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Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912 - Rückblick auf die Entwicklung Togos im Jahre 1911.
Als Nachfolger des hochverdienten Grafen von Zech auf Neuhofen, der aus Gesundheitsrücksichten von seiner Stelle an der Spitze des Schutzgebiets, die er sieben Jahre innegehabt hatte, zurücktreten mußte, wurde im April des vorigen Jahree Regierungsrat Dr. Brückner ernannt, der mehrere Jahre im Reichs-Kolonialamt und längere Zeit in Deutsch-Südwestafrika tätig gewesen war.
Er fand ein Schutzgebiet vor, das nach jeder Richtung hin auf dem Wege der besten Entwicklung sich befindet. Der Landfrieden ist in Togo auch im letzten Jahre in keiner Weise gestört worden. Wo durch Ausdehnung der Steuerleistung neue Bezirke herangezogen wurden, ließen sich geringfügige Schwierigkeiten von seiten der Farbigen leicht durch persönliches Eingreifen der Bezirksleiter beheben. Früher hat man für Nordtogo islamitische Sonderbestrebungen befürchten müssen. In der letzten Zeit sind die bekannten Wanderprediger des Mohammedanismus nicht mehr beobachtet worden; nur die Haussahändler haben an Zahl nicht abgenommen und heute dürften in der ganzen Kolonie etwa 14.000 Anhänger des Islams vorhanden sein. Doch bilden sie ein durchaus loyales Element der Bevölkerung und sind dank ihrer regen Handalstätigkeit für den Bezug europäischer Produkte und für den Viehhandel im Schutzgebiete von besonderem Werte.
Die Statistik ergibt einen Rückgang in der Zahl der europäischen Bevölkerung um neun Personen, was sich naturgemäß erklärt mit dem Wegzug von Technikern, Ingenieuren, Maschinisten usw., die nach Beendigung des Bahnbaues Lome-Atakpame entbehrlich wurden. Zu bemerken ist erfreulicherweise eine Zunahme der Frauen von Regierungsbeamten. Es darf daraus geschlossen werden, daß heute von seiten der maßgebenden Stellen unverheiratete Beamte nicht mehr bevorzugt werden.


Faktorei mit weißem und farbigem Personal


Beklagt wird eine erhebliche Zunahme der Mischlinge; sie wird zurückgeführt auf die beim Eisenbahnbau beschäftigten Europäer und kann deshalb vielleicht als Ausnahme angesehen werden. Allerdings bemerkt der amtliche Bericht: „Die Zeit ist (S. 16) nicht mehr fern, wo die Zahl der Mischlinge der der Europäer gleich kommt, ja diese übertrifft.“ Daß auch in Togo die Mischlingsfrage von solcher Bedeutung ist oder werden kann, erscheint doch im höchsten Grade bedenklich.
Nach wie vor wandern die Togo-Leute gern nach den Nachbarkolonien aus, wo bessere Erwerbsmöglichkeiten winken, insbesondere nach Kamerun. Andererseits ist aber festzustellen, daß unsere Schwarzen dank der besseren Absatzverhältnisse auch im Schutzgebist auf eigner Scholle zum Wohlstand gelangen können und daß infolge dessen sogar eine Rückwanderung von nach dem Goldküstengebiet übergesiedelten Togonegern festzustellen ist. — Immerhin wandert noch alljährlich eine Anzahl von Togonegern nach der benachbarten englischen Kolonie aus, um dort Stellung anzunehmen als Handlungsgehilfen, Diener, Köche, Waschleute oder Arbeiter auf den Kakaofarmen. Sie pflegen nach drei bis vier Jahren mit erheblichen Ersparnissen zurückzukehren.
Der Gesundheitszustand in der Kolonie war im ganzen befriedigend; leider hat die Schlafkrankheit wiederum an Ausdehnung gewonnen. Nach einem amtlichen Bericht kamen in den letzten 2 1/2 Jahren insgesamt 450 Schlafkranke in Behandlung, von denen 44 starben. Das ist ein wesentlicher Fortschritt, wenn man berücksichtigt, daß vor Errichtung des Schlafkrankenlagers die Kranken ohne Ausnahme der Seuche erlagen. Die Kranken wurden neuerlich mit dem bekannten Ehrlich‘schen Mittel behandelt; die Versuche können als befriedigend bezeichnet werden. Zum Glück ist in der Kolonie ein gehäuftes Auftreten von Schlafkrankheit, wie es in andern Teilen Afrikas, z. B. am Kongo, in Uganda und leider auch in Ostafrika der Fall war, noch nicht beobachtet worden. Von berufener Seite wird davor gewarnt, in der Bekämpfung der Schlafkrankheit zu erlahmen, weil wir immer noch Überraschungen ausgesetzt sein können.
Leider erschweren auch Viehseuchen unsre Kolonisationsarbeit. Verluste an Zugvieh durch die Tsetsekrankheit haben zur Folge gehabt, daß die Versuche der Einführung der Pflugkultur in den endlichen Bezirken als gescheitert zu betrachten sind. Dabei sind aber die Eingebornenprodukte und die Erzeugungsmengen in keiner Weise betroffen worden. Infolge der ausergewöhnlich reichen Niederschläge blühten besonders die Erträge der Ölpalmen. Bis auf Mais und Erdnüsse hat die Ausfuhr aller Erzeugnisse Togos von 1910 auf 1911 eine Zunahme erfahren An Palmkernen wurden exportiert 18 Millionen Kilogramm gegen 8 Millionen Kilogramm im Vorjahr. Palmöl 4 Millionen Kilogramm gegen 3 Millionen Kilogramm und die Ausfuhr von Kakao stieg von 137.000 kg auf 231.000 kg, die von Kopra von 136.000 kg auf 189.000 kg, die der Rohbaumwolle von 470.000 kg auf 517.000 kg, die des Kautschuks von 135.000 kg auf 142.000 kg. Ganz ungeheuer ist der Rückgang des Maisexportes, der im Jahre 1910 3,4 Millionen Kilogramm betrug und im letzten Jahre nur etwas über 100.000 kg.
Über die Banmwollkultur ist zu berichten, daß sie sichtlich in den Bezirken Lome-Land, Anecho und Atakpame an Boden gewinnt. Eine Steigerung der Produktion in den nördlichen Bezirken wird vor der Weiterführung der Bahn über Atakpame hinaus nicht zu erwarten sein.


Eingebornen-Impfung im Bezirke Kratschi


Die Regierung fördert bekanntlich alle landwirtschaftliche Betätigung der Farbigen durch Ackerbauschulen und durch Ansiedlung der entlassenen Ackerbauschüler. Über ihre Erfolge finden sich im amtlichen Bericht die folgenden Mitteilungen: „Zu Anfang des Schuljahres waren 99 Schüler vorhanden, am Schlusse des Schuljahres wurden 19 angesiedelt, 50 wieder neu eingestellt. Am Schlusse des Berichtsjahres war der Schülerbestand 90. Die Ausbildnng der Schüler war die gleiche wie in den Vorjahren. Umfangreiche Versuche wurden hauptsächlich mit dem Anbau von Baumwolle, Mais, Reis, Süßkartoffeln, Erdnüssen, Bohnen, Erdbohnen und Erderbsen gemacht. Es wurden 20 verschiedene Sorten Baumwolle, 9 Sorten Mais, 4 Sorten Süßkartoffeln und 23 Sorten Bohnen, Erdbohnen und Erderbsen versuchsweise angepflanzt. Unter dem Rindvieh der Schule trat die Wurmkrankheit auf, der neun Tiere erlagen. Die eingeführten Berkshireschweine eutwickelten sich gut. Schülersiedelungen bestanden in den Bezirken Lome-Land 2, Atakpame 5, Kete-Kratschi 2, Sokode, Mangu-Jendi 4 und Misahöhe 1, zusammen 14 Siedelungen mit insgesamt 100 Siedlern am Anfange und 56 am Ende des Berichtsjahres. Acht Siedler sind während des Berichtsjahres weggelaufen, sechs gestorben. In den Bezirken Lome-Land, Misahöhe und Sokode wurde je eine neue Siedelung gegründet, eine solche in Kete-Kratschi wurde aufgehoben. Die Siedler bauten in erster Linie Baumwolle, als Nebenkultur Mais und Jams, in Mangu-Jendi auch Guineakorn und in Misahöhe Bohnen. Die von den einzelnen Siedlern in Kultur genommene Landfläche betrug zwischen 1 ha in Lome-Land, und 2,9 ha in Atakpame durchschnittlich 1,5 ha. Der Ertrag betrug pro Hektar bei Baumwolle 50 bis 436 kg (Kernbaumwolle), bei Togomais 325 kg, bei amerikanischem Mais 476 kg bei Bohnen 209 und 236 kg. Der große Unterschied im Baumwollertrag ist auf Witterungseinflüsse zurückzuführen. Auf den in den Süd- und Mittelbezirken gelegenen Siedelungen wird voraussichtlich die Pflugkultur stark eingeschränkt, wenn nicht ganz aufgegeben werden müssen, da es nicht möglich ist, die Siedlungen tsetsefrei zu machen und zu halten. So gingen in Chra, Dekpo und Chechetro von 46 Stück Vieh 41 an Tsetse ein. Aber auch die Nordbezirke hatten sehr unter Viehsterben zu leiden. In Dedaure (Sokode) endeten von 31 Stück 26 an Lungenseuche.“ Der Handel der Kolonie hat sich auf solchen Grundlagen nach jeder Richtung hin weiter entwickeln können. Er hat nicht einmal darunter gelitten, daß am 17. Mai vorigen Jahres eine schwere See mit ungeheuren Wellen, wie sie vorher noch nie beobachtet worden waren, die Landebrücke von Lome zerstörte. Die Wellen waren an jenem Tage so hoch, daß zeitweise der ganze Brückenkopf unter dem Wasser verschwand. Es ist dringend notwendig, daß mit dem Ersatz der zerstörten Brücke möglichst schnell begonnen wird.
Das Jahr 1911 hat dem Schutzgebiet die Vollendung der 161 km langen Eisenbahn Lome-Atakpame gebracht; nachdem schon während der Bauzeit auf Teilstrecken der Verkehr eröffnet worden war, wurde die Gesamtstrecke am 1. April 1911 in Betrieb genommen. Die Eisenbahn ist rentabel, wie sich schon aus den während des Baues unterhaltenen Teilbetrieben ergeben hat. Sie wird aber immer ein Stückwerk bleiben, wenn sie nicht nordwärts bis Sokode weiter geführt wird. Von jedem Togofreund wird diese Forderung für das nächste Jahr mit Nachdruck erhoben werden und hoffentlich wird sich auch bald Gelegenheit bieten, daß die Regierung beim Reichstag die Bewilligung der Strecke erlangt.
Das Blühen des wirtschaftlichen Lebens im Schutzgebiet Togo spiegelt sich wieder in den oben wiedergegebenen Übersichten über Handel und Verkehr und besonders auch in dem Umsatze der deutschsüdwestafrikanischen Bank, der im Berichtsjahr mit 31 Millionen Mark zu beziffern war. Daß das verhältnismäßig kleine Schutzgebiet wiederum seine Finanzen ohne einen Zuschuß des Mutterlandes aufrecht erhalten hat, braucht nicht besonders erwähnt zu werden.
Während der deutsch-französischen Verhandlungen Im Sommer 1911 war eine Zeitlang davon die Rede, daß wir uns dieses blühenden Schutzgebietes entäußern und es den Franzosen abtreten könnten. Die Deutsche Kolooialgeselischalt und alle Kolonialfreunde in deutschen Landen erschienen aber auf dem Plan und erhoben laut und wirksam Einspruch dagegen, daß ein mit deutschem Blut erworbenes und durch deutsche Rührigkeit und Tätigkeit zur Blüte gekommene Schutzgebiet im Wege des Feilschens und Tauschens andern Völkern überlassen werden könnte. So besteht denn Aussieht, die deutsche Kulturarbeit in Togo auf dem begonnenen Wege noch weiter auszudehnen. -



Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1912, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1912, S. 15ff.

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
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