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Imperialismus | Kolonialzeit

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Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Berlin 1914 - Die Entwicklung Togos im Jahre 1913.
Die Entwicklung Togos im Jahre 1913. 

Am 2. Januar 1913 wurde durch den Kabeldampfer "Stephan" von der Deutsch-Südamerikanischen Kabelgesellschaft das Seekabel Monrovia-Lome in der Hauptstadt von Togo gelandet, wodurch das Schutzgebiet als erstes der deutschen Tochterländer durch ein deutsches Kabel mit dem Mutterlande verbunden worden ist. Wenige Wochen später wurde auch die Fortsetzung nach Duala dem öffentlichen Verkehr übergeben.
Dabei hat man die Telefunkenverbindung nicht vernachlässigt und in der Nähe des Ortes Agbonu dicht bei der Atakpame-Bahn die Station Kamina errichtet, eine große Anlage, die berufen ist, eine Verbindung mit Nauen bei Berlin herzustellen. Daran wird sich weiter eine Verbindung mit Deutsch-Südwestafrika schließen. Wir werden also künftig noch mehr als bisher in der Lage sein, Nachrichten von der uns zunächst gelegenen Kolonie zu erhalten, hoffentlich nur günstige Nachrichten.
Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus war das Jahr 1913 nicht sehr günstig. Infolge der Dürre sind die meisten Ausfuhrerzeugnisse zurückgegangen und die Kautschukkrisis hat sich auch für diese Kolonie bemerkbar gemacht. In Togo beruht die allgemeine wirtschaftliche Lage fast ausschließlich auf der Eingeborenenproduktion, deren Verbesserung und Steigerung das vornehmste Ziel der Verwaltung ist. Insbesondere wird der Baumwollbau gefördert durch belehrende und ermunternde Tätigkeit der Bezirkslandwirte und der Bezirksämter und durch reichliche Saatverteilung. In einzelnen Bezirken hat der Baumwollbau in den letzten Jahren an Boden verloren, da die Bevölkerung immer mehr zur Kultur von Kakao und Ölpalmen übergeht.
Nicht ganz bewährt hat sich die Errichtung der Landeskulturanstalt Nuatjä. Die Siedlungen entlassener Ackerbauschüler erweisen sich nicht als lebensfähig und haben ihren Zweck, durch ihr Beispiel zur Hebung der Volkskulturen beizutragen, nicht erfüllt. So sind denn mit Zustimmung der Behörden die Siedler fast alle in ihre Heimat zurückgekehrt. Die frühere Ackerbauschule Nuatjä wurde im Verfolg des Aufgebens der Siedlungen umgestaltet zur "Landeskulturanstalt" als Musterbetrieb für die im (S. 20) Lande angebauten Früchte. Als besondere Aufgabe wurde ihr übertragen: die Saatzüchtung und Saatvermehrung von Baumwolle und Mais zur Lieferung guter Saat an die Eingeborenen, die Anlernung der zur Arbeit verwandten Eingeborenen zu geregelter Arbeit und sachgemäßem Feldbau, die Ausführung von Anbauversuchen, die Durchführung von Rentabilitätsberechnungen für einzelne Kulturen. Die zur Anstalt gehörige Landfläche wurde durch Kauf um 100 ha vergrößert. Der feldmäßige Anbau ergab bei Baumwolle einen Durchschnitts-Hektarertrag von 484 kg. Außerdem wurden Mais, Sorghumhirse, Süßkartoffeln, Bohnen in feldmäßiger Kultur angebaut. Die Ergebnisse dieser exakten Feldversuche ergaben vielfach wertvolle und interessante Zahlen. Über die Baumwollsaatzucht der Anstalt ist schon berichtet. Mit der Maiszüchtung wurde begonnen. Das Zuchtziel ist ein Mais mit ausgeglichenem Kolben, hoher Ertragsfähigkeit, rein weißer Farbe unter Ausmerzung der farbigen Körner. Der Rindviehbestand der Anstalt beginnt sich nach dem Erlöschen der Lungenseuche wieder zu mehren; er betrug am Ende des Berichtsjahres 26 Stück, gegen 19 Stück am Anfang. Die eingeführten Berkshire-Schweine halten sich gut, der Schweinebestand hat sich auf 48 Stück vermehrt; 10 Schweine wurden zu Zuchtzwecken an Eingeborene abgegeben.
Die drei bisher bestehenden europäischen Pflanzungsgesellschaften haben ihre bebaute Fläche von 991 ha auf 1187 ha vergrößert. Sie kultivieren hauptsächlich Kokospalmen, Sisalagaven, Kakao und Ölpalmen. Das Jahr 1912 hat im Handel der Kolonie einen Stillstand gebracht; 1913 wird man am Ende gar einen Rückgang erwarten müssen. Wenn in den Küstenstädten der Handel mit europäischen Waren zurückging, so braucht das nicht ohne weiteres ungünstig angelegt zu werden, sondern erklärt sich damit, daß die europäischen Firmen ihre Faktoreien immer mehr in das Innere des Landes vorschieben. Der Umsatz der Deutsch-Westafrikanischen Bank, die u.a. auch den Giroverkehr der Regierung hat, ist gestiegen von 30 auf 31 Millionen. Die Sparkasse dieses Unternehmens vermehrte die Zahl ihrer Sparer von 271 auf 291 und den Betrag der Einlagen von 65.000 M. auf 73.000 M. Die Mehrzahl sind Eingeborene, nämlich 265, die 43.000 M. auf die hohe Kante gelegt hatten.
Wir dürfen hierin einen Beweis sehen, daß der Togoneger mehr und mehr sich deutscher wirtschaftlicher Denkweise anpaßt. So sind denn auch im letzten Jahre wieder keine Störungen in den Beziehungen zu den Eingeborenen eingetreten. Als einzige Ausnahme könnte erwähnt werden, daß im Bezirk Kete-Kratschi nach der Verurteilung eines Fetischpriesters etwa 600 Personen nach dem englischen Gebiet auswanderten. Der amtliche Bericht meint, wenn auch auf ihre Rückkehr kaum mehr zu rechnen sei, so bedeuten sie für die Kolonie keinen Ausfall, weil die Betreffenden keine Neigung zur Seßhaftigkeit verspüren. Wenn etwas darauf hindeutet, daß die Eingeborenen sich unter der deutschen Flagge wohlfühlen, so ist es die Beobachtung, daß sie mehr und mehr ihre Steuerpflichten in Bargeld und nicht in Arbeitsleistungen erfüllen. Mehr und mehr nehmen auch die Farbigen unsere Verwaltungsbehörden zur Schlichtung ihrer Rechtsstreitigkeiten in Anspruch. Dies wirkt auch auf die Häuptlinge ein, die seltener nach Willkür entscheiden, wie es früher die Regel war, sondern wirklich nach Recht und Gerechtigkeit ihre Entscheidungen treffen.
Nach wie vor drängen sich auch die jungen Togoneger zu unseren Schulen, obwohl im Berichtsjahre in sämtlichen Regierungs- und Missionsanstalten ein sechsjähriger Lehrgang eingeführt wurde. Die Regierungswerkstätten arbeiten mit einer großen Anzahl farbiger Gesellen und Lehrlinge, die in Handwerkerschulen vorher ihre Ausbildung genossen haben.
In den Küstenorten nicht nur, sondern in allen Hauptstationen der Eisenbahn herrschte im letzten Jahre eine rege Bautätigkeit. Die Kabelgesellschaft errichtete ein massives Haus führ ihre Angestellten, die Norddeutsche Mission erbaute eine Kirche aus Zementsteinen mit Wellblechdach, sowie mehrere Schulkapellen, die katholische Mission vollendete den Bau ihres Werkstättengebäudes in Lome, errichtete ein Schwesternhaus in Anecho und Kapellen und Wohnhäuser an verschiedenen Stellen. Auch die Firmen entfalteten eine rege Bautätigkeit. Schon beginnen, teilweise allerdings erst auf Veranlassung der Bezirksämter, die Eingeborenen ihre Häuser aus besserem Material herzustellen.
Das beste Zeichen für den Einzug der Kultur in der Togokolonie ist die zunehmende Verwertung des Kraftwagens. Der Gouverneur hat verschiedene seiner Informationsreisen im Auto unternommen und hat auch im Oktober dem Staatssekretär Dr. Solf gelegentlich seines zehntägigen Aufenthaltes in der Kolonie beträchtliche Teile derselben im Kraftwagen gezeigt. Zum Teil verkehren auch schon Lastkraftwagen.





Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahrbuch 1914, auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft herausgegeben, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel, S. 19f

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
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