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Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912 - Rückblick auf die Entwicklung Deutsch-Ostafrikas im Jahre 1911.
(S. 30) Deutsch-Ostafrika hat sich auch im Jahre 1911 einer vollen Entwicklung erfreuen können. Expeditionen in größerem Maßstabe fanden nicht statt, so daß die Schutztruppe nicht vermehrt zu werden brauchte. Sie hatte eigentlich nur gegen Vergehen, wie Viehdiebststähle, zu tun, deren sich die Massai und andere Eingeborene in den Bezirken Moschi und Aruscha zuschulden kommen ließen. Dabei haben übrigens die Behörden unserer britischen Nachbarn mitgewirkt, die Übeltäter zu fassen.
Die Versuche, Farbige als Beamte zu verwenden, sind nach dem Jahresbericht da günstig ausgefallen, wo die Schwarzen häufig und dauernd kontrolliert werden konnten. Die Verwaltung ist bestrebt, die im Küstengebiete in früheren Zeiten beseitigten, aber im Innern noch zahlreichen und einflußreichen Häuptlinge durch geeignete Maßnahmen dahin zu bringen, daß sie in der Durchführung der Absichten unserer Regierung ihre eigenen Interessen erblicken. Unter solchen Umständen hat die farbige Bevölkerung in den meisten Bezirken eine Zunahme erfahren. Doch ergehen hier und da Klagen, daß die Arbeiter, die sich auf längere Zeit in die Pflanzungsbezirke der Küste verdingen, die Neigung zur Gründung eines Hausstandes im eigenen Lande verlieren.
Die Arbeiterfrage erscheint als eine der wichtigsten in der Kolonie. Im ganzen ist zu sagen, daß die Prophezeiung, als ob die zum Bahnbau und in den Plantagen nötigen Arbeiterhände in der Kolonie nicht zu beschaffen seien, über das Ziel hinausschoß. Freilich Arbeiterknappheit hat an den meisten Stellen geherrscht, doch dürfte sie nie ganz zu beseitigen sein. In dem kleinen Bezirke Tanga finden täglich Neugründungen von Unternehmungen statt, so daß es schwierig wird die nötigen Arbeiter zu beschaffen. Wo indessen der Pflanzungsleiter es versteht, die farbigen Untergebenen zu behandeln, wird er auch stets willige Arbeiter haben. Für den Neger kommen als Anreiz zur Arbeit in erster Linie eine gute Versorgung mit Nahrung und Unterkunft, nicht übermäßige Anforderungen und ein verständnisvolles Eingehen auf die vielen kleinen Anliegen der Arbeiter in Betracht. Arbeitgeber, die für saubere und vor der Witterung schützende Unterkunft, für reichliches Wasser, für eine den Stammesgewohnheiten angepaßte Verpflegung, für Gelegenheit zu Spiel und Tanz Sorge tragen, haben selten über Mangel an Leuten zu klagen. So ist es auch gelungen, durch geschickte Behandlung die früher als faul verschrienen Wagogo und Wasegara zu tüchtigen Arbeitern zu machen. Wo die Zahl der europäischen Betriebe im gesunden Verhältnis zu der Ortsbevölkerung steht, wie in Morogoro, Lindi und zum Teil in Moschi, stammt der größte Teil der Arbeiter aus der Nachbarschaft. In den Nordbezirken aber übersteigt die Zahl der landfremden Sachsengänger längst die Zahl der Bezirksangehörigen. Diese fremden Arbeiter werden teils im Innern angeworben, teils kommen sie freiwillig zur Küste. Leider ist festzustellen, daß eine Reihe von schlechten Elementen sich unter den Anwerbern findet. Die Ausdehnung der Eisenbahn tut auch hier gute Dienste, insofern, als sie den Hin- und Rückweg dieser Sachsengänger abkürzt. Sie schafft auch den Pflanzungen keine kranken und reisemüden Arbeiter herbei, sondern bringt sie arbeitsfrisch und gesund zur Stelle. Eine Streitfrage zwischen der Regierung und den Pflanzern ist die, ob man Kontrakte mit Farbigen nur auf 2 oder 3 oder auf 6 Monate abschließen solle.
Der Gesundheitszustand unter den Schwarzen war dank unserer Maßnahmen ein guter. Welchen Umfang solche Maßnahmen annehmen, hat man daraus ersehen, daß im Berichtsjahre fast 900.000 Personen auf Pocken geimpft wurden. Die Pestfälle in Lindi und am Viktoriasee, die Ende des Jahres 1910 vorkamen, sind unschädlich gemacht worden. Am Viktoriasee ist auch eine Verminderung der Schlafkrankheit zu verzeichnen gewesen, hauptsächlich infolge der Wirksamkeit der Schlafkrankheitslager. Um die Schlafkrankheitsfliege zu vernichten, sind umfangreiche Abholzungsarbeiten (S. 31) vorgenommen worden. Auch in weiten volkreichen Gebieten des Tanganjikasees sind die Erfolge größer gewesen als in den Vorjahren. Hier hat sich neuerdinge die belgische Kongo-Regierung in Abwendung von ihrer früheren Praxis an der Bekämpfung der Schlafkrankheit mit beteiligt.
Der allgemeine Gesundheitszustand der europäischen Bevölkerung war gleichfalls befriedigend. Sie hat sich im letzten Jahre auf 4227 Köpfe vermehrt. Der reichsdeutsche Anteil daran ist entsprechend gewachsen. Die Zahl der Buren im Bezirk Moschi ist zurückgegangen; das wird amtlicherseits erklärt mit strengen Maßnahmen, die die Verwaltung gegen die wirtschaftlich untüchtigen Elemente der burischen Einwohner, gegen die Jagd- und Trekkburen ergreiten mußte. Man hatte befürchtet, daß das Eindringen englischen Kapitals in die Plantagenwirtschaft in die Nordbezirke den Ersatz deutscher Angestellter durch englische nach sich ziehen würde; das ist glücklicherweise nicht geschehen. Kleinsiedlungen haben keine nennenswerte Ausdehnung erfahren, weil die bisherige Schutzgebietwerwaltung ihr gegensätzig gegenüberstand. Der amtliche Bericht will feststellen, daß mehr und mehr eine Scheidung in Plantagen und reine Viehfarmen sich vollzieht, während die gemischten Betriebe weniger günstige wirtschaftliche Aussichten zu haben scheinen. Der Anbau von europäischen Gewächsen geht über eine gartenmäßige Kultur kaum hinaus. Tatsache sei es, daß von Einwanderern von gleichem Kapital und gleicher Arbeitskraft, die vor etwa 4 Jahren im Bezirke Moschi ihre Tätigkeit begannen, der Pflanzer heute ein wertvolles, nach dem Eintreffen der Bahn jederzeit realisierbares Besitztum sein eigen nenne, während der Viehzüchter vielleicht eine gute Herde, aber die beständige Gefahr eines Gesamtverlustes durch die unvermeidlichen Viehseuchen habe. Bezüglich der Kleinsiedler wird geurteilt, daß sie heute noch von der Hand in den Mund leben und im Krankheitsfalle oder sonstigen Notfällen schwerlich ihre Besitzung verwerten und etwa die Kosten einer Erholungsreise nach Enropa aufbringen könnten. Die Kleinsiedlung wird aber trotz mancher Bedenken und Gefahren durchgesetzt, und die angeführten Ziffern beweisen ihre stetige Ausdehnung.
In der Kaffeekultur haben solche Kleinsiedler im Bezirk Moschi und Bukoba gute Erfolge erzielt, desgleichen mit dem Kautschuk und zum Teil mit Banmwolle. Heute wird mehr als die Hälfte des aus Deutsch-Ostafrika ausgeführten Kautschuks in Plantagen gewonnen, während vor wenigen Jahren alle Ausfuhr auf Sammelkautschuk beruhte.
Bei der Baumwolle scheint der plantagenmäßige Anbau nicht so erfolgreich gewesen zu sein wie die Volkskultur. Sie hat trotz mancher Störungen durch ungeeignete Witterung, durch Schädlinge in deu Bezirken Muansa, Morogoro, Kilwa und Lindi Fortschritte gemacht. Das Mißtrauen, das die Eingeborenen der neuen Kultur entgegen brachten, beginnt zu schwinden. Ihre Nachfrage nach Saat war groß. Das verderbliche Mittel, zum Anbau von Baumwolle Vorschüsse zu gewähren, ist glücklicherweise fast ganz abgekommen. Der Baumwollbau unter den Eingeborenen wird gefordert, indem man gute Leistungen öffentlich prämiiert. Die Preise bestehen zum Teil in barem Geld, zum Teil in brauchbaren Ackergeräten.
Im Berichtsjahre wurde in 13 Bezirken eine Viehzählung vorgenommen, sie ergaben rund 1 1/2 Millionen Großvieh und 2 3/4 Millionen Kleinvieh (Ziegen und Schafe). Trotz der Seuchen hat sich, wie aus vielen Bezirken berichtet wird, der Viehstand gehoben. Ein Rinderzuchtland ist vor allem Ruanda, das uns durch die deutsch-belgische Grenzregelung des Jahres 1910 ganz zugefallen ist. Es wurden die Bestände mit rund 400.000 Rindern angegeben, doch der deutsche Resident hält diese Zahl fur noch zu niedrig. Fehl geschlagen sind die von Weißen unternommenen Versuche zur Einführung der Schafzucht in den Nordbezirken.
In Deutsch-Ostafrika beginnt neuerdings die Kopraerzeugung beträchtliche Ansdehnung. Die Ausfuhr hat sich von 1909 auf 1910 von 3000 Tonnen auf 5300 Tonnen im Werte von 800.000 Mark bezw. 1,9 Millionen Mark erhöht. Das hat zur Folge gehabt, das Kokospalmen eine höhere Wertschätzung genießen. Während früher eine solche höchstens 10 Mark galt, kostet sie jetzt mehr als das Doppelte. Die meisten Kokospalmen sind in den Händen Farbiger. Nur im Hinterland von Daressalam haben einige Europäer Palmenpflanzungen. Die Ergebnisse der Kopraprodoktion würden noch besser sein, wenn man nicht in der Sonne trocknete, sondern durch fabrikmaßiges Dörren. Außerdem werden Kokosnüsse von den Eingeborenen gern als Nahrungsmittel verbraucht.
Bei der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung haben Handel und Wandel allentlaahben geblüht. Wir rechnen hierin auch die bergmännische Entwicklung. Hat doch die Kironda-Goldminen-Gesellschaft im Jahre 1911 für annähernd 1 Million Mark Gold erzeugt und die Saline Gottorp der Zentralafrikanischen Seen-Gesellschaft 36.000 Zentner Salz. Auch der Glimmerbergbau im Ulugurugebirge hat weiter Fortschritte gemacht, die Ausfuhrmenge betrug im letzten Jahre über 100 Tonnen im Werte (S. 32) von mehr als 300.000 Mark. Der Gesamthandel der Kolonie reichte 1910 an 60 Millionen Mark heran und hat 1911 diese Ziffer weit überholt. Die einzelnen Ergebnisse liegen noch nicht vor. 20 Jahre zuvor, im Jahre 1891, war er nur mit 16 1/2 Millionen zu bewerten.
Es braucht nicht bemerkt zu werden, daß die Ausdehnung der Eisenbahn in der Kolonie an dieser Entwicklung einen beträchtlichen Anteil hat. Die Zentralbahn wurde mit Jahresschluß weit geführt, daß sie im Februar 1912 ihr einstweiliges Ziel Tabora erreichen konnte. Inzwischen hat der letzte Reichstag auch die Mittel zur Fortsetzung bis zum Tanganjikasee bereitgestellt, so daß gewiß noch vor 1914 diese "zweite Küste" unserer Kolonie den Pfiff der Lokomotive hören wird.
Die Usambara-Eisenbahn hat gleichfalls Moschi erreicht und sich außerordentlich gut rentiert. Durch die Eröffnung der Sigibahn, der von der Deutsch-Ostafrikanischen Holzgesellschaft bei Tengeni von der Usambarabahn abgezweigten Kleinbaho mit 75 cm Spurweite, sind für das biologisch-landwirtschaftliche Institut in Amani günstige Verkehrsverhältnisse geschaffen worden.
Außerordentlich günstig waren die Ergebnisse der Häuser- und Hüttensteuer, die zumeist von den Eingeborenen aufgebracht wird. Die Ergebnisse von 1910 waren um 1/2 Million größer als die von 1909.
Zum Schluß einige Worte über das Schulwesen. Die Kolonie hat Europäer-Schulen in Daressalam sowie in Leudorf und am Nordmeru und eine Reihe von Regierungsschulen für Farbige. Die Nachfrage nach ausgebildeten Schülern solcher Farbigenschulen, die als Lehrgehilfen, Steuererheber, Schreiber, Telegraphisten usw. Verwendung finden, war außerordentlich lebhaft. Daneben wirken noch eine Anzahl von Missionsschulen.
Nicht unwesentlich wird das Interesse für die Schulen und der Wunsch nach Bildung bei der farbigen Bevölkerung gefördert durch die Suahelizeitung "Kiongozi" und durch eine Sammlung von bis jetzt 15 Volksbüchern in der Suahelisprache. Es ist klar, daß in den des Lesens unkundigen oder nur der arabischen Schrift mächtigen Eingeborenen der Wunsch geweckt wird, auch die deutsche Schrift lesen zu können, wenn ihnen von den Lesekundigen die neuesten Nachrichten sowie auch ihrer Denkweise angepaßte Erzählungen vorgelesen werden. Die Beliebtheit dieser Schriften erhellt daraus, daß trotz des niedrigen Bezugs- bezw. Verkaufspreises die Druckkosten ungefähr gedeckt werden. Was die Befähigung und den Lerneifer der farbigen Schüler anlangt, so hat man allgemein beobachtet, daß sie anfangs sehr schnelle und gute Fortschritte machen und im Durchschnitt leichter fassen als die europäischen Kinder. In dem Alter von 13 bis 15 Jahren beginnt dann allerdings eine verminderte Aufnahmefähigkeit und infolgedessen ein gewisser Stillstand einzutreten. Die bei der bisherigen Unterrichtsmethode erzielten Fortschritte sind recht zufriedenstellend. So wird mitgeteilt, daß die bei der Post und bei den beiden Eisenbahnen angestellten farbigen Telegraphisten und Telephonisten ihren Posten durchaus ausfüllen und auch deutsche Telegramme und Geepräche in der Morseschrift so prompt wie ein europäischer Fachbeamter erledigen. Also auch auf diesem Gebiete wird in Deutsch-Ostafrika wertvolle Kulturarbeit geleistet.



Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1912, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912, S. 30ff

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
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