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Primaerliteratur
Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1918
Koloniale Leitsätze. 

I. Notwendigkeit überseeischer und insbesondere kolonialer Betätigung.

1. Überseeische und insbesondere koloniale Betätigung ist völkisch, politisch, wirtschaftlich und ethisch unentbehrlich, wenn das deutsche Volk ein führendes Weltvolk, das Deutsche Reiche eine Großmacht bleiben will.
2. Eine Vergrößerung des eigenen Gebietes in Europa ist sicherlich für das deutsche Reich und Volk ebenso geboten wie ein möglichst enger politischer, militärischer und wirtschaftlicher Zusammenschluß mit befreundeten Staaten in Mitteleuropa und nach dem Orient hin; der Besitz eigener Kolonien bietet aber die durchaus notwendige Ergänzung des europäischen Deutschlands, wodurch dies zugleich für seine Bundesgenossen in noch höherem Maße ein wirtschaftlich und politisch wertvoller Freund wird.

II. Die militärische Sicherung unserer überseeischen und kolonialen Betätigung.

3. Wenn es auch ein undurchführbares Verlangen wäre, jede Kolonie gegen jeden Feind dauernd halten zu wollen, und wenn es auch verfehlt wäre, bei der Erwerbung von Kolonien nur von militärischen Gesichtspunkten auszusehen, so muß doch nach Möglichkeit dafür gesorgt werden, daß unser künftiges Kolonialreich nicht wieder so gut wie wehrlos einem feindlichen Angriff preisgegeben ist.
4. Eine ausreichend starke Kriegsflotte wird stets der wichtigste Schutz jeder überseeischen und kolonialen Betätigung sein müssen; die Sicherung gewisser Landverbindungen kann eine wirkungsvolle Ergänzung dieser Aufgabe der Flotte bilden, niemals aber eine solche ersetzen.
5. Außer einer Kriegsflotte verlangt die militärische und wirtschaftliche Sicherung unserer überseeischen und kolonialen Betätigung die Erwerbung von Stützpunkten, nämlich einer ausreichenden Zahl von nach Bedarf zu befestigenden Flotten-. Kohlen-, Kabel- und Funkenstationen.
6. Soweit solche Stützpunkte nicht auf Inseln liegen, ist aus militärischen, wirtschaftlichen und finanziellen Gesichtspunkten ihre Ergänzung durch ein entsprechend großes koloniales Hinterland dringend erwünscht.

III. Unser künftiges Kolonialreich im allgemeinen.

7. Der große Bedarf Deutschlands und auch seiner Bundesgenossen an kolonialen Rohstoffen, die Notwendigkeit der Sicherung von Absatzgebieten für seine Industrie und insbesondere eines Ersatzes für die ihr durch unsere Gegner bereits zugefügte und noch weiterhin zugedachte Verdrängung von bisherigen Absatzmärkten lassen die Erwerbung eines großen Kolonialbesitzes ohne kleinmütige Ängstlichkeit um so mehr geboten erscheinen, als eine gleich günstige Gelegenheit sich dazu nicht so bald wieder bieten dürfte.
8. So anziehend der Gedanke auch zunächst erscheinen mag, sich auf ein geschlossenes Kolonialreich zu beschränken und auf allen übrigen Kolonialbesitz zu verzichten, so zeigt doch ein Blick auf die vielseitigen politischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse und Interessen des Deutschen Reiches, daß ein in Afrika allein zu errichtendes Kolonialreich uns nicht genügen kann.
Zwar ist Afrika das zunächst gegebene Kolonialfeld, daneben aber verlangt die außerordentlich große Zukunft Chinas die Festhaltung und Erwerbung von Stützpunkten im Gebiete des Indischen und des Stillen Ozeans.
9. Bei der Schaffung dieses künftigen Kolonialreiches ist in erster Linie an unseren bisherigen Kolonien festzuhalten. (S. 41)
10. Bei der Auswahl neuer Kolonien ist zu beachten:
a) völkisch: Erwerb neuen Siedlungslandes;
b) militärisch:
1. positiv: Erwerb von Stützpunkten;
2. negativ: Besitzergreifung solcher Kolonien, die die heimliche Kraft unserer Feinde durch Abgabe farbiger Truppen tatsächlich oder ihrer Ansicht nach zu stärken geeignet sind.
c). wirtschaftlich: Betätigungsfeld für deutsche Arbeit und deutsches Kapital, insbesondere zur Sicherung
1. des Bezuges von Rohstoffen, vor allem solcher, die uns in besonders hohem Maße fehlen oder deren Besitz aus anderen Gründen für uns besonders wertvoll ist;
2. des Absatzes deutscher Erzeugnisse. Hierfür ist eine möglichst zahlreiche, arbeitswillige und kaufkräftige Bevölkerung eine wichtige Vorbedinung, außerdem sind die gesundheitlichen Bedingungen zu berücksichtigen. Das Vorhandensein deutscher Interesse ist in Betracht zu ziehen.
d) finanziell: Bevorzugung solcher Kolonien, deren Ausbau keine übermäßig großen Reichszuschüsse erfordert.
e) geographisch:
1. positiv: Anschluß an unsere bisherigen Kolonien;
2. negativ: Verhütung, daß gewisse fremde Kolonien wirtschaftlich oder politisch Mächten zufallen oder verbleiben, deren Herrschaft gerade dort uns besonders störend sein würde.




 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Uebersichten und Rückblicke von Dr. Karstedt. Berlin 1918, S. 40f

GM (digitale Umsetzung) und AG (Übersetzung) für psm-data
mit freundlicher Unterstützung durch die
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