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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912 - Rückblick auf die Entwicklung Deutsch-Südwestafrikas im Jahre 1911.
Der Friede, dessen sich Deutsch-Südwestafrika seit dem Jahre 1907 erfreuen kann, ist auch im Jahre 1911 nicht gestört worden. Die Bodelzwarts, die sonst als ein recht unruhiges Element gelten mußten, haben begonnen, sich nach und nach an regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Während die Frauen in der Regel im Reservat verbleiben, gehen die Männer außerhalb auf Arbeit. Auch die Herero sollen sich an Arbeit gewöhnt haben. Schärfere Kontrolle durch Polizeipatrouillen hat verhindert, daß das Entlaufen ins Buschfeld noch mehr zur Gewohnheit geworden ist. Bei den Bergdamara ist der Häuptling gestorben; es wurde davon abgesehen, einen Nachfolger einzusetzen. Der Stamm wird, ähnlich wie es bei den Bondelzwarts und den Rehobother Bastards der Fall ist, durch einen Rat regiert.
Das Amboland ist zwar noch wie vor gesperrt, indessen ist am Okawango die Polizeistation Kuringkuru gegründet, und ferner ließ sich bei dem Häuptling Niangana, der auf das deutsche Gebiet übergesiedelt ist, die katholische Mission nieder.
Die Zunahme der weißen Bevölkerung bezifferte sich im letzten Jahre auf 1246. Deutsch-Südwestafrika zählte am 1. Januar 1911 11.890 europäische Bewohner. Die Zahl der Farbigen wurde am gleichen Zeitpunkte mit rund 82.000 ermittelt. Die Herero, Nama, Bergdamara und Bastards finden hauptsächlich Beschäftigung als Arbeiter auf den Farmen, während die Ovambo tätig sind auf den Diamantfeldern und beim Bahnbau. Von diesem Stamme kommen jährlich mehr und mehr in die mittleren und südlichen Teile des Schutzgebiets. Der Zuzug der Owambo hängt ab von der Ernte an Bodenfrüchten und der Felderbestellung in ihrer Heimat. Er ist am größten nach der Ernte, am schwächsten zur Zeit der Feldbestellung, die sich je nach Eintritt der Regenzeit verschiebt. Zur Bestellung müssen die Owamboarbeiter wieder zu Hause sein, um für ihre Familien, die sie ja nicht zur Arbeitsstätte mitnehmen, den nötigen Unterhalt zu schaffen. Daher sind die Arbeitsverträge mit den Owambos in der Regel nur halbjährlich. Um ihre Anwerbung und die Zu- und Rückwanderung zu regeln, ferner um für die Unterbringung und die Gesundheitsvorsorge auf den Arbeitsstätten Bestimmungen zu treffen, wurde angeordnet, daß die Anwerbung nur an zwei Plätzen stattfinden dürfe und daß den Owambos bis zur nächsten Eisenbahnstation eine bestimmte Marschstraße vorgeschrieben wird. Durch Maßnahmen in Lüderitzbucht ist die Sterblichkeit, die in dem rauhen Küstenklima unter den Owambos sehr groß war, beträchtlich zurückgegangen.
Leider muß immer noch festgestellt werden, daß allenthalben, besonders auf den Farmen, Arbeitermangel herrscht.
Die Farmwirtschaft hat unter der Dürre stark zu leiden gehabt, ähnlich wie auch das Jahr 1911 für unsere deutsche Landwirtscahft kein günstiges gewesen ist. Dazu kamen zahlreiche Grasbrände und Futter- und Wassermangel. Manche Farmer waren gezwungen, ihren Platz zu verlassen und das Vieh anderweitig unterzubringen. Wenngleich wohl sich die Viehbestände in der Kolonie vermehrt haben, so darf das wohl als ein gesundes Zeichen gedeutet werden. Die Regierung fördert die Viehzucht durch Gewährung von Preisen für eingeführtes, wertvolles Zuchtvieh. Wenn die Wollschafzucht nicht die erwartete Ausdehnung gewonnen hat, so lag das nicht zum letzten an dem Leutemangel. Viel Interesse wird der Straußenzucht entgegengebracht und der Bestand hat sich nahezu verdoppelt. Im Bezirk Swakopmund hat eine von dem bekannten Tierparkbesitzer Hagenbeck begründete Straußenzucht-Gesellschaft mit den Vorarbeiten begonnen und es sind kostspielige Bewässerungsanlagen am Swakop erforderlich, um die Luzernefelder berieseln zu können.



Angora-Ziegenböcke

Eine erhebliche Ausdehnung hat der Garten- und Ackerbau erfahren. Viele Farmer wenden sich in neuerer Zeit dem Trockenfarmsystem zu. Zum Anbau gelangen Mais und Kartoffeln anf Regenfall, Tabak und Luzerne auf künstliche Bewässerung. Auch der Weinbau hat gute Fortschritte gemacht. Ebenso wurde die Einfuhr von Obstbäumen aller Art fortgesetzt und amtlich unterstützt.
Solche Kulturen können ohne weitete Ausdehnung der Wassererschließung, ohne Anlage von Dämmen und dergl. nicht durchgeführt werden. Im Jahre 1911 hat die Wassererschließung gute Fortschritte gemacht und sind im Hinblick auf die verfügbaren Mittel im allgemeinen befriedigende Erfolge erzielt worden, doch gibt der Bericht zu, daß es auch nicht entfernt möglich sei, hinsichtlich der Wassererschließung mit der ständig fortschreitenden erfreulichen Entwicklung des Landes Schritt zu halten. Das ist auch schon zum Ausdruck gekommen in den Debatten des Landesrats. Dort wurde vor allem eine fachmännische Leitung und bessere Aufsicht über die Arbeiten der Bohrkolonnen gefordert. Diese Bohrkolonnen haben Bohrgeräte mit Kraftantrieb und mußten in den letzten Jahren mit dem gesunkenem Grundwasserspiegel sehr tief bohren. Außerdem werden Handbohrgeräte gegen eine Leihgebühr an Privatleute verliehen; außerdem sind private Unternehmer durch verhältnismäßig erhebliche Beihilfen unterstützt worden, dennoch müssen dahingehende Versuche als fehlgeschlagen angesehen werden. Der Jahresbericht der Windhuker Handeslkammer bemerkt hierzu das Folgende: "Die vorhandenen Regierungs- und Privatbohrmaschinen genügen keineswegs auch nur den geringsten Bedürfnissen. Die in unserem letzten Bericht mitgeteilte Absicht der Regierung, mehrere Bohrmaschinen der Arbeit für Farmer zu entziehen und auf noch unverkauftem Farmlande bohren zu lassen, ist bisher nicht verwirklicht worden. So berechtigt die Absicht des Gouvernements einerseits ist, so ist bei dem vorläufigen großen Mangel an Bohrmaschinen doch dringend zu wünschen, daß die Regierung auch weiterhin den Bohranträgen für besiedelte Farmen nachkommt, andernfalls deren Entwicklung wesentlich gehemmt wird. Wir können nur wiederholen, daß die Wassererschließung eine der wichtigsten Aufgaben der Regierung ist und bleiben muß und daß dabei nicht gespart werden darf, wenn auch die Finanzen des Schutzgebiets keine glänzenden sind. Die private Bohrtätigkeit sollte gefördert werden, indem man den Farmern auch dafür die gleiche Beihilfe gewährt, wie für die Arbeiten der Regierungsbohrmaschinen."
Die Erfahrungen im Genossenschaftswesen sind auch nicht durchweg günstig. Beispielsweise geriet im Juli 1911 die Ein- und Verkaufsgenossenschaft zu Omaruru in Konkurs und die beteiligten 81 Mitglieder mußten für eine Summe von über 120.000 M. haften. Eine geachtete Stellung im Wirtschaftsleben hat sich die Deutsch-Südwestafrikanische Genossenschaftsbank in Windhuk errungen. Doch ist sie mit Rücksicht auf ihre Aaufgaben und ihre Kapitalkraft nicht in der Lage, langfristige Darlehn zu gewähren und muß den für die Auffassung des Mutterlandes ungewöhnlich hohen Zinssatz von 8% berechnen, von Provisionen und Spesen ganz abgesehen. Es dränge also alles auf die Schaffung eines mit staatlicher Hilfe geschaffenen und mit staatlichen Mitteln getragenen Kreditinstitutes, dessen Einrichtung für 1912 als sicher bezeichnet werden kann.
Die Entwicklung des Diamantenbergbaues hat in gewissem Sinne enttäuscht. Viele Felder sind, weil sie sich nicht mehr als rentabel erwiesen haben, aufgegeben worden. Dazu kommt das Mißtrauen gegen die Diamantenregie und die Schwierigkeit der Abgaben. Eine Neuregelung steht in sicherer Aussicht, so daß hoffentlich die Hindernisse bald als überwunden bezeichnet werden können.
Eine Zeitlang schien es auch, als ob auf den Otawi-Gruben die Erzadern verloren waren oder aufgehört hätten. Doch ist man wieder auf reichhaltige Erzadern gestoßen, so daß die Erträge die gleichen waren wie früher.
Bergbauliche Erkundungen sind an zahlreichen Stellen des Schutzgebietes vorgenommen worden, insbesondere auch im Kaokofeld durch einen hervorragenden Fachmann. Er hat auch Gold-, Kupfer- und Eisenerze gefunden. Von den Absatzmöglichkeiten (S. 27) und von neu zu schaffenden Verkehrswegen wird es abhängen, ob man an ihren Abbau geht. Leider werden die Zinnvorkommen im Erongogebirge zumeist von Engländern abgebaut werden.
Im übrigen erhielt das Eisenbahnwesen der Kolonie eine gewisse Abrundung durch die Fertigstellung der Nord-Süd-Bahn. Sie ermöglicht, die Strecke von Windhuk nach Keetmanshoop mit einer Länge von von 528 Kilometern in wenigen Tagen zurückzulegen, als man früher Woche brauchte. Insgesamt sind in Deutsch-Südwestafrika heute 2130 Kilometer Eisenbahn vorhanden, was ungefähr die Hälfte der Ausdehnung des gesamten deutsch-afrikanischen Schienennetzes entspricht. Die Bahnen sind rentabel und verzinsen sich genügend, ganz abgesehen von ihrer strategischen Bedeutung.
Die Vertretung der Bürgerschaft des Landes, der sogenannte Landrat, hat im Mai des Jahres einige Wochen in Windhuk getagt und die zahlreichen Fragen und Probleme der Kolonie ausgiebig erörtert. Gouverneur Seitz hat es verstanden mit der Farmerschaft in bestem Verhältnis zu leben und bietet in seiner Person Gewähr dafür, daß Deutsch-Südwestafrika nach wie vor seinen Weg vorwärts nehmen wird.
Im letzten Jahr hat sich das Kirchen- und Schulwesen ziemlich ausgedehnt. In Windhuk, in Swakopmund, in Keetmanshoop und Lüderitzbucht erheben sich heute Gotteshäuser oder sind wenigstens im Bau. Im Schutzgebiet gab es 19 Schulen gegen 15 im Vorjahre, davon 15 Regierungsschulen, 3 Realschulen in Entwicklung und eine Privat-Mädchenschule der katholischen Mission in Windhuk. Die Schülerzahl stieg von 470 auf 548, die Zahl der Lehrkräfte vermehrte sich auf 28, darunter 3 Oberlehrer, 2 Rektoren, 12 Volksschullehrer und 11 Lehrerinnen. Nach dem Jahresbericht ist der Gegensatz zwischen Mission und Ansiedlern im Schwinden begriffen und macht einem guten Einvernehmen Platz. Jeder Freund der Kolonie wird das mit Genugtuung und Zuversicht für die Folgezeit begrüßen.



Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1912, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912, S. 25ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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