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Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1918
Was Deutschland not tut.

Bei aller Verschiedenheit über das, was der kommende Friedensschluß Deutschland und dem deutschen Volk an Sicherungen bringen muß, besteht Einigkeit über ein Kriegsziel: Rückgabe des von den Gegnern besetzten deutschen Kolonialgebiets und seine Abrundung zu einem wirtschaftlich und politisch leistungsfähigen deutschen Kolonialreich.* Ohne daß hier einzelne Forderungen vertreten werden, sollen im Nachstehenden nur einige Gesichtspunkte wiedergegeben werden, die für das koloniale Friedensprogramm maßgebend sein müssen.

Weltpolitisches.

(S. 35) Der englische Historiker Seeley hat einmal das eigenartige Wort geprägt, das heutige England gleiche einem ins Gigantische übersetzten Venedig mit Ozeanen als Kanälen. Auch auf Deutschland trifft das Wort in gewissem Sinne zu. War es auch selbst nicht wie England Besitzer großer überseeischer Gebiete, so spann sich doch um die ganze Welt ein Netz von Kultur- und Wirtschaftsfäden, das in jedem Jahr enger geflochten wurde und an dessen Herstellung Millionen und aber Millionen in der deutschen Heimat und in Übersee arbeiteten. Ein Land nach dem andern war zum Betätigungsgebiet deutschen Geistes und deutscher Wirtschaft geworden. Es dürfte kaum einen noch so verlorenen Winkel auf der Erde geben, in den nicht die deutsche Heimat in Gestalt noch so einfacher Erzeugnisse ihre Vorboten geschickt hatte. Von Jahr zu Jahr hatte sich das Netz der deutschen, die sämtlichen Meere der Erde durchkreuzenden Dampferlinien enger gestaltet, und die Kapitalien, die von deutscher Seite in außereuropäischen Ländern angelegt waren, gingen bereits in die Milliardenwerte. Und wie auf wirtschaftlichem Gebiet so auch auf geistig-kulturellem. Deutsche Schulen waren entstanden, in Ostasien waren Hochschulen für die Eingeborenen eingerichtet, unsere Missionen arbeiteten in allen Erdteilen und wirkten mittelbar oder unmittelbar zur Verbreitung eine Kultur, deren Stärke letzten Endes erst der Krieg erwiesen hat.
Es mocht der im wesentlichen auf das kontinentale Denken eingestellten Geistesrichtung der Deutschen entsprechen, daß sie sich mit dem Vorhandensein dieses über die ganze Welt sich erstreckenden Kulturnetzes begnügten, daß sie gar glaubten, fremden Völkern mit seiner Ausbreitung einen Gefallen zu tun, daß sie aber völlig vergaßen, daß alle diese Beziehungen letzten Endes nur auf der Duldung durch die Fremden beruhten. Bei Kriegsausbruch haben wir es erleben müssen, daß ein Geist der Zerstörung sich alles dessen bemächtigte, was von deutscher Seite aufgebaut war. Die Tatsache, daß eine Sache deutsch war, war ausreichend um ihr das Todesurteil zu sprechen. Und das Todesurteil konnte** ihr gesprochen werden, weil deutscherseits nichts zum (S. 36) Schutze der deutschen weltwirtschaftlichen und kulturpolitischen Interessen getan war. Es ist uns ein ganze geläufiges Bild, daß mit dem Wachsen der Tragfähigkeit der Geschütze die Verteidigungsanlagen einer Stadt immer mehr und mehr hinausgeschoben werden. Die Verteidigungsanlagen Deutschlands aber beschränkten sich auf die Umwallung des heimischen Besitzes, während für die Außenposten ein Schutz nicht vorhanden war. Zwar verfügten wir bekanntermaßen über eine Auslandskreuzerflotte. Die Namen Emden, Königsberg, Scharnhorst, Gneisenau, Karlsruhe sind für immer in die Geschichte des deutschen Volkes unvergänglich eingegraben. Aber einen Schutz für die deutschen weltpolitischen Interessen konnten sie schon aus dem Grunde nicht darstellen, weil nichts von dem vorhanden war, was den modernen Kriegsschiffen erst die Grundlage für ihre Betätigung bietet, wie Munitionsniederlagen, Kohlenstationen usw. Auf der andern Seite verfügte England in seinen zahlreichen über die ganze Welt zerstreuten Flottenstützpunkten und Kohlenstationen über die Möglichkeit, im Laufe weniger Tage die See im weiten Umkreis um diese Stützpunkte frei von allem zu machen, was den englischen Absichten hinderlich in den Weg hätte treten können. Und so wurden die zahlreichen Schiffe, die die deutsche Flagge durch die Meere trugen, zum Opfer eines Geistes, der sich nur betätigen konnte, weil ihm mangels Stützpunkten deutscher Macht kein Widerstand entgegengesetzt werden konnte.
Im Gegensatz zu der deutschen Weltpolitik, die den Kriegsfall überhaupt nicht in Rechnung gestellt hat, soweit deutscher Handel und deutsche Schiffahrt in Betracht kommen, hat England bekanntlich immer den Gesichtspunkt verfolgt, daß dem fortschreitenden Handel auch der fortschreitende Schutz zu entsprechen hätte. Und so entstanden die mächtigen und kraftvollen Stützpunkte, die England erst die Herrschaft über die Meere und damit über die Welt gaben. Es sei z. B. nur an das Gebiet des Indischen Ozeans erinnert, also eines der kleineren Weltmeere. Den Zugang zum Indischen Ozean beherrscht England bereits durch die Linie Gibraltar-Malta-Port Said-Suez-Aden. Überdies ist der ganze Indische-Ozean von einem Kranz von englischen Flottenstützpunkten eingeklammert, die es England erlauben, im Laufe allerkürzester Zeit den gesamten Indischen Ozean zu einem geschlossenen Raum zu machen. Gerade dieser Gesichtspunkt verdient bei der Erörterung der Freiheit der Meere größere Beachtung als bisher zu finden, denn Freiheit der Meere heißt doch nicht nur Freiheit der Nordsee und des Ausgangs aus ihr, sondern auch Sicherung der deutschen Interessen und des deutschen Eigentums ebenso sehr in den europäischen Randmeeren wie in den Randmeeren Afrikas, Asiens und Amerikas.** Mit Recht hat man gesagt, daß in der Welt nur der stark sein könne, der auf den Meeren stark sei. Gerade die Ereignisse des Krieges aber haben es auf das deutlichste bewiesen, daß Stärke auf den Meeren unbedingt die nötige Stärke an den Meeren voraussetzt, d. h., daß für die Zukunft sich die Forderung ergibt, den deutschen Weltinteressen in Gestalt von vorgeschobenen Posten deutscher Macht auch den notwendigen Schutz zu gewähren, damit sie nicht wieder wehrlos jedem gegenüberstehen, der im Besitz überseeischer "Schützengräben" ist.
Solange England allein im Besitz dieser "Schützengräben" ist und ihre Wirkung nicht durch das Vorhandensein fremder "Wachtposten" ausgeglichen ist, bleibt die Freiheit der Meere bezw. der Schutz der deutschen Interessen in den überseeischen Meeren eine Utopie!**
Dazu kommt eine andere Tatsache, die erst der jetzige Krieg mit seinem Masseineinsatz an Menschen hat in Erscheinung treten lassen: Die Militarisierung auch der Bewohner der Kolonialgebiete auch durch die Entente! Es belibt ewig ein Witz der Weltgeschichte, daß ausgerechnet die Staaten, die sich die Bekämpfung des preußischen Militarismus zum Ziele gesetzt haben, es gewesen sind, die denselben von ihnen angeblich so gehaßten Militarismus auf ferne Völker übertragen haben, kraft keines andern Rechts als dem der Gewalt. Noch wenige Jahre vor dem Kriege stand in England das Urteil unerschütterlich fest, daß es ein Kulturverbrechen sei, farbige Truppen auf europäischen Kriegsschauplätzen zu verwenden. Bekanntlich hat diese für ein Kolonialvolk, insbesondere ein solches von der Erfahrung Englands selbstverständliche Auffassung von der sittlichen Pflicht der kolonialbesitzenden Länder England nicht gehindert, schon kurze Zeit nach Kriegsausbruch zunächst indische Truppen in großem Umfang auf die europäischen Schlachtfelder zu werfen. Immerhin scheint England sich in dieser Hinsicht noch gewisse Beschränkungen auferlegt zu haben, wobei es dahin gestellt bleiben mag, ob es sittliche Erwägungen waren, die es hierzu veranlaßten oder die Möglichkeit, aus seinen großen "weißen" Kolonien Kanada, Südafrika und Australien leistungsfähigere weiße Menschenmassen zu bekommen. Für Frankreich lag diese letztere Möglichkeit bekanntlich nicht vor, und so hat es in diesem Krieg von einer Möglichkeit Gebrauch gemacht, die bereits viele Jahre vor dem Krieg in Frankreich des langen und breiten erörtert worden ist. Wie stark die insgesamt auf europäischem Boden durch Frankreich verwendeten farbigen Truppenmassen sind, ist im einzelnen selbstverständlich niemals bekannt geworden. Im Frühlingen 1916 waren es nach einer auf einer Kolonialtagung in Toulouse gemachten Mitteilung bereits 600.000 Mann, ungerechnet die zahlreichen farbigen Kräfte, die Frankreich sonst noch aus seinem gesamten Kolonialgebiet zusammengerafft hat, um sie als Arbeiter in den Kriegswerkstätten zu verwenden. Inzwischen ist für einen Teil der westafrikanischen Kolonien Frankreichs die Wehrpflicht eingeführt worden, und im Januar 1918 ist der schwarze Deputierte für Senegal zum Oberkommissar für das gesamte französische Westafrika zum Zweck der Beschaffung neuen Menschenmaterials ernannten worden.
Bevor auf die sich aus der Militarisierung Afrikas für uns ergebenden Fragen (S. 37) näher eingegangen sei, möge eine Bemerkung allgemeiner Natur vorausgeschickt werden.
Namentlich von französischer und englischer Seite wird immer betont, daß die Entente für Kriegsziele kämpfe, die ein Gebot der Gerechtigkeit darstellten. Über diese Behauptung zu richten ist hier selbstverständlich nicht der Ort. Wir dürfen aber fragen: Entspricht es der Zivilisation und der Gerechtigkeit, wenn ein Kolonialstaat die Millionen seiner ihm von der Geschichte anvertrauten Eingeborenen zwangsweise in den Dienst einer Sache stellt, die für die Wohlfahrt der Eingeborenen gleichgültig ist? Entspricht es der Gerechtigkeit, daß Hunderttausende von unmündigen Menschen, die emporzuheben und zu entwickeln Frankreich durch die Inbesitznahme ihrer Gebiete auf sich genommen hat, zu Opfern eines Staatsgedankens gemacht werden, dessen Berechtigung doch zum mindestens zweifelhaft ist? Dabei soll noch völlig davon abgesehen werden, daß selbst diejenigen Eingeborenen, die zwangsweise von der französischen Herrschaft zum Kanonenfutter gepreßt worden sind und lebend wieder in ihre Heimat zurückkehren, von der Solidarität der weißen Rasse, die ihnen die Vertreter der christlichen Missionen predigten, einen eigenartigen Begriff erhalten haben. Es soll völlig davon abgesehen werden, daß die zurückkehrenden Eingeborenen Europa und die Europäer unter einem Gesichtswinkel schildern werden, der jedenfalls die Interessen Europas und der weißen Völker nicht zuträglich ist. Jedenfalls kann aber soviel festgestellt werden, daß mit der Militarisierung Afrikas, wie auch z. B. von dem südafrikanischen General Smuts zugegeben worden ist, eine Gefahr für die gesamte europäische und damit für die Weltkultur heraufbeschworen worden ist, für die diejenigen Völker verantwortlich zu machen sind, die frevelhaft genug ihre eingeborenen Schutzbefohlenen auf die Schlachtfelder Mazedoniens und Frankreichs schleppten.
Rein politisch-militärisch ergibt sich aber für Deutschland aus der Tatsache der Militarisierung Afrikas während dieses Krieges die Notwendigkeit, Vorsorge zu treffen, um eine Wiederholung in der Zukunft zu vermeiden. Der Unterschied zwischen der früher in England zum Ausdruck gebrachten Auffassung und der im Kriege bewiesenen Handlungsweise beweist, daß es gefährlich ist, seine Hoffnungen darauf zu setzen, daß diesbezügliche internationale Vereinbarungen stark genug wären, um für die Zukunft die Wiederholung derartiger Schauspiele zu verhindern. Wenn schon das Rassenbewußtsein des Engländertums sich nicht gescheut hat, unter Bruch alter Grundsätze seine indischen und schwarzen Truppen in Europa zu verwenden, so liegt die Gefahr vor, daß das durch den Krieg am stärksten in seiner Einwohnerzahl betroffene Frankreich in Zukunft sich noch weniger um derartige Abmachungen kümmen wird. Wenn es in Gefahr ist oder in Gefahr zu sein glaubt, wird es sich kaum scheuen, wiederum die Millionen kriegsgewohnter und kriegstüchtiger Einwohner seiner ihm unmittelbar vor den Toren liegenden west- und nordafrikanischen Kolonien in den Dienst der französischen Politik auf dem Festlande zu stellen.
Daß diese Möglichkeit ein für allemal verhindert wird, ist ein Gebot deutscher Sicherung. Wir müssen durch eigenen großen Kolonialbesitz auf afrikanischem Boden, der in Verteidigungsmitteln entsprechend stark ausgestaltet ist, verhindern, daß Frankreich jemals wieder in die Lage kommt, seine west- und nordafrikanischen Kolonien von Menschenmaterial zu entblößen. Verfügen wir über die nötigen Flottenstützpunkte und die entsprechende Ausstattung unserer Kolonien, so haben wir die Möglichkeit dazu. Dann haben wir auch das Mittel, um unsere weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Interessen kraftvoll zu schützen, damit sie nicht wieder zur leichten Beute jedes Angreifers werden.

Anmerkung: Hervorhebungen im Original durch Fettdruck

Anmerkung2: Hervorhebung im Original durch gesperrten Druck




 

 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Uebersichten und Rückblicke von Dr. Karstedt. Berlin 1918, S. 35ff.

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