 3726 Europäer und 37.296 Farbige ärztlich behandelt.

Obwohl 892.842 Impfungen der Farbigen vorgenommen waren, war es nicht zu vermeiden, daß in verschiedenen Gegenden Pocken-Epidemien ausbrachen. 1114 Pockenerkrankungen wurden amtlich bekannt, von den 376 tödlich endeten. Die Pest trat April bis Juli 1909 im Innern im Bezirke Kondoa-Irangi auf. Es gelang, sie auf ihren Herd zu beschränken. An den Küstenplätzen wurden insgesamt etwa 27.000 Ratten vertilgt. Der Bekämpfung der Schlafkrankheit am Victoria- und Tanganjikasee wurde große Aufmerksamkeit gewidmet, und am Victoria hat sie sich wenigsten nicht weiter ausgebreitet.

Die Schülerzahl der staatlichen Europäerschulen in Daressalam betrug im letzten Schuljahre 18. Im Merugebiet bestehen zwei Schulen für Weiße, eine in Leudorf und eine in Donyo Sambo für Burenkinder. Die Entwicklung der Regierungsschulen für Farbige hat weitere Fortschritte gemacht. Die Missionsgesellschaften unterhalten drei Schulen für Weiße und eine ganze Anzahl Negerschulen. Auch das Missionswerk hat rege Fortschritte gemacht. Eine große Schwierigkeit stellt sich ihnen in der Ausbreitung des Islam entgegen.

Von der im letzten Jahre auf rund 13 Millionen Mark gestiegenen Ausfuhr der Kolonie entfallen 7 Millionen auf die Erzeugnisse der Eingeborenen.

Die Gesamtzahl der Plantagen ist auf 385 gestiegen. Hierunter sind Pflanzungen von Kautschukbäumen (Manihot, Kickxia und Kastilloa), Baumwolle, Kapokbäume, Sisal-Agaven, Kokospalmen und Kaffee.

(S. 29) Die Erzeugnisse der Eingeborenen sind in der Hauptsache: Kopal, Kopra, Erdnüsse, Sesam, Palmkerne, Baumwolle, Wachs, Kautschuk, Kaffee, Nelken, Reis, Mais und Weizen. Ferner Mohogo (Maniok) und die Süßkartoffel (Batate). Hierzu kommt eine sich hebende Kultur von Zuckerrohr, Tabak und Bananen. Von europäischen Unternehmen sind außer der bereits genannten noch zu erwähnen, daß im Flußgebiet des Pangani eine Zuckerrohr-Plantage besteht. Ferner versucht man, die Kokons eines wild vorkommenden Seidenspinners zur Seidengewinnung auszuführen. Die Anpflanzung der Gerber-Akazie wurde fortgesetzt.

Die Ansiedlungen am Kilimandscharo und am Meruberge befinden sich in einer befriedigenden Entwicklung. Die Ausfuhr von Elfenbein hat sich im letzten Jahre gehoben. Es wurden 1909 über die Küste ausgeführt 47,9 Tonnen im Werte von 960.085 Mk.

Die Viehhaltung auf europäischen Unternehmungen umfaßt 2855 Schweine, 15.846 Stück Rindvieh, 8406 Stück Kleinvieh, 1311 Esel, 77 Pferde, 86 Maultiere. Die Eingebornen betreiben nur Rinderhaltung.

Von Tierkrankheiten wurde das Küstenfieber häufig festgestellt. Auch das Texasfieber kam stellenweise vor.

An Häuten und Fellen wurden 1909 ausgeführt 560.346 kg und ergaben 707.094 Mark.

An reservierter Waldfläche befanden sich im Schutzgebiet 1910 am 1. Januar 382.056 ha oder 0,4% der Schutzgebietsfläche. Die Einnahmen aus der Forstwirtschaft betrugen im letzten Jahre 54.993,26 Rupien.

Das Bergwesen zeigt eine langsame aber stetige Entwickelung. An Schürfgeld-Gebühren, Bergbau-Förderungsabgaben usw. nahm die Bergverwaltung 1909 ein 16.504 Mark. Gold und Glimmer wurden in nennenswertem Umfange abgebaut.

Die Einfuhr Deutsch-Ostafrikas betrug im letzten Jahre 33.941.707 Mark, die Ausfuhr 13.119.481 Mark, was einen Gesamthandel von 47.061.188 Mark darstellt.

Am 1. Januar 1910 wurde die Zentralbahn-Strecke Morogoro-Kilossa dem öffentlichen Betrieb übergeben. Seitdem ist der Bau rüstig vorwärts geschritten. Die Gleisspitze war Ende Februar 1911 bei Km 402,5 hinter Morogoro angelangt (611 Km von der Küste.) Juli 1911 kann die Bahn Tabora erreichen und Udjidji im Herbst 1914. Nach den Betriebsergebnissen für 1909 hatte die Usambarabahn im letzten Jahre einen Überschuß von 285.517 Mark. Die Bahn schreitet allmählich ihrem vorläufigen Endpunkte Moschi zu. Eine Weiterführung wenigsten bis Aruscha ist Lebensbedingung für die Ansiedler am Meruberge.

In Deutsch-Ostafrika bestehen 39 Postanstalten, die Küstenpostanstalten sind sämtlich, im Innern aber nur 17 an das Telegraphennetz angeschlossen. Durch das in Bagamojo und Daressalam eingeführte Kabel der Easter & South African Telegraph Comany ist das Telegraphennetz des Schutzgebietes an das Welttelegraphennetz angeschlossen.

Die karthographische Aufnahme des Landes ist eifrig fortgesetzt worden.

Schließlich ist noch zu erwähnen, daß die Häuser- und Hüttensteuer im Jahre 1909 rund 2.998.000 Mark einbrachte


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Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1911, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1911, S. 27ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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