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Primaerliteratur
Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912 - Rückblick auf die Entwicklung Kiautschous im Jahre 1911.
(S. 41) Trotz der sehr schwierigen politischen Verhältnisse, und trotzdem die Dürre und später Überschwemmungen einer günstigen Entwicklung nicht förderlich waren, hat sich der Handel des Schutzgebietes Kiautschou im allgemeinen in aufsteigender Linie bewegt. So wie unser Hafen und sein Hinterland unter den Schäden des russisch-japanischen Krieges und seinen Nachwirkungen am wenigsten zu leiden gehabt hatte haben auch in der Provinz Schantung sich die politischen Unruhen des letzten Jahres weniger fühlbar gemacht als in den anderen Küstenprovinzen. Als neue Ausfuhrartikel des Pachtgebietes sind Baumwolle, Raps- und Sesamsaaten zu verzeichnen. Obwohl die durch Überschwemmungen verursachten Störungen für kurze Zeit zur Einstellung des regelmäßigen Bahndienstes nötigten, haben sich die Einkünfte der Schantungeisenbahngesellschaft im Jahre 1911 fast auf der gleichen Hohe wie im Vorjahre gehalten, dagegen hat sich die Lage der Schantungbergwerkgesellschatt kaum gebessert. Nach der Statistik der chinesischen Seezollämter von 1910 steht Tsingtau jetzt unter den 45 dem fremden Handel geöffneten Häfen Chinas an sechster Stelle während es 1904 noch die achtzehnte Stelle einnahm; Schanghai, Tientsiu, Hankau, Kanton, Swatau stehen ihm noch voran, Schanghai mit einer Zolleinnahme vou 10 1/2 Millionen Haikuan Taels, während Tsingtau eine Zolleinnahme von 1.238.394 Haikuan Taels zu verzeichnen hatte.

Die politischen Verhältnisse haben nicht zur Folge gehabt, daß die deutschchinesische Hochschule in Tsingtau vorzeitig geschlossen werden mußte, wie das bei allen Regierungsschulen und den meisten Privatschulen der Fall war. Sie hat am 19. Januar 1912 ihr Winter-Semester ruhig zu Ende führen können. Die Tsingtauer Anstalt ist unter den höheren Schulen, an denen die Tsingtauer Regierung interessiert ist, die einzige gewesen, die in den Wirren stand hielt. Die Hochschule hat im abgelaufenen Semester mit 4 Abteilungen in der Oberstufe gearbeitet, nämlich: der juristischstaatswissenschaftlichen, der technisch-naturwisssenschaftlichen, der land- und forstwissenschaftlichen und der medizinischen Abteilung und ferner mit 5 Klassen der Unterstufe. Bei der juristischen, der technischen und der landwirtschaftlichen Abteilung sind bereits Parellelkurse notwendig geworden. Alle Abteilungen und Klassen waren gut besucht und erreichten trotz der höchst ungünstigen äußeren Einflüsse das vorgeschriebene Pensum. Dem Ausbau der Sammlungen mußte wegen augenblicklichen Platzmangels etwas Einhalt getan werden.

Die Übersetzungsanstalt brachte ihre Arbeiten in durchaus befriedigender Weise vorwärts. Außer der Mitarbeit an anderen Werken sind mehrere eigene Manuskripte zum Abschluß gelangt, deren Erscheinen bevorsteht. Einen guten Fortschritt bedeutet das Erscheinen der deutsch-chinesischen Rechtszeitung, dem hoffentlich bald die Fachzeitschriften der übrigen Abteilungen folgen. Die Rechtszeitung fand bei den Fachgenossen sympathische Aufnahme, was aus den zahlreichen sehr zustimmenden Zuschriften bedeutender Fachgelehrten hervorgeht.

(S. 42) An der Binnengrenze unseres Schutzgebietes brandeten häufig die Wogen der chinesischen Revolution, unser Schutzgebiet hat sozusagen einen festen Damm gegen die unruhige Bewegung abgegeben und wird hoffentlich auch im kommenden Jahre sich in dieser Hinsicht bewähren.

Kein Platz in Nordchina war und ist so völlig ruhig und sicher geblieben wie Tsingtau. Zahlreiche wohlhabende Chinesen haben während der Revolutionswirren in Tsingtau Sicherheit gesucht und das chinesische Kapital hat sich gerade in diesen unruhigen Zeiten in erhöhtem Maße in dem deutschen Gebiete zu bestätigen begonnen. Manche chinesischen Firmen haben den Schwerpunkt ihrer weitverzweigten wirtschaftlichen Unternehmungen nach diesem Platze verlegt.

Die Einnahmen des chinesischen Seezollamtes betrugen vom Oktober 1910 bis Oktober 1911 3,7 Millionen Haikwan Taels gegen 3,3 Millionen im Vorjahre und 3,1 Millionen Haikwan Taels im Jahre 1908/09. Im Handel des Kiautschougebietes ist der deutsche mit Waren im Werte von 19 Millionen Mark beteiligt.

Die eigenen Einnahmen des Schutzgebietes haben im Berichtsjahre wiederum eine Erhöhung erfahren von 4,2 Millionen Mark auf 5,8 Millionen Mark.

Nach wie vor ist in Tsingtau die Bautätigkeit außerordentlich rege, die private sowohl wie die öffentliche. Unsere Fürsorge richtet sich auch auf das umgebende Landgebiet. Das Bezirksamt Litsun hat wiederum Versuche unternommen, die Strohborten-Flechterei einzuführen und hat in 33 Dörfern 1100 Kinder in dieser Flechtarbeit unterwiesen. Die Aufforstungsarbeiten werden nach wie vor fortgesetzt.

Die deutsche Industrie hat sich auf dem Gebiete der Eisenbahnmaterialien eine besondere Stelle zu sichern gewußt. DIe ganze Nordstrecke der ihrer Vollendung sich nähernden Tientsin-Pukowbahn ist von deutschen Ingenieuren und fast ausschließlich mit deutschem Material gebaut worden. Die deutsche Volkswirtschaft hat aus diesem Unternehmen einen Gewinn von 45 Millionen Mark gehabt. In letzter Linie verdankt sie diese Summe doch dem Wege in das Innere von China, der durch Eröffnung des Handelsweges über den deutschen Hafen von Tsingtau gebahnt worden ist und schwerlich wäre diese Position zu erreichen gewesen, wenn sie nicht hätte erobert werden können von unserer jungen Kolonie Tsingtau aus.

So erobern wir von dort aus Schritt für Schritt in friedlicher Betätigung und in wirklicher Kulturarbeit China und die Chinesen.




Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1912, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912, S. 41f

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