| Primaerliteratur |
| Imperialismus | Kolonialzeit | [P|S|M] |
Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1918
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Was Deutschland not tut. Bei aller Verschiedenheit über das, was der kommende Friedensschluß Deutschland und dem deutschen Volk
an Sicherungen bringen muß, besteht Einigkeit über ein Kriegsziel: Rückgabe
des von den Gegnern besetzten deutschen Kolonialgebiets und seine Abrundung zu
einem wirtschaftlich und politisch leistungsfähigen deutschen Kolonialreich.*
Ohne daß hier einzelne Forderungen vertreten werden, sollen im Nachstehenden
nur einige Gesichtspunkte wiedergegeben werden, die für das koloniale
Friedensprogramm maßgebend sein müssen.
Wirtschaftliches.
Wenn schon Bismarck es für
einen nationalen wirtschaftlichen Gewinn ansah, daß uns die Möglichkeit
geboten wurde, auf eigenem Grund und Boden die Welthandelsstoffe zu gewinnen,
die unsere Volkswirtschaft benötigt, so sind die diesbezüglichen Triebkräfte
durch die Entwicklung Deutschlands seit der Bismarckschen Zeit noch wesentlich
stärker geworden. Es sei daran erinnert, daß noch 1882 bei einer Gesamtbevölkerung
Deutschlands von 45,2 Millionen 19,2 = 42,59% in der Landwirtscahft beschäftigt
waren, während in Industrie und Handel 45,5% Nahrung und Brot fanden. 1907
hatte sich das Verhältnis bei einer Gesamtbevölkerung von 61,7 Millionen
derartig zu Ungunsten der Landwirtschaft verschoben, daß nur noch 28,7% auf
sie entfielen, während Industrie und Handel 46,4% der Bevölkerung umfaßten.
Hatten 1871 noch nicht 2 Millionen Menschen in Städten über 100.000
Einwohner und 13 Millionen in Orten zwischen 2000 und 100.000 Einwohnern
gelebt, so beherbergten die Großstädte, die hauptsächlichen Mittelpunkte
der Industrie, im Jahre 1910 13,8 Millionen Seelen, während die Mittelorte 25
Millionen umfaßten. Und umfaßte 1885 die Gesamteinfuhr an Rohstoffen für
Industriezwecke einschließlich der Halbfabrikate nur einen Wert von 1,2
Milliarden Mark, so hatte sich dieser Betrag bis 1913 auf das fünffache, nämlich
auf 6,24 Milliarden vermehrt. Auf der andern Seite betrug der Wert der 1885
ausgeführten fertigen Waren nur 1,8 Milliarden Mark, 1913 dagegen 6,4
Milliarden. Der Rohstoffbezug bezw. die Ausfuhr von fertigen Waren war somit
die stärkste Triebkraft der gesamten deutschen Volkswirtschaft geworden.
Auf der andern Seite hatte der wachsende Volkswohlstand den Verbrauch
derjenigen Güter, die zu den Zeiten unserer Großväter den breiten Massen
kaum bekannt waren, ins Gewaltige gesteigert. Im Jahre 1836 bis 1840 z. B.
entfiel auf den Kopf der Bevölkerung nur ein jährlicher Verbrauch von 0.1 kg
Kaffee. 1913 war er auf 2,44 kg gestiegen. Noch größer war der Unterschied
bei einem so wichtigen Nahrungsmittel wie dem Reis. Bei ihm stellten sich die
entsprechenden Zahlen auf 0.18 und 3.56.
Endlich verdient noch auf die Tatsache hingewiesen zu werden, daß die
Erleichterung des zwischenstaatlichen Verkehrs und insbesondere des
Weltverkehrs sowie seine Beschleunigung mehr und mehr die Industrie der europäischen
Völker freigeacht hat von der früheren Enge, in der sie ausschließlich auf
europäische Erzeugnisse und Rohstoffe angewiesen waren. So erwuchs aus der
nationalen Wirtschaft die Weltwirtschaft, die sämtliche Güter der Erde in
den Kreis ihrer Betätigung zog, sofern sie überhaupt verwendungsfähig waren
und die Herbeischaffungskosten lohnten. Durch nichts wird dieser Übergang zur
Weltwirtschaft stärker bezeichnet als durch die Tatsache, daß in den letzten
Jahren vor dem Krieg beinahe 60% unserer gesamten Zufuhr überseeischen, also
außereuropäischen Ländern entstammten.
Wenn so auf der einen Seite unsere Volkswirtschaft ins Riesige gewachsen
ist und wenn dadurch der nationale Wohlstand und die Lebenshaltung eine Höhe
erreicht haben, die das deutsche Volk an die Spitze aller Völker stellt, so
konnte andererseits dieser Wandel nur durch eine immer stärkere Abhängigkeit
von den Staaten erkauft werden, die als Besitzer überseeischer Gebiete in der
Lage waren, Rohstoffe liefern zu können. Kolonialstaaten wie England oder das
baumwollerzeugende Amerika wurden zu ausschlaggebenden Posten im
volkswirtschaftlichen Dasein der großen Industriestaaten, die auf den Bezug
von ihnen angewiesen waren. Um darzutun, wie stark wir gerade in Deutschland,
wo wir nicht das Glück hatten über große, Rohstoffe erzeugende
Kolonialgebiete zu verfügen, von der Lieferung durch das Ausland abhängig
waren, sei nur auf das Beispiel Englands hingewiesen, dessen Anteil an der
Lieferung an Deutschland hinsichtlich einer Reihe von wichtigen Rohstoffen aus
folgender Tabelle hervorgeht. Zu dieser Tabelle sei bemerkt, daß sie
keineswegs sämtliche Einfuhren enthält, sondern nur diejenigen Stoffe, die
ihrer Art nach oder wenigstens (S. 33) zurzeit nur in tropischen oder
subtropischen Ländern gewonnen werden können. Sie ist auch in dieser
Beziehung keineswegs vollständig, sie soll vielmehr nur einen Überblick
geben. Es sei nur darauf hingewiesen, daß so wichtige Einfuhrstoffe wie
Ziegenfelle, Kaffe und Seide in ihr nicht enthalten sind.
| Einfuhr |
1896 in Mill. Mark |
1913 in Mill. Mark |
davon aus englischen
Kolonien in Million.Mark |
| Reis |
19,1 |
103,8 |
77,2 |
| Raps, Rüben |
17,6 |
38,8 |
29,8 |
| Erdnüsse |
2,3 |
28,2 |
13,4 |
| Sesam |
5,5 |
43,7 |
11,9 |
| Leinsaat, Leinmehl |
47,2 |
129,7 |
16,6 |
| Baumwollsamen |
- |
37,3 |
35,3 |
| Sojabohnen, Schinüsse usw. |
- |
23,4 |
4,3 |
| Palmkerne |
26,7 |
225,9 |
146,8 |
| Kopra |
| Baumwolle und Linters |
238,8 |
628,2 |
134,7 |
| Jute und Jutewerg |
24,9 |
94,0 |
89,2 |
| Kakaobohnen, rohe |
12,1 |
67,1 |
22,9 |
| Tee |
4,2 |
8,0 |
2,3 |
| Pfeffer |
2,4 |
6,4 |
3,9 |
| Gerbstoffe (außer Gerbrinden) |
- |
10,8 |
2,8 |
| Schellack |
5,5 |
6,9 |
6,5 |
| Akazien-, Kirchgummi usw. |
- |
3,8 |
3,4 |
| Kautschuk, roh und gereinigt |
34,8 |
137,0 |
48,1 |
| Guttapercha |
| Talg von Rindern und Schafen |
9,1 |
18,2 |
5,8 |
| Kokosnüsse, roh |
- |
4,6 |
3,9 |
| Merinowolle |
- |
229,3 |
184,5 |
| Kreuzzuchtwolle |
277,5 |
182,5 |
37,5 |
| Straußfedern |
- |
9,8 |
8,7 |
| Rinderhäute |
- |
21,7 |
57,5 |
| Palmöl |
4,7 |
9,8 |
8,4 |
| Reisabfälle (Viehfutter) |
- |
20,0 |
9,9 |
| Ölkuchen, Ölkuchenmehl |
29,7 |
118,5 |
6,1 |
| Zinkerze |
1,3 |
36,7 |
19,9 |
| Zinn |
17,1 |
58,1 |
11,6 |
| Rohkupfer |
54,7 |
335,3 |
19,9 |
| Tabak |
102,0 |
134,3 |
- |
| Stuhlrohr |
- |
8,7 |
5,4 |
| Mimosa-, Mangroverinden usw. |
- |
6,7 |
4,7 |
| Elfenbein |
3,4 |
8,7 |
1,9 |
| Glimmer |
- |
6,9 |
5,2 |
| Bleierze |
- |
36,2 |
32,4 |
| Manganerze |
3,0 |
28,8 |
8,9 |
| Wolframerze |
- |
10,6 |
4,9 |
| Zinnerze |
- |
42,1 |
2,3 |
| Edelhölzer, tropische |
- |
7,3 |
3,5 |
| Kopale |
- |
5,4 |
1,6 |
Es ist eine Tatsache, daß der Mangel an ausreichend großem und leistungsfähigem
deutschen Kolonialbesitz der gesamten deutschen Volkswirtschaft un dihren
Entwicklungsmöglichkeiten etwas ungesundes gab, das eben in der Tatsache begründet
liegt, daß in demselben Maß, wie der wachsenden Bevölkerung Arbeit und Brot
gegeben werden mußte, d. h., daß in demselben Umfang wie wir zur Einfuhr von
Rohstoffen gezwungen waren, wir auch in immer größere Abhängigkeit von den
großen Kolonialstaaten hineinglitten. Und wenn Lloyd George in einer seiner
letzten Kriegsreden darauf hingewiesen hat, daß England das Ende der Schlinge
in der Hand hielte, die um Deutschlands wirtschaftlichen Hals läge, so liegt
bei aller Übertreibung hierin zweifellos ein gewisser wahrer Kern. Für
Deutschland ist die Rohstoffrage die Lebensfrage, denn ohne Rohstoffe keine
Arbeitsmöglichkeit - ohne Arbeitsmöglichkeit keine Möglichkeit zur
Erhaltung des Volksbestandes!*
Nun gehörte es ja lange Zeit zum feststehenden Glaubensgrundsatz weiter
Kreise, daß es für uns völlig gleichgültig sein könne, welcher Staat uns
die Rohstoffe liefere, wenn wir sie überhaupt nur bekämen. Dieser Satz hätte
sicherlich seine Berechtigung wenn der alte freie Handelsgrundsatz, d. h. die
Gleichberechtigung aller in den Kolonien aller nach wie vor festgehalten würde.
Aber wie der Reichstagsabgeordnete Dr. Stresemann auf dem von der Deutschen
Kolonialgesellschaft im Juni 1916 veranstalteten Vortragsabend einmal
drastisch sagte, hat sich die berühmte offene Tür, die auf dem Papier
in fast allen Kolonien zugesagt war, meistens nur als das Tor erwiesen,
durch das der deutsche Kaufmann herausgeworfen wurde.**
Man braucht in dieser Beziehung nur an die Ereignisse in Marokko zu
erinnern, wo trotz der Algeciras-Akte Frankreich es fertig gebracht hat, das
ganze wirtschaftliche Leben den ausschließlich französischen Wünschen und
Bedürfnissen tributpflichtig zu machen. Und was sich in Marokko gezeigt hat,
hat sich mehr oder weniger auch in den (S. 34) Kolonien der übrigen Mächte
gezeigt, wie überhaupt auf kolonialem Boden der Grundsatz der offenen Tür
mehr und mehr zum Absterben verurteilt zu sein scheint. Selbst England, das
noch am weitherzigsten die Zulassung aller Nationalitäten in seinen Kolonien
geduldet hat, macht in dieser Beziehung, soweit der deutsche Anteil in
Betracht kommt, keine Ausnahme. Britisch-Indien z. B., von dem wir im Jahre
1913 für 540 Millionen Mark bezogen, also annähernd genau so viel als von
dem europäischen Frankreich, nahm deutsche Waren nur im Werte von 150
Millionen Mark auf. Der australische Bund lieferte uns für 156 Millionen
Mark, also fast ebenso viel wie Italien, übernahm von Deutschland aber nur für
88 Millionen, und ähnlich verhielt es sich in den übrigen Besitzungen
Englands, wie z. B. Britisch-West-Afrika, wo das Verhältnis 135 zu 16 war, Ägypten
(118 zu 43) usw. Dieser Entwicklungsgang, der letzten Endes in einer Überspannung
des national-wirtschaftlichen Egoismus wurzelt, hat seinen stärksten Antrieb
und einen gewissen Abschluß während des Krieges erfahren, eine Tatsache, die
sich ohne weiteres erklärt, wenn man den Krieg als das auffaßt, was er in
Wirklichkeit ist: ein Kampf auf Leben und Tod zwischen der deutschen und
englischen Volkswirtschaft!** Eine
der ersten Handlungen Englands und insbesondere in seinen Kolonien war die
restloste Vernichtung des deutschen Handels. Es sei an die Liquidation der
deutschen Firmen in Ostasien erinnert, an die brutale Art, in der England
altgewurzelte deutsche Handelsbeziehungen in seinen westafrikanischen Kolonien
vernichtete! Es sei ferner an die Verschleuderung deutschen Privateigentums
zugunsten der ansässigen Engländer erinnert, alles Dinge, die zu keinem
anderen Zweck ins Werk gesetzt wurden, als dem, möglichst restlos die einzige
Konkurrenz, die England zu fürchten hatte, und die wie ein Schreckgespenst
auf seiner ganzen Zukunft lastete zu vernichten. Und was der Krieg nicht hatte
vorbringen können, das sollten die Beschlüsse der Pariser
Wirtschaftskonferenz** vollenden. Für
lange Zeit hinaus sollte das deutsche Volk in seinen Lebensmöglichkeiten, in
seiner Wirtschaft. einer Rationierung unterworfen werden, deren Maß und
Umfang zu bestimmen den Besitzern der reichsten Teile der Erde, England, überlassen
bleiben sollte. Aus diesem Gesichtspunkt heraus müssen auch die Kriegserklärungen
von Staaten wie Liberia, Siam, China, der mittelamerikanischen Republiken usw.
gewertet werden. Auch diese von England erzwungenen Angriffe auf Deutschland
verfolgten keinen anderen Zweck, als die deutsche Wirtschaft der letzten
Mauerhaken in der Welt zu berauben, an denen sofort nach Kriegsbeendigung die
alten Fäden wieder angeknüpft werden könnten.
Der bekannte schwedische Historiker Kjellén sagte einmal, daß der Kampf
zwischen Deutschland und England sich in drei Phasen vollzogen habe: Die erste
sei die gewesen, in der Deutschland sich auf seinem eigenen heimischen Mark
freigemacht habe von dem englischen Wirtschaftseinfluß. Dann, als Deutschland
auf England übergegriffen und dort sich seine Stellung neben der englischen
Wirtschaft erkämpft hätte. Und die letzte Phase stellte den Ausbruch des
wirtschaftlichen Kampfes zwischen Deutschland und England in den Ländern dar,
die England als seine ureigenen Domänen betrachtete: in den überseeischen
Gebieten. Wenn der frühere englische Handelsminister Runciman in einer
im Januar 1916 im Parlament gehaltenen Rede erklärte, daß Englands
Kriegsziel das sei, Deutschlands Wirtschaft an die Wand zu drücken und zu
zerquetschen, und wenn Lloyd George kürzlich diesen Gedanken aufnahm, indem
er erklärte, Englands Aufgabe sei jetzt, Bomben auf den deutschen Handel zu
werfen um ihn zu treffen, wo immer es das könne, so bedeutet das nicht
anderes als den Kampf Englands gegen die Macht, deren Wirtschaft die englische
Weltwirtschaft mehr und mehr einzuengen und zu bedrohen schien; für
Deutschland aber bedeutet dieser Kampf nichts anderes als das Ringen um die
Fortdauer seiner weltwirtschaftlichen Beziehungen und damit um den Fortbestand
seiner Wirtschaft, seine Volkes!** Längst vor
dem Krieg bereits hat ein französischer Volkswirt sich dahin ausgesprochen, daß
Deutschland Weltwirtschaft treiben und exportieren oder aber untergehen müsse.*
Galt dieses Wort bereits vor dem Krieg, so haben die englische Blockade und
die Absperrung Deutschlands vom Weltmarkt während des Krieges ebenso sehr wie
die Kampfreden der englischen Staatsmänner es auch dem einfachsten Auge klar
gemacht, was es bedeuten würde, wenn Deutschland dauernd von der freien
und ungehinderten selbständigen Teilhaberschaft am Weltmark ausgeschlossen
bliebe.**
Es ist aber auf die Dauer ein unerträglicher Zustand, daß ein einzelner
Staat wie England, der als Besitzer des größten Teiles der Erde Herr über
die Rohstoffe ist, dauernd die auf die Verwendung und die Verarbeitung von
Rohstoffen angewiesenen Kulturstaaten seine Macht fühlen lassen kann. Ein
Sozialdemokrate, Dr. Paul Lensch, hat auf dem Tübinger-Parteitag der
sozialdemokratischen Partei im Jahre 1917 es als eine
"sozial-revolutionäre Befreieraufgabe" bezeichnet, daß Deutschland
diesen Zustand der wirtschaftlichen Unfreiheit der meisten Industrievölker
durchbräche.**
Kann es so keinem Zweifel unterliegen, daß die Sicherung der
Rohstoffgewinnung eine der ersten und wichtigsten Aufgaben des
Friedensschlusses sein muß, eines Friedensschlusses, der nach den großen
materiellen Verlusten in erster Linie ein ökonomischer zu sein hat, so ergibt
sich auf der andern Seite, daß die bloße Wiederherstellung des Zustandes
vor dem Krieg dazu nicht ausreichend ist.** Sich
mit diesem Zustand begnügen, hieße nichts anderes als die alte Tatsache der
wirtschaftlichen Abhängigkeit Deutschlands von fremden Rohstoffgebieten
wiederherstellen, mehr als das, es hieße ein auf Gnade und Ungnade auf
England angewiesen sein. Lord Cecil hat es offen ausgesprochen, daß bei dem
nach dem Krieg die ganze Welt beherrschenden Rohstoffhunger England in erster
Linie selbstverständlich seine eigenen Bedürfnisse (S. 35) befriedigen würde,
dann die seiner Verbündeten und erst, wenn nach dieser Verteilung noch etwas
übrig bliebe, auch für Deutschland sorgen würde. Daß das aber eine Möglichkeit
ist, die für ein nicht völlig besiegtes Deutschland ausgeschlossen ist,
liegt auf der Hand, wenn man berücksichtigt, daß erst die Zufuhr der
Rohstoffe und ihre Verarbeitung dem größeren Teil des deutschen Volkes die
Grundlagen seines physischen Daseins gewährleistet. Um es voll zu begreifen,
wie stark diese Abhängigkeit schon im Frieden auf uns drückte, sein nur
daran erinnert, daß z. B. von der Verarbeitung der Wolle und der Baumwolle in
Deutschland allein 7 Millionen Menschen, einschließlich der Frauen und
Kinder, lebten. Da wir in bezug auf diese beiden Stoffe fast ausschließlich
auf die Lieferung durch England und Nordamerika angewiesen sind, heißt das
nichts anderes, als daß, diese beiden Länder es völlig in der Hand haben,
ob in der Zukunft für diese 7 Millionen überhaupt noch eine Ernährungsmöglichkeit
gegeben sein soll.
Da die Rohstoffrage aber im wesentlichen eine koloniale Frage ist, ergibt
sich aus rein wirtschaftlichen Sicherungsgründen die Notwendigkeit eines größeren
Anteils Deutschlands an denjenigen Kolonialgebieten, die überhaupt für die
Lieferung von Rohstoffen in Betracht kommen.**
Über diese Notwendigkeit kann auch ein noch so fest gefügtes Bündnis mit
der Türkei, auf das gerade auch aus wirtschaftlichen Gründen zeitweise ein
übertriebenes Gewicht gelegt wurde, nicht hinweghelfen. Ganz abgesehen davon,
daß die asiatische Türkei wohl subtropische, nicht aber tropische Rohstoffe
liefern kann, wäre es unmöglich, einen so starken politischen Einfluß
geltend zu machen, als erforderlich wäre, um die gesamten Erzeugnisse der
neuen Türkei ausschließlich der deutschen Volkswirtschaft nutzbar zu machen.
Kein anderer als Friedrich Naumann, der Neubeleber des Mitteleuropagedankens,
ist es gewesen, der eine Überschätzung des Bündnisses mit der Türkeit in
dem Sinne, daß es eigenen deutschen Kolonialbesitz überflüssig machen könne,
entgegengetreten ist, indem er im Jahre 1916 wörtlich erklärte: "Die
Kolonien sind so sehr ein Zubehör der kommenden mitteleuropäischen
Wirtschaftspolitik, daß man sich keinen wirtschaftlich geschulten Vertreter
Mitteleuropas wird denken können, der nicht gleichzeitig ein Freund
kolonialer Ausdehnung sei. Wir Mitteleuropäer brauchen vor unsern Toren
einen eigenen Garten für unsere tropischen Gemüse, wir brauchen eine größere
Qualität von Baumwolle und Gummi in unsern Händen."**
Dabei soll die Tatsache nur gestreift werden, daß es nicht allein unsere
Industrie ist, die an einer "Nationalisierung" des Rohstoffbezuges
interessiert ist, sondern ebenso sehr auch die Landwirtschaft. Die
Millonenwerte, die die deutsche Landwirtschaft bisher für Kraftfuttermittel
usw. anlegen mußte, gingen fast ausschließlich nach englischen Kolonien. So
hängen mittelbar die Rohstoff- und die koloniale Frage auch mit der großen
Masse der Fragen zusammen, die unsere zukünftigen Ernährung zum Gegenstand
haben.
Nur wer die wirtschaftliche Freiheit hat, hat die politische Unabhängigkeit!**
Erst dann ist deshalb von einer politischen Freiheit des deutschen Reiches die
Rede, wenn es sich wirtschaftlich als Besitzer ausreichenden und leistungsfähigen
Kolonialbesitzes auf die eigenen Füße gestellt hat, erst dann ist es
selbständig, wenn es das Joch abgeschüttelt hat, das die alten
Kolonialstaaten ihm bisher auflegen durften!**
Anmerkung: Hervorhebungen im Original durch
Fettdruck
Anmerkung2: Hervorhebung im Original durch
gesperrten Druck
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| Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf
Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P.
Sprigade und M. Moisel. Uebersichten und Rückblicke von Dr. Karstedt.
Berlin 1918, S. 32ff. |
GM
(digitale Umsetzung) und AG
(Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
Staatsbibliothek
zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz

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