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Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1918
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Der
Krieg in Deutsch-Ostafrika.
(S. 22) Der Kriegsausbruch
traf Deutsch-Ostafrika um so schwerer, als es sich im Jahre 1914 mit der
Vollendung der Eisenbahn Daressalam-Tanganjikasee, am Beginn einer neuen
wirtschaftlichen Entwicklungsperiode befand. Die für den Sommer 1914
angesagte Ausstellung in Daressalam sollte der äußerliche Ausdruck dafür
sien, welche großen Hoffnungen von den Bewohnern des Schutzgebietes auf
dessen weitere Entwicklung gesetzt wurden.
An Truppen befanden sich im Lande die Schutztruppe mit 2540 eingeborenen
Soldaten und 216 weißen Offizieren und Unteroffizieren, sowie die
Polizeitruppe von 2140 Farbigen und 45 Polizeiwachtmeistern. Dazu waren noch
eine Anzahl ausgedienter Farbiger zu rechnen, die gegen die Verpflichtung, auf
Aufruf sofortzu ihrer Truppe zu stoßen, eine Art Wartegeld erhielten. Auf der
ostafrikanischen Flottenstation befand sich außer dem kleinen
Vermessungsschiff Möwe, das allerdings keinen Gefechtswert hatte, nur der
kleine Kreuzer Königsberg. An wehrfähigen Deutschen waren einschließlich
der Besatzungen der in den Häfen liegenden Dampfer der Ostafrika-Linie etwa
3000 Mann im Schutzgebiet.
Diesen Streitkräften gegenüber standen in Britisch-Ostafrika rund 3000
Mann farbige Soldaten unter etwa 70 Offizieren. In Zanzibar lagen 400 Mann
schwarze Truppen, in Uganda 2000 Mann schwarze Truppen mit 40 Weißen und im
britischen Nyassaland rund 1000 Mann. Hierzu kamen einige gleich nach
Kriegsbeginn aus Indien herangeholte indische Truppenteile.
Belgien verfügte im Kongo bei Kriegsausbruch über 16.500 Mann schwarzer
Truppen und 320 Weißen. Auf dem Victoriasee besaß England mehrere große
Dampfer, während Deutschland diesen nur Dampfpinassen entgegen setzen konnte.
Auf dem Tanganjikasee war das Verhältnis zwischen Deutschen und Belgiern annähernd
gleich. Auf dem Nyassasee befand sich die deutsche Verwaltung bei
Kriegsausbruch insofern in ungünstiger Lage, als der einzige deutsche Dampfer
"Hermann von Wißmann" zur Reparatur auf Land gezogen war.
Da naturgemäß im Augenblick des Kriegsausbruches alle Zufuhren
abgeschnitten waren, befand sich das Land in der Lage einer eingeschlossenen
Festung mit der Einschränkung, daß es nur im Süden an amtlich noch
neutrales Land grenzte, die portugiesische Kolonie Moçambique. Tatsächlich
hat Portugal in Moçambique aber von Kriegsausbruch an die Neutralität
keineswegs gewahrt, sondern England durch die Erlaubnis zum Durchführen von
Truppen und ähnliches unterstützt.
Die amtlichen Nachrichten über die englische Kriegsführung gingen am 4.
August früh in Daressalam ein. Von der Verteidigung der offenen Stadt wurde
abgesehen und nur die schmale Hafeneinfahrt durch Versenkung des Schwimmdocks
gesperrt. Schon am 8. August liefen englische Kreuzer Daressalam an und
beschossen den Funkenturm, der daraufhin deutscherseits umgelegt wurde. Am 17.
August nahm der englische Kreuzer Pegasus im Hafen von Tanga liegende deutsche
Handelsdampfer fort. Am 23. August bombardierte dasselbe Kriegsschiff das
unverteidigte Bagamoyo. Auf dem Nyassasee hatten die Engländer am 13. August
bereits den zur (S. 23) Reparatur auf Land gezogenen Dampfer "Hermann von
Wißmann" fortgenommen und Kapitän und Maschinisten, die ohne Kenntnis
vom Kriegsausbruch waren, gefangen genommen. Die entgegen allen Abmachungen
der Kongoakte verübten feindlichen Handlungen zwangen nunmehr auch die
deutsche Verwaltung zum Vorgehen. Durch Aufruf von Freiwilligen, dem über
Bedarf entsprochen wurde, und durch Bildung einer arabischen Hilfsabteilung
wurde die aktive Truppe verstärkt, und schon am 15. August gelang es unter
Leitung des alten Ostafrikaners von Prince das englische Taveta östlich des
Kilimandscharo zu nehmen. In der nächsten Zeit kam es zu mehrfachen
Zusammenstößen an der Grenze gegen Britisch-Ostafrika, ebenso wie an der Südwestgrenze
gegen Rhodesien. Während die Engländer den Buddubezirk nördlich des Kagera
besetzten, ging auf dem Ostufer des Victoriasees eine deutsche Abteilung in
der Richtung gegen den Endpunkt der Ugandabahn Kisumu vor. Im Nordwesten des
Schutzgebietes rückten deutsche Abteilungen nördlich und südlich des
Kiwusees vor und nahmen die belgische Station Ngoma sowie die Insel Kwitschwi.
Zu derselben Zeit, am 20. September, gelang es dem deutschen Kreuzer "Königsberg",
den englischen Kreuzer "Pegasus" vor Zanzibar zu vernichten.
Im weiteren Verlauf wurde der Kreuzer "Königsberg" allerdings
genötigt, Schutz vor den verfolgenden englischen Kriegsschiffen in der Mündung
des Rufiji zu suchen, wo er später vernichtet wurde.
Ein von deutscher Seite gegen Mombasa ins Werk gesetzter Anmarsch kam
trotz mehrfacher Erfolge auf britisch-ostafrikanischem Gebiet leider nicht zum
Ziele.
Inzwischen hatte England aus Indien stärkere Kräfte in
Britisch-Ostafrika zusammengezogen, die am 2. November auf 14
Transportdampfern unter dem Schutz von 2 Kriegsschiffen vor Tanga erschienen
und die bedingungslose Übergabe der Stadt verlangten. Als diese verweigert
worden war, fuhren die Schiffe nach Fristablauf wieder ab, kehrten aber in der
Nacht zurück und landeten Truppen. Am Morgen des 3. November griffen diese östlich
der Stadt an, wurden jedoch zurückgeschlagen und im Gegenangriff gegen die Küste
gedrängt und zur Wiedereinschiffung genötigt. Am nächsten Tage wurde die
gesamte Truppenmacht unter dem Schutz der Tanga beschießenden Kriegsschiffe
erneut gelandet und zum Angriff auf den Ort angesetzt. Es gelang ihnen, bis
dicht an und in die Stadt einzudringen. Am Bahnhof und in der Nähe der
Hafenlandungsbrücke ebenso wie bei dem Hospital kam es zu heftigen Kämpfen.
Trotz der Unterstützung durch seine Kriegsschiffe, die Tanga mit 15 cm
Granaten bewarfen, wurde der Feind auf allen Punkten von den inzwischen
gleichfalls verstärkten deutschen Truppen aus der Stadt herausgeworfen. Am 5.
November kam es noch zu kleinen Gefechten, in deren Verlauf der Feind aber genötigt
war, sich völlig auf seine Schiffe zurückzuziehen. Die Gesamtstärke der
englischerseits ins Gefecht gebrachten Truppen hat sich auf mindestens 8000
Mann belaufen. Ihre Verluste waren äußerst schwer. Allein an Toten hinterließ
der Gegner bei seinem Abzug 150 Europäer und über 600 Inder. EIne große
Menge Maschinengewehre, Waffen und Patronen dienten dazu, die bescheidene Ausrüstung
der deutschen Truppe zu ergänzen. Auf deutscher Seite hatten an dem Gefecht
bei Tanga nur 250 Europäer und 750 schwarze Truppen im Kampfe gestanden.
Leider kostete der Sieg dem Eroberer Tavetas, dem Hauptmann von Prince das
Leben. Am 6. Abends verließen die englischen Schiffe die Reede mit Kurs nach
Norden. Zu derselben Zeit versuchten die Engländer über die Grenze von
Britisch-Ostafrika mit einer großen Truppenmacht auf Deutsch-Ostafrika
vorzustoßen. Durch das Gefecht vom 3. November am Longidoberg wurde aber auch
dieser Versuch vereitelt.
Auch an einer dritten Stelle wurde die englische Truppe aus deutschem
Gebiet vertrieben. Im Nordwesten gelang es, das Gebiet nördlich des Kagera
wiederum zu besetzen und die Engländer aus dem britischen Kisiba zu
vertreiben. Damit war Deutsch-Ostafrika wieder völlig vom Feind befreit
worden, eine Tatsache, an der auch die wiederholten Beschießungen des
unverteidigten Daressalam Ende November nichts ändern konnten.
Gegen die Jahreswende 1914/15 unternahmen die Engländer einen neuen
Vorstoß in der Richtung auf Tanga, und zwar dieses Mal zu Lande. Hart an der
Grenze kam es im Lauf dieses Vorrückens am 18. und 19. Januar zu einem
scharfen Gefecht bei Jassin, in dessen Verlauf die englischen Truppen 200 Tote
verloren, während 4 Kompagnien gefangen genommen wurden. Im übrigen begnügte
sich der Gegner in dieser Zeit mit der Beschießung der wehrlosen und
unverteidigten Küstenplätze.
Im Innern war es den Engländern vorübergehend gelungen, Schirati am
Victoriasee zu besetzen. Bereits nach kurzer Zeit wurden sie aber auch von
hier wieder vertrieben. Gegen Bukoba am Westufer des Victoriasees wurde nur
ein vergeblicher Vorstoß mit Schiffen gemacht.
Das Jahr 1915 verlief im allgemeinen ruhig. Zwar gelang es den Engländern,
die der Rufijimündung vorgelagerte Insel Mafia zu besetzen. Zu größeren
Operationen zu Lande konnten sie sich aber nach den Mißerfolgen von Tanga und
Jassin nicht mehr aufraffen. Den in der Rufijimündung blockierten Kreuzer
"Königsberg" dagegen konnten sie nach Heranziehung stärkster Kräfte
so stark beschädigen, daß er am 11. Juli von seiner Besatzung in die Luft
gesprengt wurde.
Sowohl Anfang 1915 als auch Anfang 1916 war es gelungen, einen Dampfer
mit Kriegsmaterial von Deutschland aus nach Ostafrika zu entsenden. Beide
Schiffe erreichten unbemerkt von der Blockade in der Nordsee und an der
ostafrikanischen Küste ihre Bestimmungsorte und konnten mit dem Inhalt ihrer
Ladung die mangelhafte Ausrüstung der deutschen Truppen wirkungsvoll ergänzen.
Deutscherseits ging man im Jahre 1915 sogar offensiv gegen Britsch-Ostafrika
vor. Mehrfach gelang es Streifabteiluneg, bis an die Ugandabahn vorzustoßen
und diese durch Brückensprengungen und Vernichtung sonstiger Oberbauten vorübergehend
(S. 24) zu zerstören. Um den unangenehmen Eindruck dieser deutschen Angriffe
wettzumachen, versuchten die Engländer an zwei Stellen vorzustoßen. Mitte
Juli schickten sie 1600 Mann mit Geschützen gegen das Kilimandscharogebiet
vor, wo sie aber am 14. Juli geschlagen wurden. Am selben Tag wurden in dem Rücken
der Engländer wiederum die Ugandabahn bei Voi gesprengt.
Den zweiten Angriff unternahmen sie im Juni unter Aufwand stärkster Kräfte
zu Wasser und zu Lande gegen Bukoba. Dabei gelang es ihnen, das Stationsgebäude
und den Funkenturm zu zerstören. Zu halten vermochten sie sich aber auch hier
nicht.
In England hatten die zahlreichen Mißerfolge auf ostafrikanischem Boden
inzwischen eine äußerst erregte Stimmung hervorgerufen, die noch dadurch gefördert
wurde, daß die Niederlagen auch auf dei Eingeborenen der englischen Kolonien
im tropischen Afrika aufreizend einzuwirken begannen. Da im Sommer 1915 die südafrikanischen
Kräfte durch die Kapitulation der südwestafrikanischen Schutztruppe frei
geworden waren, wurde eine Offensive größten Maßstabes vorbereitet, an der
auch belgische Streitkräfte teilzunehmen genötigt wurden. Die zweite Hälfte
des Jahres 1915 verging mit großzügigsten Vorbereitungen. Zahlreiche
gepanzerte Automobile wurden bereitgestellt. Auf die innerafrikanischen Seen
wurden unter gewaltigen Kosten gepanzerte Motorboote gebrachte, in
Britisch-Ostafrika wurden strategische Bahnen an die Grenze herangeführt, und
gleichzeitig wurden die südafrikanischen Streikräfte durch mehr oder weniger
starken Zwang vergrößert. Zum Oberbefehlshaber der aus südafrikanischen weißen
Truppen sowie zahlreichen schwarzen Streitkräften bestehenden englischen
Macht wurde der General Smith-Dorrien bestimmt. Er hat dieses Amt aber niemals
angetreten und ist nur bis Kapstadt gelangt. Die formelle und tatsächliche
Leitung des Unternehmens übernahm auf englischer Seite der Kriegsminister der
südafrikanischen Union, Smuts.
Auch auf belgischer Seite wurden starke Vorbereitungen getroffen. Ein großer
Dampfer wurde auf den Tanganjikasee gebracht, europäische Mannschaften,
Unteroffiziere und Offiziere nach dem afrikanischen Kriegsschauplatz
kommandiert und auch mehrere Flugzeuge herangeschafft, dem deutscherseits
nichts ähnliches entgegenzustellen war.
Gegen den sowohl von Osten gegen Taveta, als auch von Norden über den
Longidoberg zu erwartenden Gegner hatte der deutsche Kommandeur von
Lettow-Vorbeck im Kilimandscharogebiet eine Stellung zwischen Taveta und Rombo
bezogen und zwischen Kilimandscharo und Meru nur schwächere Kräfte belassen.
Am 28. März 1916 begann Smuts seinen Vormarsch gegen diese Stellung mit 2
starken Divisionen. Durch Umfassung ihres linken Flügels zwang er die
deutschen Truppen zu Aufgabe der Stellung Taveta-Rombo und zum Zurückgehen
auf die Kitovoberge.
Hier kam es am 11. März zu heftigen Kämpfen, die schließlich infolge der
sich auch hier bemerkbar machenden Umfassung mit dem Rückzug der Deutschen
auf die Ruvulinie in Höhe von Kahe endeten. Nach den um diese Stellung sich
entwickelnden erbitterten Kämpfen vom 18. - 21. März, kam das Vordringen der
Engländer an dieser Stelle einstweilen zum Abschluß. Die großen Verluste,
die sie an Menschen und Reittieren erlitten hatten, zwang zunächst zur
Auffüllung der Truppenbestände. Nun faßte General Smuts den Entschluß,
sich durch einen schnellen Vorstoß nach Süden in den Besitz der
Mittellandbahn zu setzen. Dem hiermit betrauten General von Deventer gelang
es, mit seinen berittenen Truppen in raschem Vormarsch die Steppe zu überwinden
und am 20. April Kondoa-Jrangi nach hartem Kampf zu besetzen. Hier wurde ihm
allerdings für lange Zeit Halt geboten, es gelang sogar, ihn ein Stück zurückzuschlagen.
Auch seine Bestände an Pferden und Menschen waren nunmehr völlig gelichtet,
so daß er sich darauf beschränken mußte, seine Stellung zu halten.
Im Juni konnte Smuts seinen Vormarsch nach Usambara wieder aufnehmen, und nun
gelang es ihm in rascher Folge, das ganze Usambaragebirge zu besetzen. Am 7.
Juli konnte er in Tanga einziehen, um von hier aus entlang der Küste zu
operieren. Van Deventer hatte inzwischen am 29. Juli die Mittellandbahn bei
Dodoma erreicht. Von hier aus wandte er sich nach Osten, und am 26. August
besetzte er Morogoro. Dem vereinigten Vorgehen der englischen Flotte und der
Truppen Smuts gegenüber war auch Daressalam nun nicht mehr zu halten, das am
4. September den Engländern überlassen werden mußte.
Die deutsche Verteidigung war durch diese Ereignisse genötigt worden, über
die Mittellandbahn nach Süden zurückzuweichen.
Gleichzeitig mit den Engländern hatten auch die Belgier die Offensive
aufgenommen. Dank ihrer Überlegenheit an Menschen und Material - Engländer,
Belgier und Portugiesen hatten zeitweilig 150.000 Mann gegen höchsten 15.000
Mann auf deutscher Seite im Felde gehabt - konnten sie bis zum Juni 1916 den
ganzen Nordwesten des Schutzgebiets in einem Umfang von etwa 25.000
Quadratkilometer besetzen. Erleichtert wurde ihnen ihr Vorgehen durch das
Vorhandensein der gepanzerten Fahrzeuge auf dem Tanganjikasee, die im Laufe
des Sommers 1916 die wenigen deutschen Schiffe in diesen Gewässern
vernichteten. Das Hauptaugenmerk der Belgier richtete sich nunmehr auf den
Angriff gegen Tabora, der in Zusammenarbeit mit den Engländern, die im Süden
des Victoriasees gelandet waren, unternommen wurde. Vom Nordosten, Norden,
Nordwesten und Westen gingen zwei englische und zwei belgische Abteilungen
gegen die kleine Truppe vor, die unter dem sächsischen Generalmajor Wahle im
westlichen Teile des Schutzgebietes stand. Nach hartem Kampf, besonders im
Nordwesten Taboras, mußte der Platz am 19. September aufgegeben werden.
Die Lage war für die deutsche Verteidigung nunmehr eine um so schwierigere,
als die Offensive auch von Südwesten her, aus rhodesischem Gebiet, von
England aufgenommen (S. 25) war. Bei diesem Vorgehen war das Gebiet von
Langenburg dem Gegner in die Hände gefallen, der nach Norden bis nach
Bismarcksburg vorstieß, das am 10. Juni ihm in die Hände fiel. Der Hauptstoß
dieses Angriffes richtete sich aber auf das Jringagebiet. Nach der Preisgabe
Taboras bestand somit die Gefahr, daß die von Südwesten angreifenden
Abteilungen des Gegners sich mit den Truppen von Deventers vorzeitig
vereinigen konnten und daß auf diese Weise der Abteilung Wahle die
Vereinigung mit der Hauptabteilung unter von Lettow-Vorbeck unmöglich gemacht
würde. Wider Erwarten gelang es Wahle aber, die bereits vollzogene Einschließung
zu durchbrechen und sich mit der Abteilung von Lettow-Vorbeck zu vereinigen,
die sich inzwischen über das Ulugurugebirge nach Süden zurückgezogen hatte.
Nachdem bis zum Herbst 1916 sämtliche Küstenplätze der Kolonie in die Hände
des Gegners gefallen waren, war die Lage der Verteidigung eine um so ernstere,
als inzwischen auch Portugal in den Krieg eingetreten war und damit die völlige
Einschließung der letzten Verteidiger Deutsch-Ostafrikas vollzogen war. Es
gelang den Portugiesen auch vorübergehend, im Süden Deutsch-Ostafrikas
Erfolge zu erzielen, die aber sehr bald in das Gegenteil umschlugen. Mehrere
starke und erfolgreiche Schläge gegen die Portugiesen verschafften endgültig
Luft nach Süden hin.
Diese Erfolge konnten allerdings nicht hindern, daß die Lage der kleinen
Schar der Verteidiger immer bedenklicher wurde. Von allen Zufuhren entblößt
und auf das angewiesen, was das Land hervorgebracht, vor sich einen Gegner,
der alle Mittel moderner Kriegsführung in der Hand hatte, gelang es der
Truppe unter Führung von Lettow-Vorbeck zwar, sich der Angriffe immer wieder
zu erwahren und mehrfach sogar die gegnerischen Reihe zu durchbrechen. Im
Sommer 1917 wurde sogar ein Vormarsch auf Tabora versucht, der aber infolge
von Erkrankung und Gefangennahme des Führers einige Tagesmärsche vor Tabora
zum Stehen kam.
Ende 1917 waren die Reste der Schutztruppe, nachdem auch der bisherige Hauptstützpunkt
Mahenge vor dem konzentrisch vorrückenden Gegner hatte preisgegeben werden müssen,
auf das Makondehochland beschränkt. In feindlichen Ländern glaubte man
bereits den Feldzug endgültig als erledigt ansehen zu können, als es
Lettow-Vorbeck gelang, in den ersten Tagen des Dezember 1917 den Einschließungsring
wiederum zu durchbrechen und nach Süden auf portugiesisches Gebiet
auszuweichen. Eine Reihe scharfer erfolgreicher Schläge, die er hier gegen
die völlig in Unordnung befindlichen portugiesischen Truppen führte,
brachten ihn bis zum Januar 1918 300 Kilometer teif in Portugiesisch-Ostafrika
hinein. Zurzeit dauern die Kämpfe zwischen ihm und den aus Rhodesien
herbeigeführten englischen Truppen, den portugiesischen Abteilungen und
denjenigen, die England an der portugiesisch-ostafrikanischen Küste gelandet
hat, noch an.
Dieselbe furchtbare Behandlung, die den Kolonialdeutschen in Westafrika von
den Franzosen erwiesen worden ist, ist auch denjenigen Ostafrikanern
entgegengebracht worden, die in belgische Gefangenschaft gefallen sind. Annähernd
ein Jahr hat es allein gedauert, bis Belgien die in Tabora gefangengenommenen
Frauen und Kinder aus der Gefangenschaft entlassen hat. Auch hier hat sich
wiederum gezeigt, daß dem gesamten kolonialen Feldzug kein anderes Motiv
zugrunde gelegen hat als das, das deutsche Ansehen und die deutschen
Besitzungen zu land und Bevölkerung mit allen Mitteln zu vernichten.
Auch England bzw. die Südafrikanische Union hat den Krieg wie anderswo so
auch in Ostafrika auf die Zivilbevölkerung ausgedehnt, die zum größten Teil
nach Indien und Ägypten überführt worden ist. In welchem Zustand sich die
Pflanzungen usw. befinden, ist infolge Mangels an Nachrichten mit Sicherheit
nicht festzustellen. Im Südwesten des Schutzgebietes sind sogar die deutschen
Missionare fortgeführt worden, so daß die Zahl der heute noch im Lande
befindlichen Deutschen voraussichtlich nur gering ist.
Die Belgier haben durch ihre unmenschliche und schroffe Behandlung der
Eingeborenen im Nordwesten des Schutzgebietes einen schweren
Eingeborenenaufstand hervorgerufen, in dessen Verlauf der bekannte Watussihäuptling
Msinga gefallen sein soll. Auch im Gebiet von Tabora soll es gegen Ende 1917
zu Aufständen der Bevölkerung gegen die Engländer und Belgier gekommen
sein.
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| Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf
Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P.
Sprigade und M. Moisel. Uebersichten und Rückblicke von Dr. Karstedt.
Berlin 1918, S. 22ff. |
GM
(digitale Umsetzung) und AG
(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek
zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz

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