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Primaerliteratur
Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1913 - Deutsch-Ostafrika
Deutsch-Ostafrika (S. 27)

Geschichte : Am 27.Februar 1885 wurde den Landeserwerbungen des Dr. Karl Peters der Kaiserliche Schutzbrief erteilt. 1889/90 überwand Hermann v. Wißmann den Araberaufstand. Von Eingeborenenerhebungen sei die der Jahre 1905/1906 genannt.

Größe : mit den dazu gehörigen Wasserflächen 995.000 qkm (= zweimal Deutsches Reich). Die Grenzen sind durch Verträge mit Portugal, Belgien und England in den Jahren 1904 bis 1912 festgelegt worden.

Bevölkerung : Europäer : 1904 : 1437, darunter 1102 Deutsche. 1905 : 1873, darunter 1324 Deutsche und 316 erwachsene Frauen. 1906 : 2465, darunter 1499 Deutsche und 401 erwachsene Frauen. 1908 : 2845 Weiße, darunter 2014 Deutsche und 507 erwachsene Frauen. 1909 : 3387 Weiße, darunter 2384 Deutsche und 582 Frauen. 1910 : 3756 Weiße, davon 2703 Deutsche und 921 Frauen. 1911 : 4227 Weiße, darunter 3113 Deutsche und 1058 Frauen. 1912 : 4866 Köpfe, davon 3579 Deutsche und 1237 Frauen. Seit 1904 am Kilimandscharo und Maru, im Bezirke Moschi eine Einwanderung von Buren und europäischen Siedlern (Schwaben aus Rußland und Palästina, Reichsdeutsche, Griechen, Italiener usw.) Die schwarze Bevölkerung wurde bisher durchweg zu hoch angenommen; sie beträgt rund 7,5 Millionen. Wesentlichster Bestandteil Bantuneger. Die Bantu des südlichen Teils des Schutzgebietes sind den Sulu verwandt. In den Steppen des Nordens bis in die Mitte des Schutzgebietes wohnen in kleinen Freistaaten die von Norden eingedrungenen Massai (Hamiten mit den Sprachen der Nilotischen Völker); im Nordwesten, zwischen Victoria- und Tanganjika-See als herrschende Klasse inmitten von Bantu, die hamitischen Wahima oder Watussi, in der Landschaft Ruanda. Ein Mischvolk von Arabern und Eingeborenen sind die Wasuaheli, deren Idiom, eine mit arabischen Worten durchsetzte Negersprache (Kisuaheli), die ostafrikanische (S. 28) Verkehrssprache geworden ist, bis weit in den Kongostaat hinein. Neben den Eingeborenen wohnen an der Küste Araber (Maskat- und Schihiriaraber), Beludschen, Inder, Parsi, Goanesen, Syrer, Ägypter, Türken. 1912 : (gesamte nicht einheimische farbige Bevölkerung) 14.900.

Bodengestaltung :
Deutsch-Ostafrika ist ein Teil der sich von Abessinien bis zum Tafelberg erstreckenden Hochebene; vom Indischen Ozean landeinwärts ansteigend, gliedert sie sich durch mehrere von S. nach N. verlaufenden Längsspalten (Gräben) und erhebt sich im Schutzgebiet zu einer Höhe von 1000-1500 m und darüber. An der Nordgrenze der doppelgipflige Kilimandscharo (westliche Spitze : Kibo, 6010 m, östliche Spitze Mawensi, 5355 m), bedeckt eine Fläche von 3770 qkm. Dem Kilimandscharo zunächst, zur Linken des Pangani, das nach Westen steil abfallende Paregebirge, östlich davon nahe der Küste das Usambaragebirge. Als Fortsetzung des Paregebirges erscheint auf dem rechten Panganiufer die Terrasse von Usigua. Mit dem Gebirge von Nguru beginnt das durch Ussagara und Uhehe bis zum Njasa in einem Bogen sich fortsetzende Randgebirge. Auf der Grenze zwischen Ussagara und Uhehe die Rubeho-Berge. In den Njassabergen Gipfel von 3000 m, am Nordostende des Njassa das Livingstonegebirge. Im Nordwesten des Schutzgebietes die Berge von Urundi und Ruanda. In der Grabenspalte nördlich des Kiwu-Sees die noch tätigen Kirunga-Vulkane.

Bewässerung : Die Hochebene im Innern ist vorwiegend wasserarm. In den Indischen Ozean (in der Reihenfolge von Norden nach Süden) ergießen sich folgende Flüsse : der Umba, der in seinem Unterlauf schiffbare Pangani (Quelle auf dem Kilimandscharo), der Wami und Ruwu (münden Zanzibar gegenüber), der der im Unterlauf bedingt schiffbare Rufiji (mit dem Kilombero oder Ulanga und Ruaha, am Ausfluß des Rufiji die Insel Mafia) der Mbemkuru, der Lukuledi und der Rowuma (Grenzfluß im Süden). In den Tanganjika-See fließt der Mlagarassi, in den Victoria-See der auf britischem Gebiet mündende Kagera, der südlichste Quellfluß des Nils, dem Njassa entströmt südwärts zum Sambesi der Schire, der aber außerhalb von Deutsch-Ostafrika liegt. Zum Teil zum deutschen Schutzgebiet gehören die drei großen Süßwasserseen Inner-Afrikas : der inselreiche Victoria-See (1132 m über dem Meeresspiegel, 66.000 qkm groß = Königreich Bayern), der Tanganjika (782 m über dem Meeresspiegel, 35.000 qkm groß = Provinz Ostpreußen), der Njassa (477 m über dem Meeresspiegel, 27.000 qkm groß = Provinz Westpreußen) und der buchtenreiche Kiwusee, nördlich des Tanganjika, der nur zum Teil deutsch ist. Westlich vom Kilimandscharo befinden sich der Natron-, der Njarasa und der Manjara-See. Der nordwestlich vom Njassa befindliche Rukwa-See liegt 820 m hoch und bildet ein abflussloses Becken.

Klima : Deutsch-Ostafrika gehört in seiner ganzen Ausdehnung der heißen Zone an vom 1. Grad südl. Breite bis zum 12. Grad. Vom Mai bis September weht der Südwestpassat, vom Dezember bis März der Nordostpassat. Die Winde tragen die Feuchtigkeit über das Festland und bestimmen die Regen- und Trockenzeit. Meteorologische Hauptstation Daressalam, daneben 330 Regenmeßstationen. An der Küste erwartet man die kleine Regenzeit im November und die große in den Monaten März und April. Der kühlste Monat ist der Juli, in dem die Temperatur des Nachts auf 16 Grad sinkt, während sie am Tage gegen 35 Grad Celsius und mehr beträgt. In den oben genannten Hochländern kann der Europäer ohne Schaden an seiner Gesundheit leben.

Pflanzenwelt : An der Küste, besonders an Flußmündungen, Sumpfvegetation. Zone der Mangroven. Dahinter Pori, Buschsteppe mit häufigerem Baumwuchs (Akazien, Affenbrotbäume, Euphorbien usw.) In den Gebirgen teilweise ausgedehnte Wälder mit brauchbarem Nutzholz, z.B. der Schume-Wald im Bezirk Wilhelmstal mit großen Zederbeständen. Kulturpflanzen : Baumwolle, Faseragaven, Kaffee, Kautschuk, Kokospalme, Reis, Bananen, Ananas, Gerberakazie, Erdnüsse, Sesam, Sorghum, Reis, Zuckerrohr.

Tierwelt : Eine tropische Fauna mit Affen, großen Raubtierkatzen, Dickhäutern, Krokodilen. Zum Schutze des Wildes bestehen in der Kolonie eine Anzahl von Wildreservaten, in denen jegliche Ausübung der Jagd verboten ist. Jedenfalls mehr Verwandtschaft mit der südafrikanischen als mit der westafrikanischen Tierwelt. Beide Faunen stoßen in der Nordwestecke der Kolonie zusammen. Einen gesonderten, in sich geschlossenen Charakter hat die Fauna der großen Binnenseen. In der Ausfuhr spielen einige Jagdprodukte eine Rolle; außerdem sammelt der Neger das Wachs aus den Stöcken wilder Bienen; die Haustierzucht erzeugt hauptsächlich Felle und Häute.

Mineralien : In Ussongo und Ikoma abbauwürdige und abgebaute Goldvorkommen. Am Mlagarassi Solquellen. Am Njassa vielleicht abbauwürdige Kohlenlager. An mehreren Stellen Granaten und Glimmer (Glimmerausfuhr 1908 : 78.000 kg im Werte von 211.000 M., 1909 : 259.000 M., 1910 : 321.000 M., 1911 : 348.000 M.

Handel : Ausgeführt werden Kautschuk, Elfenbein, Sesam, Kopal, Kokosnüsse, Kopra, Erdnüsse, Matten, Baumwolle, Hanf, Hölzer, Häute und Felle, Bienenwachs, Hörner, Butter (Samli), Kaffee. Eingeführt werden Baumwollwaren, Reis, Mehl, Eisen und Eisenwaren, Wein, Bier, Butter, Zucker, Fleisch und allerlei Nahrungsmittel, Petroleum, Zement, Gemüse und Obst, Tabak, geistige Getränke usw. Werte der Ein- und Ausfuhr siehe Tabellen auf Seiten 10/11.

Verkehr : Eisenbahnen : Die Usambarabahn ist auf der 352 km langen Strecke Tanga-Aruscha in regelmäßigem Betrieb seit 1911 und kommt immer mehr in Annahme, auch bei den Negern. - Der Bau der am 16. Juni 1904 vom Reichstage bewilligten Eisenbahn Daressalam-Morogoro (225 km) ist Ende 1904 in Angriff genommen worden und hat im Oktober 1907 Morogoro erreicht. Tabora (850 km) wurde im Februar 1912 erreicht. Weiterbau bis zum Tanganjika (Udjidji) (412 km) im Dezember 1911 bewilligt, und die Gleisspitze war Anfang 1913 bereits zum Mlagarassi gediehen. Schiffsverkehr : Die elf Häfen der Kolonie wurden 1909 von 488 Dampfern mit rund 1.520.000 Registertonnen angelaufen, 1910 von 933 Schiffen mit 2.000.000 Registertonnen, 1911 : 549 Dampfer mit 1.690.000 Registertonnen, abgesehen von dem Küstenverkehr der Gouvernements-Fahrzeuge. Außerdem findet ein reger Verkehr von Seglern (Dhaus) statt. Auf dem Victoria-See verkehrt die deutsche Pinasse "Ukerewe" neben verschiedenen englischen Dampfern und deutschen, sowie britischen Dhaus; auf dem Tanganjika-See "Hedwig v. Wissmann"; auf dem Njassa "Hermann v. Wissmann". In Daressalam ist ein Schwimmdock stationiert. Ueberfahrtspreis : Deutsche Ostafrika-Linie, Zwischenlinie Genua-Daressalam I 675 M., II. 350 M. Hauptlinie Neapel-Daressalam I. 750 M., II. 525 M., III. 300 M.

Post und Telegraphie : Ende 1912 : 47 Anstalten, darunter 31 mit Telegraphenbetrieb (S. 29) und 16 mit Ortsfernsprecheinrichtungen; 2462 km Landtelegraphenlinien. Verkehr 1911 : 3.403.000 Briefsendungen, 156734 Postanweisungen mit 39.717.769 M., 59.345 Pakete, 391.082 Zeitungsnummern, 287.731 Telegramme, 261.701 Gespräche, Postverbindungen : vier- bis fünfmal monatlich, Beförderungsdauer Berlin-Daressalam 20 bis 21 Tage. Telegrammgebühr für das Wort nach Bismarcksburg und Udjidji 3,15 M., Nach den übrigen Anstalten 2,75 M.

Schulwesen : Europäerschulen bestehen in Daressalam zwei, in Leudorf, Aruscha, Oldongo, Sambo je eine. Regierungsschulen für Farbige in Tanga, Bagamojo, Daressalam, Tabora, Lindi, Kilwa, Bukoba, Muansa, Ssongea, Neu-Langenburg, Mpapua und noch acht Nebenschulen, alle in Verbindung mit Handwerksunterricht. Weiter Missionsschulen beider Bekenntnisse.

Verwaltung : Sitz des Gouverneurs ist Daressalam. Gouverneur seit 1912 Dr. H. Schnee. Das Schutzgebiet zerfällt jetzt in 22 Verwaltungsbezirke, Wilhelmstal, Tanga, Pangani, Bagamojo, Morogoro, Daressalam, Rufidji (Mohoro), Kilwa, Lindi, Langenburg, Ssongea, Iringa, Tabora, Udjidji, Mpapua, Kilimatinde, Mahenge, Moschi, Muansa, Bukoba, Urundi und Ruanda.

Schutztruppe : 1 Kommandeur, 1 Stabsoffizier, 17 Hauptleute, 49 Oberleutnants und Leutnants, 42 Ärzte, insgesamt 261 weiße Offiziere und Unteroffiziere, 135 farbige Unteroffiziere und 1785 Soldaten (Askaris


).

 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1913, auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft herausgegeben, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1913, S. 27ff.

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