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Primaerliteratur
Imperialismus | Kolonialzeit

[P|S|M]

Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft. Berlin 1918
Der Krieg in Kamerun.

(S. 15) In Duala wurde die Nachricht vom Kriegsausbruch am 1. August bekannt. Der Gouverneur verlegte seinen Wohnsitz am 15. August von Buea nach Duala, wo ein Kriegsbüro eingerichtet wurde. Hier hat sich in den ersten Tagen des August insofern ein Zwischenspiel ereignet, als die Quertreibereien der Dualabevölkerung, deren Anfänge jahrelang zurückliegen und die durch eine hygienisch notwendig gewordene Enteignungsverfügung geschürt waren, zur Hinrichtung des bekannten Häuptlings Manga Bell nötigten. Gegen die Seeseite wurde Duala durch Sperrung der Barre des Kamerunflusses geschützt, indem man mehrere Dampfer hier versenkte.
Kamerun verfügte 1914 über ein Schutztruppe von 185 weißen und 1550 schwarzen Soldaten sowie über eine Polizeitruppe von 30 Weißen und 1200 Eingeborenen. Das benachbarte englische Nigerien besaß bei Kriegsausbruch rund 6600 Mann farbige Truppen mit etwa 380 Weißen, während Französisch-Äquatorialafrika rund 6000 Mann farbige Truppen zur Verfügung hatte, von denen zunächst allerdings nur ein kleiner Teil zur Verwendung gegen Kamerun angesetzt wurde. AUßerdem hatten die Engländer und Franzosen auch eine große Anzahl von Kriegsschiffen in den Kameruner Gewässern zusammengezogen.
Während die feindlichen Operationen gegen die Küstengebiete erst verhältnismäßig spät einsetzten, entfalteten die Franzosen im Innern eine äußerst lebhafte Tätigkeit, um sich wieder in den Besitz des Teiles von Kamerun zu setzen, der durch den Marokkovertrag von 1911 deutsch geworden war. Erleichtert wurde ihnen dieses durch die Tatsache, daß sie dank des Ausbaues ihres funkentelegraphischen Dienstes im Kongo (S. 16) imstande waren, schon wenige Stunden nach Kriegsausbruch die Nachricht davon bis zum Tschadsee heraufzugeben, während man deutscherseits in Neukamerun hiervon erst erfuhr, als die französischen Flinten losgingen. Es ist für die französische Auffassung vom Wesen internationaler Vereinbarungen charakteristisch, daß bei den sofort nach Kriegsausbruch von der deutschen Regierung eingeleiteten Schritten zur Neutralisierung des konventionellen Kongobeckens, zu welchem fast ganz Neukamerun gehört, Frankreich sich bis zum 16. August an den belgischen Neutralitätsvorschlag gebunden erachtete. Trotzdem hat die französische Regierung bereits am 7. August die Feindseligkeiten gegen Neukamerun eröffnet. Am 5. August wurde eine Kolonne von 300 Soldaten von Bangui in Marsch gesetzt, die am 7. August gegen Mitternacht an dem deutschen Zollposten Singa anlangte und ihn überrumpelte. Gleichzeitig versuchte im Norden eine französische Abteilung von Fort Lamy aus Kusseri zu nehmen; dieser mit großer Übermacht unternommene Versuch wurde verlustreich abgeschlagen.
Anfang September gingen die Engländer von Nigerien aus gegen die Nordwestgrenze Kameruns vor, während eine andere Abteilung, geführt von verräterischen Dualaleuten, an der Küste entlang in Kamerun eindrang. Duala wurde seit den ersten Tagen des September von den feindlichen Kriegsschiffen blockiert, ohne daß, abgesehen von kleineren Versuchen, man es unternommen hätte, gewaltsam die Durchfahrt zu erzwingen. Am 26. September trafen französische Verstärkungen von Dakar ein, und nunmehr drang der englische Kreuzer Challenger in die Bucht ein und beschoß Duala. Am 27. September ergab sich das unverteidigte Duala und eine englisch-französische Truppenmacht wurde gelandet. Die deutsche Telefunkenstation in der Nähe von Duala war von den Deutschen vorher zerstört worden.
Anfang Dezember 1914 war die Lage die, daß die sämtlichen offenen Küstenorte einschließlich Buea und Edea von dem Gegner besetzt waren. Erfreulicher dagegen sah es im Innern der alten Kolonie aus. Die Station Garua am Benue war trotz stärkster Angriffe durch die Engländer, wobei sie 11 Offiziere und 300 Mann verloren hatten, gehalten worden. Und auch gegen die vom Gegner besetzten Orte der Südküste wurden zu Beginn des Jahres 1915 mit Erfolg deutsche Angriffe geführt, die zur Zurückziehung der hier stationierten französischen Truppen führten. Damit kamen die Ereignisse in Kamerun einstweilen zu einem gewissen Stillstand, der durch die Notwendigkeit bedingt war, zunächst größere Mengen an Trägern und Verstärkungen aus den benachbarten französischen und englischen Kolonien herbeizuführen. Im Herbst 1915 war dies erreicht und die Gegner erneuerten ihre Anstrengungen zur Erreichung ihres Zieles. Erleichtert wurden diese dadurch, daß am 10. Juni Garua nach verschiedenen nur teilweise geglückten Durchbruchsversuchen kapitulieren, am 27. Juni Ngaundere und am 24. Oktober Banyo geräumt werden mußte. Die deutschen Truppen zogen sich zur Hauptabteilung nach Jaunde zurück.
Im Norden hielt sich nur noch die 3. Komp. in Mora.
Insgesamt hatten England und Frankreich gegen die kleine durch den langen Tropenfeldzug geschwächte und infolge zahlreicher Gefechte dezimierte deutsche Schar jetzt etwa 30.000 Mann im Felde stehen, die die Möglichkeit ungehinderter Zufuhren hatten. Auf deutscher Seite trat mehr und mehr Mangel an den notwendigsten Dingen ein, der um so größer wurde, je enger sich der Ring der Belagerer um die Jaundefestung legte. Als diese Stellung nicht mehr zu halten war, wurde um die Jahreswende 1915/16 Jaunde geräumt, und die noch vorhandenen Verteidiger traten in Stärke von 900 Weißen und 14.000 schwarzen Trägern und Soldaten den Marsch nach dem benachbarten spanischen Rio-Munigebiet an, wo sie entwaffnet und unter spanischen Schutz gestellt wurden. Die Weißen unter den Übergetretenen wurden zum größten Teil nach Spanien überführt und hier interniert. Schlimm erging es dagegen denjenigen, die in französische Gefangenschaft geraten waren. Sie wurden, ebenso wie die Togodeutschen, in die Mordlager von Dahomey überführt, aus denen sie erst nach stärksten Gegenmaßregeln der deutschen Regierung befreit werden konnten.
Der in der Morastellung belagerten Abteilung des Hauptmann v. Raben gelang es, sich trotz größtem Mangel bis zum 18. Februar 1916 zu halten. Als ihr die Munition ausging, mußte auch sie vor der englischen Übermacht die Waffen strecken, nicht vom Feind, sondern von den Verhältnissen besiegt.

 

Quelle: Deutscher Kolonial-Atlas mit Jahrbuch 1918, herausgegeben auf Veranlassung der Deutschen Kolonialgesellschaft, bearbeitet von P. Sprigade und M. Moisel. Uebersichten und Rückblicke von Dr. Karstedt. Berlin 1918, S. 15f

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