Startseite Grundlagen Antike Mittelalter Frühe_Neuzeit 18/19Jh/International18/19Jh/Deutschland20Jh/International20Jh/Deutschland Länderverzeichnis Neue_EinträgeForum1GästebuchSuche Impressum
 
Primaerliteratur
Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912 - Rückblick auf die Entwicklung Kameruns im Jahre 1911.
Das Schutzgebiet Kamerun hat im Jahre 1911 einen Gouverneurwechsel erlebt. Nach einer verhältnismäßig kurzen, aber von allen Seiten anerkannten Wirksamkeit mußte mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand Dr. Gleim auf die (S. 20) Rückkehr in die Kolonie verzichten. Der in langjähriger Tätigkeit im Reichs-Kolonialamt erprobte Dr. Ebermeyer ist im Anfang des Jahres 1912 zu seinem Nachfolger ernannt worden.


Arbeiter beim Steinbruch in Mamfe (Bez. Ossidinge).

Kamerun hat während des Berichtsjahres wie keine andre Kolonie im Vordergrunde des Interesses in Dentschland gestanden und hat durch das deutsch-französische Abkommen vom 4. November 1911 eine beträchtliche Vergrößerung erfahren, indem es seine Süd- und Ostgrenze über eine Fläche von über eine Viertel Million Hektar vorgeschoben hat. Die neue Grenze nimmt ihren Anfang von der Monda-Bai, verläuft bis zur Südostecke des spanischen Munigebietes und zieht sich dann bis zum Ssanga-Fluß nördlich von Wesso hin. Das Gebiet des genannten Stromes erhalten wir dann bis zu seiner Mündung in den Kongo und ebenso springen wir mit einem andern Landzipfel bis an dessen großen Nebenfluß dem Ubanghi, vor und berühren ihn auf einige Kilometer. Leider sind im Norden im Gebiet des Logone und Schari Teile von Deutsch-Bornu dafür den Franzosen überlassen worden.
Über die wirtschaftlichen Werte oder Unwerte des neuerworbenen Gebiets möchten wir uns hier nicht eingehender auslassen. Es scheint als ob die ersten pessimistischen Ansichten nicht überall aufrecht zu erhalten sind, und man darf der Hoffnung leben. daß deutsche Kolonisationserfahrung die Kraft besitzen wird, auch wirtschaftlich weniger wertvolle Striche nutzbar zu verwerten und zum Vorteil des Mutterlandes zu entwickeln. Die Deutsche Kolonialgesellschaft hat, nachdem das Abkommen Tatsache geworden war, die unfruchtbare Kritik aufgegeben und sich auf den Boden der Tatsachen gestellt. Sie hat dann die Erwawrtung ausgesprochen, daß
1. die dem Deutschen Reich durch das deutsch-französische Abkommen zugesicherten Rechte in vollem Umfange und mit allem Nachdruck gewahrt bleiben,
2. der Grundsatz der freien und unbehinderten Schiffahrt in dem Stromgebiet des Kongo und des Niger nunmehr zur vollen Durchführung gelangt,
3. die erforderlichen Maßnahmen zur Wahrung einer wirklichen Handelsfreiheit im Gebiet der freien Handelszone in die Wege geleitet werden,
4. bei der endgültigen Festlegung der neuen Grenzen von wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Grundsätzen ausgegangen wird. Besonders muß gefordert werden, daß wir mit unserem Gebiet den Ubanghi au einer für große Schiffe dauernd befahrbaren Stelle erreichen.
Auf dieser Grundlage wird für das erste unsre Politik bezüglich Neu-Kameruns, welcher glücklich gewählte Ausdruck den jüngsten Erwerbungen beigelegt wurde, beruhen müssen.
Ohne kleine Expeditionen ist es in diesem auch keineswegs ganz okkupierten Schutzgebiet nicht abgegangen. Unsere Schutztruppe hat sie aber verhältnismäßig schnell erledigt und ohne große eigne Verluste. Zur Erforschuug des Landes hat im laufenden Jahre die Expedition Seiner Hoheit des Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg viel beigetragen. Der Herzog selber hat in Nordkamernn erfolgreich gearbeitet, während Teilerkundungen in Südkamerun tätig waren.
Einige Sorge bereitet die Ersatzfrage der Schutztruppen. Die Wutes, in denen besonders Major Dominik ein den übrigen Stämmen überlegenes Soldatenmaterial sah, haben, ihrer geringen geistigen Regsamkeit und ihrer Empfindlichkeit gegen rauheres Klima wegen, den gehegten Erwartungen nicht in vollem Maße entsprochen. Die Bewaffnung der Truppe hat durch die Einstellung von drei weiteren Maschinengewehren den planmäßig vorgesehenen Zuwachs erhalten. Die Schutztruppenabteilung im Norden der Kolonie mußte infolge der Kämpfe im benachbarten Wadei besonders auf der Hut sein. Doch haben Eingeborenenunruhen auf französischer Seite keine Wirkung auf unser Gebiet gehabt.
Ein Maßstab dafür, daß die Eingeborenen sich an unsre Herrschaft gewöhnen, bietet der Umstand, daß die Kopfsteuer über 1,3 Milionen Mark ergab. Daneben wurden die Eingeborenen in weiterem Umfange zu öffentlichen Arbeiten herangezogen. Große Anforderungen stellten in dieser Richtung die Bahnhauten. Für die Nordbahn mußten noch bis zum Ablaaf des Berichtsjahres größere Mengen Arbeiter aus den Nordbezirken beschafft werden. Die Mittellandbahn ist mit ihrem starken Bedarf auf die Bezirke Edea, Jaunde, Ebolowa und Kribi angewiesen. Bisweilen gelang es nur mit erheblichen (S. 21) Schwierigkeiten, den Bedarf zu decken. Zeitweilich arbeiteten bis zu 7000 Eingeborene für die Mittellandbahn. Die Organisation der Lokalverwaltung ist nur in wenigen Punkten geändert worden. Die bisher formell der Station Lomie unterstellte Station Molundu wurde zu Anfang des Jahres 1911 selbständig gemacht und die Grenze zwischen beiden Bezirken neu bestimmt. Die Residentur Garua errichtete einen neuen Offiziersposten in Ngaundere zur Kontrolle des in starker wirtschaftlicher Entwicklung begriffenen südlichen Adamaua und veränderte mehrfach die kleinen Grenzzollposten. Die Residentur Kusseri verlegte den bisherigen Posten Maniling in östlicher Richtung an den Schari. Er führt nunmehr die Bezeichnung Mogrum.



Maisstampfende Buriweiber in Bajanga.

Die Bahnbauten haben den Hauptanteil an der Vermehrung der weißen Bevölkerung in diesem Bezirken. Im Bezirk Victoria war sie nicht unwesentlich zurückgegangen, weil die alten Pflanzungen immer mehr dazu übergegen, weiße Hilfskräfte durch farbige zu ersetzen. Wenn in einzelnen Bezirken die Zahl der Farbigen eine Zunahme erfahren hat, so beruht das zumeist auf Zuwanderungen über die französische Grenze. Auch in Nordkamerun ist es gelungen, einzelne nomadisierende Stämme seßhaft zu machen.
Viel Sorge hat uns die Schlafkrankheit bereitet. Während früher die Annahme vorherrschte, daß die Schlafkrankheit in Kamerun nur ganz sporadisch vorkäme und es sich dann zumeist um eingeschleppte Fälle handle, wurden im Berichtsjahre große Schlafkrankheitsherde im Akonolinga und später auch im Dumebezirk festgsstellt, die die Entsendung einer besonderen Schlafkrankheitsexpedition und die Anlage eines großen Konzentrationslagers, vorerst in Akonolinga, erforderlich machten. Wie weit die Seuche bereits Verbreitung gefunden hat, läßt sich zahlenmäßig noch nicht aussprechen, da die Erhebungen hierüber noch nicht abgeschlossen sind. Immerhin kann man jetzt schon sagen, daß es nur unter Aufwendung großer Mittel und erst im Laufe weiterer Jahre möglich sein wird, die Seuche einzudämmen. Es wird dazu wohl erforderlich werden, im Dumebezirk ein größeres Konzentrationslager zu errichten und das mit der Bekämpfung der Seuche betraute Personal zu vermehren. Soweit es sich zur Zeit überblicken läßt, wird mit einer ständigen Belegziffer von zusammen 500 bis 600 Kranken für die nächsten Jahre gerechnet werden müssen. Als Behandlung kam bei den Schlafkranken hauptsächlich die Atoxylinjektion zur Anwendung. Die angestellten Versuche mit neueren Mitteln führten zu keinem günstigen Ergebnis. Sanierungsarbeiten, wie in Ostafrika. werden bei der schwierigen Geländebeschaffenheit kaum in Frage kommen. Dagegen wird anzustreben sein, gemeinsam mit den Gouvernements der Nachbarkolonien vorzugehen und die jetzt noch stark fluktuierende Grenzbevölkerung möglichst an gesunden Plätzen anzusiedeln und seßhaft zu machen.
Die europäischen Pflanzungsunternehmen bearbeiten heute eine Fläche von annähernd 100.000 ha, wovon reichlich ein Sechstel angebaut sein dürften. Die 13 in Frage kommenden Gesellschaften haben ein Kapital von annähernd 20 Millionen Mark. Von Eßbananen und Mehlbananen abgesehen, die zur Beköstigung der farbigen Arbeiter dienen, spielt die Ölpalme in der Plantagenwirtschaft die Hauptrolle. Wenn ihre Zahl mit 175.000 Stück angegeben wird, so ist das zu niedrig gegriffen, weil außerdem noch ungezählte Exemplare verwildert vorkommen. Die wichtigste Plantagenkultur ist der Kakao; neuerlich hat der Anbau von Hevea Fortschritte gemacht. Wenn in der Ausfuhrstatistik von Kamerun der Kautschuk mit einem Wert von über 11 Millionen Mark genannt ist, so beruht das überwiegend auf der Sammeltätigkeit der Eingeborenen. Im Kautschukhandel sind 49 Firmen mit 280 europäischen Angestellten und mehreren tausend farbigen Händlern tätig gewesen. Die Zahl der Träger, die diese Produkte zur Küste und dafür wieder die Waren in die Kautschukdistrikte schaffen, läßt sich nicht genau angeben. Die Schätzungen schwanken zwischen 20.000 bis 30.000. Bedenkt man ferner, daß fast die ganze männliche Bevölkerung der Bezirke: Lomie, Molundu, Dume, Dengdeng mit der Kautschukgewinnung beschäftigt ist, so läßt sich ermessen, welche Rolle der Kautschuk im Wirtschaftsleben der Kolonie spielt. Die Regierung hat zur Förderung der Kautschukkultur auch unter den Eingeborenen eine Kautschukinspektion eingerichtet, die im Berichtsjahre mehrere Pflanzgärten zur Abgabe von Pflanzungsmaterial an die Farbigen weiter durchgeführt hat und an verschiedenen Stellen des Inlandes Musterfarmen angelegt hat. Der Kantschukinspektor befindet sich dauernd auf Reisen in den Südbezirken, um festzustellen, welche Kautschukbestände dort noch vorhanden sind, welche Maßnahmen zur Bekämpfung des Raubbaues ergriffen werden können. Diese Untersuchungen bestätigen die allgemeine Ansicht, daß gegen den Raubbau nichts getan werden kann, führten andrerseits aber zu dem Ergebnis, daß bei gleich günstiger Marktlage für den Kautschuk noch einige Jahre mit etwa den gleichen Ausfuhrmengen gerechnet werden könne. Die am 1. Oktober 1910 eröffnete landwirtschaftliche Schule in Victoria wies beim ersten Jahrgang 19 Schüler auf; sie hat gleichfalls das Ziel, die Eingeborenen in landwirtschaftlicher Hinsicht weiter zu bilden.



Ein Heckraddampfer auf dem Sanga-Fluß.

Am 1. April 1911 wurde der Betrieb auf der Gesamtstrecke der Nordbahn eröffnet und am 1. Mai fand die feierliche Einweihung der Strecke statt. Es verkehren wöchentlich drei Züge in jeder Richtung. Die Arbeiten an der Mittelandbahn gingen nur langsam (S. 22) vorwärts, weil die Geländeschwierigkeiten außergewöhnliche sind. Inzwischen sind die einzelnen ARme des Sanaga überbrückt worden mit einer Brücke, die eine noch größere Spannweite hat, asl die berühmte Sambesi-Brücke bei den Victoria-Fällen. Die Arbeiterverhältnisse an der Eisenbahn sind leider ziemlich schwankend und bewegen sich zwischen 3000 und 7000. Besonders beteiligt an den Bahnbauten sind von den einzelnen Volksstämmen die Dualas, Bakokos, Bules, Jaundeleute, Makas und Jabassileute. Der Unterkunft und Verpflegung der Arbeiter wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. An allen größeren Arbeiterplätzen sind Hütten, an drei Plätzen auch Lazarette für die Eingeborenen errichtet. Die Verpflegung wird für die meisten Arbeiter von der Baufirma geliefert, und zwar in der Hauptsache Reis, getrocknete Fische, Planten, Palmöl und Salz, daneben auch Makabo, Süßkartoffeln, Bohnen, Erbsen und Linsen. Zur Überwachung der Arbeiterverhältnisse ist ein Arbeiterkommissar bestellt. Die Gesundheitsverhältnisse der weißen Beamten wie der Eingeborenen waren im allgemeinen befriedigend.
Die sanitären Verhältnisse der früher nicht zu unrecht als ungesund verschrienen Kolonie haben sich weiterhin wesentlich verbessert. Zu einem großen Teil ist das dem Oberstabsarzt Professor Dr. Ziemann zu danken, der bis zum Jahre 191 Medizinalreferent beim Gouvernement von Kamerun war und jüngst durch Oberstabsarzt Dr. Kuhn ersetzt wurde.



Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1912, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912, S. 19ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz 

Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Kartenabteilung

Document in English Language