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Deutscher
Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben
auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P.
Sprigade und M. Moisel. Berlin 1913 - Rückblick
auf die Entwicklung des Kiautschougebietes 1912
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Rückblick auf die
Entwicklung des Kiautschougebietes 1912
(S. 39)
Wenn wir von unserem ostasiatischen Schutzgebiet sprechen, so müssen
wir auch in diesem Jahre wiederum der allgemeinen schwierigen politischen
Verhältnisse im Reiche der Mitte gedenken. Zum Glück haben die Wellen
der chinesischen Revolution, die seit dem Herbst 1911 das große
Reich durchtobten, Tsingtau und sein Hinterland wenig berührt. Man kann
im Gegenteil sagen, daß unsere Kolonie in diesen kritischen Monaten
eine bemerkenswerte Probe der Zuverlässigkeit und Zweckmäßigkeit in
ihrer Einrichtung bestanden hat. Inmitten der Stürme der Revolution hatte
unter allen Plätzen Nordchinas Kiautschou seine stetige Ruhe und
Sicherheit bewahrt, und sein Wirtschaftsleben hat wie vorher sich auch im
Jahre 1912 aufwärts entwickelt. Tsingtau hat auf Chinesen, die unter den
politischen Wirren zu leiden hatten, eine besondere Anziehungskraft
ausgeübt, so daß sich im letzten Jahre ihrer 10 bis 12.000 in unserem
Hafenorte Grund und Boden erworben und ein Heim errichtet haben. Die
Verwaltung hat es zur Vermeidung von Beunruhigungen unterlassen, eine
genaue Zählung vorzunehmen, gibt aber die obengenannten Zahlen an. Es
handelt sich hierbei in der Mehrzahl um wohlhabende Elemente, so da die
Zugewanderten auch wirtschaftlich einen Vorteil für die Kolonie bedeuten.
Die Nachfrage nach Grundstücken in Tsingtau ist daher im letzten Jahre
so rege gewesen wie bisher niemals. Das hat auch die großen europäischen
Firmen berührt, die ihre frühere Zurückhaltung und ihre Bedenken gegen
die dauernde Niederlassung aufgegeben haben, so daß in der Nähe des
großen Hafens ein neues ausgedehntes Geschäftsviertel im Entstehen
begriffen ist. Auch von den zugewanderten Chinesen haben viele gewerbliche
oder kaufmännische Unternehmungen begründet.
Die Ziffern der Handels- und Zollstatistik weisen
dementsprechend Fortschritte auf. Der Wert des Gesamthandels ist von rund
140 Millionen Mk auf über 180 Millionen Mark gestiegen, die Zolleinnahmen
von Oktober 1911 bis September 1912 wuchsen von 1,307,000 Taels auf
1,406,000 Taels. Auch der deutsche Anteil am Gesamthandel hat eine
erfreuliche Zunahme erfahren. Freilich genießt er noch nicht die Stellung,
die er einnehmen könnte, das bringt auch der amtliche Bericht zum Ausdruck
und knüpft daran die Mahnung an die deutsche Ausfuhrindustrie und den
Ausfuhrhandel, sich die großen Möglichkeiten zunutze zu machen, die in dem
weiten wirtschaftlichen Hinterlande der Kolonie sich ihnen darbieten. Als
Schlüssel für das Hinterland dient in erster Linie
die Schantung-Eisenbahn. Ihr Verkehr hat sich wiederum vergrößert, weil
die im letzten Jahre vollendete Linie Tientsin-Pukow als Zubringer wirkt
und wird sich noch weiter steigern, wenn die geplante Abzweigung von der
Station Kaumi südwärts über Itschoufu nach Hantschwan zur Verfügung
steht. Die Rentabilität der Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft war eine
wohl befriedigende, während leider die Schantung-Bergbau-Gesellschaft nach
zehnjährigem Bestehen ihre Selbständigkeit aufzugeben gezwungen war. Seit
Jahren wird die Erschließung und Verwertung der großen Eisenlager von
Kiautschou erwogen. Wie die amtliche Übersicht mitteilt, beginnen diese
Pläne nunmehr festere Gestalt zu gewinnen, so daß in absehbarer Zeit in
Tsingtau eine Hüttenindustrie entstehen könnte. Im ganzen ist festgestellt,
daß unser Hafen immer mehr den Einfuhrhandel der ganzen Provinz Schantung
an sich zieht, besonders seit der Fertigstellung des Schienenweges
Tientsin-Pukow, der unweit von Tsinanfu auf einer mächtigen Brücke den
Hoangho überschreitet.
Neben den wirtschaftlichen werden in Kiautschou die kulturellen
Pflichten nicht vernachlässigt, das tritt hervor besonders in der
Entwicklung des Unterrichtswesens. Die Gouvernementsschule für
europäische Kinder, ein Reform-Realgymnasium mit dem Ziel der Reife für
den Einjährigen-Dienst, vermehrt naturgemäß ihre Schülerzahl. Dasselbe
ist festzustellen hinsichtlich der deutsch-chinesischen Hochschule, die
zurzeit neun vollbesetzte Klassen mit 295 Schülern der Unterstufe und 66
Schülern in der Oberstufe aufweist. Es besteht Hoffnung, diese Anstalt
immer mehr zu einem deutschen Kulturmittelpunkt in China auszugestalten.
Heute schon ist der
Andrang von Schülern so groß, daß die Mehrzahl abgewiesen werden muß.
Ende 1912 haben die ersten Hörer der rechtlichen Abteilung ihre
Abschlußprüfung in deutscher Sprache abgelegt und dabei etwa den
Anforderungen des bayerischen Staatskonkurses genügt. Die mit der
Hochschule verbundene wissenschaftliche Übersetzungsanstalt hat wiederum
eine große Anzahl von Übersetzungen vom Chinesischen ins Deutsche und
umgekehrt fertiggestellt. Erwähnt sei besonders die Herausgabe des zweiten
Teils eines deutsch-englisch-chinesischen Fremdwörterbuches. Die Missionen
beider Bekenntnisse unterstützen auf dem Gebiete der Schule diese
deutschen Kulturbestrebungen auf das wirksamste.
Über unsere Kolonialbetätigung im Landgebiete wird von amtlicher Seite
das Folgende mitgeteilt: Das Landgebiet der deutschen Kolonie, dem
die Marineverwaltung besondere Fürsorge zuwendet, hatte im Berichtsjahre
eine gute Ernte zu verzeichnen. Auch die als Hausindustrie von der
deutschen Verwaltung im Schutzgebiet neu eingeführte Strohbortenflechterei
hat tüchtige Fortschritte gemacht. Es gibt kein Dorf mehr (S. 40) im deutschen
Gebiete, in dem nicht Borten geflochten werden. Die Hauptsache aber ist,
daß die in der Kolonie hergestellten Borten von der für den Ausfuhrhandel
maßgebenden Kaufmannschaft nunmehr als abnahmefähig erklärt worden sind;
es steht daher zu hoffen, daß diese noch junge Industrie weitere
Fortschritte machen wird. Auch die Erfolge der Seidenraupenzucht waren
befriedigend. Die bisherigen Versuche haben ergeben, daß das Klima sowohl
für die Maulbeerbäume, als auch für die Seidenraupen günstig ist. Im
Berichtsjahre haben einige Dörfer zum ersten Male Eier und junge Raupen
aus dem in Litsun vorhandenen kleinen Lehrbetriebe zur Weiterzucht
empfangen. Der Wegebau, ebenso wie die Anzucht von Akazien in den Dörfern
und an den Straßen macht unter Heranziehung der chinesischen Bevölkerung
zur Mitarbeit gute Fortschritte. Aufforstungsarbeiten im bergigen Gelände,
für deren Leitung auch das deutsche Forstamt seine Erfahrungen zur
Verfügung stellt, wurden im Landgebiete freiwillig von den Chinesen
übernommen.
Die Ernte im Hinterlande war
gut, wovon auch der Tsingtauer Handel günstig beeinflußt worden ist. Im
letzten Jahre hat daher auch die Amtsbank von Schantung in Tsingtau eine
Zweigstelle errichtet, ebenso wie andere chinesische Privatbanken. Da sich
die reichen "Importchinesen" dort festsetzen, wird in einem
Berichte des Schantunger Generalkonsulates als erwünscht und erfreulich
bezeichnet.
Wir haben ja auch vor nunmehr fünfzehn Jahren in Kiautschou unsere
Flagge gehißt, um mit den Chinesen zusammen Schantung für die deutsche
Kulturbetätigung und deutschen Pioniergeist ein Feld zu öffnen.
Koloniale Literatur
und Karten : Kiautschou (S. 40)
Denkschrift betr. die Entwicklung des Kiautschou-Gebiets im Jahre 1908 bis
Oktober 1909. Mit Beilagen. 1910. 2,50
K. Dove, Das Südseegebiet und Kiautschou. Mit 16 Tafeln und 1 Karte. Gebdn.
-,80
L. Martin, Meine letzte Ostasienfahrt. Ein Vademecum für die beneidenswerten
Reisenden zum fernen Osten mit Schiff und Bahn, den Jungen zur Belehrung, den
Alten zur Erinnerung. 281 S. 1911. 4,-
F. Mohr, Handbuch für das Schutzgebiet Kiautschou, ca. 500 S. 1911. 7,50
M. Pfeiffer, Ein Deutscher Reiterposten in Schantung. Mit 121 Bildern und 9
Tafeln
, 6,-
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| Quelle:
Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1913, auf Veranlassung
der Deutschen Kolonialgesellschaft herausgegeben, bearbeitet von P. Sprigade
und M. Moisel. Berlin 1913, S. 39f |
GM
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(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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