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Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912 - Rückblick auf die Entwicklung der Südsee-Schutzgebiete im Jahre 1911.
Während im alten Schutzgebiet Neu-Guinea der Landfrieden keine Störung erfuhr, waren wir genötigt, mit Waffengewalt gegen die Ponapeleute vorzugehen. Auf dieser Hauptinsel der Ostkarolinen hatte sich am 18. Oktober 1910 ein Aufstand erhoben (S. 37) dem vier deutsche Beamte, darunter der Bezirksamtmann Regierungsrat Boeder, zum Opfer fielen.


Das Gouvernementsgebäude in Apia.


Infolge der mangelhaften Verkehrsverbindungen war es erst am 26. November, also sechs Wochen später, möglich geworden den Regierungssitz in in Rabaul zu benachrichtigen. Erst im Januar fand sich ein Aufgebot von Kriegsschiffen ein, dessen Mannschaften in wochenlangen Kämpfen die 200 bewaffneten Aufständischen vom Stamm der Jokoj unterwarfen. Nur durch Artilleriefeuer und unter Aufgebot starker Truppen konnten die Unbotmäßigen aus ihren Stellungen geworfen werden. Den vereinigten Streitkräften gelang es, die Stellungen auf der Insel Dschokadsch im Sturm zu nehmen und den Feind auf der Hauptinsel, wohin er sich geflüchtet hatte, durch planmäßiges Vorgehen so zu erschüttern, daß die Aufständischen, soweit sie nicht in Gefangenschaft geraten waren, sich nach und nach dem Bezirksamt freiwillig stellten. Am 22. Februar befand sich der gesamte aufrührerische Stamm in der Gewalt des Bezirksamts, und die militärischen Operationen konnten als abgeschlossen betrachtet werden. Die Verluste der Aufständischen waren verhältnismällig gering. Leider haben wir auch auf unserer Seite drei Tote (Leutnant z.S. Erhard, Obermatrose Kneidl und Obersignalgast Günther) und sieben Verwuudete zu verzeichnen; ferner sind zwei melanesische Polizeisoldaten gefallen und neun verwundet worden. Am 23. Februar wurden 17 Aufständische, welche an den Mordtaten des 18. Oktobers beteiligt waren, zum Tode verurteilt und am nächsten Tage hingerichtet. Der ganze Stamm, 426 Personen, wurde nach den Palau-Inseln verbannt, das Stammesland wurde von der Regierung eingezogen. Die rasche und gründliche Niederwerfung des Aufstandes hinterließ bei den übrigen Eingeborenen weit über die Grenzen von Ponape hinaus einen nachhaltigen Eindruck. Sie wird wesentlich dazu beitragen, die etwa bei anderen Stämmen vorhandenen Aufstandsgelüste zu unterdrücken und die Ruhe auf längere Zeit hinaus zu sichern. Es soll hier noch besonders hervorgehoben werden, daß konfessionelle Gegensätze. die bei manchen früheren Anfständen eine Rolle spielten, bei dem Aufstand der Jokojleute nicht in Frage kamen. Wie vielmehr die Eingeborenen der übrigen Stämme ohne Unterschied der Konfession dem Rufe zum Schutze der Kolonie Folge leisteten, so haben auch die Angehörigen der beiden auf Pouape wirkenden Missionen gleich eifrig bei der Niederwerfung des Aufstandes mitgewirkt. Noch wichtiger ist, daß auf Ersuchen des Bezirksamts hin die Eingeborenen der übrigen Stämme die in ihrem Besitz befindlichen Waffen und Patronen ablieferten und daß die durch die militärischen Maßnahmen eine Zeitlang unterbrochenen Wegebauten wieder aufgenommen werden konnten. Diese Steuerarbeiten beim Wegebau sind offensichtlich die Ursachen des Aufstandes. Dazu kommt, daß kurz vorher die etwas an unsre mittelalterliche soziale Schichtung erinnernde Lehnsverfassung aufgehoben wurde.
Von einem eingehenden Bericht über die wirtschaftliche Entwicklung der Ostkarolinen muß unter solchen Umständen abgesehen werden.
Die verbannten Ponape-Lente sind, soweit sie arbeitsfähig und gesund waren, der Südseeinsel Palau als Arbeiter überwiesen worden. Die Gesellschaft entrichtet auf den Kopf zehn Mark Monatslohn, die dem Aufstandsfonds als Einnahmen zufließen. Das Jahr 1910 (die Ergebnisse von 1911 lassen sich noch nicht übersehen) hat in Phosphat eine beträchtliche Ausfuhrsteigerung gebracht: 36.000 Tonnen im Gesamtwert von annähernd einer Million Mark. Die Kokospalmenkultur nnd Kopraausfuhr tritt demgegenüber beträchtlich in den Hintergrund. Aus diesem Grunde sei auch ein Taifun, der vom 23. Februar bis zum 2. März auf Jap unter den Palmbeständen wütete, nur kurz erwähnt.
Noch beträchtlicher sind die Phosphatverschiffungen von Nauru und damit gewinnt die Handelsbilanz der Marshallinseln ein neues Bild. 143.000 Tonnen im Werte von über 8 1/2 Millionen Mark hat das Jahr an Ausfuhr aufzuweisen; auch hier hat der Kopraexport (1910 3300 To., 1909 2900 To.) wenig mehr zu besagen, zumal der Wert in beiden Jahren nur ungefähr drei Viertel Millionen Mark beträgt.
Als Hauptereignisse des Jahres im alten Schutzgebiet sind zu erwähnen die Erforschung des Kaiserin-Angusta-Flusses durch die deutsch-holländische Grenzexpedition. Sie hat den gewaltigen Strom bis 900 km hinauf befahren, zuletzt nur mit Booten und Kähnen. Am Ende des Berichtsjahres ist eine vom Reichs-Kolonialamt und der Deutschen Kolonialgesellschaft gemeinsam ausgerüstete Expedition in die (S. 38) Kolonie aufgebrochen, die sich die Erkundung des Augustastromes zur Sonderaufgabe gemacht hat. Sie hat mit Anfang des Jahres 1912 ihre eingehenden Vorbereitungsarbeiten begonnen. Daß auf Kaiser-Wilhelmsland die deutsche Kolonisation Fortschritte macht, ergibt sich daraus, daß es den Bezirken Eitape und Morobe gelungen ist, auf friedlichem Wege eine Anzahl von Dörfern in ihren Machtbereich einzubeziehen. Im Berichtsjahr ist bei der letztgenannten Station nur einmal ein Zusammenstoß zwischen einem Goldwäscher und einem schwarzen Jungen zu verzeichnen gewesen. Von Bedeutung ist übrigens die Goldgewinnnng in diesem Grenzbezirke bisher noch nicht geworden, denn es handelt sich eben nur um Alluvialgold und nicht um ursprüngliche Vorkommen.


Das in Apia errichtete Geschäftshaus einer samoanischen Firma.

Daraus, daß auf den einzelnen Inseln des Bismarck-Archipels nicht nur in den Bezirken der Gazellehalbinsel. sondern auch in Neu-Lauenburg, auf den Witu-Inseln auf Neu-Mecklenburg eingehende Zählungen oder zum wenigsten Feststellungen und Schätzungen der Bewohnerzahl vorgenommen werden konnten, ist zu ersehen, daß auch hier der Einfluß der Verwaltung Schritt für Schritt sich ausdehnt. Es scheint, als ob nur auf den Salomon-Inseln und auf der Admiralitätsgruppe unser Einfluß noch nicht weit genug gediehen ist, um die üblichen Fehden zwischen den einzelnen Stämmen zu verhüten.
Nicht unbeträchtlich ist die Zuwanderung von Chinesen in den Bismarck-Archipel. Sie kommen nicht als Pflanzungsarbeiter, sondern als Handwerker, Heizer, Maschinisten, Köche und Diener; dabei wechselt diese chinesische Bevölkerung rasch. Ein Zopfträger mußte wegen eines Raubmordes an einem Landsmann hingerichtet werden.
Die gesundheitlichen Verhältnisse im Schutzgebiet waren im allgemeinen nicht ungünstig. Es ist gelungen, die Versorgung von Rabaul mit einwandfreiem Trinkwasser zu sichern. Sogar eine Eisfabrik hat man hier errichtet.
Die Zahlen der Handelsstatistik bezeugen gleichfalls, daß in Deutsch-Nen-Guinea, vor allem im alten Schutzgebiet, Fortschritte sich bemerkbar machten. Die Kokospalmenbestände haben sich in den Pflanzungen sowohl, wie bei den Eingeborenen vermehrt, und Kopra bildet noch immer das Rückgrat des Exports. Erfreulich ist eine außergewöhnliche Zunahme der Viehbestände. Auch die durch das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee eingeleitete Guttagewinnung scheint an Ausdehnung zu gewinnen.
Seit April 1910 ist das Personal der beiden Regierungsschulen in Namanula, der für Europäerkinder und der für Eingeborene, um eine Lehrerin vermehrt worden. Beide Schulen haben sicht befriedigend weiter entwickelt. Die Europäerschule wurde am Schluß des Berichtsjahres von zehn Schülern, sieben Knaben und drei Mädchen, besucht. In der Eingeborenenschule blieb die Schülerzahl auf 60 bestehen. Im nächsten Jahre wird in dieser Schule mit dem Unterricht im Deutschen und in Handfertigkeiten begonnen werden. Das Amtsblatt wird wie bisher von einem Lehrer unter Zuziehung eingeborener Schüler gedruckt.
Ein ähnliches Bild bietet Samoa. Die Witterungsverhältnisse waren den Kulturen durchaus günstig. Leider hat unter den Kakaobeständen die Rindenkrankheit weitere Fortschritte gemacht. Sie hätte bereits erfolgreicher bekämpft werden können, wenn sich nicht allenthalben ein Mangel an Arbeitskräften geltend machte. Die Kautschukkulturen vermehren sich in normaler Weise. Die Beziehungen zu den Eingeborenen waren günstiger als im Jahre zuvor. Es gelang, eine Verdoppelung der Kopfsteuer, die die Einnahme des Schutzgebiets erheblich vermehrt hat, ohne Schwierigkeit durchzuführen. Unter den Pflanzern macht sich eine Bewegung geltend, die auch kleineren und mittleren Betrieben die Lebensmöglichkeit nicht abspricht und die die Zuwandernng solcher Ansiedler fördern will. Die Entwicklung der weißen Bevölkerung war im letzten Jahr vorwärts strebend, indessen ist ein besonderer Zuwachs nicht zu verzeichnen gewesen.



Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1912, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912, S. 36ff

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