Startseite Grundlagen Antike Mittelalter Frühe_Neuzeit 18/19Jh/International18/19Jh/Deutschland20Jh/International20Jh/Deutschland Länderverzeichnis Neue_EinträgeForum1GästebuchSuche Impressum
 
Primaerliteratur
Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1911 - Rückblick auf die Entwicklung der deutschen Südseegebiete im Jahre 1910
Rückblick auf die Entwicklung des Kiautschou-Gebiets im Jahre 1910

(S. 38) Wie es von maßgebender Seite ausgesprochen worden ist, soll unser ostasiatischer Platz an der Sonne, das Kiautschougebiet, in erster Linie ein Stützpunkt deutscher wirtschaftlicher Ausdehnung sein. Auch die Entwickelung des letzten Jahres hat sich in dieser Richtung gestaltet, und Tsingtau mit seinem Hinterland hat die seit einigen Jahren im fernen Osten herrschende und auch im Berichtsjahre noch nicht überwundene Krise und Geldknappheit besser überstanden, als Schanghai, Tientsin, Hongkong und andere Hafenplätze.

Der Handel Tsingtaus hat sich mit 65 Millionen Dollar etwa auf derselben Höhe gehalten, wie im Vorjahr; insbesondere ist es die Eingangspforte gewesen für die Einfuhr von Eisenbahnmaterialien der Eisenbahn Tientsin - Pukou, an der die deutsche Industrie mit zahlreichen Aufträgen beteiligt ist. Von amtlicher Seite ist der Reingewinn, der hier der deutschen Volkswirtschaft zufließt, auf nicht weniger als 45 Millionen Mark berechnet worden. Über Tsingtau sind in den fünf Monaten vom 1. Mai bis 1. Oktober 1910 für rund 4 Millionen Mark Eisenbahnmaterialien eingeführt worden.

Die Gesamteinfuhr nicht chinesischer Waren hat mit 25,8 Millionen Dollar (zu 2.- M. gerechnet) gegen das Vorjahr noch etwas zugenommen. Die wichtigsten Einfuhrerzeugnisse sind wie bisher Anilinfarben, künstlicher Indigo, Nadeln und neuerdings auch Malz. Erheblich zurückgegangen ist die Gesamteinfuhr chinesischer Waren von 13,1 Millionen Dollar auf 9,1 Millionen Dollar. Dagegen ist die Ausfuhrziffer gestiegen um etwa 3 Millionen, auf 29,2 Dollar. Im letzten Jahr sind zum erstenmal Dampfer mit voller Fracht von Tsingtau nach europäischen Häfen abgegangen. Die Ausfuhrsteigerung ist in allen Artikeln zugute gekommen. Strohborten, Seide, Häuten, Talg, Eiprodukten, Kohlen, Ernußöl und Bohnenöl. Was den örtlichen Verlauf der Handelskrise in Tsingtau anlangt, so wurde sie durch Opiumspekulationen sowie den Zusammenbruch einer Tschifubank, welche die Tsingtauer Kien-schun-Bank in starke Mitleidenschaft zog, erschwert. Auf der andern Seite aber trat durch den guten Ausfall der Ernte in Schantung sowie durch eine von den Gouvernements in Tsingtau und Tsinanfu eingeleitete Hilfsaktion der Deutsch-Asiatischen Bank eine Erleichterung ein.

In dem den modernsten Anforderungen entsprechenden Hafen von Tsingtau entwickelt sich von Jahr zu Jahr ein lebhafterer Schiffsverkehr. Seit dem letzten Jahre laufen unsre Reichspostdampfer des Norddeutschen Lloyd allmonatlich je einmal auf der Ausreise und Heimreise Tsingtau an. Die Einrichtung des chinesischen Seezollamts hat sich weiterhin bewährt, und seine Einnahmen sind wiederum um rund 1,2 Millionen Taels gestiegen; heute haben wir den Handel Tschifus noch um die Hälfte überflügelt.

Wie rede das wirtschaftliche Leben ist, wird auch dargetan durch den Notenumlauf der Deutsch-Asiatischen Bank, der im Berichtsjahr auf 676 Millionen Dollar stieg.

Daß es mit Tsingtau vorwärts geht, beweist die allenthalben rege Bautätigkeit, die sich sowohl auf öffentliche wie auf private Baulichkeiten erstreckt. Dabei hat unsre Schutzgebietshauptstadt mit ihren praktischen und doch dem Auge gefälligen Privat-Baulichkeiten bahnbrechend für andre ostasiatische Orte gewirkt, die diesen Stil und unsre Bautechnik nachahmen.

Ueber die deutsch-chinesische Hochschule wird von amtlicher Seite das folgende mitgeteilt: Unter den Hochbauteu ist vor allem das inzwischen fertiggestellte Internat für die Deutsch-chinesische Hochschule von Interesse. Es enthält in Zimmern für je (S. 39) zwei Schüler Raum für 126 Alumnen, außerdem 8 Wohnungen für chinesische Lehrer. In gleicher Weise wird das Internat 2, dessen Fertigstellung im Frühjahr 1911 geplant ist, eingerichtet.

Die deutsch-chinesische Hochschule hat das erste Entwicklungsstadium noch nicht überwunden. Die ungewöhnlichen Schwierigkeiten einer Organisation, für die Vorbilder und hinreichende Erfahrung fehlen, erfordern ungewöhnliche Leistungen. Unstimmigkeiten innerhalb des Lehrkörpers, wie sie bei der ersten Einarbeitung eines aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzten Schulpersonal überall möglich sind, sind auch in Tsingtau nicht ausgeblieben; die Schule selbst hat aber erfreulicherweise nicht darunter gelitten. Vielmehr hat sich die Schülerzahl von 79 auf 145 erhöht, unter denen keinerlei Disziplinlosigkeit vorgekommen sind. Die Fortschritte der Schüler in den einzelnen Lehrzweigen werden gelobt. Erfreulich ist weiter, daß bereits eine Anzahl wissenschaftlicher Werke in chinesischer Übersetzung von den Lehrern der Hochschule bearbeitet und von der Uebersetzungsanstalt herausgegeben sind. Insbesondere sind die Bemühungen und Prägung der Sammlung von technischen Fachausdrücken in chinesischer Sprache von Erfolg begleitet gewesen. Infolge des Entgegenkommens zahlreicher deutscher Firmen ist es möglich gewesen, eine Art Museum für alle Gebiete der Naturwissenschaften und der Technik zu errichten.

Unter den für öffentliche Zwecke bestimmten Gebäuden sein noch die Christuskirche genannt, die am 23. Oktober 1910 eingeweiht wurde, nachdem das Gouvernement den Grund und Boden und der deutsch-evangelische Kirchenausschuß die Baugelder zur Verfügung gestellt hatten sowie schließlich noch das im Bau befindliche Observatorium, für das die deutschen Flottenvereine im Auslande die Mittel aufgebracht haben.

Die Chinesen haben sich an die vorwärtsstrebende Kulturarbeit nicht nur gewöhnt, sondern fügen sich ihren Forderungen ein und suchen ihre Vorteile daraus zu ziehen.

Insgesamt wohnen in der Stadt Tsingtau über 34.000 Zopfträger, im Landgebiete rund 161.000, was gegen die letzte Zählung von 1907 eine wesentliche Zunahme bedeutet. 

Die weiße Einwohnerzahl der Stadt Tsingtau betrug im Jahre 1910 1621, wovon 1531 Deutsche waren. Es ist also eine geringe Zunahme zu verzeichnen


.


Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1911, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1911, S. 38f

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz 

Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Kartenabteilung

Document in English Language